{"id":167,"date":"2007-10-08T21:47:22","date_gmt":"2007-10-08T19:47:22","guid":{"rendered":"http:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=167"},"modified":"2024-07-14T14:33:34","modified_gmt":"2024-07-14T13:33:34","slug":"professorendeutsch","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=167","title":{"rendered":"Professorendeutsch"},"content":{"rendered":"<p>&#8220;&#8216;Aber mit dem Verstehen&#8217;, klagte Dirk, &#8216;da hapert es doch immer sehr. Entweder ich <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=220\">h\u00f6re<\/a> so einen Bauern &#8211; da verstehe ich kein <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=217\">Wort<\/a>. Oder ich <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=127\">lese<\/a>, was ein sehr <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=50\">gebildeter<\/a> Mann <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=181\">geschrieben<\/a> hat &#8211; da verstehe ich jedes Wort, aber keinen Satz. Warum seid ihr Deutschen blo\u00df so schwer zu verstehen?&#8217; &#8230;<\/p>\n<p>Machen wir die Probe, nehmen wir ein paar Beispiele, ein paar &#8230; ganz allt\u00e4gliche Beispiele, aus Briefen, <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=232\">Zeitungen<\/a>, <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=463\">Reden<\/a>, <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=52\">B\u00fcchern<\/a> abgeschrieben.<\/p>\n<blockquote><p>Ein deutscher Professor: &#8216;Die <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=121\">leben<\/a>schaffende <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=194\">Sprache<\/a> ist kein Monolog. Sie ist auch nicht das Unisono gleichgeschalteter Massen. Sie ist eine Sprache der Verst\u00e4ndigung im h\u00f6chsten und eigentlichen Sinne des Wortes, Zwiesprache, die nur dadurch m\u00f6glich ist, da\u00df jeder seinen eigenen Sprachton finden soll, wie er auch nur in seiner eigenen Sprachebene angesprochen werden kann.&#8217; &#8230;<\/p>\n<p>[ein] Doktor phil et med.: &#8216;Der Gefahr der Vermassung durch den Verst\u00e4dterungsproze\u00df mit allen seinen Gefahren vegetativer und emotionaler Fehlsteuerung und Fehlpr\u00e4gung kann au\u00dfer durch sinnvolle Steuerung der apersonalen psychosomatischen Einfl\u00fcsse selbst nur durch Pers\u00f6nlichkeitsbildung und Erm\u00f6glichung der &#8216;Bildung&#8217; von Gemeinschaften jeder nur m\u00f6glichen Art begegnet werden, da von seiten der \u00e4rztlichen <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=1518\">Anthropologie<\/a> als auf das bedrohlichste Zeichen einer Entartung des <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=205\">Verst\u00e4dterungsprozesses<\/a> hingewiesen werden mu\u00df auf die t\u00f6dlich gef\u00e4hrliche menschliche <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=6\">Vereinsamung<\/a> des einzelnen gerade und besonders in unserem <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=218\">Zeit<\/a>alter organisierter Massen.&#8217; &#8230;<\/p><\/blockquote>\n<p>&#8230; dieser Stil \u00fcbt eine ungeheuerliche Anziehungskraft auf uns aus, und, was offenbar gar nicht allgemein bekannt ist: man kann, wen man erst einmal ein bi\u00dfchen ge\u00fcbt hat, stundenlang so <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=482\">schreiben<\/a>, ohne jede andere als die rein physische Anstrengung.<\/p>\n<p>Das Schlimmste ist nicht, da\u00df wir Deutschen tats\u00e4chlich so reden oder schreiben &#8211; es sind vielleicht gar nicht so viele von uns, die das <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=95\">tun<\/a>. Schlimmer ist, da\u00df diese Art von Schreiben bei uns, und daran ist gar nicht zu r\u00fctteln, hochangesehen ist. &#8230; Diese Art, aus Vorsicht Sprache zu kastrieren, den Sinn hinter <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=157\">Qualm<\/a> verschwinden zu lassen, gibt es nicht nur in Deutschland. &#8230; In Deutschland gab es [aber] immer besonders viele \u00c4mter und Kanzleien. Vor allem aber kam dem Amtsdeutsch von einer ganz anderen Seite her das Professorendeutsch weit entgegen. Auch seine Mutter ist die Vorsicht &#8211; in einem Lande wie Deutschland war Vorsicht allzu h\u00e4ufig geboten.<\/p>\n<p>Da will beispielsweise jemand sagen: &#8216;Wer in der Gro\u00dfstadt lebt, mu\u00df damit rechnen, da\u00df er seinen pers\u00f6nlichen Charakter verliert, da\u00df er krank oder verr\u00fcckt wird.&#8217; <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=482\">Schriebe<\/a> er das, dann h\u00e4tte er &#8230; zwanzig Millionen Gro\u00dfst\u00e4dter auf dem Hals, die sich alle einbilden, danke, noch ganz normal zu sein. &#8230; [Aber] nicht den Groll derer, die sich getroffen f\u00fchlen f\u00fcrchtet er, [unser doppelter Doktor], sondern den Schaden, den sein Ruf erleiden k\u00f6nnte, wenn sich seine bedeutenden Aussagen als &#8216;einer <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=18\">wissenschaftlichen<\/a> Nachpr\u00fcfung nicht standhaltend&#8217; erweisen sollten.<\/p>\n<p>Die <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=119\">Kunst<\/a>, geisteswissenschaftlich unwiderlegbar zu werden, besteht darin, so lange zu abstrahieren, bis der endlich gefundene Begriff alle konkreten Angriffsfl\u00e4chen verloren hat &#8211; damit freilich auch alle Farbe, alle Kraft, jeden praktischen Sinn. &#8230;<\/p>\n<p>Im Amtsdeutsch will&#8217;s der Schreiber nicht gewesen sein, im akademischen Deutsch will er sich keine Bl\u00f6\u00dfe geben. &#8230;<\/p>\n<p>Diese Sprache kennt keine T\u00e4tigkeitsw\u00f6rter und bevorzugt, wo sie der Verben nicht ganz entraten kann, blasse, bedeutungsleere Hilfszeitw\u00f6rter. &#8230; Diese Sprache legt das wenige, was sie auszusagen hat, in die Substantive, wobei die abstrakte Form des Substantivs bevorzugt wird; sehr beliebt sind gelehrte Fremdw\u00f6rter oder deutsche Abstrakta, die auf -ung enden, &#8230; Ung-geheuer &#8230;<\/p>\n<p>[Schwer zu verstehen] ist heute Friedrich von Logaus feinziselierte Sinngedicht-Behauptung:<\/p>\n<blockquote><p>&#8216;Kann die deutsche Sprache schnauben, schnarren, poltern, donnern, krachen,<br \/>\nkann sie doch auch <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=191\">spielen<\/a>, scherzen, <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=25\">lieben<\/a>, kosen, t\u00e4ndeln, lachen.&#8217;<\/p><\/blockquote>\n<p>Kann sie das noch? &#8230;&#8221;<\/p>\n<blockquote><p>Rudolf Walter Leonhardt: X-mal Deutschland. Hamburg u.a.: Deutscher B\u00fccherbund, Revidierte und erweiterte Neuausgabe 1971, S.296-302<\/p><\/blockquote>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8220;&#8216;Aber mit dem Verstehen&#8217;, klagte Dirk, &#8216;da hapert es doch immer sehr. Entweder ich h\u00f6re so einen Bauern &#8211; da verstehe ich kein Wort. Oder ich lese, was ein sehr gebildeter Mann geschrieben hat &#8211; da verstehe ich jedes Wort, aber keinen Satz. 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