Malte Woydt
Die „Vaterländer"
Die außerparlamentarischen Aktivitäten der Heidelberger Liberalen
in der Revolution von 1848/49
erschienen in: Heidelberger Geschichtsverein (Hg.): Heidelberg. Jahrbuch zur Geschichte der Stadt 1998. Heidelberg: Kurpfälzischer Verlag 1998
Inhalt
Was ist Politik? Ist Politik, was Regierungen machen? Ist Politik, was Parlamente beraten? Ist Politik der "öffentliche Diskurs"? Oder findet Politik auf der Straße statt? Schon Mitte des 19. Jahrhunderts sahen das die Menschen durchaus unterschiedlich. Für Konservative war Politik eine Sache der Fürsten und ihrer Regierungen. Für Liberale eine Sache der gewählten Parlamentarier. Für Demokraten konnte es auch schon mehr sein.
Die Bürger des Vormärz gingen - zumindest in Baden - regelmäßig zur Wahl, beteiligten sich sogar an Wahlkampagnen, um dann zwischen den Wahlen die Kammerdebatten in der Zeitung zu verfolgen und gemütlich im "Museum" oder ähnlichen Clubs zu besprechen.
Die Revolution im März 1848 änderte daran zunächst nicht so viel. Man begeisterte sich durchaus für die neugeschaffenen Perspektiven, wandte sich im Petitionssturm an die Fürsten. Diese gaben klein bei, genehmigten das deutsche Nationalparlament. Wahlen fanden statt, die Abgeordneten reisten ab nach Frankfurt, man verfolgte die Geschehnisse wieder in der Zeitung. Alltag wie gehabt.
Nur mußten die gesetzten Bürger bald feststellen, daß diese Einstellung nicht von allen geteilt wurde. Die radikalen Demokraten beschränkten sich nicht auf die parlamentarische Arbeit. Sie setzten die außerparlamentarische Agitation auch nach der Wahl zur Paulskirchenversammlung fort, gründeten landauf landab lokale "demokratische Vereine" und stellten damit ihre Konkurrenz weit in den Schatten. Eine veritable Parteiorganisation entstand. Und diese veranstaltete Demonstrationen und wandte sich mit Flugblättern direkt ans Volk.
2. Vom Studentenauszug zum Vaterländischen Verein
Im Juli 1848 verbot die (liberale) badische Regierung den demokratischen Studentenverein an der Universität Heidelberg. Am 17. Juli zogen über 350 Studenten - von denen die meisten nie jenem Verein angehört hatten - im Protest aus der Stadt und ließen sich in Neustadt an der Weinstraße nieder. Ihrem Ruf nach Gleichbehandlung mit den außeruniversitären Vereinen wurde bald entsprochen: Am 22. Juli verbot die Regierung kurzerhand auch noch alle anderen demokratischen Vereine des Landes. Die schmähliche Diskriminierung war beendet, die Studenten kehrten in die Stadt zurück.2
Die Ereignisse der vorangegangenen Monate brachten aber nun die Liberalen auf
den Plan. War es nicht angesichts der offensichtlichen Mobilisierungserfolge
der anderen Seite nötig, sich auch stärker außerparlamentarisch
zu engagieren? Der Privatdozent Carl Hinrich Ludwig Brinckmann, auf dessen Briefe
wir hier zurückgreifen können,3 schrieb dann auch am 31. Juli 1848
an seine Frau nach Hamburg,
Meine Wirksamkeit hat sich seit Freitagabend vermehrt. Es traten hier etwa 60 Bürger am Freitage zusammen, um den republikanischen Bestrebungen gegenüber einen Verein (vaterländischer Verein getauft) zu bilden. Zwei Stunden vorher forderte jemand, der mir begegnete, mich auf hinzukommen.
Es wurde eine Kommission von fünf Personen zur Entwerfung des Grundgesetzes
gewählt, unter denen ich und ein medizinischer Privatdozent, diese kamen
Samstagabend bei mir zusammen (ein Literat als Mitarbeiter der Deutschen Zeitung
und zwei Bürger, und der Dr. med Pickford), und ich wurde zur Ausarbeitung
der Gesetze gewählt, die eben, indem ich dieses schreibe, vollendet sind.
Heute abend kommen die Leute wieder zu mir.
Der Verein wird der Regierung sehr erwünscht sein und mich ihr jedenfalls
bemerkbar machen.
Wir beschließen heute Abend, wann wir die Bürger zusammenrufen. Etwa 100 haben sich gleich gemeldet. Professoren werden erst später beitreten, weil sie das Schimpfen auf Professoren und Reaktion vermeiden wollen.
Ich stehe den Republikanern schroff gegenüber und habe das Vergnügen, von diesen sehr gehaßt zu werden, dagegen aber von ordentlichen Bürgern und den höheren Staatsbeamten gern gesehen zu werden. - Über die Tatsachen und die Verhältnisse, in welche mich die Zeit stellt, dürft Ihr wohl reden, nicht aber, daß ich darum Aussichten für meine Zukunft knüpfe. ...
Dienstag. Erst heute geht der Brief ab. - Nach dem vorerwähnten Vaterländischen Verein wird wohl nicht viel kommen, da er zu viele Elemente der Uneinigkeit in sich enthält, wie hier denn einmal alles gährt und schwatzt.
Dein Louis.
Den zitierten Brief schrieb der Privatdozent Carl Hinrich Ludwig Brinckmann an seine Frau in Hamburg. Neben Zeitungsnotizen und Flugblättern sind diese Briefe die wichtigste Quelle zum Vaterländischen Verein in Heidelberg. Ich werde deshalb etwas eingehender auf die Person Brinckmann eingehen. Damit ist nicht gesagt, daß Brinckmann das wichtigste Mitglied des Vereins gewesen sein muß. Er selbst stellt es in seinen Briefen zumindest für die Endphase so dar. Aber es ist angesichts der Quellenlage unmöglich, das zu überprüfen.
