{"id":1108,"date":"2019-07-05T17:34:05","date_gmt":"2019-07-05T15:34:05","guid":{"rendered":"http:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=1108"},"modified":"2024-08-08T21:48:07","modified_gmt":"2024-08-08T20:48:07","slug":"wiedergutmachung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=1108","title":{"rendered":"Wiedergutmachung"},"content":{"rendered":"<p><img class=\"size-full wp-image-4700 aligncenter\" src=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/damali_ayo_communion-CROP.jpg\" alt=\"\" width=\"40%\" srcset=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/damali_ayo_communion-CROP.jpg 385w, https:\/\/www.woydt.be\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/damali_ayo_communion-CROP-200x300.jpg 200w\" sizes=\"(max-width: 385px) 100vw, 385px\" \/><\/p>\n<p>&#8220;[In Afrika] &#8230; haben sich zwei Strategien f\u00fcr den Umgang mit der eigenen <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=84\">Geschichte<\/a> entwickelt. &#8230; Sie scheinen einander gleichzeitig zu erg\u00e4nzen und zu widersprechen. &#8230; Wie um alles in der Welt soll man Wiedergutmachung oder Entsch\u00e4digung unter einen Hut bringen mit Auss\u00f6hnung oder Vergebung f\u00fcr angetanes Unrecht? &#8230;<\/p>\n<p>Der eine Vorschlag entspringt einer Geschichte Afrikas, die bereits ein gutes St\u00fcck zur\u00fcck liegt, mit der Zeit an Virulenz verloren hat und durch die globalen Beziehungsgeflechte nur noch verschwommen wahrzunehmen ist: [der der Wiedergutmachung und Entsch\u00e4digung]. Der andere Vorschlag hingegen &#8211; der der Vergebung und Vers\u00f6hnung &#8211; verdankt seine Entstehung einer Heimsuchung, die derart gegenw\u00e4rtig ist, dass sowohl <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=159\">Opfer<\/a> als auch Gewaltt\u00e4ter noch am <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=121\">Leben<\/a> und im Zwang zum Zusammenleben gefangen sind. &#8230; Die Opfer sind am Leben und brauchen eine Entsch\u00e4digung, w\u00e4hrend ihre Folterer &#8230; weiterhin eine <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=5346\">privilegierte<\/a> Existenz fortf\u00fchren. &#8230;<\/p>\n<p>Die Geschichte der Sklaverei [muss] weiterhin das Ged\u00e4chtnis der Welt besch\u00e4ftigen &#8230; Der Sklavenhandel verursachte in weiten Teilen des Kontinents &#8230; einen Bruch der organischen wirtschaftlichen Systeme, [was] &#8230; sp\u00e4ter durch die Auferlegung kolonialer Priorit\u00e4ten bei der Zulieferung von Rohmaterialien f\u00fcr <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=71\">Europas<\/a> industrielle Bed\u00fcrfnisse sowie die Ankunft multinationaler Konglomerate verschlimmert wurde. Diese Verwerfung muss &#8211; mindestens zu Teilen &#8211; zweifellos f\u00fcr die geradezu un\u00fcberwindlichen wirtschaftlichen Probleme dieses Kontinents heutzutage verantwortlich gemacht werden. &#8230;<\/p>\n<p>Die politische Instabilit\u00e4t innerhalb der sogenannten Nationen [Afrikas] &#8230; [hat dar\u00fcber hinaus] mit der K\u00fcnstlichkeit, der schreienden Unlogik ihrer <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=93\">Grenzen<\/a> zu tun &#8230; Deshalb ist es nur angemessen, wenn wir die Aufteilung des Kontinents jenen Untaten hinzuf\u00fcgen, die dem Ruf nach Entsch\u00e4digung f\u00fcr Afrika zugrunde liegen. &#8230; Mein Problem hierbei ist allein die Tatsache, dass die afrikanischen Nationen seit ihrer Unabh\u00e4ngigkeit &#8230; ja durchaus die M\u00f6glichkeit gehabt h\u00e4tten, diese besondere Untat &#8230; zu s\u00fchnen &#8230;<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=118\">Kulturelle<\/a> und spirituelle Vergewaltigung &#8230; haben unausl\u00f6schliche Spuren in der kollektiven Psyche und dem <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=1137\">Identit\u00e4tsempfinden<\/a> der V\u00f6lker hinterlassen, ein Prozess, der durch die aufeinander folgenden Wellen <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=741\">kolonisierender<\/a> Horden praktiziert wurde, die die zusammenh\u00e4ngenden Traditionen brutal unterdr\u00fcckten. &#8230; Die kulturelle und spirituelle Verrohung des Kontinents &#8230; wurde nicht allein durch die christlich-europ\u00e4ische Achse vorgenommen. Die arabisch-islamische Dimension ging ihr voraus, und die war in all ihren Ausformungen gleicherma\u00dfen verheerend. &#8230;<\/p>\n<p>Was &#8230; ist &#8230; dieses Afrika, in