{"id":168,"date":"2007-10-08T21:49:08","date_gmt":"2007-10-08T19:49:08","guid":{"rendered":"http:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=168"},"modified":"2024-12-09T22:49:35","modified_gmt":"2024-12-09T21:49:35","slug":"provinz","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=168","title":{"rendered":"Provinz"},"content":{"rendered":"<p><img class=\"size-full wp-image-5605 aligncenter\" src=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/wp-content\/uploads\/2007\/10\/DSCF2840-CROP-scaled.jpg\" alt=\"\" width=\"30%\" srcset=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/wp-content\/uploads\/2007\/10\/DSCF2840-CROP-scaled.jpg 1245w, https:\/\/www.woydt.be\/blog\/wp-content\/uploads\/2007\/10\/DSCF2840-CROP-146x300.jpg 146w, https:\/\/www.woydt.be\/blog\/wp-content\/uploads\/2007\/10\/DSCF2840-CROP-498x1024.jpg 498w, https:\/\/www.woydt.be\/blog\/wp-content\/uploads\/2007\/10\/DSCF2840-CROP-768x1579.jpg 768w, https:\/\/www.woydt.be\/blog\/wp-content\/uploads\/2007\/10\/DSCF2840-CROP-747x1536.jpg 747w, https:\/\/www.woydt.be\/blog\/wp-content\/uploads\/2007\/10\/DSCF2840-CROP-996x2048.jpg 996w\" sizes=\"(max-width: 1245px) 100vw, 1245px\" \/><\/p>\n<p>&#8220;Der Wiener &#8230; hat den b\u00f6sartigsten Witz \u00fcber das Schicksal des Provinzlers erfunden: ein aus der Metropole nach Linz verschlagener Beamter schildert &#8230; einem <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=324\">Freund<\/a> die eigene <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=448\">Entwicklung<\/a> wie folgt: &#8216;Im ersten Jahr &#8211; da maanst du stirbst. Im zweiten Jahr &#8211; na da wirst allm\u00e4hlich a bisserl deppert. Und im dritten &#8211; im dritten, da bist eben a Linzer.&#8217;<\/p>\n<p>Der Provinzler ist eine Zwischenform &#8230; Ihm fehlt die aus der Begrenzung erwachsende Selbstsicherheit des <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=464\">D\u00f6rflers<\/a> ebenso wie die aus der Unversch\u00e4mtheit erwachsende des Gro\u00dfst\u00e4dters. &#8230;<\/p>\n<p>das erste wichtige Ph\u00e4nomen [der Provinz-Existenz ist] die Versp\u00e4tung der <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=118\">kulturellen<\/a> Signale. Sie gehen von der Gro\u00dfstadt aus; und kein <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=232\">Journal<\/a>, kein <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=217\">Wort-<\/a> und Bilderstrom \u00fcber <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=136\">Presse und \u00c4therwellen<\/a> vermag dieses Schicksal zu \u00e4ndern.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend der D\u00f6rfler &#8230; auf die Marotten der Gro\u00dfstadt pfeift und oft genug die Gaudi erlebt, da\u00df der Gro\u00dfst\u00e4dter wie Ant\u00e4us zur Scholle zur\u00fcckfl\u00fcchtet, f\u00fchlt die Provinz den gar nicht so dunklen, aber immer starken Drang, up-to-date zu sein; und immer wieder sieht sie dieses Ziel entschwinden. &#8230;<\/p>\n<p>Wohlbemerkt: das hat nichts mit <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=50\">Bildung<\/a> zu <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=95\">tun<\/a> &#8211; jedenfalls nicht im akademischen Sinn. &#8230; der Provinzler legt mehr Wert auf Bildung als der Gro\u00dfst\u00e4dter. &#8230;<\/p>\n<p>Dem Provinzler fehlt das Element. &#8230; Der Gro\u00dfst\u00e4dter gewinnt ja seine vielberufene <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=237\">Freiheit<\/a> aus der <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=479\">Tatsache<\/a>, da\u00df er wieder zum <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=123\">J\u00e4ger<\/a> geworden ist; <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=141\">Mensch<\/a>, Mitmensch ist f\u00fcr ihn das Mitglied seines Clans, oder mehrere, durch die Pluralit\u00e4t seiner Interessen gebildeter Clans. Mit ihnen, seinen Clangef\u00e4hrten, jagt er im Dschungel aus Steinen, Asphalt, <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=354\">Autos<\/a> und <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=104\">Individuen<\/a>, die er nicht kennt und die ihn nichts angehen. Der D\u00f6rfler andererseits ist nach wie vor auf den universalen <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=145\">nachbarlichen<\/a> Zusammenhalt angewiesen, der zwar Feindschaften, Todfeindschaften, aber keine rigorose Kastenbildung erlaubt.