{"id":463,"date":"2014-04-05T12:53:51","date_gmt":"2014-04-05T10:53:51","guid":{"rendered":"http:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=463"},"modified":"2023-12-18T01:04:26","modified_gmt":"2023-12-18T00:04:26","slug":"redezwang","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=463","title":{"rendered":"Redezwang"},"content":{"rendered":"<p>&#8220;Im \u00fcbrigen, was ich Ihnen gestern \u00fcber die sogenannte <em>Sturmsonate<\/em> gesagt habe, ist sicher interessant und ich bin auch sicher, da\u00df, was ich Ihnen \u00fcber diese sogenannte Sturmsonate gesagt habe, stimmt, aber ist doch <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=2049\">wahrscheinlich<\/a> f\u00fcr mich selbst interessanter, als f\u00fcr Sie. So ergeht es einem ja immer, da\u00df man \u00fcber ein Thema spricht, weil einen dieses Thema fasziniert, aber es fasziniert einen selber mehr als den, dem wir es letzten Endes doch mit aller krampfhaften R\u00fccksichtslosigkeit, zu der wir f\u00e4hig sind, aufzwingen. &#8230; Jeder hat seinen eigenen, seinen <em>ur<\/em>eigenen Redezwang, und ich habe den musikwissenschaftlichen Redezwang schon mein ganzes musikwissenschaftliches Leben &#8230; Nat\u00fcrlich kann ich heute auch sagen, da\u00df alles <em>heute<\/em> Unsinn ist, was ich <em>gestern<\/em> \u00fcber die <em>Sturmsonate<\/em> gesagt habe, so wie ja alles Unsinn ist, was gesagt wird, <em>aber wir sagen diesen Unsinn doch \u00fcberzeugend<\/em>, sagte Reger. Alles Gesagte stellt sich \u00fcber kurz oder lang als Unsinn heraus, aber wenn wir es \u00fcberzeugend sagen, mit der unglaublichsten Vehemenz, die uns m\u00f6glich ist, ist es ja kein Verbrechen, sagte er. Was wir <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=59\">denken<\/a>, sollten wir auch sagen, sagte Reger, und wir geben im Grunde so lange keine Ruhe, bis wir es gesagt haben, wenn wir es verschweigen, ersticken wir daran. Die <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=141\">Menschheit<\/a> w\u00e4re l\u00e4ngst erstickt, wenn sie ihren im Verlauf ihrer Geschichte gedachten Unsinn verschwiegen h\u00e4tte, jeder einzelne, der zu lange schweigt, erstickt, auch die Menschheit kann nicht zu lange schweigen, denn dann erstickt sie, auch wenn es doch nur immer Unsinn ist, das der einzelne denkt, das die Menschheit denkt und das der einzelne jemals gedacht hat und das die Menschheit jemals gedacht hat. Einmal sind wir Redek\u00fcnstler, einmal Schweigek\u00fcnstler und wir perfektionieren diese <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=119\">Kunst<\/a> bis zum \u00c4u\u00dfersten, sagte er, unser <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=122\">Leben<\/a> ist genau in dem Grade interessant, in dem wir unsere Redekunst wie unsere Schweigekunst haben <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=448\">entwickeln<\/a> k\u00f6nnen. &#8230; Gerade weil sie <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=201\"><em>theoretisch<\/em><\/a> an Musik tats\u00e4chlich gar nicht interessiert sind, sind Sie das ideale <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=159\">Opfer<\/a> meiner Auseinandersetzungen mit der Musik, sagte Reger. <em>Sie h\u00f6ren aufmerksam zu und widersprechen nicht<\/em>, sagte er, Sie lassen meine <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=2563\">Reden<\/a> in Ruhe, das brauche ich, gleich was es wert ist, was ich sage, es ebnet mir nur den Weg durch diese f\u00fcrchterliche, glauben Sie mir, doch tats\u00e4chlich sehr selten <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=91\">gl\u00fccklich<\/a> machende musikalische Existenz &#8230;&#8221;<\/p>\n<blockquote><p>aus: Thomas Bernhard: Alte Meister, Frankfurt (Main): Suhrkamp 1985, S. 185-189.<\/p><\/blockquote>\n<p style=\"text-align: right;\">04\/14<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8220;Im \u00fcbrigen, was ich Ihnen gestern \u00fcber die sogenannte Sturmsonate gesagt habe, ist sicher interessant und ich bin auch sicher, da\u00df, was ich Ihnen \u00fcber diese sogenannte Sturmsonate gesagt habe, stimmt, aber ist doch wahrscheinlich f\u00fcr mich selbst interessanter, als f\u00fcr Sie. 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