3. Brinckmanns Weg nach Heidelberg
Carl Hinrich Ludwig Brinckmann hatte in Heidelberg bereits studiert. Sein Vater war ein kleiner Krämer, keiner seiner Brüder hatte auf die Universität gehen können. Er selbst hatte es als Schulabbrecher auch nur deshalb dazu gebracht, weil er gerade noch so durchrutschte, bevor auch in Baden wie im Rest von Deutschland zur Aufnahme eines Studiums das Abitur verlangt wurde.
Nach dem Bankrott seiner anfänglich erfolgreichen Rechtsanwaltskanzlei erfüllte er sich 1847 seinen "Jugendtraum" und wechselte zur wissenschaftlichen Laufbahn. Er schrieb nachträglich eine Doktorarbeit, die zur Erlangung des Doktortitels noch nicht nötig gewesen war, aber verlangt wurde, wenn man Vorlesungen halten wollte. Die ersten ein, zwei Jahre lebte er noch vond en Überweisungen seines Bruders, eines Kaufmanns, bis diese mit dessen Tod abbrachen. Er schaffte es dann, sich mit Arbeiten für das "Spruchkollegium", einer Art der Uni angeschlossenem Gericht, das Fälle aus deutschen Kleinstaaten behandelte, und den Vorlesungsgebühren offenbar halbwegs über Wasser zu halten.
Brinckmann hatte Frau und Kinder aus finanziellen Gründen in Hamburg zurückgelassen und in den acht Jahren seines Heidelberg-Aufenthaltes nur zweimal gesehen. Er und seine Frau schrieben sich ungefähr einmal im Monat. Als Bürger einer hanseatischen Republik, der nicht zuletzt vor der dortigen Vetternwirtschaft in das aufgeklärte Baden geflohen war, war ihm schon das vorrevolutionäre Baden geradezu ideal erschienen. Erst nach und nach konnte er sich für die neuen Forderungen der Liberalen erwärmen.
4. Die ersten Schritte des neuen Vereins
Dafür, daß aus dem Verein "wohl nichts werden" könne, wie er schrieb, da er "zu viele Elemente der Uneinigkeit enthielte", konnte das Programm doch schon früh, nämlich bereits zwei Tage später im Heidelberger Journal veröffentlicht werden,4 wenn auch die Statuten5 noch einige Wochen diskutiert werden sollten.
In kurzer Zusammenfassung ergeben sich die wichtigsten Punkte aus Programm
und Statuten des "Vaterländischen Vereins" zu Heidelberg vom 2. August
1848 wie folgt:
Wie so viele konservativere Vereinigungen aller Zeiten, mochte man sich erklärtermaßen als natürlicher Anwalt des ganzen Volkes sehen, nicht als Interessenpartei unter anderen. In diesem Fall holte die Realität die Theorie schnell ein. Sollte der Vaterländische Verein anfangs noch prinzipiell allen zum Beitritt offen stehen, verlangte man schon ab der zweiten Sitzung aus Angst vor Unterwanderung Empfehlungen von Mitgliedern und verankerte später umständliche Prozeduren zum möglichen Parteiausschluß in den Statuten.6
Zu Präsident und Vizepräsident des Vereins wurden die Doctores Ruth und P.Pickford gewählt, ersterer vermutlich der von Brinckmann genannte Mitarbeiter der Deutschen Zeitung, letzterer Privatdozent der Medizin und Freund von Brinckmann. Unter den 17 weiteren Vorstandsmitgliedern sind neben Brinckmann und den genannten der Bierbrauer Diemer, Bäckermeister Förster, Bankier Hermann Fries, Buchhändler Karl Groos, Wirt Helwerth, Bierbrauer Hoffmann, Baumeister Meeser, Steinhauermeister Metzler, Lehrer Reff, Apotheker Rieper, Doktor (med.) E.Pickford (Bruder des Vizepräsidenten), "Oekonom" Schaaf, ein Jurastudent namens Steinthal und der Gemeinderat Weber.7 Später wird noch Advokat Nadler als Exponent des Vereins genannt.8 Von den Universitätsangehörigen abgesehen alles Mitglieder der bürgerlichen Oberschicht.
Die Mischung war nicht ganz so selbstverständlich, wie es heute scheinen mag. Im Vormärz hatte das städtische Bürgertum noch oft große Abneigungen gegen (Landes-)beamte, gegen Bankiers und Industrielle als Vertreter des aufkommenden Kapitalismus gehabt und auch gegen Universitätsangehörige sonderte man sich oft lieber ab. Aus Furcht vor der "roten Republik" änderte sich das nachhaltig, in den Vaterländischen Vereinen rückte man zusammen.9
5. Die Entstehung politischer Parteien
In Baden hatte es schon lange Parteien im Sinne miteinander konkurrierender Gruppen im Rahmen der kommunalen Selbstverwaltung gegeben. Befördert wurde die Parteibildung durch die Einrichtung der - bis zu mehrere hundert Mitglieder umfassenden - "Großen Bürgerausschüsse", hier war identifizierbare Gruppenbildung wichtiger als in Gemeindevollversammlungen, wo jeder für sich stimmte, oder im engen Honoratiorenzirkel Gemeinderat.10
Nach 1831 hatten dabei verwandtschaftliche und konfessionelle Konfliktgründe zugunsten allgemeinpolitischer Themen an Bedeutung zu verlieren begonnen. Zunächst standen sich Liberale und Konservative gegenüber. Während sich letztere lange schwer taten, das Faktum der Parteibildung an sich zu akzeptieren, hatten sich erstere ab 1845 bereits in gemäßigte Liberale und radikalere Demokraten gespalten. Am Vorabend der Revolution hatte dieses "Dreiparteiensystem" auch viele kleinere Orte in Baden erreicht.
