{"id":2667,"date":"2022-03-16T20:01:00","date_gmt":"2022-03-16T18:01:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=2667"},"modified":"2023-07-29T01:17:32","modified_gmt":"2023-07-28T23:17:32","slug":"politikunfahigkeit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=2667","title":{"rendered":"Politikunf\u00e4higkeit"},"content":{"rendered":"<p>&#8220;<a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=2097\">Putin<\/a> ist <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=2542\">Putin<\/a>, und er hat nie vorgegeben, etwas anderes zu sein als Putin. Kein Despot muss sich die M\u00fche machen, den <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=955\">Westen<\/a> zu t\u00e4uschen, der Westen t\u00e4uscht sich schon selbst. &#8230;<\/p>\n<p>Wo war die breitere gesellschaftliche <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=62\">Debatte<\/a> dar\u00fcber, wie abh\u00e4ngig wir uns von Putin machen d\u00fcrfen? Es gab tats\u00e4chlich keinen Plan B f\u00fcr den Katastrophenfall, der jetzt eingetreten ist. Wir sind abh\u00e4ngig; sorry, auf jeden Fall bis zum Winter untergraben wir unsere eigenen Sanktionen gegen Putin! Der beste Rat bisher ist, dass wir Strom sparen sollen, es gibt ja auch Pullis.<\/p>\n<p>Es sind eben solche Vorschl\u00e4ge, die zeigen, wie wenig ge\u00fcbt die <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=61\">deutsche<\/a> <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=449\">\u00d6ffentlichkeit<\/a> noch darin ist, \u00fcber die Lage der Welt nachzudenken. Heizung an- und ausdrehen, das k\u00f6nnen wir anscheinend verarbeiten, aber das Wissen \u00fcber Geopolitik, die Bedeutung Deutschlands oder gar der <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=457\">liberalen<\/a> <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=57\">Demokratien<\/a> in der Welt ist kaum ein Thema in den Alltagsgespr\u00e4chen dieses Landes. Politik ist in Deutschland eine immer kleinteiligere Frage geworden. &#8230;<\/p>\n<p>In Deutschland lieben wir den diskursiven Nebel. Vier <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=3168\">Talkshows<\/a> bieten uns die \u00d6ffentlich-Rechtlichen regelm\u00e4\u00dfig, alle haben fast zwei Jahre lang ausschlie\u00dflich die pandemische Lage beackert. [Das] &#8230; lag &#8230; [unter anderem] daran, dass es der deutschen politischen Diskurskultur entspricht, das Klein-Klein aufzublasen &#8230;<\/p>\n<p>Diese Vorstellung, dass die <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=565\">B\u00fcrgerinnen<\/a> und <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=598\">B\u00fcrger<\/a> im Durchschnitt eben nicht in der Lage w\u00e4ren, strukturelle Fragen in den <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=141\">Blick<\/a> zu nehmen, Verbindungen zu ziehen und so nach Schaltstellen zu suchen, an denen man Gr\u00f6\u00dferes bewegen k\u00f6nnte. Dieses beharrliche Untersch\u00e4tzen der <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=58\">demokratischen<\/a> \u00d6ffentlichkeit, &#8230; man will uns &#8230; Ablenkung schenken, daher auch die Behauptung: Der erneute Angriff auf die Ukraine kam &#8216;pl\u00f6tzlich&#8217; und &#8216;unerwartet&#8217;.<\/p>\n<p>Wer h\u00e4tte das <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=519\">ahnen<\/a> k\u00f6nnen, fragen jetzt einige, als m\u00fcsste man sich freisprechen. All das, was Putin jetzt tut, kam mit Ansage. Wir m\u00fcssen anfangen, das kollektive Wegsehen aufzuarbeiten. Die Erm\u00fcdung, wenn es um die komplexen politischen Fragen der Welt geht, die Hintergrundinformationen verlangen. Es fehlen Formate, die gro\u00dfe politische Themen auf eine Art pr\u00e4sentieren, dass sie zu breiten gesellschaftlichen Debatten werden &#8230;<\/p>\n<p>Es braucht mehr kritische Einordnungen, eine h\u00f6here Themenvielfalt und den Abschied von der <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=102\">Idee<\/a>, dass <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=755\">Menschen<\/a>, nur weil sie <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=43\">\u00e4rmer<\/a> sind oder weniger <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=50\">gebildet<\/a>, es nicht n\u00f6tig h\u00e4tten, auch komplexere Fragen erl\u00e4utert zu bekommen. Eine andere Ursache f\u00fcr die Verdr\u00e4ngung ist die krankhafte Fokussierung auf die eigenen Befindlichkeiten. &#8230;<\/p>\n<p>Die Art, wie wir unsere <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=1876\">Gef\u00fchle<\/a> \u00fcber einen <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=325\">Krieg<\/a>, den andere f\u00fchren m\u00fcssen, in den Mittelpunkt unseres Redens stellen, macht mich stellenweise fassungslos. Kaum rede ich f\u00fcnf Minuten mit Leuten \u00fcber die Ukraine, sagt jeder Zweite zu mir: &#8216;Aber wir m\u00fcssen auch sehen, dass es uns <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=1400\">gut<\/a> geht.&#8217; Muss man sich bei allem fragen, ob es einem dabei gut geht? Geht es uns denn &#8216;schlecht&#8217;, wenn wir uns anfassen lassen von einem <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=117\">Krieg<\/a> und seinen unschuldigen <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=159\">Opfern<\/a>, oder geht es uns eigentlich angemessen?<\/p>\n<p>Es ist, als h\u00e4tte das Grauen, das <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=1323\">Leben<\/a> eben auch sein kann, keinen Platz mehr in unserer Gesellschaft &#8230; Man sucht oder gibt sofort Rat, wie das Leiden wieder weggehen kann, statt eben diesen Leidensdruck als &#8230; [Aufgabe] zu erkennen &#8230;: Wir leiden an diesem Unrecht und sollten das gesellschaftlich zum Ausdruck bringen, nicht nur Ratschl\u00e4ge erteilen, wie es uns gelingen kann, an dem Elend nicht zu leiden. Uns abzulenken.<\/p>\n<p>Es ist diese merkw\u00fcrdige Verdr\u00e4ngung und <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=1017\">Privatisierung<\/a> von Leiden, die dazu gef\u00fchrt hat, dass zahlreiche gesellschaftliche Missst\u00e4nde nicht mehr angeprangert werden. Das <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=386\">Problem<\/a> ist nicht, dass wir zu weich sind, sondern dass auch eine solidarische \u00d6ffentlichkeit fehlt, die gemeinsam leidet und den Verantwortlichen deutlich macht, dass man diese Inhumanit\u00e4t nicht dulden will. Strukturelles Denken fehlt. Aber auch der <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=1115\">Glaube<\/a> daran, dass wir gemeinsam etwas \u00e4ndern k\u00f6nnen. So verdr\u00e4ngen viele dankbar, schlicht weil sie <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=186\">\u00fcberfordert<\/a> und <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=6\">vereinzelt<\/a> sind.<\/p>\n<p>Es wird in der Ukraine keine Geschichte von David und Goliath geben, auch wenn das eine <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=381\">tr\u00f6stliche<\/a> <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=2968\">Hoffnung<\/a> ist. Wir m\u00fcssen <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=1762\">lernen<\/a>, den Schock zuzulassen, Zusammenh\u00e4nge tiefer zu verstehen. Statt das Leiden zu <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=165\">privatisieren<\/a>, ist es <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=218\">Zeit<\/a> zu fragen: Was m\u00fcssen wir <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=95\">tun<\/a>?&#8221;<\/p>\n<blockquote><p>aus: Jagoda Marini\u0107: Diskursive Unf\u00e4higkeit, taz online, 16.3.22, <a href=\"https:\/\/taz.de\/Politische-Debattenkultur-in-Deutschland\/!5838331\/\">im Internet<\/a>.<\/p><\/blockquote>\n<p style=\"text-align: right;\">03\/22<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8220;Putin ist Putin, und er hat nie vorgegeben, etwas anderes zu sein als Putin. Kein Despot muss sich die M\u00fche machen, den Westen zu t\u00e4uschen, der Westen t\u00e4uscht sich schon selbst. &#8230; Wo war die breitere gesellschaftliche Debatte dar\u00fcber, wie abh\u00e4ngig wir uns von Putin machen d\u00fcrfen? 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