{"id":470,"date":"2014-07-11T23:51:16","date_gmt":"2014-07-11T21:51:16","guid":{"rendered":"http:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=470"},"modified":"2023-12-18T01:00:57","modified_gmt":"2023-12-18T00:00:57","slug":"nationsbildung-und-zerfall","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=470","title":{"rendered":"Nationsbildung und -zerfall"},"content":{"rendered":"<p>&#8220;Die Gabe, <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=147\">Nationen<\/a> zu schaffen, ist ein quid divinum, eine Gabe, die so unleitbar ist wie die des Dichters, Musikers oder Religionsstifters. Geistig ungemein hellen V\u00f6lkern ging diese F\u00e4higkeit ab, und anderen wissenschaftlich und k\u00fcnstlerisch weniger begabten war sie im h\u00f6chsten Grade gegeben. Athen mit all seinem Scharfsinn vermochte nicht, das \u00f6stliche Mittelmeerbecken zu einer Nation zusammenzuschlie\u00dfen, w\u00e4hrend Rom und Kastilien, zwei V\u00f6lker von beschr\u00e4nktem Geist, die beiden gewaltigsten Staatsgebilde errichten haben, &#8230;<\/p>\n<p>[Das staatenbildende Talent ist] &#8230; ein Herrrschertalent &#8230;, kein theoretisches Verm\u00f6gen, keine reiche <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=520\">Phantasie<\/a> und keine tiefe und mitrei\u00dfende Gef\u00fchlsbewegtheit religi\u00f6ser Art. Es ist ein Wollen- und Gebietenk\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Gebieten aber ist nicht schlechthin ein \u00dcberzeugen und nicht schlechthin ein Zwingen, sondern eine feine Mischung aus beidem. &#8230; Bei jedem echten Eingliederungsproze\u00df ist die <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=88\">Gewalt<\/a> Nebensache. Die wahrhaft wirkende Kraft, die ihn ausl\u00f6st und treibt, ist immer der Glaube an eine nationale Aufgabe, ein einleuchtender Vorschlag zu einem <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=122\">Leben<\/a> in Gemeinschaft. Wir weisen jede statische Deutung der nationalen Lebensgemeinschaft zur\u00fcck und wollen <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=1762\">lernen<\/a>, sie dynamisch zu verstehen. Wenn <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=141\">Menschen<\/a> zusammenleben, so hat das seine guten Gr\u00fcnde. Die Gruppen, welche einen <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=21\">Staat<\/a> bilden, tun es f\u00fcr etwas: sie sind ein Zweck, ein Bed\u00fcrfnis, eine Nutzgemeinschaft. Sie vereinigen sich nicht, um zusammen zu sein, sondern um zusammen etwas zu <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=95\">tun<\/a>. &#8230;<\/p>\n<p>Nicht das Gestern, das <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=208\">Vergangene<\/a>, der \u00fcberlieferte Besitz ist entscheidend f\u00fcr die Existenz einer Nation &#8230; Nationen bilden sich und bestehen aus keinem anderen Grund, als weil sie etwas f\u00fcr morgen vorhaben. &#8230;<\/p>\n<p>Als es der traditionellen kastilischen Politik gelang, den klaren, durchdringenden Geist Fedinands des Katholischen f\u00fcr ihre Ziele zu gewinnen, was alles m\u00f6glich gemacht. Der geniale aragonische Fuchs begriff, da\u00df die Kastilier recht hatten. &#8230; Damals entstand Spanien. Aber wof\u00fcr? &#8230; Man verbindet sich, um die Energien Spaniens in die vier Winde zu zerstreuen, um den Erdball zu \u00fcberfluten um ein gr\u00f6\u00dferes und immer gr\u00f6\u00dferes Reich zu schaffen. &#8230; Das Ergebnis war, da\u00df zum erstenmal in der abendl\u00e4ndischen Geschichte die Idee einer Weltpolitik entstand: Spanien wurde geschaffen, um sie auszuf\u00fchren. &#8230;<\/p>\n<p>Solange Spanien Pl\u00e4ne zu verwirklichen hatte und sich ein Sinn hinter der Lebensgemeinschaft der Halbinsel abzeichnete, schritt die nationale Eingliederung fort. &#8230; Alles was [dagegen] seit 1580 in Spanien geschehen ist, [war] Niedergang und Zerfall &#8230; Es beginnt mit der Befreiung der