<\/p>\n<p>Der Provinzler ist nicht so frei wie der Gro\u00dfst\u00e4dter, seine kongenialen Jagdgef\u00e4hrten zu w\u00e4hlen &#8211; aber auch mit der universalen Nachbarschaft ist es bei ihm vorbei. Er ist gezwungen &#8230; die Gruppe herauszufinden, in der er funktionieren kann. Meist wird hier freilich gar keine Wahl vollzogen, sondern die Gruppe w\u00e4hlt ihn, determiniert ihn, legt ihn fest. &#8230; [Hier ist] eine der tiefsten Wurzeln provinzieller Malaise zu finden &#8230; und aus ihr wachsen allzurasch und allzuleicht zwei unausrottbare provinzielle <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=138\">\u00dcberzeugungen<\/a>: erstens die \u00dcberzeugung, da\u00df der gr\u00f6\u00dfte Teil der sozialen Umgebung <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=84\">schicksalhaft<\/a> ist &#8230; und zweitens das speziell provinzlerische <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=159\">Subjekt-Objekt-Gef\u00fchl<\/a> gegen\u00fcber dem N\u00e4chsten. &#8230;<\/p>\n<p>Die Mehrheit der sozialen Kontakte in der Provinz &#8230; ist aufgezwungen, vom gesellschaftlichen <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=403\">Pflichtbewu\u00dftsein<\/a> diktiert. Relativ wenig gef\u00fchlt wird das in der breiten Basis der sozialen Pyramide, unter Arbeitern und kleinen Gewerbetreibenden &#8211; aber das <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=386\">Problem<\/a> versch\u00e4rft sich, je weiter oben auf der Pyramide der Provinzler zuhause ist. &#8230;<\/p>\n<p>Der Provinzler <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=122\">lebt<\/a> genau so moralisch bzw. unmoralisch wie der Gro\u00dfst\u00e4dter &#8230; Die moralische Schnellstra\u00dfe, die das Auto dem Menschen er\u00f6ffnet hat, kennt der Provinzler mindestens genausogut wie der Gro\u00dfst\u00e4dter. <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=153\">Nein<\/a>, die Konventionen der Provinz sind sozialer Art: sie haben daf\u00fcr zu sorgen, da\u00df die Kontinuit\u00e4t der unentrinnbaren Gruppe gewahrt bleibt. Der Gro\u00dfst\u00e4dter, der J\u00e4ger im kleinen Clan, tut sich leicht: er kann jede beliebige soziale Katastrophe zur\u00fccklassen und <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=188\">morgen<\/a> einen neuen Haufen finden &#8211; oder eine neue <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=6\">Einsamkeit<\/a>, je nachdem. &#8230;<\/p>\n<p>Das erkl\u00e4rt die Notwendigkeit der kulturellen Signal-Versp\u00e4tung. Kulturelle Signale k\u00f6nnen erst dann aufgenommen werden, wenn sie konventionsf\u00e4hig werden. &#8230; Wer [in der Provinz] wirklich unkonventionell sein will (und es auch fertigbringt), der wird notwendig zum Einsiedler &#8230; [Man] findet &#8230; \u00fcberall in der Provinz diese Eremiten. Sie sind kulturell unfruchtbar. &#8230;[Meist] sind sie K\u00e4uze, Erfinder von l\u00e4ngst Erfundenem, <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=161\">Denker von l\u00e4ngst Gedachtem<\/a>, Querk\u00f6pfe, Querflieger und Querschie\u00dfer. &#8230;<\/p>\n<p>Nun hat nat\u00fcrlich dieser Zustand der Konvention seine positive Seite: &#8230; Der Provinzler ist, aufs Ganze gesehen, politisch und sozial leistungsf\u00e4higer als der Gro\u00dfst\u00e4dter. &#8230; Auch wo die Interessen regieren (und wo regieren die nicht?), sind sie nirgends anonym, sondern leicht mit Personen zu identifizieren. &#8230; Auf diesem Feld trainiert die Provinz eine gro\u00dfe Schar von <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=163\">Politikern<\/a> und entsendet sie auf weitere Felder der Aktion.&#8221;<\/p>\n<blockquote><p>aus: Carl Amery: Der Provinzler und sein Schicksal. In: ders. (Hg.): Die Provinz. <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=19\">Kritik<\/a> einer Lebensform. M\u00fcnchen: Nymphenburger 1964, S.5-12.<\/p>\n<p>Abb.: Speyer, 12.8.24.<\/p><\/blockquote>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8220;Der Wiener &#8230; hat den b\u00f6sartigsten Witz \u00fcber das Schicksal des Provinzlers erfunden: ein aus der Metropole nach Linz verschlagener Beamter schildert &#8230; einem Freund die eigene Entwicklung wie folgt: &#8216;Im ersten Jahr &#8211; da maanst du stirbst. Im zweiten Jahr &#8211; na da wirst allm\u00e4hlich a bisserl deppert. 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