dessen Namen Wiedergutmachung gefordert worden ist? &#8230; [Vielleicht] k\u00f6nnen wir uns einer akzeptablen Definition &#8230; derart n\u00e4hern, dass die Opferrasse sich auszeichnet durch die Einzigartigkeit einer besonderen Erfahrung, die sonst niemand teilt. &#8230; Haben wir &#8230; auf dieser &#8216;Afrika&#8217; genannten Landmasse auch solche, von denen wir ebenfalls Reparationen verlangen sollten? &#8230;<\/p>\n<p>Abiolas Kampagne f\u00fcr die Reparationen wurde &#8230; bei einem Treffen der &#8216;Organisation Afrikanischer Einheit&#8217; in Abuja 1992 aufgegriffen. &#8230; Dies wirft nun &#8230; einige ethische Fragen auf. Es muss n\u00e4mlich eine moralische Grundlage f\u00fcr alle Bem\u00fchungen um Gerechtigkeit geben &#8230;<\/p>\n<p>Das Thema der arabischen Teilnahme am Sklavenhandel wurde schlie\u00dflich doch noch angesprochen. Als Mitglied des &#8216;Internationalen Komitees f\u00fcr Wiedergutmachung&#8217; sa\u00df dort ein tunesischer Diplomat. &#8230; Er <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=514\">antwortete<\/a> &#8230; mit dem Vorschlag, dass, &#8216;da wir doch alle Opfer kolonialer Unterdr\u00fcckung sind&#8217;, in Solidarit\u00e4t gegen den gemeinsamen Unterdr\u00fccker zusammenarbeiten und &#8230; jenen Teil der uns aufspaltenden Geschichte einfach tilgen sollten. &#8230; &#8211; &#8216;Wir sind alle Afrikaner&#8217; &#8230; ist ganz einfach ein Pl\u00e4doyer f\u00fcr Ausnahmeregelungen &#8230;<\/p>\n<p>Pflegt ein Marokkaner oder Algerier, ob nun in der ersten oder der zehnten Generation in den Vereinigten Staaten lebend auf die Frage &#8216;Wer bist du?&#8217; zu antworten <em>African-American<\/em>? &#8230; Was ist <em>afrikanisch<\/em> an irgendeinem der Teile diese Kontinents, der auf arrogante Weise jeden Religionswechsel als einen Abfall vom &#8216;wahren Glauben&#8217; ansieht, der gar mit der Todesstrafe zu s\u00fchnen ist? Was ist <em>afrikanisch<\/em> an religi\u00f6ser Intoleranz und todbringendem <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=569\">Fanatismus<\/a>? &#8230;<\/p>\n<p>Beide Religionen fielen auf dem afrikanischen Kontinent ein und vernichteten &#8230; Religionen, die \u00e4lter und in vielerlei Hinsicht humaner als die tats\u00e4chlichen Leits\u00e4tze der einfallenden Religionen waren. &#8230; George Hardy &#8230; res\u00fcmiert &#8230;: &#8216;Der Islam begann das Werk der Zerst\u00f6rung. Doch Europa leistete bessere Arbeit.&#8217; &#8230; Nichts, was die islamischen Invasoren vorfanden, war ihnen heilig. &#8230;<\/p>\n<p>Das Afrika, f\u00fcr das hier Wiedergutmachung gefordert wird, ist jenes Afrika, das unter der g\u00f6ttlichen Autorit\u00e4t der G\u00f6tter des Islam und des Christentums, ihrer irdischen Vertreter und ihrer kommerziellen Sturmtruppen versklavt wurde. &#8230;<\/p>\n<p>[Einige] afro-amerikanische Wissenschaftler \u2026. [wollen] uns glauben machen &#8230;, dass die Lebensumst\u00e4nde der Sklaven unter den arabischen Sklavenbesitzern wesentlich humaner gewesen w\u00e4ren als unter den europ\u00e4isch-amerikanischen. &#8230; Vermutlich w\u00fcrde &#8230; [das] aber nur diejenigen einbeziehen, die die Trans-Sahara-Route \u00fcberlebt haben &#8230; Mir will es als anma\u00dfend erscheinen, dem Praktiker eines entmenschlichenden Handels durch das Abw\u00e4gen unterschiedlicher Grade der Misshandlung irgendeine Form der Absolution zu erteilen. &#8230;<\/p>\n<p>[Wir sollten weiterhin] unsere Aufmerksamkeit auf den H\u00e4ufungseffekt des gegenw\u00e4rtigen sozialen Missmanagements auf dem Kontinent &#8230; lenken: wahrhaft ein Katalog der Desaster, die ihren Ursprung der verbrecherischen Art von Menschen verdanken und so jener Position \u00dcberzeugungskraft verleihen, nach der die Bewegung zur Wiedergutmachung unhaltbar ist &#8211; weil sie auf dem Kontinent Afrika selbst &#8211; unverdient geworden ist! &#8230; Wir k\u00f6nnen es uns &#8230; nicht leisten, die tagt\u00e4gliche Wirklichkeit der brutalen Konflikte auf unserem Kontinent zu ignorieren &#8211; von denen einige &#8230; rassistisch bestimmt sind, wie der zwischen Senegal und Mauretanien zu <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=568\">Beginn<\/a> der neunziger Jahre und noch mehr so der dauernde Konflikt im Sudan. &#8230; Die \u00fcberlieferte Kultur des Sudan ist heute so gef\u00e4hrdet wie nie zuvor! &#8230; Im Sudan wird &#8230; noch immer andauernd eine <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=343\">Kultur<\/a> vergewaltigt, so als ob Afrika sich zu den Schlachtfeldern des 13. und 14. Jahrhunderts zur\u00fcckentwickelt h\u00e4tte. Die Erinnerung an die Beziehungen der Sklaverei und das Erbe dieser Beziehungen bilden den Kern einer Anzahl heutiger Konflikte, und bis zur endg\u00fcltigen Durchsetzung der <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=487\">Wahrheit<\/a> &#8230; bleibt die Aussicht auf Vers\u00f6hnung eine Schim\u00e4re. &#8230;<\/p>\n<p>Von Wiedergutmachung zu <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=2563\">reden<\/a> &#8230; hei\u00dft sich der Frage stellen: &#8216;In wessen Namen?. &#8230; noch nie hat Straflosigkeit derart frei geherrscht wie in den Jahren der Raserei von Sanni Abachas Diktatur, jenes &#8230; Herren \u00fcber jene <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=147\">Nation<\/a>, die die Kampagne zur Wiedergutmachung f\u00fcr die Zeit der Sklaverei vorschlug, und die eine so r\u00fchmliche Rolle bei der Beendigung der s\u00fcdafrikanischen Sklaverei der Apartheid spielte! &#8230;<\/p>\n<p>Ich habe einmal vorgeschlagen, die versklavenden Nationen sollten einfach die Schulden Afrikas erlassen, uns wir w\u00fcrden im Gegenzug die nicht in Zahlen zu bemessende Ungerechtigkeit erlassen, die dieser Welt durch dir heutigen Nutznie\u00dfer des Sklavenhandels angetan wurde. &#8230; Die offensichtliche Antwort hierauf ist die: Es waren ja nicht die <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=175\">Regierungen<\/a>, die versklavt wurden, sondern vielmehr die V\u00f6lker, und gegen die V\u00f6lker wird (und dies sowohl von ihren fr\u00fcheren wie auch ihren heutigen Herrschern) viel mehr ges\u00fcndigt als dass die V\u00f6lker selbst s\u00fcndigten. &#8230; [Der Erla\u00df nationaler Schulden] bietet [aber] die Chance eines Neubeginns, setzt zugleich jenen immer wieder von den Regierungen angef\u00fchrten Entschuldigungen ein Ende, wonach die Schulden f\u00fcr die Vernachl\u00e4ssigung der Wirtschaft oder den Kollaps der Entwicklung verantwortlich sind. &#8230;<\/p>\n<p>In diesen bitteren Zeiten sollte Wiedergutmachung ebenso wie Mildt\u00e4tigkeit zu Hause beginnen, und der <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=177\">Reichtum<\/a> der Mobutus, der Babangidas, der Abachas, aber auch der de Beers, der Shell-Surrogat-Incs etc. des Kontinents sollte als Anzahlung verwendet werden, als Beweis einer internen moralischen Reinigung, die alle Forderungen nach weltweiter Entsch\u00e4digung \u00fcber jeden Zweifel erhaben machen w\u00fcrde. &#8230;<\/p>\n<p>Bei einem entschlossenen Eintreten zum Schutz ihrer eigenen Leute w\u00e4re der Sklavenhandel schon an seinem Ursprung aufgehalten worden &#8230; Komplizentum &#8230; tr\u00fcbt, was eigentlich eine klare Unterscheidung zwischen Opfer und T\u00e4ter sein sollte. &#8230;<\/p>\n<p>Gerechtigkeit muss f\u00fcr alle gelten &#8211; oder \u00fcberhaupt nicht.&#8221;<\/p>\n<blockquote><p>aus: Wole Soyinka: Wiedergutmachung, Wahrheit und Vers\u00f6hnung. In: ders.: Die Last des Erinnerns. o.O.: Patmos 2001 (engl.Orig,. 1999), S.39-97.<\/p>\n<p>Abb.: damali ayo: Communion, 2003, <a href=\"https:\/\/damaliayo.com\/damaliayoart\/pages\/conceptual3.html\">damaliayo.com<\/a>.<\/p><\/blockquote>\n<p style=\"text-align: right;\">07\/19<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8220;[In Afrika] &#8230; haben sich zwei Strategien f\u00fcr den Umgang mit der eigenen Geschichte entwickelt. &#8230; Sie scheinen einander gleichzeitig zu erg\u00e4nzen und zu widersprechen. &#8230; Wie um alles in der Welt soll man Wiedergutmachung oder Entsch\u00e4digung unter einen Hut bringen mit Auss\u00f6hnung oder Vergebung f\u00fcr angetanes Unrecht? &#8230; Der eine Vorschlag entspringt einer Geschichte [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[6,3],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1108"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1108"}],"version-history":[{"count":16,"href":"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1108\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":5362,"href":"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1108\/revisions\/5362"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1108"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1108"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1108"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}