{"id":1017,"date":"2019-01-09T02:29:34","date_gmt":"2019-01-09T00:29:34","guid":{"rendered":"http:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=1017"},"modified":"2023-08-18T12:24:33","modified_gmt":"2023-08-18T10:24:33","slug":"privatisiert","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=1017","title":{"rendered":"Privatisiert"},"content":{"rendered":"<p><img class=\"size-full wp-image-3621 aligncenter\" src=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/magritte-golconda-1953.jpg\" alt=\"\" width=\"80%\" srcset=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/magritte-golconda-1953.jpg 1841w, https:\/\/www.woydt.be\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/magritte-golconda-1953-300x244.jpg 300w, https:\/\/www.woydt.be\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/magritte-golconda-1953-1024x834.jpg 1024w, https:\/\/www.woydt.be\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/magritte-golconda-1953-768x626.jpg 768w, https:\/\/www.woydt.be\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/magritte-golconda-1953-1536x1251.jpg 1536w\" sizes=\"(max-width: 1841px) 100vw, 1841px\" \/><\/p>\n<p>&#8220;Das <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=165\">Private<\/a> ist politisch. Das ist heute kein Slogan mehr, sondern eine Tautologie. Es m\u00fcsste vielmehr hei\u00dfen: Das Politische ist privatisiert. Zwar wird immer noch demonstriert oder im Gespr\u00e4ch mit der <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=145\">Nachbarin<\/a> \u00fcber \u201edie da oben\u201c geschimpft. Aber die <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=755\">Menschen<\/a> sind gefangen in der Vorstellung, auf sich <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=6\">allein<\/a> gestellt zu sein. &#8230; allen ist gemeinsam, dass sie sich zwar \u00fcber Bezahlung, prek\u00e4re Bedingungen oder <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=195\">Stress<\/a> im Job beschweren, das alles aber gleichzeitig irgendwie hinzunehmen scheinen. Die <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=186\">Verzweiflung<\/a> wird oft <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=17\">zynisch<\/a> weggel\u00e4chelt oder man gibt sich selbst die <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=2723\">Schuld<\/a>. Selten wird die pers\u00f6nliche Misere als Indikator f\u00fcr den Zustand der Gesellschaft verstanden.<\/p>\n<p>Dabei hatte doch der anfangs zitierte <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=221\">68er<\/a>-Aphorismus dazu beitragen wollen, die <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=386\">Probleme<\/a> des Individuums mit der Gesellschaft zu verschalten. Die gr\u00f6\u00dfte Errungenschaft dieser Bewegung war es, die Gesellschaft als Kategorie ins Bewusstsein zu holen und den verr\u00fcckten, abweichenden, sexuell befreiten Menschen nicht als Solit\u00e4r, sondern als ein mit anderen verbundenes Wesen zu verstehen.<\/p>\n<p>Dieser Gedanke aber scheint immer weniger anschlussf\u00e4hig. &#8230; Wir leben in einer Welt, f\u00fcr die der Satz Margaret Thatchers immer noch gilt: &#8216;Es gibt keine Gesellschaft, nur Individuen.&#8217;<\/p>\n<p>Die <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=61\">deutsche<\/a> Gesellschaft hat sich sp\u00e4testens seit der Agenda 2010 mit ihren Kernzielen Senkung der Lohnnebenkosten, Flexibilisierung der <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=234\">Arbeit<\/a>, massive K\u00fcrzung staatlicher Leistungen in ein Regime der individuellen Autonomie, pers\u00f6nlichen Leistungsbereitschaft und Eigenverantwortung entwickelt. Wir sind immer mehr auf uns selbst zur\u00fcckgeworfen. &#8230;<\/p>\n<p>War die Hinwendung zum Eigenen mal ein Versprechen auf <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=425\">Selbstbefreiung<\/a>, ist es heute geradezu ein Muss, sich selbst zu sein. Die <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=495\">Sozialen Medien<\/a> machen uns zu hypernerv\u00f6sen <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=123\">Kuratoren<\/a> der eigenen <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=1137\">Identit\u00e4t<\/a> &#8230;<\/p>\n<p>Jener <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=104\">Individualismus<\/a> ist mehr als ein Kollateralschaden aus den Konflikten der wilden Siebziger, er ist auch die perfekte Voraussetzung f\u00fcr eine Umwelt, die davon profitiert, dass Menschen sich als Einzelk\u00e4mpfer verstehen. Das spiegelt sich wiederum in einer Wettbewerbskultur, die einen neurotischen Individualismus produziert &#8230;, ein st\u00e4ndiges Konkurrenzgef\u00fchl.