{"id":457,"date":"2014-01-06T02:08:19","date_gmt":"2014-01-06T00:08:19","guid":{"rendered":"http:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=457"},"modified":"2024-08-08T21:52:08","modified_gmt":"2024-08-08T20:52:08","slug":"liberalismus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=457","title":{"rendered":"Liberalismus"},"content":{"rendered":"<p><img class=\"size-full wp-image-4164 aligncenter\" src=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/01\/th-2808841262.jpeg\" alt=\"\" width=\"90%\" srcset=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/01\/th-2808841262.jpeg 474w, https:\/\/www.woydt.be\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/01\/th-2808841262-300x200.jpeg 300w\" sizes=\"(max-width: 474px) 100vw, 474px\" \/><\/p>\n<p>&#8220;Der Begriff &#8216;Liberalismus&#8217; ist so schl\u00fcpfrig, wie ein politischer <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=217\">Begriff<\/a> nur sein kann. Heute tendiert er desto mehr nach <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=20\">links<\/a>, je weiter man sich westw\u00e4rts bewegt. &#8230;<\/p>\n<p>Um diese Bedeutungsvielfalt zu verstehen, m\u00fcssen wir ins 17. und 18. Jahrhundert zur\u00fcckgehen. Damit erhob sich <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=311\">Kritik<\/a> an der Allmacht von Monarchen, Adligen, P\u00e4psten und Bisch\u00f6fen. &#8230; Keiner dieser <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=34\">M\u00e4chtigen<\/a> mochte zugestehen, da\u00df jeder <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=141\">Mensch<\/a> \u00fcber naturgegebene <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=172\">Rechte<\/a> verf\u00fcgt; in ihren Augen gab es lediglich <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=5346\">Privilegien<\/a> und detailliert spezifizierte Freiheiten, die nur sie selbst einr\u00e4umen und jederzeit wieder entziehen konnten. &#8230;<\/p>\n<p>Die Forderung der Kaufleute, die <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=130\">M\u00e4rkte<\/a> dem Zugriff weltlicher und geistlicher Autorit\u00e4ten zu entziehen, die an der Vergabe von Handelsmonopolen erhebliche Profite zogen, vereinte sich mit dem allgemeinen Ruf nach <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=237\">Freiheit<\/a> als einem unersetzlichen, unteilbaren, unwiderruflichen Menschenrecht. Da sich die bestehenden Machtverh\u00e4ltnisse in Kirche, <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=21\">Staat<\/a> und in der Klasse der Grundeigent\u00fcmer nicht einfach wegwischen lie\u00dfen, f\u00fchrte das Streben nach mehr Freiheit in der Praxis zu vielf\u00e4ltigen Separationen: der Trennung von Wirtschaft und Politik, von Kirche und <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=349\">Staat<\/a> sowie der Losl\u00f6sung der <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=103\">individuellen<\/a> Lebensf\u00fchrung von jeglicher kollektiver Moral. &#8230; Durch die so bewerkstelligte Aufteilung des <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=122\">Lebens<\/a> in &#8216;Lebensbereiche&#8217; lie\u00df sich der Einflu\u00df der bislang M\u00e4chtigen zur\u00fcckdr\u00e4ngen; individuelle Freir\u00e4ume entstanden. &#8230;<\/p>\n<p>Am Ende des 19. Jahrhunderts waren das <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=565\">b\u00fcrgerliche<\/a> <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=66\">Eigentum<\/a> und die mit ihm einhergehenden liberalen Rechte auf den Privatbesitz an Produktionsmitteln und die Besch\u00e4ftigung von Arbeitnehmern ihrerseits Quellen von Macht und Dominanz geworden, &#8230; Die Tradition des Liberalismus zerfiel in zwei Str\u00e4nge. &#8230;<\/p>\n<p>Der <em>sozialliberale<\/em> Strang konzentrierte sich auf die Rechte der <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=234\">arbeitenden<\/a> Massen &#8230; So fanden sich die Sozialliberalen nicht selten in der unbehaglichen Gesellschaft von <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=189\">Sozialisten<\/a> wieder, welche die Macht des Staates <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=309\">nutzen<\/a> wollten, um das Privateigentum an den Produktionsmitteln abzuschaffen.<\/p>\n<p>Daneben gab es aber auch einen <em>wirtschaftsliberalen<\/em> Strang, der auf die Freiheit der Arbeitgeber, Investoren und des Marktes setzte. <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=30\">Wirtschaftsliberale<\/a> fanden sich zunehmend an der Seite ihrer alten <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=3\">konservativen<\/a> <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=305\">Gegner<\/a> wieder. &#8230;<\/p>\n<p>In den zwanziger Jahren hatte die freie, von staatlicher Intervention weitgehend verschonte kapitalistische Marktwirtschaft versagt und der Welt die Gro\u00dfe <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=4807\">Depression<\/a> eingebracht. Zu Beginn der drei\u00dfiger Jahre versprachen drei alternative