Zu formalen Parteistrukturen im heutigen Sinne war es im Vormärz - nicht zuletzt wegen der Karlsbader Beschlüsse - nicht gekommen, "Eines Mitgliedsausweises bedurfte es im engen lokalen Rahmen ohnehin nicht; man kannte sich, wußte um die jeweiligen Gesinnungen und kommunizierte mit den Parteifreunden auch ohne formale Organisation."11
Im April 1848 war in Karlsruhe dann der erste liberale "Vaterländische Verein" gegründet worden, wenig später gefolgt von Mannheim. An vielen Orten Deutschlands gab es ähnliche Vereine, die sich in politischer Zielsetzung, Sozialstruktur ihrer Mitglieder und ihrer Arbeit glichen. Es blieb auch nicht bei reinen Lokalparteien. Im September wurde eine Art badischer Landesverband gegründet, der im April 1849 36 Mitgliedsvereine mit zusammen 4000 Mitgliedern umfassen sollte.12
Im November folgte dann mit dem "National-Verein" eine im Anspruch bundesweite, am Ende doch nur Vereine außerhalb Preußens und Österreichs umfassende Dachorganisation, die im April 1849 160 Mitgliedsvereine zählte, zum Teil mit zahlreichen Untergliederungen. Die 300 "Deutsche Vereine" in Preußen kann man ebenfalls diesem Lager zurechnen.13 Wie der Heidelberger Verein rekrutierten sich die liberalen Vereine auch anderswo vornehmlich aus dem bürgerlichen Mittelstand. Den meisten von ihnen ist der programmatische Spagat zwischen bedingungsloser Unterstützung der Paulskirche als Gesamtheit und eigenen parteilichen Zielsetzungen gemein.14
Man kopierte damit allerdings, was die radikalen Demokraten bereits vorexerziert hatten. Jene hatten kurz vorher - nach zwei "Demokratenkongressen" im Juni und Oktober 1848 - den "Zentralmärzverein" gegründet. Im Gegensatz zu den Liberalen erreichten die Demokraten in der Folgezeit sogar eine enge Bindung "ihrer" Paulskirchenabgeordneten an die "Partei".
In Baden war die Vereinsgründungswelle deutlich stärker als in den meisten anderen deutschen Ländern.
6. Volksvereine in Baden - Demokraten in Heidelberg
Das Verbot der seit März gegründeten "demokratischen Vereine" nach dem Heidelberger Studentenauszug ließ bei den Demokraten aber in Baden lange keine offiziellen überregionalen Strukturen mehr zu.15
Erst als zum Jahreswechsel 1848/49 die von der Paulskirche verabschiedeten Grundrechte in Kraft traten und mit ihnen die Vereinsfreiheit, formierten sich die badischen Demokraten in einem dichten Netz von "Volksvereinen", unter der Führung des Mannheimer Vereins. Nach wenigen Monaten konnten 35000 Mitglieder in 400 (Orts-)Vereinen gezählt werden. Sie schlossen sich natürlich dem Centralmärzverein an,16 der seinerseits im März 1849 950 lokale und regionale Vereine mit einer halben Million Mitgliedern zu vertreten angab.17
In Heidelberg schlossen sich unter Vorwegnahme der Grundrechte im Dezember '48 der Arbeiterverein, der Handwerkerverein, ein Studentenklub, der Turnverein nebst einem "Verein, der sich aus einem Theil der hiesigen Bürgerartillerie gebildet" zum Volksbund zusammen,18 der später als "Volksverein" agieren sollte. Die unter dem Namen "demokratischen Vereine" verbotenen Aktivitäten hatte mit weniger öffentlicher Aufmerksamkeit weitergeführt werden können.
Einige Verwirrung kann beim heutigen Betrachter auslösen, daß sich die Vereine in ihrer Namensgebung nicht ganz so einfach sortieren lassen, wie das in diesem Text hier geschieht. Wenn hier mit der Geschichte der "Vaterländischen Vereine" erst im Juli 1848 begonnen wird, hat das einen guten Grund. Es gab bereits im März in Baden einige "Vaterländische Vereine", die aber dem demokratischen Lager zuzurechnen waren und sich bald umbenannten. Es gab andernorts auch Vereine, die geschlossen aus dem einen in den anderen überregionalen Verband hinüberwechselten.19
In Baden war die Parteienlandschaft andererseits insofern außergewöhnlich übersichtlich, als es hier 1848/49 - im Gegensatz zu Preußen zum Beispiel - praktisch keine konservativen Vereine mehr gab. Die badischen Konservativen enthielten sich entweder jeder politischen Tätigkeit oder schlossen sich in Abwehr der Demokraten den Liberalen an. Die in der Paulskirche in wichtigen Sachfragen ziemlich erfolgreiche katholische Bewegung war mit rund 400 sogenannten "Piusvereinen" im Lande weit verbreitet, in der badischen Kammer saß für sie aber nur ein Abgeordneter.20
7. Ein müder Debattierklub im Herbst
Aber zurück zu den Aktivitäten des "Vaterländischen Vereins", der ja vom Verbot nicht betroffen war. Man schritt im Herbst 1848 mit Verve zu der im Programm angekündigten Beprechung der "Tagesfragen", und hielt allein im September fünf Sitzungen ab,21 bis Jahresende folgten dann aber nur noch je eine in Oktober und November. Am Anfang hatten die Treffen in verschiedenen Wirtshäusern stattgefunden, dann zumeist im Lyzeum. Der Termin für die folgende Sitzung wurde jeweils von der Versammlung festgelegt und dann am Veranstaltungstag oder einen Tag zuvor im Heidelberger Journal veröffentlicht.
