{"id":205,"date":"2007-10-09T09:49:03","date_gmt":"2007-10-09T07:49:03","guid":{"rendered":"http:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=205"},"modified":"2023-12-22T01:27:55","modified_gmt":"2023-12-22T00:27:55","slug":"unwirtlichkeit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=205","title":{"rendered":"Unwirtlichkeit"},"content":{"rendered":"<p><img class=\"size-full wp-image-4067 aligncenter\" src=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/wp-content\/uploads\/2007\/10\/lulayworksmindscapes-nr.-96-2012-300dpi-w960h720.jpg\" alt=\"\" width=\"60%\" srcset=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/wp-content\/uploads\/2007\/10\/lulayworksmindscapes-nr.-96-2012-300dpi-w960h720.jpg 745w, https:\/\/www.woydt.be\/blog\/wp-content\/uploads\/2007\/10\/lulayworksmindscapes-nr.-96-2012-300dpi-w960h720-300x290.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 745px) 100vw, 745px\" \/><\/p>\n<p>&#8220;Die hochgradig integrierte alte <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=329\">Stadt<\/a> hat sich funktionell entmischt. Die Unwirtlichkeit, die sich \u00fcber diesen neuen Stadtregionen ausbreitet, ist niederdr\u00fcckend. &#8230;<\/p>\n<p>Kann man in &#8230; [den St\u00e4dten], die keine von B\u00e4umen bestandenen Boulevards mehr haben, keine B\u00e4nke, die sich zum Ausruhen im faszinierenden Kaleidoskop der Stadt anbieten &#8211; kann man in ihnen mit Lust <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=87\">verweilen<\/a>, zu Hause sein? &#8230;<\/p>\n<p>Wer an einem Herbsttag durch Amsterdam oder im Dezember durch Arles oder Venedig <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=76\">wandert<\/a>, sp\u00fcrt das Unverwechselbare dieser Gebilde. Ob jemand hingegen die Wohnsilos von Ludwigshafen oder Dortmund vor sich hat, wei\u00df er nur, weil er da- oder dorthin gefahren ist. Die gestaltete Stadt kann &#8216;<a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=570\">Heimat<\/a>&#8216; werden, die blo\u00df agglomerierte nicht, denn Heimat verlangt Markierungen der Identit\u00e4t eines Ortes. &#8230;<\/p>\n<p>Was wir zulie\u00dfen, war die Egalisierung der deutschen St\u00e4dte &#8230; Die Einebnung so verschiedener Stadtgestalten wie N\u00fcrnberg oder Dresden, Hamburg oder M\u00fcnchen ist leicht zu vollbringen &#8230; Nach dem <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=117\">Krieg<\/a> fand sich keine <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=565\">B\u00fcrgerschaft<\/a>, die sich ihrer Stadt mit einem Blick auf die Zukunft angenommen h\u00e4tte &#8230; der Zerfall des <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=598\">stadtb\u00fcrgerlichen<\/a> Charakters war dem der St\u00e4dte vorausgegangen. &#8230; Es ist eine ausgesprochene <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=73\">Denkfaulheit<\/a>, zu erwarten, die Stadt von <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=188\">morgen<\/a> werde ganz selbstverst\u00e4ndlich ihre zun\u00e4chst unbeabsichtigte, aber von Generation zu Generation langsam verwirklichte Funktion weiter erf\u00fcllen: der Ort der <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=44\">Selbstbefreiung<\/a> des <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=141\">Menschen<\/a> zu sein. &#8230;<\/p>\n<p>Tausenderlei &#8230; Beispiele zeigen den Unsinn der Entmischung der Stadtfunktionen, die trotzdem weiter gef\u00f6rdert wird. Am wenigsten scheint diese Stadtzerst\u00f6rung dem <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=311\">kritischen<\/a> Verstand der St\u00e4dtebewohner zu bekommen. Das ist es: die Stadt dieser Art wird zur <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=168\">Provinz<\/a>, der citoyen, der Stadtmensch, zum blo\u00dfen Bewohner einer wenig r\u00fchmenswerten Gegend. &#8230; W\u00e4re &#8230; das <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=464\">Dorf<\/a> nicht so stickig, die Provinzstadt nicht so provinziell <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=120\">langweilig<\/a> gewesen, so h\u00e4tte