{"id":101,"date":"2007-10-08T11:18:41","date_gmt":"2007-10-08T09:18:41","guid":{"rendered":"http:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=101"},"modified":"2024-07-14T14:49:01","modified_gmt":"2024-07-14T13:49:01","slug":"hotel-lux","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=101","title":{"rendered":"Kommunismus 1"},"content":{"rendered":"<p><img class=\"aligncenter\" src=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/wp-content\/uploads\/2007\/10\/16887_original-Pjotr-Belov-the-year-1941-1985-ruslandinwoordenbeeld-com.jpg\" alt=\"\" width=\"90%\" \/><\/p>\n<p>&#8220;In den sogenannten Parteiversammlungen der Mitarbeiter des EKKI-Apparats, im Geb\u00e4ude der Komintern, in den Korridoren des Hotel Lux breiteten sich damals ein panischer Schrecken, eine hysterische Angst vor einer ungreifbaren und doch so gut wie unentrinnbaren Gefahr aus. Wenn im <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=512\">B\u00fcro<\/a> einer der Mitarbeiter nicht zur <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=234\">Arbeit<\/a> erschienen war, nahmen seine Kollegen an, er sei in der Nacht durch die &#8216;Organe des NKWD&#8217; verhaftet worden. Sofort ergaben sich f\u00fcr jeden Einzelnen zahllose Fragen: Wie wird das Verh\u00e4ltnis des Verhafteten zu mir vom NKWD ausgelegt werden? fragte sich <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=2049\">wahrscheinlich<\/a> jeder im Stillen. \u00c4u\u00dferlich aber war jeder bestrebt, entweder unber\u00fchrt zu erscheinen oder zu zeigen, da\u00df er diese Verhaftung seit langem erwartet habe. Niemand wollte engere <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=165\">pers\u00f6nliche Beziehungen<\/a> zu einem Verhafteten gehabt haben. Und weil in den sogenannten Parteiversammlungen der Abteilungen und des gesamten Apparats die pers\u00f6nlichen Verh\u00e4ltnisse und Beziehungen jedes Einzelnen schonungslos und schamlos ausgebreitet, nachtr\u00e4glich bewertet und zu Gegenst\u00e4nden wochenlanger <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=62\">Diskussionen<\/a> gemacht wurden, waren alle bestrebt ihre pers\u00f6nlichen Beziehungen zu anderen auf das notwendige Minimum zu beschr\u00e4nken. &#8230; Hinter Besuchen witterte man die Absicht des Besuchers, etwas Spezielles in <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=310\">Erfahrung<\/a> bringen zu wollen. Fast alle verleugneten fr\u00fchere <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=324\">Freunde<\/a>, zitterten vor der M\u00f6glichkeit, einer ihrer Verwandten k\u00f6nnte beschuldigt oder verhaftet werden, wodurch sie selbst automatisch zum Gegenstand von Untersuchungen und Beschuldigungen w\u00fcrden. Jeder suchte im Stillen nach entlastenden Erkl\u00e4rungen f\u00fcr fr\u00fchere Freundschaften, Zusammentreffen und Ereignisse, aus denen ihm nun Gefahren erwachsen k\u00f6nnten. In den sogenannten Parteiversammlungen aber waren fast alle einig in der Forderung nach schonungsloser Ausrottung der Volksfeinde, w\u00e4hrend sie in zunehmendem Ma\u00dfe einander mangelnder Wachsamkeit, unzul\u00e4ssigen <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=457\">Liberalismus<\/a> und der fr\u00fcheren Zugeh\u00f6rigkeit zu dieser oder jener Gruppierung bezichtigten. &#8230;<\/p>\n<p>Gerichtliche Urteile oder Urteilsbegr\u00fcndungen wurden niemals ver\u00f6ffentlicht oder mitgeteilt. Es blieb den &#8216;Parteiversammlungen&#8217; \u00fcberlassen, nachtr\u00e4glich und r\u00fcckwirkend herauszufinden, beziehungsweise zu erfinden, welche Momente aus dem <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=122\">Leben<\/a> und der T\u00e4tigkeit des Verschwundenen Anla\u00df zur Verhaftung oder &#8216;Liquidierung&#8217; gegeben haben konnten. Dabei galt als Axiom, da\u00df NKWD sich niemals irre, und da\u00df Verhaftungen nur durchgef\u00fchrt w\u00fcrden, wenn NKWD das erdr\u00fcckende Beweismaterial in H\u00e4nden h\u00e4tte. &#8230;<\/p>\n<p>Da\u00df man mit sogenannten Volksfeinden nicht <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=2563\">sprechen<\/a> durfte, da\u00df die <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=78\">Frauen<\/a> von angeblichen Volksfeinden nach der Verhaftung ihres Mannes automatisch Wohnung und Arbeitsplatz verloren und &#8211; falls sie der