Die erste Sitzung nach Verabschiedung der Statuten und Wahl des Vorstandes war einem Vortrag über "Das Vereinswesen in unserer Zeit" gewidmet, der nachträglich im Heidelberger Journal abgedruckt wurde.22 Der Redner holte weit aus, sah die Wurzeln des damaligen Vereinswesens im Mittelalter, die Fürsten hätten in der Folgezeit diese Form der Selbstorganisation leider zurückgedrängt, und müßten ihr jetzt wieder Raum geben. Den "blutsaugerischen" Fürsten stellte er das freie Vereinswesen gegenüber. Das Idealbild des Vereinswesens läge nicht in der pluralistischen Widerspiegelung vermeintlich "künstlicher" Gegensätze sondern im alle Stände umfassenden (Einheits-)Verein. Der Redner wandte sich am Ende dagegen, wie in den Heidelberger Vereinsstatuten die nationale Einheit nur als Mittel zur Sicherung des Eigentums zu begreifen, man solle doch ruhig bereit sein, sein Eigentum zugunsten der deutschen Einheit zu opfern, wenn es nottäte. Die Vorstellung, alle Stände durch einen Verein vertreten, und dadurch Parteibildung entlang sozialer Konfliktlinien vermeiden zu können, war für den gesamten National-Verein charakteristisch.23
Auf den weiteren Sitzungen beschäftigte man sich mit aktuellen (Schleswig-Holstein; 8., 15., 20. und 22.9.) und sozialen Themen, wie der "Verdienstlosigkeit der gewerbetreibenden Klasse" (15.9.) und der "Noth der Arbeiterklasse und die Mittel zur Abhülfe derselben" (6.10.).
Zur Schleswig-Holstein-Frage produzierte der Verein zwei Adressen an die Nationalversammlung, in denen er den Waffenstillstand mit Dänemark geißelte (beeindruckend, wie schnell man sich der Paulskirche nicht mehr "unterwerfen" wollte)24 und eine "Ansprache" an die Norddeutschen, die in ihrem heroischer Kampf gegen die dänische Unterdrückung nur weiter aushalten sollten.25
Von den anderen Sitzungen wurde in der Zeitung nicht berichtet, weshalb nicht herauszufinden ist, wie man sich die Rettung der offenbar gleichermaßen notleidenden Gewerbetreibenden und Arbeiter vorstellte. Die Beschäftigung mit der Sozialen Frage war eine badische Spezialität. Der National-Verein hatte sie ausdrücklich ausgeschlossen.26
Hatte man in der Schleswig-Holstein-Adresse vom 28. September die Paulskirche auch noch flehentlich gebeten "Zerstreuen Sie mit Einem kühnen Schlag all diese Angst, und geben Sie endlich dem harrenden Volke eine starke, endgültige Reichsgewalt..."27 was man wohl zu Recht dahingehend interpretieren kann, daß bei den Konstitutionellen bereits das Gefühl um sich gegriffen habe, daß der Boden der Paulskirchenversammlung schwankte,28 so dümpelte der Heidelberger Vaterländische Verein doch noch monatelang vor sich hin.
8. Wiedererwachen in Reaktion auf die Koalitionsfreiheit
Das Inkrafttreten der von der Paulskirche beschlossenen Grundrechte am 1. Januar brachte wieder Schwung in die Sache. Mit der wiedergewonnenen Versammlungsfreiheit schossen demokratische Vereine wie Pilze aus dem Boden, und da standen den Vaterländischen "vor Angst ... die Schlafmützen zu Berge".29 Brinckmann berichtete besorgt seiner Frau, "hier im Lande rührt sich die demokratische Partei wieder gewaltig und bereitet alles zu einem organisierten Putsch vor",30 und einige Wochen später, "in unserem politischen Leben in Baden sieht es böse aus. Die vaterländischen Vereine stehen den demokratischen gegenüber. Jeder Augenblick kann uns einen Putsch, ja selbst die Republik bringen. Wo das hinaussoll, kann noch niemand absehen."31
Wieder folgten die Liberalen den Demokraten. Am 11.Februar konnten die Heidelberger zum ersten Mal seit 3 Monaten wieder etwas von dem Verein lesen, "Er ist, wie wir hören, seit kurzem aus seiner Ruhe getreten, und wird seine Thätigkeit ... frischer entwickeln", mit dem Ziel "den Umtrieben der Volksverführer entgegen zu arbeiten und sie möglichst weniger schädlich zu machen..."; "der Wunsch, daß recht viele Bürger Heidelbergs seine Bestrebungen unterstützen und sich ihm anschließen mögen, veranlaßte diese Ansprache."32 In der "Republik" hieß es dazu, der neugewonnene politische Gegner werde hoffentlich endlich die Streitereien unter den örtlichen Demokraten beenden helfen.33
Hatten die Demokraten mit der "Republik" und den späteren Gründungen "Demokratische Republik" und "Volksführer" gleich mehrere Tageszeitungen in Heidelberg, nahm neben den überregionalen "Vaterländischen Blättern", jetzt auch das "Heidelberger Journal" zunehmend Partei der "Vaterländischen".
Nach oben erwähntem Aufruf traf man sich im Februar zu zwei Sitzungen,34 die zu einem am 2.März dem Heidelberger Journal beiliegenden Manifest35 führten, in dem es hieß:
"Forschen wir denn zunächst nach den Ursachen des mißlungenen Aufschwungs unserer Nation, und nach den Quellen des vielfachen Unglücks, unter welchem ja viele Tausende schmachten, so können gerade die achtbarsten unserer Mitbürger unmöglich einer Selbstanklage ausweichen.
Sie, welche den Kern der Gesellschaft, den intelligentern und sittlicheren Theil des Volkes, den achtbaren Mittelstand bilden, haben den mächtigen Ruf der Zeit nicht verstanden oder nicht verstehen wollen, haben in unbegreiflicher Theilnahmslosigkeit sich scheu zurückgehalten, ihre Hände in den Schoß gelegt, und es ruhig geschehen lassen, daß jene gewaltige Bewegung, welche Deutschland zur Einheit und Größe und unser Volk auf die höchste Stufe der Wohlfahrt und des Glückes hätte führen können, von einer Partei in die Hände genommen wurde, welche erfüllt von wahnsinnigen Träumen über Weltverbesserung, entflammt von den wildesten Leidenschaften und getrieben von herrschsüchtigen Gelüsten und niedriger Selbstsucht, gleich von vorn herein einen gänzlichen Umsturz der heiligsten Bande beabsichtigte und unser Vaterland mit dem schrecklichsten aller Uebel, mit Anarchie und Bürgerkrieg und unsere ganze Civilisation mit dem Untergang bedrohte..."
