{"id":378,"date":"2010-12-18T14:57:10","date_gmt":"2010-12-18T12:57:10","guid":{"rendered":"http:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=378"},"modified":"2023-12-21T23:49:14","modified_gmt":"2023-12-21T22:49:14","slug":"bibliotheken","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=378","title":{"rendered":"Bibliotheken"},"content":{"rendered":"<p><img class=\"size-full wp-image-2320 aligncenter\" src=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/wp-content\/uploads\/2010\/12\/hubertus-gojowczyk-tuer-zur-bibliothek-documenta6-1977.jpg\" alt=\"\" width=\"90%\" srcset=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/wp-content\/uploads\/2010\/12\/hubertus-gojowczyk-tuer-zur-bibliothek-documenta6-1977.jpg 1024w, https:\/\/www.woydt.be\/blog\/wp-content\/uploads\/2010\/12\/hubertus-gojowczyk-tuer-zur-bibliothek-documenta6-1977-300x231.jpg 300w, https:\/\/www.woydt.be\/blog\/wp-content\/uploads\/2010\/12\/hubertus-gojowczyk-tuer-zur-bibliothek-documenta6-1977-768x592.jpg 768w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/p>\n<p>&#8220;Modell einer schlechten Bibliothek in 19 Punkten &#8230;<\/p>\n<p>1) Die Kataloge m\u00fcssen so weit wie m\u00f6glich aufgeteilt werden: man verwende gr\u00f6\u00dfte Sorgfalt darauf, den Katalog der <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=52\">B\u00fccher<\/a> von dem der Zeitschriften zu trennen und den der Zeitschriften vom Schlagwort- oder Sachkatalog, desgleichen den Katalog der neuerworbenen <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=53\">B\u00fccher<\/a> von dem der \u00e4lteren Best\u00e4nde. Nach M\u00f6glichkeit sollte die Orthographie in den beiden B\u00fccherkatalogen (Neuerwerbungen und alter Bestand) verschieden sein: beispielsweise Begriffe wie &#8220;Code&#8221; in dem einen mit C in dem anderen mit K oder Eigennamen wie Tschaikowsky bei Neuerwerbungen mit einem \u010c, bei den anderen mal mit Ch, mal mit Tch.<\/p>\n<p>2) Die Schlagworte m\u00fcssen vom Bibliothekar bestimmt werden. Die B\u00fccher d\u00fcrfen &#8230; im Impressum keinen Hinweis auf die Schlagworte tragen, unter denen sie aufgef\u00fchrt werden sollen.<\/p>\n<p>3) Die Signaturen m\u00fcssen so beschaffen sein, da\u00df man sie nicht korrekt abschreiben kann, nach M\u00f6glichkeit so viele Ziffern und Buchstaben, da\u00df man beim Ausf\u00fcllen des Bestellzettels nie genug Platz f\u00fcr die letzte Chiffre hat und sie f\u00fcr unwichtig h\u00e4lt; so da\u00df dann der Schalterbeamte den Zettel als unvollst\u00e4ndig ausgef\u00fcllt zur\u00fcckgeben kann.<\/p>\n<p>4) Die <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=218\">Zeit<\/a> zwischen Bestellung und Aush\u00e4ndigung eines Buches mu\u00df sehr lang sein.<\/p>\n<p>5) Es darf immer nur ein Buch auf einmal ausgeh\u00e4ndigt werden.<\/p>\n<p>6) Die ausgeh\u00e4ndigten B\u00fccher d\u00fcrfen, da mit Leihschein bestellt, nicht in den Lesesaal mitgenommen werden, so da\u00df man sein <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=122\">Leben<\/a> in zwei Teile <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=1654\">aufspalten<\/a> mu\u00df, einen f\u00fcr die Lekt\u00fcre zu Hause und einen f\u00fcr die Konsultation im Lesesaal. Die Bibliothek muss das kreuzweise <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=127\">Lesen<\/a> mehrerer B\u00fccher erschweren, da es zum Schielen f\u00fchrt.<\/p>\n<p>7) Es sollte m\u00f6glichst \u00fcberhaupt keine Fotokopierer geben; falls doch einer da ist, mu\u00df der Zugang weit und beschwerlich sein, der Preis f\u00fcr eine Kopie mu\u00df h\u00f6her sein als im n\u00e4chsten Papiergesch\u00e4ft und die Zahl der Kopien begrenzt auf h\u00f6chstens zwei bis drei Seiten.