{"id":206,"date":"2007-10-09T09:49:42","date_gmt":"2007-10-09T07:49:42","guid":{"rendered":"http:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=206"},"modified":"2025-04-20T15:48:52","modified_gmt":"2025-04-20T14:48:52","slug":"urlaub","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=206","title":{"rendered":"Urlaub"},"content":{"rendered":"<p><img class=\"size-full wp-image-5741 aligncenter\" src=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/wp-content\/uploads\/2007\/10\/DSCF4456-maurice-franceilio.jpg\" alt=\"\" width=\"90%\" srcset=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/wp-content\/uploads\/2007\/10\/DSCF4456-maurice-franceilio.jpg 1600w, https:\/\/www.woydt.be\/blog\/wp-content\/uploads\/2007\/10\/DSCF4456-maurice-franceilio-300x215.jpg 300w, https:\/\/www.woydt.be\/blog\/wp-content\/uploads\/2007\/10\/DSCF4456-maurice-franceilio-1024x735.jpg 1024w, https:\/\/www.woydt.be\/blog\/wp-content\/uploads\/2007\/10\/DSCF4456-maurice-franceilio-768x552.jpg 768w, https:\/\/www.woydt.be\/blog\/wp-content\/uploads\/2007\/10\/DSCF4456-maurice-franceilio-1536x1103.jpg 1536w\" sizes=\"(max-width: 1600px) 100vw, 1600px\" \/><\/p>\n<p>&#8220;Im Grunde hatte es eine merkw\u00fcrdige Bewandtnis mit diesem Sicheinleben am <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=303\">fremden<\/a> Orte, dieser &#8211; sei es auch m\u00fchseligen &#8211; Anpassung und Umgew\u00f6hnung, welcher man sich beinahe um ihrer selbst willen und in der bestimmten Absicht unterzieht, sie kaum, da\u00df sie vollendet ist oder doch bald danach, wieder aufzugeben und zum vorigen Zustande zur\u00fcckzukehren.<\/p>\n<p>Man schaltet dergleichen als Unterbrechung und Zwischenspiel in den Hauptzusammenhang des <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=121\">Lebens<\/a> ein, und zwar zum Zweck der &#8216;Erholung&#8217;, das hei\u00dft: der erneuernden, umw\u00e4lzenden \u00dcbung des Organismus, welcher Gefahr lief und schon im Begriffe war, im ungegliederten Einerlei der Lebensf\u00fchrung sich so zu <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=144\">verw\u00f6hnen<\/a>, zu erschlaffen und abzustumpfen.<\/p>\n<p>Worauf beruht dann aber diese Erschlaffung und Abstumpfung bei zu langer nicht aufgehobener Regel? Es ist nicht so sehr k\u00f6rperlich-geistige Erm\u00fcdung und Abnutzung durch die Anforderungen des Lebens, worauf die beruht (denn f\u00fcr diese w\u00e4re ja einfache Ruhe das wiederherstellende Heilmittel); es ist vielmehr etwas Seelisches, es ist das Erlebnis der <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=218\">Zeit<\/a>, &#8211; welches, bei ununterbrochenem Gleichma\u00df abhanden zu kommen droht und mit dem Lebensgef\u00fchle selbst so nahe verwandt und verbunden ist, da\u00df das eine nicht geschw\u00e4cht werden kann, ohne da\u00df auch das andere eine k\u00fcmmerliche Beeintr\u00e4chtigung erf\u00fchre.<\/p>\n<p>\u00dcber das Wesen der <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=120\">Langeweile<\/a> sind vielfach irrige Vorstellungen verbreitet. Man glaubt im Ganzen, da\u00df Interessantheit und Neuheit des Gehaltes die Zeit &#8216;vertreibe&#8217;, das hei\u00dft: verk\u00fcrze, w\u00e4hrend Monotonie und Leere ihren Gang beschwere und hemme. Das ist nicht unbedingt zutreffend. Leere und Monotonie m\u00f6gen zwar den Augenblick und die Stunde dehnen und &#8216;langweilig&#8217; machen, aber die gro\u00dfen und gr\u00f6\u00dften Zeitmassen verk\u00fcrzen und verfl\u00fcchtigen sie sogar bis zur Nichtigkeit. Umgekehrt ist ein reicher und interessanter Gehalt wohl imstande, die Stunde und selbst noch den Tag zu verk\u00fcrzen und zu beschwingen, ins Gro\u00dfe gerechnet jedoch verleiht er dem Zeitgange Breite, Gewicht und Solidit\u00e4t, so da\u00df ereignisreiche Jahre viel langsamer vergehen als jene armen, leeren, leichten, die der Wind vor sich her bl\u00e4st und die verfliegen.