Um dem entgegenzuwirken, sei der vaterländische Verein nun "zu neuer Thätigkeit erwacht", er wolle sich jetzt "weniger, wie früher, mit großen politischen Fragen beschäftigen, als sich vielmehr zur Aufgabe setzen, den communistischen und anarchistischen Wühlereien mit allen ehrlichen Mitteln entgegenzutreten", dabei läge ihm nichts ferner als eine "reaktionäre Tendenz", man hielte mit ganzer Kraft fest an den "Errungenschaften des letzten Jahres", insbesondere den Grundrechten.36
Für die ersten Märztage waren Neuwahlen des Vorstandes angesetzt,37 deren Ergebnisse leider nicht in der Zeitung standen, vermutlich wurde hier auch das Amt eines Schriftführers eingeführt, daß es im Herbst noch nicht gegeben hatte, Brinckmann auf dieses gewählt, und ein Herr Advokat Weber zum Vorsitzenden gewählt. In der Kombination tauchen sie zumindest später auf einem Flugblatt auf.38
Man beriet über die Festsetzung der Vermögenssteuer, insbesondere sollten die Behörden die Vermögensverhältnisse ihrer Bürger nicht prüfen dürfen.39 Desweiteren wehrte man sich gegen die Auflösung der badischen Kammer, beriet über die deshalb nötig gewordenen Ersatzwahlen,40 deren Boykott durch die Demokraten zu heftigen Gefechten führte.
Auch damals scheint schon das "akademische Viertel" die Vereinsarbeit behindert zu haben, bei der Einladung für den 20.3. hieß es ausdrücklich "präcis 8 Uhr". Der Verein traf sich inzwischen wieder öfter als einmal die Woche.41
Aus der Sitzung vom 24.3. unter dem Titel "Berathung über die Verfassungs- und Oberhauptsfrage"42 ging das bereits erwähnte - da von Brinckmann unterzeichnete - Flugblatt hervor, mit dem man den Ausschluß der Österreicher aus der Paulskirche forderte.43 Der Heidelberger Vaterländische Verein schloß sich damit an eine Kampagne des National-Vereins an: "Diese entschieden anti-österreichische Kampagne und das Bekenntnis zur kleindeutschen Lösung trugen dazu bei, daß sich innerhalb des 'nationalen Vereins' das Parteibewußtsein festigte."44
Die letzte große Aktion der "Partei" war die Reichsverfassungskampagne. Angesichts der drohenden Ablehnung der Kaiserkrone durch den König von Preußen und der Verfassung durch die Fürsten wandten sich die liberalen Vereine überall in Deutschland an ihre Fürsten, um diese zur Annahme der Verfassung zu bewegen. In den meisten Ländern fanden sich hierzu demokratische und liberale Vereine zusammen.45
Nicht so in Baden. In der badischen zweiten Kammer sprach sich Brentano für die Demokraten gegen die Reichsverfassung aus, während Minister Bekk für die Konstitutionellen dafür plädierte. Einige Abgeordnete der Demokraten stimmte mit der Regierungsfraktion, während Brentano mit fünf weiteren Abgeordneten aus Protest den Saal verließ. Die badische Regierung gab währenddessen anderen Klein- und Mittelstaaten ein Vorbild, indem sie bereits am 11. April die Verfassung anerkannt hatte.
Auch der Heidelberger Vaterländische Verein entfaltete eine hektische Aktivität, Brinckmann berichtete, "alle Augenblicke werde ich, während ich dieses schreibe, in vaterländischen Vereinsangelegenheiten gestört, da ich fast allein die Seele des Ganzen bin. - Ich muß schließen...".46 Man gründete noch einen Zweigverein in Dossenheim,47 hielt noch mehrere Versammlungen ab,48 zuletzt am 3.Mai zu dem Thema "Besprechung über Durchführung der deutschen Reichsverfassung",49 und verfaßte flammende Appelle an Paulskirche und Heidelberger Bürgerwehr.50
Zu einer Zusammenarbeit mit den örtlichen Demokraten kam es jedoch auch in Heidelberg nicht - in Brinckmanns Worten: "Wir sogenannten Vaterländer hatten eine Vereinigung mit dem Volksverein gesucht, und diese war teilweise gelungen. Die Reichsverfassung war das Panier, um welches wir uns gemeinschaftlich scharen wollten; die Arbeitervereine aber wollten nichts von einer Annäherung wissen."51 Der Versuch war vergeblich, die Demokraten bereits dabei, sich auf eine zweite Revolution vorzubereiten, die gegen Fürsten und "Vaterländische" gleichermaßen gerichtet sein sollte.
