{"id":365,"date":"2010-03-22T20:03:08","date_gmt":"2010-03-22T18:03:08","guid":{"rendered":"http:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=365"},"modified":"2024-08-08T21:53:44","modified_gmt":"2024-08-08T20:53:44","slug":"berufsrevolutionare","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=365","title":{"rendered":"Berufsrevolution\u00e4re"},"content":{"rendered":"<p><img class=\"size-full wp-image-2166 aligncenter\" src=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/wp-content\/uploads\/2010\/03\/Aditya-Novali-360-Series-Rebellious-Silent-Detail-1-2012-indoartnow-com.jpg\" alt=\"\" width=\"90%\" srcset=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/wp-content\/uploads\/2010\/03\/Aditya-Novali-360-Series-Rebellious-Silent-Detail-1-2012-indoartnow-com.jpg 800w, https:\/\/www.woydt.be\/blog\/wp-content\/uploads\/2010\/03\/Aditya-Novali-360-Series-Rebellious-Silent-Detail-1-2012-indoartnow-com-300x200.jpg 300w, https:\/\/www.woydt.be\/blog\/wp-content\/uploads\/2010\/03\/Aditya-Novali-360-Series-Rebellious-Silent-Detail-1-2012-indoartnow-com-768x512.jpg 768w\" sizes=\"(max-width: 800px) 100vw, 800px\" \/><\/p>\n<p>&#8220;Die Geschichte des Berufsrevolution\u00e4rs im neunzehnten und zwanzigsten Jahrhundert geh\u00f6rt in Wahrheit weder in die Geschichte der <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=234\">arbeitenden<\/a> noch der <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=177\">besitzenden<\/a> Klassen, wohl aber in die noch nicht <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=482\">geschriebene<\/a> Geschichte des produktiven <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=76\">M\u00fc\u00dfiggangs<\/a>. In dieser Hinsicht geh\u00f6ren die Berufsrevolution\u00e4re in die gleiche Kategorie wie die modernen K\u00fcnstler und Schriftsteller, die zwar auch oft genug Hungerleider waren, aber sich dennoch den Luxus leisteten, nicht f\u00fcr ihren Lebensunterhalt zu arbeiten. Sie sind alle zusammen die wirklichen Erben der <em>hommes de lettres<\/em> des siebzehnten und achtzehnten Jahrhunderts, und sie taten sich zusammen in der Boh\u00e8me, weil f\u00fcr sie alle &#8216;das <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=217\">Wort<\/a> bourgeois einen \u00e4sthetisch nicht weniger als politisch verha\u00dften Klang hatte&#8217;. F\u00fcr sie alle wurde die Boh\u00e8me eine Insel seligen M\u00fc\u00dfiggangs inmitten des unertr\u00e4glich gesch\u00e4ftigen Jahrhunderts der industriellen Revolution. Aber selbst in dieser neuen Klasse der M\u00fc\u00dfigg\u00e4nger erfreute sich der Berufsrevolution\u00e4r noch besonderer <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=5346\">Privilegien<\/a>, weil nur er sich gemeinhin mit gar keiner irgendwie spezifizierten Arbeit abzugeben hatte. Er hatte wahrhaftig am wenigsten Grund, sich \u00fcber Mangel an <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=218\">Zeit<\/a> zum Nachdenken und <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=196\">studieren<\/a> zu beklagen, und hierf\u00fcr ist es nicht weiter wichtig, ob diese wesentlich dem Studium gewidmete Lebensweise in den ber\u00fchmten <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=378\">Bibliotheken<\/a> von Paris und London vonstatten ging oder in Wiener und Schweizer Kaffeeh\u00e4usern oder schlie\u00dflich in den keineswegs unertr\u00e4glichen Gef\u00e4ngnissen der verschiedenen Vorkriegsregime. &#8230;<\/p>\n<p>Der Ausbruch einer Revolution befreit die lokalen Berufsrevolution\u00e4re aus ihren jeweiligen Aufenthaltsorten, aus den Gef\u00e4ngnissen und den Bibliotheken und den Kaffeeh\u00e4usern. &#8230; Nicht <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=361\">Revolutionen<\/a> zu machen, sondern die <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=34\">Macht<\/a> zu ergreifen, wenn sie ausgebrochen sind, ist Sache des Berufsrevolution\u00e4rs. &#8230; Bekannt sind die Namen der Redner, der Verfasser von Flugschriften, der Parteif\u00fchrer, nicht aber die von Verschw\u00f6rern und Mitgliedern von Geheimgesellschaften, die es kaum je zu mehr als zu einigen aufsehenerregenden Attentaten bringen, die zudem noch meist mit Hilfe der Geheimpolizei zustande kommen. &#8230;<\/p>\n<p>Es sind gew\u00f6hnlich die Berufsrevolution\u00e4re, welche die einmal ausgebrochene <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=180\">Revolution<\/a> in die Hand bekommen, und da sie selbstverst\u00e4ndlich ihr Handwerk in der Lehre vergangener <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=347\">Revolutionen<\/a> <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=1762\">gelernt<\/a> haben, sind gerade sie besonders ungeeignet, das wirklich Neue einer Revolution zu sehen und zu verstehen. &#8230;<\/p>\n<p>Wo immer die Revolution scheinbar siegte, die Ein-Partei-Diktatur, also angeblich die Diktatur des Proletariats, in Wahrheit die der Berufsrevolution\u00e4re, sich schlie\u00dflich durchsetzte; und das hat noch immer bedeutet, da\u00df die Organe und <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=588\">Institutionen<\/a> der Revolution schlie\u00dflich von den &#8216;revolution\u00e4ren&#8217; <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=226\">Parteien<\/a> erledigt wurden, zumeist in einem Kampf, der erheblich blutiger war als der Kampf gegen die &#8216;Konterrevolution&#8217;.&#8221;<\/p>\n<blockquote><p>aus: Hannah Arendt: \u00dcber die Revolution. M\u00fcnchen: Piper 1963, S.332-338.<\/p>\n<p>Abb.: Aditya Novali: Rebellious Silent, Detail #1, 2012, indoartnow, <a href=\"https:\/\/indoartnow.com\/artists\/aditya-novali\">im Internet<\/a>.<\/p><\/blockquote>\n<p style=\"text-align: right;\">03\/10<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8220;Die Geschichte des Berufsrevolution\u00e4rs im neunzehnten und zwanzigsten Jahrhundert geh\u00f6rt in Wahrheit weder in die Geschichte der arbeitenden noch der besitzenden Klassen, wohl aber in die noch nicht geschriebene Geschichte des produktiven M\u00fc\u00dfiggangs. 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