Partei angeh\u00f6rten &#8211; aus der Partei ausgeschlossen wurden, war zur allgemeinen Regel geworden. Im Hinterhofe des Lux war ein verfallenes Geb\u00e4ude zum Wohnhaus f\u00fcr die Angeh\u00f6rigen verhafteter Luxbewohner eingerichtet worden. Ihre Personalausweise berechtigten sie nicht mehr zum Betreten des Lux selbst. &#8230; Einige dieser Frauen hatten versucht, Unterst\u00fctzung durch die Rote Hilfe zu erhalten, um \u00fcberhaupt vegetieren zu k\u00f6nnen. Sie waren unter kr\u00e4nkenden Worten hinausgewiesen worden. &#8230;<\/p>\n<p>Die Deutschen, die bei der &#8216;Deutschen Zentral<a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=232\">zeitung<\/a>&#8216; besch\u00e4ftigt waren, wurden fast ausnahmslos verhaftet. &#8230; Aus Leningrad und besonders aus dem Wolgagebiete kamen Nachrichten, die \u00fcber die Verhaftung vieler deutscher Parteimitglieder berichteten. &#8230; In \u00e4hnlichem Umfange in dem die deutschen Parteimitglieder von den Verhaftungen betroffen wurden, wurden Ungarn und Balkankommunisten in Mit<a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=124\">leidenschaft<\/a> gezogen. Gleichzeitig mit den Verhaftungen wurden zahlreiche Ausweisungen vollzogen. Irgendein <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=28\">System<\/a> habe ich bei den sich \u00fcberst\u00fcrzenden und \u00fcberschneidenden Ma\u00dfnahmen nicht erkennen k\u00f6nnen. Alles machte den Eindruck des blindw\u00fctigen W\u00fctens eines unpers\u00f6nlichen Apparats. &#8230;<\/p>\n<p>Im Jahre 1940 ersuchte mich Ulbricht, mit einem von der NKWD aus der Haft entlassenen Arzt zu sprechen, der darauf bestanden hatte, mit einem deutschen Funktion\u00e4r zu sprechen. &#8230; Man hatte ihm zugemutet, nachzudenken und Angaben dar\u00fcber zu machen, ob nicht Wilhelm Pieck, der doch auch mitunter zu seinem Vater gekommen war, Liebknecht und Luxemburg verraten und den wei\u00dfen Offizieren ausgeliefert h\u00e4tte. Er erkl\u00e4rte, da\u00df er mit allem fertig sei. Obwohl <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=108\">Jude<\/a>, sei er im <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=217\">Begriff<\/a>, nach Deutschland zur\u00fcckzukehren, wenn ihm dort auch Konzentrationslager oder Schlimmeres sicher sei. Er habe nichts mehr; seine Zeugnisse seien verschwunden, seine Anz\u00fcge und sonstigen <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=65\">Besitzt\u00fcmer<\/a> ebenfalls. Als er nach seiner Entlassung nach diesen Dingen gefragt habe, sei ihm gesagt worden, ob er damit sagen wolle, da\u00df NKWD solche Sachen veruntreue. &#8230;<\/p>\n<p>Ende 1939 und w\u00e4hrend des Jahres 1940 schickten oder zwangen Organe des NKWD <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=61\">deutsche Fl\u00fcchtlinge<\/a>, die Asyl in der Sowjetunion gesucht hatten, zum deutschen Konsulat. &#8230; Nach Andeutungen Ulbrichts ging in jener <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=218\">Zeit<\/a> &#8230; eine umfangreiche, nicht an die \u00d6ffentlichkeit gelangende, Abschiebung von Gefangenen und Nichtgefangenen vor sich. &#8230;<\/p>\n<p>Sie sei eine Mutter, der man ihre <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=111\">Kinder<\/a> genommen habe, und die nirgendwo Recht bekommen k\u00f6nnte. Wir haben unser ganzes Leben lang f\u00fcr Gerechtigkeit gek\u00e4mpft, wir verlangten auch f\u00fcr uns nur Gerechtigkeit! rief sie. Hier stehe ich, sagt mir doch, was mit meinen Kindern geschehen ist! Wenn die Arbeiter in Berlin w\u00fc\u00dften, was man mit uns macht!&#8221;<\/p>\n<blockquote><p>Herbert Wehner: Zeugnis. Pers\u00f6nliche Notizen 1929-1942. Halle\/Leipzig: Mitteldeutscher Verlag 1990 (K\u00f6ln Kiepenheuer und Witsch 1982), S.189-225<\/p>\n<p>Abb: Pjotr Belov: The year 1941, 1985, <a href=\"http:\/\/www.ruslandinwoordenbeeld.com\/new-blog?offset=1416131040426&amp;tag=schilderkunst\">im Internet<\/a>.<\/p><\/blockquote>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8220;In den sogenannten Parteiversammlungen der Mitarbeiter des EKKI-Apparats, im Geb\u00e4ude der Komintern, in den Korridoren des Hotel Lux breiteten sich damals ein panischer Schrecken, eine hysterische Angst vor einer ungreifbaren und doch so gut wie unentrinnbaren Gefahr aus. 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