Man beschimpfte sich auf Flugblättern52 und in Zeitungsartikeln,53 warf sich gegenseitig vor, die Märzrevolution verraten zu haben. "Sie [die 'Vaterländer'] haben sich entschlossen, weil auch der König von Preußen nicht Kaiser werden will, Republikaner zu werden - allein sie sollen zum Teufel gehen, wir bringen die Republik ohne sie fertig...",54 "Wir kennen kein Vaterland ohne Freiheit..." (Die Republik)55, "Die Verfassung ist kein Notanker, sondern ein Fallstrick; darum jubeln ihr auch die Vaterländer zu..."(Der Volksführer)56, "in jedem Demokrätlein steckt ein Tyrännlein..."(Der Vaterländische Verein)57. Auch auf Heidelberg trifft allerdings zu, was über die badischen Vaterländischen Vereine insgesamt geschrieben worden ist:" Die Flugblätter der neuen Vaterländischen Vereine ... enthielten nur selten eine eigene politische Konzeption."58
Zur Motivation der eigenen Anhänger waren sie den Demokraten noch gut genug, "Die vaterländischen Vereine geben sich große Mühe, unerfahrene Leute ins Netz zu ziehen. Wir dürften sie uns zum Vorbild nehmen, was unsere Gegner an Geld mehr haben, daß müssen wir durch Rührigkeit ersetzen."59 Der Volksverein hatte in Heidelberg vergleichsweise wenig Mitglieder, was dadurch erklärt werden kann, daß neben ihm als lokale Besonderheit der Arbeiterverein bestand.60
Am Ende hatten die Demokraten für den Vaterländischen Verein nur noch Spott übrig: Sie seien "nichts anderes als ministerielle Commanditen für Ministerialzwecke, und Strebepfeiler für die jetzige Kammerruine."61 Eine "kurzgefaßte Naturgeschichte der vaterländischen Vereine" charakterisierte sie gar wie folgt:
Halbjährlich versammeln sie sich, wie die geschwätzigen Schwalben, an einem Landgraben, um zu berathen, in welch mildes Klima sie bei herannahendem Sturm sich flüchten wollen, fliegen davon und kehren in ihre rauchigen Nester zurück, wenn das Barometer so hoch gestiegen, daß sie für ihr zartes Leben nichts mehr zu fürchten haben."62
Und tatsächlich war es wenig später dann soweit, daß die Konstitutionellen sich in "mildes Klima" flüchten sollten. Die badische Mairevolution bereitete den "Vaterländischen Vereinen" ein abruptes Ende. Einige Wochen zuvor hatte man noch Verbandsmaterial für Schleswig-Holstein gesammelt,63 jetzt konnte man es vielleicht selber gebrauchen. Als der Nationalverein noch auf einem Kongreß in Frankfurt am Main über das weitere Vorgehen beraten wollte,64 war Brinckmann zwar auch in der Stadt, aber bereits mit anderen Sorgen:
Ich sah sie kommen, ich wußte, am 13ten, spätestens 14ten d.M. mußte die Bewegung ausbrechen. Am Freitag fuhr ich noch nach Karlsruhe, um mit den Ministern zu sprechen. Daß sich die Garnison in Rastatt empören würde, war nicht vorauszusehen; Bewegungen und Versuche im Lande aber wohl; ich wollte für Heidelberg nur etwa zwei- bis dreihundert Mann Militär, an welche sich die guten Bürger anlehnen konnten. Jene wurden mir auch zugesagt; allein es kam nicht zur Ausführung und hätte auch nichts genutzt. -
Am Samstagmorgen, als ich von Karlsruhe nach Heidelberg fuhr, hörte ich schon auf der Eisenbahn von Mittermaier, in der Nacht seien Struve und Blind von Rastatt nach Bruchsal transportiert, weil man ihre Befreiung in Rastatt fürchte. Am Abend hatten wir schon die Nachricht von dem völligen Aufstande des Militärs in Rastatt und Lörrach; am Sonntag kam die Nachricht, das Militär sei in Bruchsal aufgestanden. - Ich gab jede Hoffnung auf, daß ein Aufstand niedergehalten werden könne.
Seit acht Tagen hatte ich mich schon darauf gerichtet, reisen zu können, da mir manche Warnungen zugekommen waren, daß die Roten sich gegen meine Person richten würden, indem sie alles, was der Vaterländische Verein in Heidelberg tat, mir zuschoben, wie sie überhaupt die Tätigkeit des Vereins, und nicht zu Unrecht, hauptsächlich den Schriftführern zur Last legten.
Mit den gebildeteren Führern der Roten hatte ich übrigens immer auf einem guten Fuße gestanden, allein die Führer der Vereine niedrigsten Ranges hatten eine ungeheure Wut gegen mich und predigten in ihren Zusammenkünften den Haß gegen mich. ...
Am Sonntag ließ ich mich noch immer von einer Hoffnung halten, da mir von allen Seiten versuchert wurde, die Volksversammlung in Offenburg werde sich nicht für Republik aussprechen; dieses geschah auch nicht, allein sie machte so unsinnige Forderungen an die Regierung, daß diese, die ja alles bewilligt hatte, was das Land verlangte und irgend verlangen konnte, den von jener Volksversammlung an sie gesandten Deputierten nicht die Forderungen bewilligen konnte.
In der Sonntagnacht wurde Generalmarsch geschlagen; ich mußte auf den Sammelplatz. Da kam mir der Major meines [Bürgerwehr-]Banners, ein Führer der Republikaner, allein der besseren, sehr freundlich entgegen, nahm mich unter den Arm, sagte, es gelte jetzt, wir sollten Preußen abwehren, welche mit der Eisenbahn von Mainz kommen würden, um nach Karlsruhe zu ziehen usw; ich merkte gleich, daß diese nur eine republikanische Finte sei, und er sich des Vaterländers vergewissern wolle, und daß das Ganze auf eine republikanische Bewegung abgesehen sei: allein ich mußte bonne mine á mauvais jeux machen und die Nacht auf dem Bahnhof kampieren. Das Schlimmste ist, keiner wagt ein Wort gegen das Treiben zu sagen, jeder fürchtet, sofort von einem Roten mitten im Gliede über den Haufen geschossen zu werden.
Um sechs Uhr morgens wurden wir entlassen. Unterdessen kam die Nachricht, daß in Karlsruhe sich Militär und Bürger gegeneinander geschlagen, die besseren Bürger und die Dragoner vergebend den Großherzog zu schützen gesucht, dieser entflohen usw, wie Ihr in den Zeitungen lesen werdet. Ich packte, um um elf Uhr fortzufahren; Eisenbahn konnte ich aber nicht nehmen, da man mich dort nicht weggelassen hätte. - Um zehn Uhr wurde wieder Generalmarsch geschlagen, und als mein Wagen, der mich nach Weinheim vier Stunden von Heidelberg, bringen sollte, vor der Türe stand, kamen drei Mann mit Unteroffizier, um mich zu holen, weil ich nicht auf dem Alarmplatz erschienen.
Ich ließ mich nicht finden, und mein Hauswirt übergab den Leuten mein Urlaubsgesuch. - Um die Republik würde ich mich schon nicht kümmern, und warten, bis sie vorüber, allein man würde mich zwingen, gegen Militär, welches die Reichsgewalt senden möchte, zu kämpfen, und das will ich nicht für eine badische Republik, welche nur auf eine Sauerei, wie man hier im Land sagt, hinausläuft. -
Meine Adresse hier kann ich nicht aufgeben, da ich nicht weiß, ob ich hier bleibe oder die Verhältnisse in Heidelberg mich nicht zur sofortigen Rückkehr veranlassen. In zwei Tagen mehr.