dieser Zug in die gro\u00dfen Metropolen nie stattgefunden. Stadtluft hat ja tats\u00e4chlich zun\u00e4chst einmal <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=237\">frei<\/a> gemacht. &#8230;<\/p>\n<p>Wir hatten Anla\u00df, die <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=219\">Zerst\u00f6rung<\/a> unserer St\u00e4dte zu beklagen &#8211; und dann die Formen ihres Wiederaufbaus; wir haben gegenw\u00e4rtig Anla\u00df, die Zerst\u00f6rung der an die St\u00e4dte grenzenden Landschaften zu beklagen &#8211; und haben wenig Hoffnung, da\u00df diese Sch\u00e4den wieder gutzumachen sind. Nur weil die Gewohnheit abstumpft, wenn B\u00e4ume fallen und Baukr\u00e4ne aufwachsen, wenn G\u00e4rten asphaltiert werden, ertragen wir das alles so gleichm\u00fctig. &#8230;<\/p>\n<p>Durchstreift man diese oft reichen Einfamilienweiden, so ist man \u00fcberw\u00e4ltigt von dem Komfortgreuel, den unsere technischen Mittel hervorzubringen erlauben. &#8230;<\/p>\n<p>Das Vorort-Einfamilienhaus &#8230; ist der Begriff st\u00e4dtischer Verantwortungslosigkeit: Dem Bauherrn ist gestattet, seine Wunschtr\u00e4ume mit seiner Identit\u00e4t zu verwechseln. &#8230; [vom] W\u00fcstenrot- und Leonberghaus, &#8230; [und der] Bimsblock-Tristesse, die sich um jedes einigerma\u00dfen stadtnahe Dorf legt, bis zu den geplanten Slums, die man gemeinhin sozialen Wohnungsbau nennt und die einem in ihrer Monotonie an den Ausfallstra\u00dfen der Gro\u00dfst\u00e4dte die Lektion erteilen, da\u00df alles noch viel schlimmer ist, als man es sich einreden m\u00f6chte. &#8230;<\/p>\n<p>Mit jedem Grundst\u00fcck, das am Stadtrand parcelliert und zu schwindelhaften Bodenpreisen ver\u00e4u\u00dfert wird, schiebt sich der Horizont des St\u00e4dters, an dem die Landschaft beginnt, weiter hinaus, wird Land der Allgemeinheit irreparabel entzogen. &#8230; dem Wachsen der Vorst\u00e4dte [korrespondiert] die <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=120\">Langeweile<\/a> &#8230;, die Langeweile der Monotonie. Von Kontrast<a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=310\">erfahrung<\/a> der Natur ist der Einfamilienhausbewohner f\u00fcr gew\u00f6hnlich so weit entfernt wie das Huhn des H\u00fchnerhofs von der freien Flugbahn. &#8230; dies Parcellierung der Natur [wird] nicht das bringen &#8230;, was der von idealisierten Hoffnungen geschwellte Erbauer eines solchen Einfamilienhauses sich ertr\u00e4umt hatte. &#8230;<\/p>\n<p>Da das historische Ged\u00e4chtnis so kurz ist, kann man unbesorgt als eine der Grundfesten der freien Gesellschaft ausgeben, da\u00df das <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=65\">Privateigentum<\/a> auch dort heilig sei, wo es die Lebensform dieser Gesellschaft ernstlich beeintr\u00e4chtigt. Dabei waren in gro\u00dfen <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=218\">Zeiten<\/a> st\u00e4dtischen <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=121\">Lebens<\/a> die stadtb\u00fcrgerlichen Obligationen eindeutig dem <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=309\">Eigennutzen<\/a> vorgeordnet gewesen. &#8230;<\/p>\n<p>Es ist wenigstens <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=381\">tr\u00f6stlich<\/a> zu wissen: die neuen H\u00e4user sind so windig entworfen, so schludrig gebaut, der Aufbau im alten Eigentumszuschnitt hat eine so ideenlose Monotonie entstehen lassen, da\u00df es kein <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=118\">Kultur<\/a>frevel sein wird, dies alles besseren Konzepten zuliebe wo n\u00f6tig abzurei\u00dfen.&#8221;<\/p>\n<blockquote><p>etwas umsortierte Zitate aus: Alexander Mitscherlich: Die Unwirtlichkeit unserer St\u00e4dte. Anstiftung zum Unfrieden. Frankfurt (Main): Suhrkamp 1965, S.9-143<\/p>\n<p>Abb.: Lilly Lulay: Mindscapes nr. 96, 2012, <a href=\"https:\/\/www.kuckei-kuckei.de\/artists\/lilly-lulay.php?work=1261\">im Internet<\/a>.<\/p><\/blockquote>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8220;Die hochgradig integrierte alte Stadt hat sich funktionell entmischt. 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