{"id":217,"date":"2007-10-09T09:56:29","date_gmt":"2007-10-09T07:56:29","guid":{"rendered":"http:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=217"},"modified":"2024-07-13T00:37:12","modified_gmt":"2024-07-12T23:37:12","slug":"worte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=217","title":{"rendered":"Worte 1"},"content":{"rendered":"<p><img class=\"size-full wp-image-2212 aligncenter\" src=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/wp-content\/uploads\/2007\/10\/Bandu-Darmawan-Pernyataan-Tidak-Tertulis-Unwritten-Statement-art-jog-11-2018-oumagz-com-scaled.jpg\" alt=\"\" width=\"90%\" srcset=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/wp-content\/uploads\/2007\/10\/Bandu-Darmawan-Pernyataan-Tidak-Tertulis-Unwritten-Statement-art-jog-11-2018-oumagz-com-scaled.jpg 2560w, https:\/\/www.woydt.be\/blog\/wp-content\/uploads\/2007\/10\/Bandu-Darmawan-Pernyataan-Tidak-Tertulis-Unwritten-Statement-art-jog-11-2018-oumagz-com-300x169.jpg 300w, https:\/\/www.woydt.be\/blog\/wp-content\/uploads\/2007\/10\/Bandu-Darmawan-Pernyataan-Tidak-Tertulis-Unwritten-Statement-art-jog-11-2018-oumagz-com-1024x576.jpg 1024w, https:\/\/www.woydt.be\/blog\/wp-content\/uploads\/2007\/10\/Bandu-Darmawan-Pernyataan-Tidak-Tertulis-Unwritten-Statement-art-jog-11-2018-oumagz-com-768x432.jpg 768w, https:\/\/www.woydt.be\/blog\/wp-content\/uploads\/2007\/10\/Bandu-Darmawan-Pernyataan-Tidak-Tertulis-Unwritten-Statement-art-jog-11-2018-oumagz-com-1536x864.jpg 1536w, https:\/\/www.woydt.be\/blog\/wp-content\/uploads\/2007\/10\/Bandu-Darmawan-Pernyataan-Tidak-Tertulis-Unwritten-Statement-art-jog-11-2018-oumagz-com-2048x1152.jpg 2048w\" sizes=\"(max-width: 2560px) 100vw, 2560px\" \/><\/p>\n<p>&#8220;&#8230; Es ist mir v\u00f6llig die F\u00e4higkeit abhanden gekommen, \u00fcber irgend etwas zusammenh\u00e4ngend zu <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=502\">denken<\/a> oder zu <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=463\">sprechen<\/a>. Zuerst wurde es mir allm\u00e4hlich unm\u00f6glich, ein h\u00f6heres oder allgemeineres Thema zu besprechen und dabei jene <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=496\">Worte<\/a> in den Mund zu nehmen, deren sich doch alle <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=141\">Menschen<\/a> ohne Bedenken gel\u00e4ufig zu bedienen pflegen.<\/p>\n<p>Ich empfand ein unerkl\u00e4rliches Unbehagen, die Worte &#8220;Geist&#8221;, &#8220;<a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=415\">Seele<\/a>&#8221; oder &#8220;K\u00f6rper&#8221; nur <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=2563\">auszusprechen<\/a>. Ich fand es <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=511\">innerlich<\/a> unm\u00f6glich, \u00fcber die Angelegenheiten des Hofes, die Vorkommnisse im Parlament oder was Sie sonst wollen, ein Urtheil herauszubringen. Und dies nicht etwa aus R\u00fccksichten irgendwelcher Art, denn Sie kennen meinen bis zur Leichtfertigkeit gehenden Freimut: sondern die abstrakten Worte, deren sich doch die Zunge naturgem\u00e4\u00df bedienen mu\u00df, um irgendwelches <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=139\">Urtheil<\/a> an den Tag zu geben, zerfielen mir im Munde wie modrige Pilze.<\/p>\n<p>Es begegnete mir, da\u00df ich meiner vierj\u00e4hrigen Tochter Catarina Pompilia eine <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=111\">kindische<\/a> L\u00fcge, deren sie sich <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=183\">schuldig<\/a> gemacht hatte, verweisen und sie auf die Notwendigkeit, immer <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=212\">wahr<\/a> zu sein, hinf\u00fchren wollte, und dabei die mir im Munde zustr\u00f6menden Begriffe pl\u00f6tzlich eine solche schillernde F\u00e4rbung annahmen und so ineinander \u00fcberflossen, da\u00df ich, den Satz, so gut es ging, zu Ende haspelnd, so wie wenn mir unwohl geworden w\u00e4re und auch tats\u00e4chlich bleich im Gesicht und mit einem heftigen Druck auf der Stirn, das Kind allein lie\u00df, die T\u00fcr hinter mir zuschlug und mich erst zu Pferde, auf der <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=6\">einsamen<\/a> Hutweide einen guten Galopp nehmend, wieder einigerma\u00dfen herstellte. Allm\u00e4hlich aber breitete sich diese Anfechtung aus wie ein um sich fressender Rost.