Ans\u00e4tze zur Organisation der Wirtschaft weit mehr Effizienz und <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=2445\">Wachstum<\/a>: der in der UdSSR praktizierte <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=29\">Kommunismus<\/a>, der <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=29\">deutsche<\/a> und italienische Faschismus bzw. Nationalsozialismus sowie diverse Kombinationen von staatlicher Nachfragesteuerung und sozialstaatlicher Intervention, die in den USA und Skandinavien &#8230; erprobt wurden. &#8230;<\/p>\n<p>Nach dem <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=325\">Krieg<\/a> war eines dieser Modelle, das faschistische, bzw. nationalsozialistische, am Ende [es blieben die anderen beiden] &#8230;<\/p>\n<p>Das alte liberale Ideal einer von staatlichen Eingriffen freien Marktwirtschaft schien tot und begraben.<\/p>\n<p>Der Liberalismus selbst \u00fcberlebte in seiner sozialliberalen Variante als Forderung nach diversen Rechten und Freiheiten &#8211; wobei er auf die eine grundlegende Forderung nach einer von staatlichen Eingriffen uneingeschr\u00e4nkten Verf\u00fcgung \u00fcber im Privatbesitz befindliche Produktionsmittel verzichtete. &#8230;<\/p>\n<p>Die Forderung nach uneingeschr\u00e4nkten Eigent\u00fcmerrechten &#8230; bliebt f\u00fcr die Wohlhabenden nat\u00fcrlich attraktiv. Sie standen stets bereit, um die <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=131\">intellektuellen<\/a> Projekte des Wirtschaftsliberalismus zu finanzieren und seinen Protagonisten \u00fcber die mageren Jahre hinwegzuhelfen. &#8230; Unter F\u00fchrung des ber\u00fcchtigten Senators Eugene McCarthy wurde dabei der Wirtschaftsliberalismus mit dem Verzicht auf jegliche Liberalit\u00e4t verteidigt. Auch das trug dazu bei, da\u00df der Begriff &#8216;liberal&#8217; heute in den USA f\u00fcr das Gegenteil dessen steht, was er in <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=71\">Europa<\/a> bedeutet, n\u00e4mlich das Eintreten f\u00fcr den Sozialstaat und staatliche Eingriffe in die Wirtschaft. &#8230;<\/p>\n<p>Noch vor dem Ende des <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=26\">Zweiten Weltkriegs<\/a> entwarfen einige deutsche und \u00f6sterreichische Liberale eine Wirtschaftsordnung f\u00fcr das <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=435\">befreite<\/a> Deutschland. &#8230; Diesen Liberalen gefiel es nicht, da\u00df der ungehemmte Wettbewerb sich oftmals selbst abschafft, indem der am Markt Erfolgreichste seine Konkurrenz aufkauft, wodurch riesige Konzerne und Monopole entstehen. Sie orientieren sich daher an der <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=14\">amerikanischen<\/a> Antitrustpolitik &#8230; Statt schrankenloser Marktwirtschaft bef\u00fcrworteten sie den sogenannten <em>Ordoliberalismus<\/em>, bei dem die Einhaltung einer vom Staat festgelegten Wettbewerbsordung beh\u00f6rdlich \u00fcberwacht wird. Dieses Modell, sp\u00e4ter als &#8216;soziale Marktwirtschaft&#8217; bezeichnet, bestimmt lange die deutsche Wirtschaftspolitik der Nachkriegszeit. Infolge einer weiteren schicksalshaften Umkehrung politischer Begriffe wurde es dann, obwohl urspr\u00fcnglich von Wirtschaftsliberalen im Kampf gegen den interventionistischen Sozialstaat erdacht, in den achtziger Jahren mit diesem gleichgesetzt.<\/p>\n<p>Die neuen Wirtschaftsliberalen gestanden Eingriffe in den Markt &#8230; zu, sahen die Aufgabe des Staates, vor allem der Justiz, &#8230; allein darauf beschr\u00e4nkt, dessen reibungsloses Funktionieren zu gew\u00e4hrleisten. Diese <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=102\">Idee<\/a> fand in den USA breiten Widerhall, wo man sie als neoliberal bezeichnete, da man unter Liberalismus inzwischen linke Politik verstand. &#8230;<\/p>\n<p>Die Geschwindigkeit, mit der der Keynesianismus und andere Modelle staatlicher Unterst\u00fctzung der \u00d6konomie in den Wirtschaftswissenschaften durch monetaristische und andere neoliberale Ideen verdr\u00e4ngt wurden, war atemberaubend. 1974 ging der Nobelpreis f\u00fcr Wirtschaft noch zu gleichen Teilen an Friedrich von Hayek, einen der Sch\u00f6pfer des deutschen Ordoliberalismus, und Gunnar Myrdal, einen der Begr\u00fcnder der modernen schwedischen <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=301\">Sozialdemokratie<\/a>. Bereits 1976 ging er an Milton Friedman &#8230;&#8221;<\/p>\n<blockquote><p>aus: Colin Crouch: Das befremdliche \u00dcberleben des Neoliberalismus. Frankfurt(Main): Suhrkamp 2011, S.21-37.<\/p>\n<p>Abb.: The European.<\/p><\/blockquote>\n<p style=\"text-align: right;\">01\/14<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8220;Der Begriff &#8216;Liberalismus&#8217; ist so schl\u00fcpfrig, wie ein politischer Begriff nur sein kann. Heute tendiert er desto mehr nach links, je weiter man sich westw\u00e4rts bewegt. &#8230; Um diese Bedeutungsvielfalt zu verstehen, m\u00fcssen wir ins 17. und 18. Jahrhundert zur\u00fcckgehen. 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