{"id":402,"date":"2011-12-11T01:02:25","date_gmt":"2011-12-10T23:02:25","guid":{"rendered":"http:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=402"},"modified":"2023-12-21T23:52:35","modified_gmt":"2023-12-21T22:52:35","slug":"vorfahren","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=402","title":{"rendered":"Vorfahren"},"content":{"rendered":"<p>&#8220;Ich begebe mich unter Tote, ich mu\u00df leise <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=2563\">sprechen<\/a>. Einige dieser Toten sind tot f\u00fcr mich, andere <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=122\">leben<\/a> in meinen Handbewegungen, meiner Kopfform, wie ich Zigaretten rauche und <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=25\">Liebe<\/a> <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=95\">mache<\/a>, gleichsam in ihrem Auftrag esse ich bestimmte Speisen. Sie sind viele. Der <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=141\">Mensch<\/a> f\u00fchlt sich lange allein unter den Menschen; eines Tages gelangt er in die Gesellschaft seiner Toten und bemerkt ihre st\u00e4ndige, taktvolle <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=421\">Gegenwart<\/a>. Sie tr\u00fcben kaum ein W\u00e4sserchen. Ich fing sp\u00e4t an, mit der Familie meiner Mutter in Verwandtschaft zu leben; eines Tages <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=220\">h\u00f6rte<\/a> ich ihre Stimme, als ich sprach, sah ich ihre Gesten, als ich gr\u00fc\u00dfte, das Glas hob. Die &#8216;<a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=103\">Individualit\u00e4t<\/a>&#8216;, das wenige was der Mensch als Neues seinem Selbst hinzuf\u00fcgt, ist verschwindend gering neben dem Erbe, das uns die Toten hinterlassen. Menschen, die ich nie gesehen habe, leben und <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=181\">sch\u00f6pfen<\/a>, erregen, sehnen und f\u00fcrchten sich in mir weiter. Mein Gesicht ist das Abbild meines Gro\u00dfvaters m\u00fctterlicherseits, meine H\u00e4nde habe ich von Vaters Familie, mein <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=124\">Temperament<\/a> aus Mutters Verwandtschaft geerbt. In bestimmten Augenblicken, wenn ich beleidigt werde oder rasch entscheiden mu\u00df, denke und sage ich wahrscheinlich wortw\u00f6rtlich, was mein Gro\u00dfvater in der m\u00e4hrischen M\u00fchle vor siebzig Jahren dachte und sagte.<\/p>\n<p>&#8230; [Das Portrait meines Gro\u00dfvaters] h\u00e4ngt in meinem Zimmer an der Wand, ich sehe ihm verbl\u00fcffend \u00e4hnlich. Auch mein Gesicht wirkt genie\u00dferisch, weich und fleischig, die Lippen meines sinnlichen Mundes h\u00e4ngen, und lie\u00dfe ich mir einen Vollbart wachsen, w\u00e4re ich ein Double des <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=303\">Fremden<\/a>, der mich vom Foto anstarrt. Von ihm habe ich die Wanderlust geerbt, meine Sensibilit\u00e4t, meine slawische Ruhelosigkeit und meine Zweifel. Dieser fremde Mensch lebt kraftvoll in mir weiter. <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=2049\">Wahrscheinlich<\/a> erbt man von seinen Vorfahren nicht nur die Statur; wie ich seinen Mund, seine Stirn, seine Augen und seine Kopfform trage, so leben in mir auch seine Bewegungen, sein Lachen, seine l\u00fcsternen Neigungen, eine gewisse Laxheit und Hochn\u00e4sigkeit. Auch ich trage die Buchhaltung meines Lebens und meiner Angelegenheiten mit Vorliebe in den Taschen herum. Aber es lebt in mir noch ein anderer Gro\u00dfvater, der strenger, finsterer und pedantischer ist, er ist ebenfalls fr\u00fch gestorben, ich habe ihn nie gekannt. Diese Fremden, mit denen ich leben mu\u00df, lassen mich &#8211; denjenigen, den ich tastend und mit M\u00fche aus mir gedrechselt habe &#8211; selten zu <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=217\">Wort<\/a> kommen&#8230;&#8221;<\/p>\n<blockquote><p>aus: S\u00e1ndor M\u00e1rai: Bekenntnisse eines <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=565\">B\u00fcrgers<\/a> 1, Berlin\/St. Petersburg: Oberbaum 2000 (leicht gek\u00fcrzte Fassung; ungarische Originalausg. 1934).<\/p><\/blockquote>\n<p style=\"text-align: right;\">12\/11<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8220;Ich begebe mich unter Tote, ich mu\u00df leise sprechen. Einige dieser Toten sind tot f\u00fcr mich, andere leben in meinen Handbewegungen, meiner Kopfform, wie ich Zigaretten rauche und Liebe mache, gleichsam in ihrem Auftrag esse ich bestimmte Speisen. Sie sind viele. 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