<\/p>\n<p>Es wurden mir auch im famili\u00e4ren und hausbackenen Gespr\u00e4ch alle die Urtheile, die leichthin und mit schlafwandelnder <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=1161\">Sicherheit<\/a> abgegeben zu werden pflegen, so bedenklich, da\u00df ich aufh\u00f6ren mu\u00dfte, an solchen Gespr\u00e4chen irgend teilzunehmen. Mit einem unerkl\u00e4rlichen Zorn, den ich nur mit M\u00fche notd\u00fcrftig verbarg, erf\u00fcllte es mich, dergleichen zu <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=220\">h\u00f6ren<\/a> wie: diese Sache ist f\u00fcr den oder jenen gut oder schlecht ausgegangen; Sheriff N. ist ein b\u00f6ser, Prediger T. ein guter Mensch; P\u00e4chter M. ist zu bedauern, seine S\u00f6hne sind Verschwender; ein anderer ist zu <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=152\">beneiden<\/a>, weil seine T\u00f6chter haush\u00e4lterisch sind; eine Familie kommt in die H\u00f6he, eine andere ist am Hinabsinken. Dies alles erschien mir so unbeweisbar, so l\u00fcgenhaft, so l\u00f6cherig wie nur m\u00f6glich. Mein Geist zwang mich, alle Dinge, die in einem solchen Gespr\u00e4ch vorkamen, in einer unheimlichen N\u00e4he zu sehen: so wie ich einmal in einem Vergr\u00f6\u00dferungsglas ein St\u00fcck von der Haut meines kleinen Fingers gesehen hatte, das einem Brachfeld mit Furchen und H\u00f6hlen glich, so ging es mir nun mit den Menschen und Handlungen.<\/p>\n<p>Es gelang mir nicht mehr, sie mit dem vereinfachenden <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=141\">Blick<\/a> der <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=238\">Gewohnheit<\/a> zu erfassen. <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=204\">Es zerfiel mir alles in Teile<\/a>, die Teile wieder in Teile und nichts mehr lie\u00df sich mit einem Begriff umspannen. Die einzelnen Worte schwammen um mich; sie gerannen zu Augen die mich anstarrten und in die ich wieder hineinstarren mu\u00df: Wirbel sind sie, in die hinabzusehen mich schwindelt, die sich unaufhaltsam drehen und durch die hindurch man ins Leere kommt.<\/p>\n<p>Ich machte einen Versuch, mich aus diesem Zustand in die geistige Welt der Alten hin\u00fcberzuretten. Platon vermied ich, denn mir graute vor der Gef\u00e4hrlichkeit seines bildlichen Fluges. Am meisten gedachte ich mich an Seneca und Cicero zu halten. An dieser Harmonie begrenzter und geordneter Begriffe hoffte ich zu gesunden. Aber ich konnte nicht zu ihnen hin\u00fcber. Diese Begriffe, ich verstand sie wohl: ich sah ihr wundervolles Verh\u00e4ltnisspiel vor mir aufsteigen wie herrliche Wasserk\u00fcnste, die mit goldenen B\u00e4llen <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=191\">spielen<\/a>. Ich konnte sie umschweben und sehen wie sie zueinander spielten; aber sie hatten es nur miteinander zu <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=95\">tun<\/a> und das Tiefste, das pers\u00f6nliche meines Denkens blieb von ihrem Reigen ausgeschlossen.<\/p>\n<p>Es \u00fcberkam mich unter ihnen das Gef\u00fchl furchtbarer Einsamkeit; mir war zumuth wie einem, der in einem Garten mit lauter augenlosen Statuen eingesperrt w\u00e4re &#8230;&#8221;<\/p>\n<blockquote><p>aus: Hugo von Hofmannsthal: Brief des Lord Chandos (1902), <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/\">zit.<\/a> nach <a href=\"https:\/\/www.gutenberg.aol.de\/hofmanns\/prosa\/chandos.ph\">https:\/\/www.gutenberg.aol.de\/hofmanns\/prosa\/chandos.ph<\/a><\/p>\n<p>Abb.: Bandu Darmawan: Pernyataan-Tidak-Tertulis (Unwritten Statement), art-jog-11, 2018, oumagz.com, <a href=\"https:\/\/oumagz.com\/ou-cool\/art-jog-11-enlightenment-towards-various-future\/\">im Internet<\/a>.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p><\/blockquote>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8220;&#8230; Es ist mir v\u00f6llig die F\u00e4higkeit abhanden gekommen, \u00fcber irgend etwas zusammenh\u00e4ngend zu denken oder zu sprechen. Zuerst wurde es mir allm\u00e4hlich unm\u00f6glich, ein h\u00f6heres oder allgemeineres Thema zu besprechen und dabei jene Worte in den Mund zu nehmen, deren sich doch alle Menschen ohne Bedenken gel\u00e4ufig zu bedienen pflegen. Ich empfand ein unerkl\u00e4rliches [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[6,3],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/217"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=217"}],"version-history":[{"count":7,"href":"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/217\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":4999,"href":"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/217\/revisions\/4999"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=217"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=217"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=217"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}