{"id":1317,"date":"2020-05-14T16:05:38","date_gmt":"2020-05-14T14:05:38","guid":{"rendered":"http:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=1317"},"modified":"2024-08-08T21:41:08","modified_gmt":"2024-08-08T20:41:08","slug":"antikolonialer-antisemitismus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=1317","title":{"rendered":"Antikolonialer Antisemitismus 1"},"content":{"rendered":"<p>&#8220;In der <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=62\">Debatte<\/a> \u00fcber Achille Mbembe scheinen inzwischen die relevanten Argumente vorgebracht worden zu sein. Die <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=449\">\u00f6ffentliche<\/a> Debatte \u00fcber die <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=386\">Probleme<\/a> des Diskurses der <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=535\">postkolonialen<\/a> Studien (PoCo) hingegen steht erst am Anfang.\u00a0 &#8230;<\/p>\n<p>Jede Kritik wird als &#8216;<a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=1137\">Othering<\/a>&#8216; delegitimiert, das hei\u00dft als blo\u00df projektive, rassistische Abwehr verleugneter Selbstanteile und Probleme der eigenen Gesellschaft durch Kon\u00adstruktion eines minderwertigen Anderen. Dass man eine fragile Stimme sei, wenn man weltweit Universit\u00e4ten, Stiftungen, renommierte Verlage und <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=136\">Medien<\/a> f\u00fcr die Verbreitung der eigenen Positionen in Anspruch nehmen kann, ist eine steile These.<\/p>\n<p>Noch fragw\u00fcrdiger ist es, Kritikern ohne jeden Beleg ein rassistisches Motiv anzu\u00addichten. Dieser Debattenstil ist aber kein Zufall, wenn man sich die theoretischen Grundlagen \u00advieler PoCo-Theoretikerinnen und Theoretiker anschaut: die Schriften Nietzsches und Foucaults. Es ist genau die Hermeneutik des Verdachts, die dort zum methodischen Prinzip erhoben wurde.<\/p>\n<p>&#8216;Man <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=521\">interpretiert<\/a> nicht, was im Bezeichneten ist&#8217;, schreibt Michel Foucault zustimmend, &#8216;sondern fragt letztlich, von wem die <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=105\">Interpretation<\/a> stammt. Das Prinzip der Interpretation ist nichts anderes als der Interpret.&#8217; &#8230; Immer wird &#8230; <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=212\">Wahrheit<\/a> auf die Herkunft des Gesagten reduziert. &#8230;<\/p>\n<p>Bei einer enormen Anzahl prominenter Vertreter des Faches, von Edward Said bis Judith Butler, von Gayatri Spivak bis Mahmood Mamdani, von Iman Attia bis \u00c9tienne Balibar &#8230; findet sich hier ein systematischer Zusammenhang zwischen begrifflicher Einebnung der Spezifik des Antisemitismus, der Relativierung der Schoah und einer D\u00e4monisierung Israels. &#8230;<\/p>\n<p>Um es vereinfacht zu sagen: Ein am Modell des <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=71\">europ\u00e4ischen<\/a> <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=741\">Kolonialismus<\/a> gebildeter Begriff von <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=438\">Rassismus<\/a> und &#8216;Othering&#8217; wird, ohne R\u00fccksicht auf den zu erforschenden Gegenstand, als weltanschauliche Schablone verwendet. Das f\u00fchrt zun\u00e4chst dazu, den Antisemitismus notorisch auf eine Ebene mit dem <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=170\">Rassismus<\/a> gegen\u00fcber <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=1697\">Schwarzen<\/a> oder Arabern zu stellen.<\/p>\n<p>Bei den Behauptungen, Juden seien im Antisemitismus als &#8216;less than <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=1023\">white<\/a>&#8216; (Bakan) behandelt, als antizivilisatorische &#8216;Barbaren&#8217; (Slabodsky) diskriminiert oder in Auschwitz gar als &#8216;Muslime&#8217; ermordet worden (Anidjar), geht die Spezifik der modernen Judenfeindlichkeit verloren, die in den Juden ja gerade die Inkarnation von <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=236\">Hypermodernit\u00e4t<\/a>, Abstraktheit und &#8230; <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=33\">Kapitalismus<\/a> sieht.<\/p>\n<p>Die These, die aschkenasischen <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=762\">Juden<\/a> seien nach dem Holocaust \u201ewhite by permission\u201c geworden (Bakan) und selbst zur &#8216;imperialen Gestalt&#8217; mutiert, kann sich dann zwanglos in das Stereotyp vom <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=5346\">privilegierten<\/a> Juden einf\u00fcgen, gegen den der Antisemit schon immer konformistisch rebellierte. &#8230;<\/p>\n<p>Wer nun keinen ad\u00e4quaten Begriff von Antisemitismus besitzt, kann auch keinen von der Spezifik des Holocaust entwickeln. Und so wird &#8230; die <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=760\">Schoah<\/a> systematisch vom erl\u00f6sungsantisemitischen Totalvernichtungsmotiv entkoppelt und in eine Kontinuit\u00e4t von Versklavung und kolonialem V\u00f6lkermord aufgel\u00f6st.<\/p>\n<p>Die Zahl der zustimmenden Erw\u00e4hnungen der Holocaust-Relativierer W.E.B. Du Bois und Aim\u00e9 C\u00e9saire ist in PoCo-Beitr\u00e4gen dabei Legion. Wer keinen <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=496\">Begriff<\/a> von der Spezifik des Holocaust und der Persistenz des Antisemitismus hat, kann schlie\u00dflich keine Sensibilit\u00e4t f\u00fcr die Notwendigkeit <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=321\">Israels<\/a> als Selbstschutzinstanz der Juden entwickeln. &#8230;<\/p>\n<p>Damit sind wir beim letzten Punkt: Der De-Thematisierung des Antisemitismus im politischen Islam und im arabischen <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=148\">Nationalismus<\/a>. Hier schl\u00e4gt die pauschalisierende Verwendung des Orientalismuskonzepts voll durch. Wer vom Antisemitismus der \u201ePeople of Color\u201c spricht, kann nur von einem b\u00f6sartigen Bem\u00e4chtigungswillen getrieben sein, so der Tenor.<\/p>\n<p>Empirische \u00dcberpr\u00fcfungen sind entweder Fehlanzeige, oder man nimmt die Marginalisierten und &#8216;peripheren Akteure&#8217; schlicht nicht ernst, wenn diese gegen Juden hetzen und reli\u00adgi\u00f6se oder nationale \u00dcberlegenheit f\u00fcr sich beanspruchen. Den Subalternen zuzuh\u00f6ren ist nicht die Sache dieser kultursensiblen Rassismuskritik.&#8221;<\/p>\n<blockquote><p>aus: Ingo Elbe: Debatte um Historiker Achille Mbembe: Die <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=750\">postkoloniale<\/a> Schablone, taz, 14.5.20, <a href=\"https:\/\/taz.de\/Debatte-um-Historiker-Achille-Mbembe\/!5685526\/\">im Internet<\/a><\/p><\/blockquote>\n<p style=\"text-align: right;\">05\/20<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8220;In der Debatte \u00fcber Achille Mbembe scheinen inzwischen die relevanten Argumente vorgebracht worden zu sein. 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