In Eile, Euer Louis.
Frankfurt d.15.Mai [1849]
P.S. In Heidelberg wurde zwei Stunden nach meiner Abwesenheit die Republik proklamiert, wie ich hörte. Sicher weiß ich es noch nicht. Eine provisorische Regierung für Baden hat sich gestern in Rastatt gebildet. Dieses, als Reichsfestung, wird man nicht in Händen der Roten lassen. Das gewünschte Testament soll Alex in [den] nächsten Tagen haben."65
Ob Schriftführer Brinckmann tatsächlich die von ihm behauptete wichtige Rolle für den Vaterländischen Verein gespielt hat, läßt sich nicht feststellen. Flugblätter und Artikel trugen nur äußerst selten die Namen ihrer Verfasser. Nachrichten waren noch nicht personalisiert, wei wir das heute gewohnt sind. "Der Vaterländische Verein" verkündete etwas, nich "XY, der Vosrsitzende des...". Vermutlich wurden die Flugblätter des Heidelberger Vereins von dem Historiker Häusser verfaßt, die "Republik" machte jenen jedenfalls als Agitator der "jämmerlichen vaterländischen Vereine" aus.68
Bereits wenige Wochen später schrieb Brinckmann nach Hause:
11. Die "Gothaer" in der Reaktionszeit
Was ist Politik? In einer "Offenen Erklärung des Volks-Vereins" hatte es geheißen: "Wer sind überhaupt die Leute, welche sich zu den vaterländischen Vereinen drängen? Theils intriguante Advokaten und Staatsdienstaspiranten (Stellen-Jäger), die sich gerne reden hören und nebenbei die Hoffnung hegen, durch ihr vaterländisches Treiben und Schreiben die Aufmerksamkeit der Regierung auf sich zu ziehen und folglich zu Anstellung und Besoldung zu gelangen...".70
Für den Schriftführer Brinckmann war Politik genau das. Er hatte sich in den Briefen an seine Frau alle Mühe gegeben, sein Engagement genauso darzustellen. Seine Hoffnungen, daß die neue Regierung ihn nun bald befördern würde, wurden jedoch enttäuscht. 1852 sollte er an seine Frau schreiben:
Nach Niederschlagung der Mai-Revolution hatte die badische Regierung begonnen, mit eisernem Besen zu kehren. Im ganzen Land gab es Untersuchungen und Verhaftungen, über das Oberamt Heidelberg wurden ausgesprochene Reaktionäre als Beamte eingesetzt. Traditionell war der katholische Einfluß in Heidelberg äußerst gering gewesen, jetzt aber "leuchtete Oesterreichs Stern in Süddeutschland im glanzvollsten Lichte".75
Die ausgebrochene "Periode des Stillebens"76 sollte nicht allzulange anhalten. Mitte der fünfziger Jahre übernahmen die Gothaer das Regiment an der Heidelberger Universität,77 in den 1860er Jahren wechselte das Ministerium in Karlsruhe. Die Regierung begann, "die aus der Reaktionszeit herrührende Erstarrung der Universitäten und Fakultäten aufzubrechen."78 Nach Jahren der Abstinenz wurden wieder Privatdozenten zu außerordentlichen Professoren ernannt,79 nur Brinckmann half das nichts mehr, er war bereits 1855 gestorben.
12. Anmerkungen
1.Dieser Aufsatz ging aus einem Vortrag für den Heidelberger Geschichtsverein
vom 30.April 1997 hervor und basiert auf einem Kapitel der unveröffentlichten
Magisterarbeit des Autors unter dem Titel "Carl Hinrich Ludwig Brinckmann, Privatdozent
in Heidelberg (1847-1855)", Mannheim 1996
2. zur Geschichte der demokratischen Vereine in Heidelberg vgl. Hans Martin
Mumm: Der Heidelberger Arbeiterverein 1848/49, Heidelberg 1988.
3. Die zitierten Briefe befinden sich zum einen Teil im Staatsarchiv Hamburg,
Familie Brinckmann 1798-1910,, 622-1, zum anderen Teil im Familienbesitz des
Autors..
4. Heidelberger Journal, 3.8.1848
5. Heidelberger Journal, 31.8.1848
6. Heidelberger Journal, 9.8.1848 und 31.8.1848
7. Heidelberger Journal, 31.8.1848
8. so im Volksführer, 21.4.1849
9. Nolte, Gemeindeliberalismus: S.84/85
10. auch zum Folgenden Paul Nolte: Gemeindeliberalismus:: Zur lokalen Entstehung
und sozialen Verankerung der Liberalen Partei in Baden 1831-1855. Historische
Zeitschrift 252 (1991) Heft 1, S.66-70
11. Nolte: Gemeindeliberalismus, S.66
12. Hans Fenske: Der liberale Südwesten: freiheitliche und demokratische
Traditionen in Baden und Württemberg. 1790-1933. Stuttgart 1981: S.96/97
13. Hans-Ulrich Wehler: Deutsche Gesellschaftsgeschichte. Zweiter Band: Von
der Reformära bis zur industriellen und politischen "Deutschen Doppelrevolution",
1815-1845/49. Frankfurt(Main) 1987, S.725/726;
14. zur Geschichte des National-Vereins vgl. ansonsten umfassend Jens Peter
Eichmeier: Anfänge liberaler Parteibildung (1847-1854), Freiburg: Diss.
Phil. 1968, hier S.44/45, 60/61
15. Willy Real: Politisches Professorentum. In: .Darstellungen und Quellen zur
Geschichte der deutschen Einheitsbewegung im 19. und 20. Jahrhundert. 9 (1983).