<\/p>\n<p>Was man Langeweile nennt, ist also eigentlich vielmehr eine krankhafte Kurzweiligkeit der Zeit infolge von Monotonie: gro\u00dfe Zeitr\u00e4ume schrumpfen bei ununterbrochener Gleichf\u00f6rmigkeit auf eine das Herz zu Tode erschreckende Weise zusammen; wenn ein Tag wie alle ist, so sind sie alle wie einer; und bei vollkommener Einf\u00f6rmigkeit w\u00fcrde das l\u00e4ngste Leben als ganz kurz erlebt werden und unversehens verflogen sein. Gew\u00f6hnung ist ein <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=129\">Einschlafen<\/a> oder doch ein Mattwerden des Zeitsinns, und wenn die <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=442\">Jugendjahre<\/a> langsam erlebt werden, das sp\u00e4tere Leben aber immer hurtiger abl\u00e4uft und hineilt, so mu\u00df das auf Gew\u00f6hnung beruhen.<\/p>\n<p>Wir wissen wohl, da\u00df die Einschaltung von Um- und Neugew\u00f6hnungen das einzige Mittel ist, unser Leben zu halten, unseren Zeitsinn aufzufrischen, eine Verj\u00fcngung, Verst\u00e4rkung, Verlangsamung unseres Zeiterlebnisses und damit die Erneuerung unseres Lebensgef\u00fchls \u00fcberhaupt zu erzielen. Das ist der Zweck des Orts- und Luftwechsels, der Badereise, die Erholsamkeit der Abwechslung und der Episode.<\/p>\n<p>Die ersten Tage an einem neuen Aufenthalt haben jugendlichen, das hei\u00dft starken und breiten Gang, &#8211; es sind etwa sechs bis acht. Dann, in dem Ma\u00dfe, wie man &#8216;sich einlebt&#8217;, macht sich allm\u00e4hliche Verk\u00fcrzung bemerkbar: wer am Leben h\u00e4ngt, oder besser gesagt, sich ans Leben h\u00e4ngen m\u00f6chte, mag mit Grauen gewahren, wie die Tage wieder leicht zu werden und zu huschen beginnen; und die letzte Woche, etwa von vieren, hat unheimliche Rapidit\u00e4t und Fl\u00fcchtigkeit.<\/p>\n<p>Freilich wirkt die Erfrischung des Zeitsinnes dann \u00fcber die Einschaltung hinaus, macht sich, wenn man zur Regel zur\u00fcckgekehrt ist, aufs neue geltend: die ersten Tage zu Hause werden ebenfalls, nach der Abwechslung, wieder neu, breit und jugendlich erlebt, aber nur einige wenige: denn in der Regel lebt man sich rascher wieder ein als in ihre Aufhebung, und wenn der Zeitsinn durch <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=433\">Alter<\/a> schon m\u00fcde ist oder &#8211; ein Zeichen von urspr\u00fcnglicher Lebensschw\u00e4che &#8211; nie stark entwickelt war, so schl\u00e4ft er sehr rasch wieder ein, und schon nach vierundzwanzig Stunden ist es, als sei man nie weg gewesen und als sei die Reise der Traum einer Nacht.&#8221;<\/p>\n<blockquote><p>aus: Thomas Mann: Der Zauberberg. D\u00fcnndruckausgabe Berlin 1926, S.139\/140.<\/p>\n<p>Abb.: Maurice Francelio, [Titel mir unbekannt], Mus\u00e9e d&#8217;Art Brut, Montpellier.<\/p><\/blockquote>\n<p style=\"text-align: right;\">08\/93<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8220;Im Grunde hatte es eine merkw\u00fcrdige Bewandtnis mit diesem Sicheinleben am fremden Orte, dieser &#8211; sei es auch m\u00fchseligen &#8211; Anpassung und Umgew\u00f6hnung, welcher man sich beinahe um ihrer selbst willen und in der bestimmten Absicht unterzieht, sie kaum, da\u00df sie vollendet ist oder doch bald danach, wieder aufzugeben und zum vorigen Zustande zur\u00fcckzukehren. 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