{"id":506,"date":"2015-08-23T17:53:15","date_gmt":"2015-08-23T15:53:15","guid":{"rendered":"http:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=506"},"modified":"2024-02-18T00:36:14","modified_gmt":"2024-02-17T23:36:14","slug":"visualitat","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=506","title":{"rendered":"Mysterium"},"content":{"rendered":"<p><img class=\"size-full wp-image-4636 aligncenter\" src=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/wp-content\/uploads\/2015\/08\/auf-der-suche-nach-wandlung-zrenner.jpeg\" alt=\"\" width=\"90%\" srcset=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/wp-content\/uploads\/2015\/08\/auf-der-suche-nach-wandlung-zrenner.jpeg 1400w, https:\/\/www.woydt.be\/blog\/wp-content\/uploads\/2015\/08\/auf-der-suche-nach-wandlung-zrenner-300x169.jpeg 300w, https:\/\/www.woydt.be\/blog\/wp-content\/uploads\/2015\/08\/auf-der-suche-nach-wandlung-zrenner-1024x576.jpeg 1024w, https:\/\/www.woydt.be\/blog\/wp-content\/uploads\/2015\/08\/auf-der-suche-nach-wandlung-zrenner-768x432.jpeg 768w\" sizes=\"(max-width: 1400px) 100vw, 1400px\" \/><\/p>\n<p>&#8220;Religion ist zun\u00e4chst einmal eine sinnliche <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=310\">Erfahrung<\/a>, nicht eine des Verstandes. Als <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=111\">Kinder<\/a> erleben wir den Glauben in Sprache, Musik, Bildern und &#8211; denken Sie an den Weihrauch! &#8211; in Ger\u00fcchen. Vielleicht auch in der Z\u00e4rtlichkeit, mit der die Mutter, der Vater am Bett mit uns das Nachtgebet gesprochen hat. Die Kulturleistung des Glaubens, die Vermittlung der Religion, funktioniert \u00fcber die Sinne. &#8230;<\/p>\n<p>Der Islam ist eine Religion des Ohres, weil <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=92\">Gott<\/a> im Koran Sprache geworden ist, Klang. Aber Jesus Christus ist auf Erden erschienen, Gott ist im Christentum ein <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=141\">Mensch<\/a> geworden, der nachgebildet und nachgeahmt wird. Auch im Islam gibt es Visuelles &#8230; aber doch tendenziell stets in der Abstraktion. &#8230;<\/p>\n<p>Im Christentum ist dagegen das gegenst\u00e4ndliche Bild so zentral, wie man das weder f\u00fcr den Islam noch f\u00fcr das Judentum sagen k\u00f6nnte. &#8230; Die Skulptur einer hilflosen, ratlosen, hemmungslos weinenden Mutter, die ihren erwachsenen, abgemagerten Sohn in den Armen h\u00e4lt, das verstehen wir auf einer unmittelbaren Ebene, selbst wenn wir gar nicht w\u00fcssten, dass es <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=839\">Maria<\/a> und Jesus sind. Alles wirkt \u00fcber die unmittelbar sinnliche Erfahrung. &#8230;<\/p>\n<p>Vielleicht reagiere ich auf Bilder auch st\u00e4rker, weil sie meiner Herkunft fremd waren: Ich bin nicht nur im Islam bilderlos aufgewachsen, sondern auch in meiner christlichen Umgebung, im damals noch sehr protestantischen Siegen. Dort ging es eher unsinnlich zu, Religion wurde mehr als eine ethische Botschaft verstanden. Hier im <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=239\">katholischen<\/a> K\u00f6ln erlebe ich das nat\u00fcrlich anders. &#8230;<\/p>\n<p>Dieses protestantische Christentum, das ich auf einem Forum des Kirchentages h\u00f6re oder das mir in der evangelischen Beilage der <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=232\">Zeitung<\/a> begegnet, mag ja sympathisch sein, aber es l\u00e4sst mich kalt. Es kommt mir oft wie eine Doppelung dessen vor, was uns der gesunde Menschenverstand ohnehin sagt. &#8230; Heute muss ich in die Philharmonie gehen, um religi\u00f6s ber\u00fcckt zu werden.<\/p>\n<p>Die Missachtung und Geringsch\u00e4tzung der Form finden Sie zwar auch in der katholischen Kirche, das finden Sie &#8211; und wie! &#8211; auch bei den Muslimen, die im 20. Jahrhundert eine Art Protestantisierung durchgemacht haben. Aber ich erinnere mich noch an die Faszination eines protestantischen Gottesdienstes mit der Lutherbibel, mit den Liedern, die auswendig gesungen und noch auf dem Nachhauseweg gesummt wurden. Gerade der Protestantismus, der mir heute oft so unsinnlich vorkommt, h\u00e4tte sich ohne die poetische Kraft der Lutherbibel niemals ausgebreitet. &#8230;<\/p>\n<p>Der Protestantismus hat vor allem versucht, Religion verstehbar zu machen: Dass jeder die Bibel versteht, war ein Leitgedanke, der auch absolut plausibel ist und eine notwendige Reaktion auf eine verkn\u00f6cherte Orthodoxie war. Aber in der Bewegung, die der Protestantismus in Gang gesetzt hat, hat Religion zunehmend ihr Mysterium eingeb\u00fc\u00dft. &#8230; Das Geheimnis, das \u00fcber uns steht, aber unser Schicksal bestimmt &#8211; das ist im Laufe des 20. Jahrhunderts sehr redlich ausgemerzt worden. &#8230; Je <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=34\">m\u00e4chtiger<\/a> der Mensch &#8230; wurde, desto geringer erschien ihm das Mysterium. Wir sp\u00fcren nicht mehr im Alltag wie der Mensch vor tausend Jahren, dass es Dinge gibt, die au\u00dferhalb von uns sind, auf die wir keinen Einflu\u00df haben. Und doch gibt es sie &#8230;&#8221;<\/p>\n<blockquote><p>aus: Navid Kermani: &#8220;Religion ist eine sinnliche Erfahrung&#8221;, Interviewt durch Alexander Cammann, Die Zeit, 20.08.15, S.37\/38.<\/p>\n<p>Abb.: Andrea Zrenner: Verwandlung, 2020, <a href=\"https:\/\/www.bistumsmuseen-regensburg.de\/kunst-entdecken\/dasein-die-kuenstler-und-ihre-werke\/kunstwerk\/104-auf-der-suche-nach-wandlung.html\">im Internet<\/a>.<\/p><\/blockquote>\n<p style=\"text-align: right;\">08\/15<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8220;Religion ist zun\u00e4chst einmal eine sinnliche Erfahrung, nicht eine des Verstandes. 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