<\/p>\n<p>8) Der Bibliothekar muss den <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=483\">Leser<\/a> als einen Feind betrachten, als Nichtstuer (andernfalls w\u00e4re er bei der <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=234\">Arbeit<\/a>) und als potentiellen Dieb.<\/p>\n<p>9) Fast das ganze Personal mu\u00df an irgendwelchen k\u00f6rperlichen Gebrechen leiden. &#8230; Gewisse T\u00e4tigkeiten in einer Bibliothek &#8230; [wie] das Klettern auf Leitern, das Tragen schwerer Lasten etc. [m\u00fcssen ihm unm\u00f6glich sein] &#8230;<\/p>\n<p>10) Die Auskunft mu\u00df unerreichbar sein.<\/p>\n<p>11) Das Ausleihverfahren mu\u00df abschreckend sein.<\/p>\n<p>12) Die Fernleihe sollte unm\u00f6glich sein oder jedenfalls Monate dauern; am besten, man sorgt daf\u00fcr, da\u00df der Benutzer gar nicht erst erfahren kann, was es in anderen Bibliotheken gibt.<\/p>\n<p>13) Infolge all dessen mu\u00df Diebstahl m\u00f6glichst leichtgemacht werden.<\/p>\n<p>14) Die \u00d6ffnungszeiten m\u00fcssen genau mit den Arbeitszeiten zusammenfallen, also vorsorglich mit den Gewerkschaften abgestimmt werden: totale Schlie\u00dfung an allen Samstagen, Sonntagen, abends und w\u00e4hrend der Mittagspausen. Der gr\u00f6\u00dfte Feind jeder Bibliothek ist der Werkstudent, ihr bester Freund einer &#8230; der seine <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=55\">eigene Bibliothek<\/a> besitzt, also keine \u00f6ffentliche aufsuchen mu\u00df und dieser die seine bei seinem Ableben hinterl\u00e4\u00dft.<\/p>\n<p>15) Es mu\u00df unm\u00f6glich sein, sich innerhalb der Bibliothek irgendwie leiblich zu st\u00e4rken, und es mu\u00df auch unm\u00f6glich sein, sich au\u00dferhalb der Bibliothek zu st\u00e4rken, ohne zuvor alle ausgeliehenen B\u00fccher zur\u00fcckgegeben zu haben, um sie dann nach der Kaffeepause erneut zu bestellen.<\/p>\n<p>16) Es mu\u00df unm\u00f6glich sein, das einmal ausgeliehene Buch am n\u00e4chsten Tag wiederzufinden.<\/p>\n<p>17) Es mu\u00df unm\u00f6glich sein zu erfahren, wer das fehlende Buch ausgeliehen hat.<\/p>\n<p>18) Es darf m\u00f6glichst keine Toiletten geben.<\/p>\n<p>19) Ideal w\u00e4re schlie\u00dflich, wenn der Benutzer die Bibliothek gar nicht erst betreten k\u00f6nnte; betritt er sie aber doch, stur und pedantisch auf einem Recht beharrend, das ihm aufgrund der Prinzipien von 1789 konzediert worden ist, aber noch nicht Eingang ins kollektive Bewu\u00dftsein gefunden hat, so darf er auf keinen Fall, nie und nimmer, au\u00dfer bei seinen kurzen Besuchen im Lesesaal, Zugang zu den B\u00fccherregalen selbst haben.<\/p>\n<blockquote><p>aus: Umberto Eco: Die Bibliothek. M\u00fcnchen, Wien: Hanser 1987, S.15-19<\/p>\n<p>Abb.: Hubertus Gojowczyk: T\u00fcr zur Bibliothek, Documenta6, Kassel, 1977, <a href=\"https:\/\/live.staticflickr.com\/8546\/8678885983_34ac3c43ed_b.jpg\">im Internet<\/a>.<\/p><\/blockquote>\n<p style=\"text-align: right;\">12\/10<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8220;Modell einer schlechten Bibliothek in 19 Punkten &#8230; 1) Die Kataloge m\u00fcssen so weit wie m\u00f6glich aufgeteilt werden: man verwende gr\u00f6\u00dfte Sorgfalt darauf, den Katalog der B\u00fccher von dem der Zeitschriften zu trennen und den der Zeitschriften vom Schlagwort- oder Sachkatalog, desgleichen den Katalog der neuerworbenen B\u00fccher von dem der \u00e4lteren Best\u00e4nde. 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