Niederlande und Mailands, dann folgt Neapel. Im Anfang des 19. Jahrhunderts br\u00f6ckeln die gro\u00dfen \u00fcberseeischen Besitzungen ab und an seinem Ende die kleineren amerikanischen und pazifischen Kolonien. Um 1900 ist Spanien fast wieder beschr\u00e4nkt auf seine urspr\u00fcnglichen Grenzen auf der iberischen Halbinsel. Doch die Aufl\u00f6sung geht weiter. &#8230;<\/p>\n<p>Der Eingliederungsproze\u00df f\u00fcgte bis dahin isolierte soziale Gruppen als Teile in ein Ganzes ein. Der Zerfallsproze\u00df geht in umgekehrter Richtung: die Teile des Ganzen beginnen wieder f\u00fcr sich zu leben. Diese Erscheinung des geschichtlichen Lebens nenne ich Partikularismus. &#8230;<\/p>\n<p>Hiernach ist es klar, da\u00df es mir leichtfertig erscheinen mu\u00df, wenn man die katalanischen und baskischen Unabh\u00e4ngigkeitsbestrebungen f\u00fcr k\u00fcnstliche, willk\u00fcrlich von wenigen Ehrgeizigen aufgewiegelte Bewegungen ansieht. Ich halte sie vielmehr f\u00fcr das greifbare Symptom des Zerfallszustandes, in dem sich Spanien befindet. Die <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=148\">nationalistischen<\/a> <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=201\">Theorien<\/a> und die politischen Programme des Regionalismus sind allerdings von geringem Interesse und zum gr\u00f6\u00dften Teil k\u00fcnstlich. &#8230; Wer sich in der Politik an das Gesagte h\u00e4lt, wird kl\u00e4glich untergehen. &#8230; Wesentlich f\u00fcr den Partikularismus ist, da\u00df die einzelnen Gruppen aufh\u00f6ren, sich selbst als Teile zu empfinden, und infolge davon aufh\u00f6ren, die Gef\u00fchle der anderen Gruppen zu teilen. &#8230; Charakteristisch f\u00fcr diesen sozialen Zustand ist andererseits die <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=563\">\u00dcberempfindlichkeit<\/a> f\u00fcr die eigenen \u00dcbel. \u00c4rger und Schwierigkeiten, die in <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=218\">Zeiten<\/a> des Zusammenstehens leicht genommen werden, erscheinen unertr\u00e4glich, wenn die Seele der Gruppe sich aus der nationalen Gemeinschaft gel\u00f6st hat. &#8230;<\/p>\n<p>Wenn ein Gemeinschaftswesen dem Partikularismus zum Opfer f\u00e4llt, kann man immer ohne weiteres sagen, da\u00df die Zentralmacht die erste gewesen sein mu\u00df, die davon ergriffen wurde. Und das ist in Spanien geschehen. Kastilien hat Spanien gemacht, und Kastilien <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=219\">vernichtet<\/a> es. &#8230; Kastilien &#8230; lud die V\u00f6lkerschaften der Halbinsel zur Mitarbeit an einem gewaltigen Projekt &#8230; ein &#8230; Unter Philipp III. jedoch wird eine verh\u00e4ngnisvolle Wandlung sp\u00fcrbar. &#8230; Kastilien verkehrt sich in sein \u00e4u\u00dferstes Gegenteil: es wird mi\u00dftrauisch, engherzig, geizig, \u00fcbellaunig. Es ist wenig mehr darum bek\u00fcmmert, die Lebensenergien der anderen Regionen zu erh\u00f6hen, es neidet sie ihnen eher und \u00fcberl\u00e4\u00dft sie sich selbst &#8230;<\/p>\n<p>Uns Spaniern sucht die \u00f6ffentliche Gewalt seit langem einzureden, da\u00df wir nur existieren, damit sie sich die Ehre geben kann dazusein. Da das ein reichlich fadenscheiniger Grund ist, zerbr\u00f6selt und zerf\u00e4llt Spanien.&#8221;<\/p>\n<blockquote><p>aus: Jos\u00e9 Ortega y Gasset: Aufbau und Zerfall einer Nation. In: ders.: Stern und Unstern. Stuttgart: DVA 1952, S.73-94. Span. Originalausgabe des Aufsatzes von 1922,<\/p><\/blockquote>\n<p style=\"text-align: right;\">07\/14<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8220;Die Gabe, Nationen zu schaffen, ist ein quid divinum, eine Gabe, die so unleitbar ist wie die des Dichters, Musikers oder Religionsstifters. Geistig ungemein hellen V\u00f6lkern ging diese F\u00e4higkeit ab, und anderen wissenschaftlich und k\u00fcnstlerisch weniger begabten war sie im h\u00f6chsten Grade gegeben. 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