{"id":221,"date":"2007-10-09T09:58:50","date_gmt":"2007-10-09T07:58:50","guid":{"rendered":"http:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=221"},"modified":"2024-07-13T00:32:22","modified_gmt":"2024-07-12T23:32:22","slug":"achtundsechziger","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=221","title":{"rendered":"Achtundsechziger 1"},"content":{"rendered":"<p>Jaaa, die \u00fcber Drei\u00dfigj\u00e4hrigen. Sind das nicht die, von denen es einmal hie\u00df, man solle ihnen nicht trauen? Nat\u00fcrlich hat Achim Schmollen in Vielem Recht, wenn er sich in der <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=218\">ZEIT<\/a> (&#8220;Wir sind besser als die Alten&#8221;, 7.3.1997) \u00fcber die Achtundsechziger beklagt. Aber ist er denn so anders? Er scheint zumindest eines mit ihnen gemeinsam zu haben: Man selbst geh\u00f6rt immer per definitionem der j\u00fcngstm\u00f6glichen Generation an.<\/p>\n<p>Aber kurz noch ein Wort zu den Achtundsechzigern: Mir sind sie ja in zweierlei Form begegnet. Zun\u00e4chst einmal als Lehrer in der Schule. Die hatten es in meiner Popper-dominierten Umgebung in den Achtzigern ziemlich schwer. Weniger, weil sie ihre Ideale unter den Sch\u00fclern nicht wiederfanden. Vielmehr, weil sie nicht einsehen wollten, da\u00df sie \u00e4lter geworden waren, und uns inzwischen mit Noten<a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=88\">gewalt<\/a> gegen\u00fcberstanden. Es ist unheimlich schwer, einem \u00dcber-Vierzigj\u00e4hrigen zu erkl\u00e4ren, da\u00df er &#8220;der <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=442\">Jugend<\/a>&#8221; nicht mehr angeh\u00f6rt, mag er nun noch so sehr &#8220;Vertrauenslehrer&#8221; sein, und soviele coole Spr\u00fcche draufhaben, wie er will.<\/p>\n<p>Der zweite Kontakt zu Achtundsechzigern stellt sich unweigerlich ein, wenn man beginnt, sich politisch zu <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=95\">engagieren<\/a>. Ich nehme ihnen ja nicht \u00fcbel, da\u00df sie von den alten Zeiten schw\u00e4rmen wie <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=210\">Kriegsteilnehmer<\/a> oder Spanienk\u00e4mpfer vor ihnen. Ich denke, das wird jede Generation tun.<\/p>\n<p>Da ist es schon nerviger, wenn \u00c4ltere st\u00e4ndig an uns J\u00fcngeren herumm\u00e4keln, uns fehle der richtige Drive. Eine gewisse Zeit habe ich das ja sogar geglaubt. Inzwischen glaube ich eher, die politisch Engagierten waren immer eine kleine Minderheit und werden es auch bleiben. Wenn heute die gro\u00dfe <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=137\">Mehrzahl<\/a> der <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=198\">Studenten<\/a> Studiengeb\u00fchren etcetera ruhig hinnimmt, sollte man dabei allerdings nicht vergessen, da\u00df immer noch mehr Leute protestieren, als damals \u00fcberhaupt zur Uni gehen durften.<\/p>\n<p>Damit w\u00e4ren wir dann auch schon bei dem, was mich am meisten an den &#8220;Achtundsechzigern&#8221; \u00e4rgert. Schlie\u00dflich haben sie ja erst den massiven Ausbau der Universit\u00e4ten bewirkt. Das ewige Gejammere \u00fcber Angepa\u00dftheiten, \u00fcber den mi\u00dflungenen Marsch durch die <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=588\">Institutionen<\/a>, \u00fcber die offenbar unendliche Zahl von Niederlagen liegt wie dichter Nebel \u00fcber der <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=84\">Geschichte<\/a>. Erst historische Studien helfen einem aus meiner Generation zu verstehen, was &#8220;68&#8221; bewirkt hat. Die fr\u00fchen 60er Jahre sind f\u00fcr uns \u00e4hnlich weit entfernt wie die Kaiserzeit. Genausowenig, wie wir uns kaisertreuen Hurrah<a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=162\">patriotismus<\/a> vorstellen k\u00f6nnen, k\u00f6nnen wir uns die dumpfe <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=113\">Spie\u00dfigkeit<\/a> eines <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=61\">Deutschlands<\/a> der 50er und 60er Jahre vorstellen.<\/p>\n<p>Mein pers\u00f6nlicher Eindruck von den 68ern ist, da\u00df sie Westdeutschland den Anschlu\u00df an den Westen verschafft haben. Dieses Land, da\u00df seine &#8220;<a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=118\">Kultur<\/a>&#8221; immer als Gegensatz zur westlichen &#8220;Zivilisation&#8221; verstand, dieses Land hat sich in den siebziger Jahren in unglaublicher Weise <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=236\">modernisiert<\/a>. &#8220;Mitteleuropa&#8221; ist f\u00fcr heutige Jugendliche aus Westdeutschland v\u00f6llig unfa\u00dfbar. Wenn \u00fcberhaupt, dann ist das ein Begriff, den Polen, Tschechen und Ungarn f\u00fcr sich benutzen.<\/p>\n<p>Auch die nachfolgenden &#8220;Sozialen Bewegungen&#8221; haben dieses Land gepr\u00e4gt. In meiner Abiturklasse mu\u00dften sich die angehenden Wehrdienstleistenden rechtfertigen, warum sie diesen Dr\u00fcckebergerjob bei der Bundeswehr machten. Schlie\u00dflich war allen klar, da\u00df Arbeit mit Behinderten oder K\u00f6rperpflege bei alten Damen einen mehr mitnehmen als in einer Kaserne Skat zu kloppen. Die einzig akzeptable Begr\u00fcndung war, da\u00df es auf die Weise halt schneller &#8216;rum sei. Da\u00df das vor der <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=81\">Friedensbewegung<\/a> anders war, konnte man in den Leitf\u00e4den f\u00fcr <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=142\">Kriegsdienst<\/a>verweigerer nachlesen, die allesamt in den engagierten Siebzigern <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=181\">geschrieben<\/a> worden waren.<\/p>\n<p>An die Achtundsechziger habe ich somit eigentlich nur eine Bitte: Vergleicht Eure Erfolge nicht immer nur mit Euren Zielen. Die habt Ihr sicherlich nicht erreicht. Vergleicht sie einfach mit den Zust\u00e4nden, von denen Ihr ausgegangen seid. Dann waren die Erfolge gar nicht so klein, und ihr k\u00f6nnt das Jammern ein f\u00fcr alle Mal lassen. &#8230;<\/p>\n<blockquote><p>Malte Woydt, Replik auf einen ZEIT-Artikel<\/p><\/blockquote>\n<p style=\"text-align: right;\">03\/97<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Jaaa, die \u00fcber Drei\u00dfigj\u00e4hrigen. Sind das nicht die, von denen es einmal hie\u00df, man solle ihnen nicht trauen? Nat\u00fcrlich hat Achim Schmollen in Vielem Recht, wenn er sich in der ZEIT (&#8220;Wir sind besser als die Alten&#8221;, 7.3.1997) \u00fcber die Achtundsechziger beklagt. Aber ist er denn so anders? 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