<\/p>\n<p>Das Politische wird damit weniger zur Frage des <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=1918\">Ichs<\/a>, das sich zum Wir \u00f6ffnet, sondern eine des Ichs, das sich um sich selbst dreht. So k\u00f6nnte in der Privatisierung des Politischen auch eine der Ursachen daf\u00fcr liegen, dass sich gro\u00dfe Teile der Bev\u00f6lkerung nicht mehr &#8216;angesprochen&#8217; f\u00fchlen oder sie aus Frust antiliberale <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=1067\">rechtspopulistische<\/a> Parteien w\u00e4hlen. &#8230;<\/p>\n<p>Gewiefte Demagogen haben dieses Wir-Vakuum erkannt und arbeiten emsig daran, die individuell erfahrene Ohnmacht in kollektive, <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=994\">fremdenfeindliche<\/a> <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=34\">Machtfantasien<\/a> zu b\u00fcndeln. Dass dies in einer <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=218\">Zeit<\/a> passiert, in der <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=449\">\u00d6ffentlichkeit<\/a> als Raum, der verhindert, dass Menschen \u201egleichsam \u00fcber- und ineinanderfallen\u201c, wie die <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=1516\">Philosophin<\/a> Hannah Arendt schrieb, einer zunehmenden Erosion \u00f6ffentlicher <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=588\">Institutionen<\/a> zum <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=159\">Opfer<\/a> f\u00e4llt, scheint nicht zu verwundern. Denn die \u00d6ffentlichkeit kommt heute eher zu uns als wir zu ihr. Wir sitzen zwar alleine am Schreibtisch, sind aber zugleich \u201econnectet\u201c.<\/p>\n<p>Jenes vernetzte Einsiedlertum zeigt sich auch in einem auseinanderdriftenden Alltagswissen. Stehen in <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=232\">Zeitungen<\/a> als Organ politischer Willensbildung noch relativ \u00e4hnliche Inhalte \u00fcber den Ist-Zustand der Welt, sehen die Timelines &#8230; alle unterschiedlich aus. Auf kuriose Weise hat sich das bei den Demos der Gelbwesten in Paris gezeigt. Dort haben sich Millionen Menschen aus ihrer Vereinzelung bewegt, doch eint sie oft nicht mehr als das <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=232\">Symbol<\/a>, das sie tragen. &#8230; Aufrufe auf <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=492\">Facebook<\/a> haben sie mobilisiert, doch ihre Begr\u00fcndungen sind sehr unterschiedlich, weil die Filterblasen allen die passenden Erkl\u00e4rungen liefern.<\/p>\n<p>Und jetzt? Um das Politische wieder zu sozialisieren, w\u00e4re viel gewonnen, wenn die <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=30\">neoliberale<\/a> Fiktion \u00fcberwunden werden w\u00fcrde, nach der wir auf uns alleine gestellt sind. Menschen sind keine atomisierten, sondern molekulare, also miteinander verbundene Wesen. &#8230;<\/p>\n<p>Gro\u00dfes Potenzial birgt neben der Klassen- auch die Mietfrage, die in Gro\u00dfst\u00e4dten zur existenziellen Bedrohung wird. &#8230; Hier k\u00f6nnte das alte, eigentlich nichtliberale Ph\u00e4nomen der Solidarit\u00e4t helfen. &#8230; Ohne <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=531\">Ich<\/a> gibt es keine Gemeinschaft, aber ohne <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=537\">Wir<\/a> keine Gesellschaft.&#8221;<\/p>\n<blockquote><p>aus: Philipp Rhensius: Das Politische ist privatisiert. taz online, 6.1.19, <a href=\"https:\/\/taz.de\/Kommentar-Politik-und-Individuum\/!5559346\/\">im Internet<\/a>.<\/p>\n<p>Abb.: Rene Magritte: Golconda, 1953, Menil Collection, Houston, TX, US, hier wikiart, <a href=\"https:\/\/www.wikiart.org\/en\/rene-magritte\/gonconda-1953\">im Internet<\/a>.<\/p><\/blockquote>\n<p style=\"text-align: right;\">01\/19<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8220;Das Private ist politisch. Das ist heute kein Slogan mehr, sondern eine Tautologie. Es m\u00fcsste vielmehr hei\u00dfen: Das Politische ist privatisiert. Zwar wird immer noch demonstriert oder im Gespr\u00e4ch mit der Nachbarin \u00fcber \u201edie da oben\u201c geschimpft. Aber die Menschen sind gefangen in der Vorstellung, auf sich allein gestellt zu sein. &#8230; allen ist gemeinsam, [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[6,3],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1017"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1017"}],"version-history":[{"count":10,"href":"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1017\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3686,"href":"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1017\/revisions\/3686"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1017"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1017"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1017"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}