{"id":4083,"date":"2023-12-05T18:34:56","date_gmt":"2023-12-05T16:34:56","guid":{"rendered":"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=4083"},"modified":"2024-03-05T01:18:12","modified_gmt":"2024-03-05T00:18:12","slug":"babyboomer","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=4083","title":{"rendered":"Babyboomer"},"content":{"rendered":"<p>&#8220;Manche <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=221\">Babyboomer<\/a> pflegen einen selbstzufriedenen R\u00fcckblick auf ihre <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=442\">Jugend<\/a>. Hach, waren wir rebellisch! Hach, was hatten wir f\u00fcr tolle Musik! Ach, wie traurig muss es sein, heute jung zu sein, mit der ganzen Angst vor <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=2977\">Klimawandel<\/a>, <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=325\">Krieg<\/a>, <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=3360\">KI<\/a> und so weiter. Ich aber w\u00fcrde sofort tauschen.<\/p>\n<p>Um mit der Musik zu beginnen: Abgesehen davon, dass die tolle Musik der Beatles und Stones, Kinks, Who, Dylan, Byrds usw. usf., von den schwarzen Bluesern ganz zu schweigen, in <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=71\">Europa<\/a> kaum irgendwo zu h\u00f6ren war \u2013 in Gro\u00dfbritannien auf Radio Luxemburg und so genannten Piratensendern in der Nordsee, bei uns in West-Deutschland auch auf Radio Luxemburg, wenn man ein FM-Radio hatte und lange genug aufblieb, und sonst nur dort, wo man die Soldatensender AFN oder BFN h\u00f6ren konnte, und auch da nur zu bestimmten Tageszeiten \u2013 und dass man ungeheuer viel Mist von Peter Alexander oder Engelbert Humperdinck \u00fcber sich ergehen lassen musste, bis man in irgendeiner Schlager- oder Hitparadensendung endlich etwas Vern\u00fcnftiges h\u00f6ren konnte; abgesehen also davon, dass wir die Musik ja eben nicht &#8216;hatten&#8217;: Die wirklich tolle Musik war ja auch deshalb so toll, weil sie Protest war gegen die <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=218\">Zeiten<\/a>, die so finster waren. &#8230;<\/p>\n<p>Der Rock\u2019n\u2019Roll hatte zwar den Einbruch des Lustprinzips in die formierte Gesellschaft angek\u00fcndigt, aber das angeschlagene <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=3001\">Leistungs<\/a>&#8211; und <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=504\">Konsum<\/a>prinzip hatte sich gefangen, hatte aus Rock-Rebellen Familienv\u00e4ter, aus der Revolte einen Stil gemacht, was, wie George Melly feststellt, die Grundfunktion des Jugendprotests in der Marktwirtschaft ist. Aber das wussten wir ebenso wenig wie es heute die Leute von &#8216;Fridays For Future&#8217; usw. ahnen.<\/p>\n<p>Der Kalte Krieg tat ein \u00dcbriges, um die Aufs\u00e4ssigkeit im Zaum zu halten. Elvis ging in die Armee; und als ich mir sieben Jahre sp\u00e4ter aus Begeisterung f\u00fcr die Beatles die Haare \u00fcber die Ohren wachsen lie\u00df, wurde ich nicht nur von den \u00e4lteren Jungen meines deutschen Internats mit Scheren gejagt, sondern musste mir vom <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=2807\">sozialdemokratischen<\/a> Rektor dieser Reformschule eine Predigt anh\u00f6ren, der zufolge die <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=29\">Kommunisten<\/a> nur auf solche Zeichen der Dekadenz warteten, um uns einzusacken. &#8230;<\/p>\n<p>Aber ich schweife ab. Man sagt, in den 1960ern habe eine sexuelle Revolution stattgefunden; aber die Revolution war nur deshalb n\u00f6tig, weil die sexuellen Zust\u00e4nde so repressiv waren. &#8230; Und f\u00fcr Frauen und M\u00e4dchen hundertmal repressiver als f\u00fcr Jungen und M\u00e4nner. Sp\u00e4ter haben die Pille und der Minirock, kurzum die Leistungs- und Konsumgesellschaft, dem Lustprinzip Geltung verschafft; aber es war f\u00fcr junge M\u00e4dchen in den 1960er Jahren fast unm\u00f6glich, an die Pille heranzukommen. Weder Jungen noch M\u00e4dchen wussten genau, wie Sexualit\u00e4t funktioniert, und das Ganze war so mit Angst vor Schwangerschaft und Entdeckung, mit <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=228\">Tabus<\/a> und Ekel, Mythen und L\u00fcgen besetzt, dass es eigentlich ein <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=846\">Wunder<\/a> ist, dass wir nicht alle noch viel verklemmter waren und sind.<\/p>\n<p>Und eben kein Wunder, dass ein Song, in dem es immer wieder hechelnd hei\u00dft, ich versuche, versuche, versuche, aber ich kriege keine Befriedigung, zum Schlachtruf \u2013 oder zum orgiastischen Sammelruf \u2013 einer ganzen Generation wurde. &#8230;<\/p>\n<p>Und verstanden doch den Song falsch. Denn allenfalls in der dritten Strophe geht es um die sexuelle Befriedigung. &#8230; Jagger sagt aber auch irgendwo, das Thema des Songs sei gar nicht der Sex, sondern die &#8216;Entfremdung&#8217;. Und da hat er nat\u00fcrlich, wie meistens, <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=171\">Recht<\/a>.<\/p>\n<p>Denn in der ersten Strophe geht es um &#8216;nutzlose <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=411\">Information<\/a>&#8216; im Radio, deren Zweck nur darin bestehe, &#8216;meine <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=520\">Fantasie<\/a> zu befeuern&#8217;; und in der zweiten um die Fernsehwerbung &#8230; Es geht also um das, was Theodor Adorno die &#8216;Bewusstseinsindustrie&#8217; nannte, um die Manipulation unserer Bed\u00fcrfnisse durch die <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=136\">Medien<\/a>. &#8230; Es geht, der dritten Strophe zum Trotz, nicht um die Unm\u00f6glichkeit, Sex zu haben, sondern um die existenzielle Unm\u00f6glichkeit, in der <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=800\">Konsum<\/a>gesellschaft wirkliche Befriedigung zu finden.&#8221;<\/p>\n<blockquote><p>aus: Alan Posener: Das Jagger-Richards-Songbuch (13): Satisfaction, starke meinungen de, 21.9.23, <a href=\"https:\/\/starke-meinungen.de\/blog\/2023\/09\/21\/das-jagger-richards-songbuch-13-satisfaction\/#more-9955\">im Internet<\/a>.<\/p><\/blockquote>\n<p style=\"text-align: right;\">12\/23<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8220;Manche Babyboomer pflegen einen selbstzufriedenen R\u00fcckblick auf ihre Jugend. 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