S.57, 97/98
16. Hans Fenske: Der liberale Südwesten: freiheitliche und demokratische
Traditionen in Baden und Württemberg. 1790-1933. Stuttgart 1981, S.96
17. Hans-Ulrich Wehler: Deutsche Gesellschaftsgeschichte. Zweiter Band: Von
der Reformära bis zur industriellen und politischen "Deutschen Doppelrevolution",
1815-1845/49. Frankfurt(Main) 1987, S.726/727
18. Mumm, Arbeiterverein, S.141
19. Eichmeier, Anfänge: S.81
20. Wehler, Gesellschaftsgeschichte: S.727-730; Dreher, Anfänge: S.115
21. 4., 8., 15., 20., 22. - Vgl. Heidelberger Journal passim
22. in drei Teilen: Heidelberger Journal, 16., 19. u. 20.9.1848
23. Eichmeier, Anfänge: S.41/42
24. abgedruckt im Heidelberger Journal, 10. bzw. 28.9.1848
25. laut Tagesordnung, Heidelberger Journal, 15.9.1848
26. Eichmeier, Anfänge: S.72
27. Heidelberger Journal, 28.9.1848
28. Herbert Derwein:Heidelberg im Vormärz und in der Revolution 1848/49.
Ein Stück badischer Bürgergeschichte. Neue Heidelberger Jahrbücher.
Neue Folge. 1955/56, S.94/95
29. Der Volksführer, 21.4.1849
30. Brief Brinckmanns an seine Frau Mary, 29.1.1849
31. Brief Brinckmanns an seine Frau Mary, 26.2.1849
32. Heidelberger Journal, 11.2.49
33. Die Republik, 25.2.181849
34. 12. und 22.2., Vgl. Heidelberger Journal an diesen Tagen
35. Beilage zum Heidelberger Journal, 2.3.1849
36. Beilage zum Heidelberger Journal, 2.3.1849
37. Sitzungen am 7. und 15.3., nach Heidelberger Journal
38. Drei Exemplare: Stadtarchiv Heidelberg: D42k.31; Universitätsbibliothek
Heidelberg: B 4423 - 4A FOLIO, Fol.21 und beigelegt den Vaterländischen
Blättern für Baden, 26.3.49
39. Flugblatt, Universitätsbibliothek Heidelberg: J 7703, nach No.48, S.204
40. Heidelberger Journal, 7.3. und 15.3.1849
41. so auch am 24. und am 30.3., dann noch einmal am 11.4., 26.4., 3.5., vgl.
Heidelberger Journal
42. Heidelberger Journal, 24. u. 25.3.1849
43. Drei Exemplare: Stadtarchiv Heidelberg: D42k.31; Universitätsbibliothek
Heidelberg: B 4423 - 4A FOLIO, Fol.21 und beigelegt den Vaterländische
Blätter für Baden, 26.3.1849
44. Eichmeier, Anfänge: S.82
45. Eichmeier, Anfänge: S.86-90
46. Brief Brinckmanns an seine Frau Mary, 30.3.1849
47. Heidelberger Journal, 26.4.1849
48. am 31.3., 12.4., 26.4.1849; vgl. Heidelberger Journal passim
49. Heidelberger Journal, 4.5.1849
50. Heidelberger Journal, 18.3., 4.5., 6.5.1849; vgl. auch Aufruf des Vorortes
der Badischen Vaterländischen Vereine: Heidelberger Journal 15.4.1849
51. Brief Brinckmanns aus Frankfurt/M. an die Familie in Hamburg, 15.5.1849
52. Stadtarchiv Heidelberg: D42k, Bl.28 u. 29
53. Die Republik, 4.4., 5.4., 8.4., 11.4., 13.4., 19.4., 20.4., 24.4.1849; Der
Volksführer, 7.3., 15.3., 12.4., 21.4., 30.4.1849
54. Der Volksführer, 21.4.1849
55. Die Republik, 11.4.1849
56. Der Volksführer, 3.5.1849
57. Flugblatt in: Universitätsbibliothek Heidelberg, "Republik, Mappe III",
Fol. 15
58. Ernst Dreher: Anfänge der Bildung politischer Parteien in Baden. Freiburg:
Diss. Phil. 1952: S.110
59. Der Volksführer, 15.3.1849
60. Mumm, Arbeiterverein: S.79
61. Die Republik, 20.4.1849
62. Die Republik, 24.4.49
63. Heidelberger Journal, 22.4.181849
64. Vgl. Eichmeier, Anfänge: S.91
65. Brief Brinckmanns aus Frankfurt/M. an die Familie in Hamburg, 15.518.49
66. Die Republik, 22.5.49
67. Vgl. Die Republik, 27.5.181849
68. Die Republik, 27.5.1849; ebenso Derwein, Heidelberg: S.98 aufgrund
des Sprachstils
69. Brief Brinckmanns aus Frankfurt/M.an seine Frau, o.D. (5/48)
70. Universitätsbibliothek Heidelberg, "Revolution, Mappe II", Fol.33
71. Brief Brinckmanns an den Hamburger Kaufmann Conn, 21.12.1852
72. Briefe Brinckmanns an den Hamburger Kaufmann Conn, 21.12.1852; und
an seine Frau Mary, 17./18.2.1853
73. Brockhaus Konversationslexicon, 1898, Bd.8: 187/188
74. Georg Weber: Heidelberger Erinnerungen. Stuttgart 1886, S.209, 217, 263,
265
75. Weber, Erinnerungen: S.262; vgl. auch Karl E. Hasse: Erinnerungen aus meinem
Leben. Braunschweig 1902, S.253/254
76. Alexander Busch Die Geschichte des Privatdozenten. (Göttinger Abhandlungen
zur Soziologie 5). Göttingen: Enke, 1959: S.57
77. Weber, Erinnerungen: S.265
78. Reinhard Riese: Die Hochschule auf dem Wege zum wissenschaftlichen
Großbetrieb. Die Universität Heidelberg und das badische Hochschulwesen
1860-1914. (Schriftenreihe d.AK f.mod.Sozialgesch. 19) Stuttgart, 1977: S.285/286
79. Paul Hintzelmann (Hg.): Almanach der Universität Heidelberg für
das Jubiläumsjahr 1886. Heidelberg, 1886: S.82-100
| Links zum Thema: |
Landeskunde
BaWü zur Revolution von 1848/49 in Baden |
|
| CHL Brinckmann auf meinen Genealogieseiten |