{"id":394,"date":"2011-08-21T23:33:01","date_gmt":"2011-08-21T21:33:01","guid":{"rendered":"http:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=394"},"modified":"2024-03-02T01:24:20","modified_gmt":"2024-03-02T00:24:20","slug":"kitsch","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=394","title":{"rendered":"Kitsch"},"content":{"rendered":"<p><img class=\"size-full wp-image-4651 aligncenter\" src=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/wp-content\/uploads\/2011\/08\/1_4-scaled.jpg\" alt=\"\" width=\"80%\" srcset=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/wp-content\/uploads\/2011\/08\/1_4-scaled.jpg 2560w, https:\/\/www.woydt.be\/blog\/wp-content\/uploads\/2011\/08\/1_4-300x225.jpg 300w, https:\/\/www.woydt.be\/blog\/wp-content\/uploads\/2011\/08\/1_4-1024x768.jpg 1024w, https:\/\/www.woydt.be\/blog\/wp-content\/uploads\/2011\/08\/1_4-768x576.jpg 768w, https:\/\/www.woydt.be\/blog\/wp-content\/uploads\/2011\/08\/1_4-1536x1152.jpg 1536w, https:\/\/www.woydt.be\/blog\/wp-content\/uploads\/2011\/08\/1_4-2048x1536.jpg 2048w\" sizes=\"(max-width: 2560px) 100vw, 2560px\" \/><\/p>\n<p>&#8220;&#8230; Ist also die <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=119\">Kunst<\/a> nicht ein Mittel, um den Kitsch vom <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=122\">Leben<\/a> abzubl\u00e4ttern? Schichtenweise legt sie ihn blo\u00df. Je abstrakter sie wird, desto durchsichtiger wird die Luft. Je weiter sie sich vom Leben entfernt, desto <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=36\">klarer<\/a> wird sie? Welche Verkehrtheit ist es, zu behaupten, das Leben sei wichtiger als die Kunst! Das Leben ist gut, so weit es der Kunst standh\u00e4lt: was nicht kunstf\u00e4hig am Leben ist, ist Kitsch! Aber was ist Kitsch?<\/p>\n<p>Der <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=392\">Dichter<\/a> X. w\u00e4re in einer noch etwas schlechteren <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=218\">Zeit<\/a> ein beliebter Familienblatterz\u00e4hler geworden. Er h\u00e4tte dann vorausgesetzt, da\u00df das Herz auf bestimmte Situationen immer mit den gleichen bestimmten Gef\u00fchlen <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=514\">antwortet<\/a>. Der Edelmut w\u00e4re in der bekannten Weise edel, das verlassene <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=111\">Kind<\/a> beweinenswert und die Sommerlandschaft herzst\u00e4rkend gewesen. Es ist zu bemerken, da\u00df sich damit zwischen den <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=1876\">Gef\u00fchlen<\/a> und den <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=217\">Worten<\/a> eine feste, eindeutige, gleichbleibende Beziehung eingestellt h\u00e4tte, wie sie das Wesen des Begriffs ausmacht. Der Kitsch, der sich so viel auf das Gef\u00fchl zugute <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=95\">tut<\/a>, macht also aus Gef\u00fchlen Begriffe.<\/p>\n<p>Nun ist aber X. infolge der Zeitumst\u00e4nde statt guter Familienblatterz\u00e4hler schlechter Expressionist geworden. Als solcher stellt er geistige Kurzschl\u00fcsse her. Er ruft <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=141\">Mensch<\/a>, <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=92\">Gott<\/a>, Geist, G\u00fcte, Chaos und spritzt aus solchen Vokabeln gebildete S\u00e4tze aus. Wenn er die volle Vorstellung oder wenigstens die volle Unvorstellbarkeit mit ihnen verb\u00e4nde, so k\u00f6nnte er das gar nicht tun. Aber die Worte sind lang vor ihm in <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=53\">B\u00fcchern<\/a> und <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=232\">Zeitungen<\/a> schon sinnvolle und sinnlose Verbindungen eingegangen, er hat sie oft beisammen gesehen, und schon bei kleinster Ladung mit Bedeutung zuckt zwischen ihnen der Funke. Das ist aber nur die Folge davon, da\u00df er nicht an erlebten Vorstellungen <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=59\">denken<\/a> <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=1762\">gelernt<\/a> hat, sondern schon an den von ihnen abgezogenen Begriffen.<\/p>\n<p>Der Kitsch erweist sich in diesen beiden F\u00e4llen als etwas, was das Leben von den Begriffen abbl\u00e4ttert. Schichtenweise legt er sie blo\u00df. Je abstrakter er wird, desto kitschiger wird er. Der Geist ist gut, soweit er noch dem Leben standh\u00e4lt.<br \/>\nAber was ist Leben?<\/p>\n<p>Leben ist leben: wer es nicht kennt, dem ist es nicht zu beschreiben. Es ist Freundschaft und Feindschaft, Begeisterung und Ern\u00fcchterung, Peristaltik und Ideologie. Das Denken hat neben anderen Zwecken den, geistige <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=160\">Ordnungen<\/a> darin zu schaffen. Auch zu zerst\u00f6ren. Aus vielen Erscheinungen des Lebens macht der Begriff eins, und ebenso oft macht eine Erscheinung des Lebens aus einem Begriff viele neue. Bekanntlich wollen unsere Dichter nicht mehr denken, seit sie von der <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=1516\">Philosophie<\/a> geh\u00f6rt zu haben glauben, da\u00df man Gedanken nicht denken darf, sondern sie leben mu\u00df.<br \/>\nDas Leben ist an allem schuld.<br \/>\nAber um Gottes Willen: was ist leben?<\/p>\n<p>Es ergeben sich zwei Syllogismen:<br \/>\nDie Kunst bl\u00e4ttert den Kitsch vom Leben.<br \/>\nDer Kitsch bl\u00e4ttert das Leben von den Begriffen.<br \/>\nUnd: Je abstrakter die Kunst wird, desto mehr wird sie Kunst.<br \/>\nJe abstrakter der Kitsch wird, desto mehr wird er Kitsch.<br \/>\nDas sind zwei herrliche Syllogismen. Wer sie aufl\u00f6sen k\u00f6nnte?<br \/>\nNach dem zweiten scheint es das Kitsch = Kunst ist. Nach dem ersten aber ist Kitsch = Begriff &#8211; Leben. Kunst = Leben &#8211; Kitsch = Leben &#8211; Begriff + Leben = zwei Leben &#8211; Begriff. Nun ist aber, nach II, Leben = 3x Kitsch und daher Kunst = 6x Kitsch &#8211; Begriff.<br \/>\nAlso was ist Kunst? &#8230;&#8221;<\/p>\n<blockquote><p>aus: Robert Musil: Unfreundliche Betrachtungen. In: ders.: Nachla\u00df zu Lebzeiten. Reinbek: Rororo, 1962 (1957), S. 53-55<\/p>\n<p>Abb.: Thomas Hirschhorn: Eye to Eye-Subjecter, 2010. Exhibition view &#8220;Kunst &amp; Philosophie&#8221; at NBK, Berlin, 2011, im Internet.<\/p><\/blockquote>\n<p style=\"text-align: right;\">08\/11<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8220;&#8230; Ist also die Kunst nicht ein Mittel, um den Kitsch vom Leben abzubl\u00e4ttern? Schichtenweise legt sie ihn blo\u00df. Je abstrakter sie wird, desto durchsichtiger wird die Luft. Je weiter sie sich vom Leben entfernt, desto klarer wird sie? Welche Verkehrtheit ist es, zu behaupten, das Leben sei wichtiger als die Kunst! 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