{"id":434,"date":"2013-07-02T23:25:56","date_gmt":"2013-07-02T21:25:56","guid":{"rendered":"http:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=434"},"modified":"2024-05-20T16:12:44","modified_gmt":"2024-05-20T15:12:44","slug":"witwe","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=434","title":{"rendered":"Witwe"},"content":{"rendered":"<p><img class=\"size-full wp-image-4889 aligncenter\" src=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/07\/stoetzer-fleischsaeule-web.jpg\" alt=\"\" width=\"80%\" srcset=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/07\/stoetzer-fleischsaeule-web.jpg 1400w, https:\/\/www.woydt.be\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/07\/stoetzer-fleischsaeule-web-300x200.jpg 300w, https:\/\/www.woydt.be\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/07\/stoetzer-fleischsaeule-web-1024x682.jpg 1024w, https:\/\/www.woydt.be\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/07\/stoetzer-fleischsaeule-web-768x512.jpg 768w\" sizes=\"(max-width: 1400px) 100vw, 1400px\" \/><\/p>\n<p>&#8220;Merkw\u00fcrdig, da\u00df der Witwenstand, ganz abgesehen von dem pers\u00f6nlichen Verlust und dem pers\u00f6nlichen <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=6\">Alleinbleiben<\/a> als eine Art von Dem\u00fctigung fast \u00fcberall empfunden wird. Familienstand: ledig, verheiratet, geschieden, verwitwet, nicht Zutreffendes zu durchstreichen, ich kenne keine Frau, die das Wwe. als Ehrentitel empf\u00e4nde. Es scheint schon dem \u00dcberleben etwas Anr\u00fcchiges anzuhaften, etwas von \u00fcblem <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=122\">Lebenswillen<\/a> und Lebenstrotz, zugleich auch etwas Ver\u00e4chtliches &#8211; sie hat ihren Mann verloren, wir haben unsere M\u00e4nner noch, fahren zusammen ins Gr\u00fcne, gehen zusammen durch die Stra\u00dfen, das kommt doch nicht von ungef\u00e4hr. Tats\u00e4chlich haftet jeder Witwe etwas von einer Gattenm\u00f6rderin an. Weswegen sie denn auch, immer vorausgesetzt, da\u00df sie keine eigene <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=234\">Arbeit<\/a>, keinen eigenen Freundeskreis hat, gestraft wird mit Vernachl\u00e4ssigung, gnadenhaften Einladungen, aber es gibt, dank der h\u00f6heren Lebenserwartung der Frauen, so viele Witwen, so viele Bruchst\u00fccke, mit denen man sich sein Wohnzimmer nicht voll setzen mag. Sie sind zudem selten ganz normal, vielmehr sonderbar, <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=2563\">sprechen<\/a> ununterbrochen von ihrem Verewigten, oder \u00fcberhaupt nicht, sehen sich aber auch dann mit Gieraugen um, sagt doch etwas, sprecht \u00fcber <em>ihn<\/em>, er kann doch f\u00fcr euch nicht ganz tot sein, wie oft hat er hier gesessen oder gestanden, die H\u00e4nde in den Taschen, an eure <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=55\">B\u00fccherwand<\/a> gelehnt. Warum tut ihr so, als ob es ihn nie gegeben h\u00e4tte, warum erkundigt Ihr euch nicht, wie ich alleine zurecht komme, ich komme niemals zurecht. Witwen und Verheiratete, das geht nicht zusammen, schon weil Witwen so etwas sind wie ein ewiges Memento mori, weil man ihnen allerhand b\u00f6se W\u00fcnsche zutraut, sei nur nicht so stolz auf den Herren Gatten, eines Tages bleibst du auch allein. Die Witwen zuhause zu besuchen, ist auch l\u00e4stig, ist unter Umst\u00e4nden das Zimmer des Mannes seit seinem Tod unver\u00e4ndert geblieben, kein Gegenstand verr\u00fcckt, die angebissene Semmel, verstaubt nun, auf einem Tellerchen, Abdruck seiner Z\u00e4hne, daneben der letzte ihm auf den Schreibtisch gestellte Blumenstrau\u00df, Verdorrtes in gr\u00fcngelbem, schleimigen Wasser, im Sofakissen eine kleine Kuhle, sein letzter Mittagsschlaf, pomadengl\u00e4nzend, und die Schubladen noch alle voll mit seinem Kram. Oder auch ganz anders, die Schubladen leer, die Schr\u00e4nke leer, alles schon in der ersten Woche verschenkt oder verkauft, Gro\u00dfreinemachen, neue Tapeten, neue <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=144\">M\u00f6bel<\/a>bez\u00fcge, was etwa noch gefunden wird, eine Brille, ein altes Taschenmesser, kommt in den M\u00fclleimer, alle Gegenst\u00e4nde haben den Geruch des Todes angenommen, der mu\u00df aus dem Haus. Verr\u00fccktheiten so oder so, Unsicherheiten der Witwenschaft, in der man wie auf Eis geht und dazu noch im Nebel, in dem sich nichts mehr \u00fcberblicken l\u00e4\u00dft und nichts von sich selber versteht. So da\u00df den Witwen, selbst den vielfachen M\u00fcttern und Gro\u00dfm\u00fcttern nichts \u00fcbrig bleibt als ein Schattendasein, so resolut sie sich auch geb\u00e4rden m\u00f6gen, so sehr manche von ihnen nach einigen Jahren das <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=441\">Selbstbestimmenk\u00f6nnen<\/a> genie\u00dfen. Wunde schatten, tatkr\u00e4ftige Schatten, irrsinnige, irr-sinnende auf jeden Fall.&#8221;<\/p>\n<blockquote><p>aus: Marie-Louise Kaschnitz: Tage, Tage, Jahre. Aufzeichnungen. Frankfurt\/Main: Insel 1968, S.58\/59<\/p>\n<p>Abb.: Gabriele St\u00f6tzer: Fleischs\u00e4ule Europa, 1991, <a href=\"https:\/\/kunstmuseum-magdeburg.de\/unverschaemt-rebellisch\/\">im Internet<\/a>.<\/p><\/blockquote>\n<p style=\"text-align: right;\">07\/13<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8220;Merkw\u00fcrdig, da\u00df der Witwenstand, ganz abgesehen von dem pers\u00f6nlichen Verlust und dem pers\u00f6nlichen Alleinbleiben als eine Art von Dem\u00fctigung fast \u00fcberall empfunden wird. Familienstand: ledig, verheiratet, geschieden, verwitwet, nicht Zutreffendes zu durchstreichen, ich kenne keine Frau, die das Wwe. als Ehrentitel empf\u00e4nde. 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