{"id":360,"date":"2010-03-21T21:30:12","date_gmt":"2010-03-21T19:30:12","guid":{"rendered":"http:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=360"},"modified":"2023-12-22T01:22:35","modified_gmt":"2023-12-22T00:22:35","slug":"mitleid-und-solidaritat","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=360","title":{"rendered":"Mitleid und Solidarit\u00e4t"},"content":{"rendered":"<p><img class=\"size-full wp-image-2178 aligncenter\" src=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/wp-content\/uploads\/2010\/03\/Ajeng-Pratiwi-Provokasi-2018-indoartnow-com-scaled.jpg\" alt=\"\" width=\"90%\" srcset=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/wp-content\/uploads\/2010\/03\/Ajeng-Pratiwi-Provokasi-2018-indoartnow-com-scaled.jpg 2560w, https:\/\/www.woydt.be\/blog\/wp-content\/uploads\/2010\/03\/Ajeng-Pratiwi-Provokasi-2018-indoartnow-com-300x200.jpg 300w, https:\/\/www.woydt.be\/blog\/wp-content\/uploads\/2010\/03\/Ajeng-Pratiwi-Provokasi-2018-indoartnow-com-1024x683.jpg 1024w, https:\/\/www.woydt.be\/blog\/wp-content\/uploads\/2010\/03\/Ajeng-Pratiwi-Provokasi-2018-indoartnow-com-768x512.jpg 768w, https:\/\/www.woydt.be\/blog\/wp-content\/uploads\/2010\/03\/Ajeng-Pratiwi-Provokasi-2018-indoartnow-com-1536x1024.jpg 1536w, https:\/\/www.woydt.be\/blog\/wp-content\/uploads\/2010\/03\/Ajeng-Pratiwi-Provokasi-2018-indoartnow-com-2048x1365.jpg 2048w\" sizes=\"(max-width: 2560px) 100vw, 2560px\" \/><\/p>\n<p>&#8220;&#8230; Was ihn [Rousseau] eigentlich interessierte, war nicht das Ungl\u00fcck anderer, sondern waren die Bewegungen des eigenen Herzens, welche unter anderem auch durch den Anblick fremden Leidens erzeugt werden k\u00f6nnen. &#8230;<\/p>\n<p>Sowohl die leidenschaftliche Anteilnahme an fremdem Leid wie die Perversion dieses echten Leidens in das gef\u00fchlsselige <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=428\">Mitleid<\/a> stehen au\u00dferhalb der Politik. Im politischen Raum entspricht ihnen die Solidarit\u00e4t, die sich nicht wie das Mitleid &#8216;zu den Schwachen hingezogen&#8217; f\u00fchlt, sondern in abw\u00e4gender Freiheit von <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=1876\">Gef\u00fchl<\/a> wie Leidenschaft darauf sinnt, eine von dem Wechsel der Stimmungen und Empfindungen unabh\u00e4ngige, dauerhafte Interessengemeinschaft mit den Unterdr\u00fcckten und Ausgebeuteten zu etablieren. &#8230; Da die Solidarit\u00e4t der <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=238\">Vernunft<\/a> teilhaftig ist, kennt sie das Allgemeine und ist f\u00e4hig, ein Kollektiv begrifflich zu erfassen, nicht nur das Kollektiv einer Klasse oder einer <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=147\">Nation<\/a> oder eines Volkes, sondern schlie\u00dflich auch die <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=102\">Idee<\/a> der Menschheit, wie die Vernunft sie uns vorgibt. Zwar kann diese Solidarit\u00e4t, sofern sie sich auch als Gef\u00fchl \u00e4u\u00dfert, durch den Anblick fremder Not erweckt werden, aber sie wird sie selbst erst, wenn sie das reine Mit-Leiden \u00fcbersteigt und die Starken und <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=177\">Reichen<\/a> ebenso miteinbezieht wie die <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=43\">Armen<\/a> und Schlechtweggekommenen. Verglichen mit dem Mitleid, das in seinem eigenen Gef\u00fchl schwelgt, aber auch mit dem Mit-Leiden, das leidenschaftlich seiner selbst vergi\u00dft, wird diese an Ideen orientierte und von der Vernunft geleitete Solidarit\u00e4t leicht als kalt und abstrakt erscheinen, als fehle es ihr an allgemeinster <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=422\">Menschenliebe<\/a>. Daf\u00fcr ist das, worauf sie sich gr\u00fcndet: die Prinzipien der Gr\u00f6\u00dfe, der Ehre, der W\u00fcrde des <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=141\">Menschen<\/a>, erheblich dauerhafter als Gef\u00fchl und <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=124\">Leidenschaft<\/a>. &#8230;<\/p>\n<p>Ohne Ungl\u00fcck g\u00e4be es kein Mitleid, und Mitleid ist darum ebenso interessiert daran, da\u00df es Ungl\u00fcckliche gibt, wie der <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=34\">Machthunger<\/a> daran interessiert ist, da\u00df Schw\u00e4che und Ohnmacht ihm in die H\u00e4nde spielen. Hinzu kommt, da\u00df die sentimentale Gef\u00fchlsseligkeit des Mitleids beinahe automatisch dazu f\u00fchrt, den Anla\u00df des Gef\u00fchls, also das Leiden der anderen, zu glorifizieren. &#8230;<\/p>\n<p>Eines steht fest: Wo immer man die Tugend aus dem Mitleid abgeleitet hat, haben sich Grausamkeiten ergeben, die es unschwer mit den grausamsten Gewaltherrschaften der <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=84\">Geschichte<\/a> aufnehmen k\u00f6nnen. &#8230;<br \/>\nDie Widerrechtlichkeit des &#8216;Alles ist erlaubt&#8217; ert\u00f6nte hier [in der franz\u00f6sischen <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=347\">Revolution<\/a>] noch aus der echten Gesetzlosigkeit des Herzens, das dem Gesetz immer seine Erbarmungslosigkeit vorwerfen wird. Da\u00df das <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=172\">Gesetz<\/a> Erbarmen nicht kennt, wer wollte es leugnen? Nur darf man dar\u00fcber nicht vergessen, da\u00df es immer die brutale <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=88\">Gewalt<\/a> ist, die sich an die Stelle des Gesetzes setzt, ganz gleich aus welchem Grunde Menschen es abschaffen&#8230;.&#8221;<\/p>\n<blockquote><p>aus: Hannah Arendt: \u00dcber die <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=180\">Revolution<\/a>. M\u00fcnchen. Piper, 1963, S. 112-117.<\/p>\n<p>Abb: Ajeng Pratiwi: Provokasi, 2018, indoartnow, <a href=\"https:\/\/indoartnow.com\/artists\/ajeng-pratiwi\">im Internet<\/a>.<\/p><\/blockquote>\n<p style=\"text-align: right;\">03\/10<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8220;&#8230; Was ihn [Rousseau] eigentlich interessierte, war nicht das Ungl\u00fcck anderer, sondern waren die Bewegungen des eigenen Herzens, welche unter anderem auch durch den Anblick fremden Leidens erzeugt werden k\u00f6nnen. &#8230; Sowohl die leidenschaftliche Anteilnahme an fremdem Leid wie die Perversion dieses echten Leidens in das gef\u00fchlsselige Mitleid stehen au\u00dferhalb der Politik. 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