{"id":515,"date":"2015-11-25T12:07:12","date_gmt":"2015-11-25T10:07:12","guid":{"rendered":"http:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=515"},"modified":"2023-12-16T17:58:39","modified_gmt":"2023-12-16T16:58:39","slug":"bildungskrisen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=515","title":{"rendered":"Bildungskrisen"},"content":{"rendered":"<p><img class=\"size-full wp-image-2151 aligncenter\" src=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/wp-content\/uploads\/2007\/10\/14-Hendra-Hehe-tv-eye-tv-girl-2011-indieguerillas-com.jpg\" alt=\"\" width=\"40%\" srcset=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/wp-content\/uploads\/2007\/10\/14-Hendra-Hehe-tv-eye-tv-girl-2011-indieguerillas-com.jpg 516w, https:\/\/www.woydt.be\/blog\/wp-content\/uploads\/2007\/10\/14-Hendra-Hehe-tv-eye-tv-girl-2011-indieguerillas-com-218x300.jpg 218w\" sizes=\"(max-width: 516px) 100vw, 516px\" \/><\/p>\n<p>&#8220;In westlichen Gesellschaften &#8230; wurden seit Ende des 19. Jahrhunderts st\u00e4ndig &#8216;Erziehungskrisen&#8217; beschworen, die also entweder immer da sein m\u00fcssten oder auf geheimnisvolle Weise nie eintreten. Im ersten Fall w\u00e4re die <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=2570\">Erziehung<\/a> gleichbedeutend mit der eigenen Krise, was absurd ist; im zweiten Fall w\u00e4re Krise nur ein st\u00e4ndiges Gerede, das allein die <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=136\">Medien<\/a> besch\u00e4ftigt. Tats\u00e4chlich aber reagieren Erziehungs<a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=588\">institutionen<\/a> &#8230; auf Krisen immer positiv, also nie achselzuckend oder gleichg\u00fcltig. Krisen sind dazu da, \u00fcberwunden zu werden, und Katastrophen d\u00fcrfen nie wirklich die p\u00e4dagogische Existenz bedrohen, so dass immer gen\u00fcgend Gewissheit vorhanden ist, die Umkehr zu erreichen und einen neuen Weg einschlagen zu k\u00f6nnen. &#8230;<\/p>\n<p>Alle diese &#8216;Krisen&#8217; sind mit starken Medieninszenierungen und sehr schwachen Normalit\u00e4tsannahmen verbunden gewesen, die vor allem ein Thema kannten, angesichts der Situation die rasche Wendung zum Besseren oder eine neue Erziehung, die die alte abl\u00f6sen sollte. Die Deutung der Krisen wird weitgehend kritiklos \u00fcbernommen, es werden keine methodologischen oder erkenntnistheoretischen Fragen gestellt, der Fokus auch der wissenschaftlichen Diskussion richtet sich auf Verbesserung der Praxis, deren Defizite festzustehen scheinen. Daher ist der Ausgang der Krise immer ein praktischer:<\/p>\n<ul>\n<li>Der Sputnik-Schock [1957] wurde mit Forderungen nach weitreichenden Curriculumrevisionen verbunden,<\/li>\n<li>die deutschen Bildungskatastrophe [1964] zog einen Umbau des Bildungssystems nach sich,<\/li>\n<li>aus &#8216;A Nation at Risk&#8217; [1983] entwickelte sich das \u201eStandard-Movement,<\/li>\n<li>der &#8216;Aufbruch in der <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=50\">Bildungs<\/a>politik&#8217; [1997] hatte Organisationsreformen zur Folge<\/li>\n<li>und PISA [2001] f\u00fchrt zum Aufbau eines zielorienterten Kontrollsystems. &#8230;<\/li>\n<\/ul>\n<p>&#8216;Bildungskrisen&#8217; sind interessierte Konstrukte, sie werden erfunden, um Politik in Gang zu bringen. &#8230;<\/p>\n<ul>\n<li>Krisenszenarien entwickeln aus Anzeichen Gesamtbilder, die einen Panorama-Blick auf das Ganze des <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=28\">Systems<\/a> erm\u00f6glichen sollen.<\/li>\n<li>Der Blick richtet sich von der <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=86\">Gegenwart<\/a> in die Zukunft, weitgehend unter Missachtung von <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=310\">Erfahrungen<\/a> der <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=208\">Vergangenheit<\/a>.<\/li>\n<li>F\u00fcr ihre Erfinder sind Krisen daher nie Wiederholungen, das w\u00fcrde die \u201eKrise\u201c erheblich abschw\u00e4chen und unglaubw\u00fcrdig machen, sondern immer <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=161\">Originale<\/a>, die dringlich Handlungsbedarf nahe legen.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Bildungskrisen sind spezielle Konstruktionen von ziemlicher Prognoseschw\u00e4che. Es sind &#8230; p\u00e4dagogische Aufrufe, die eine bestimmte Situation reflektieren und zumeist stark <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=397\">Zeitgeist<\/a> gebunden argumentieren. Es sind umgekehrte Kassandra-Rufe, n\u00e4mlich Warnungen, die geh\u00f6rt werden, obwohl oder weil sie nur Weissagungen sind. &#8230;<\/p>\n<p>Alle meine Stichworte &#8230; stammen aus Expertendiskussionen, die scheinbar selbstlos auf schwere Krisensymptome reagieren, unmittelbar Abhilfe schaffen wollen und nat\u00fcrlich Interesse habe, dass die Krise m\u00f6glichst lange dauert oder nach ihrer Bew\u00e4ltigung m\u00f6glichst schnell eine neue Krise erfunden wird.&#8221;<\/p>\n<blockquote><p>aus: J\u00fcrgen Oelkers: &#8220;P\u00e4dagogik der Gegenwart&#8221;, Vorlesung im WS 2002\/2003, 20.10.2002, <a href=\"https:\/\/www.ife.uzh.ch\/research\/emeriti\/oelkersjuergen\/alteskripte\/005_Gesamt0203.pdf\">im Volltext im Internet<\/a>, S.3, 25, 27\/28, 53\/54, etwas umgestellt.<\/p>\n<p>Abb.: Hendra Hehe: TV eye &#8211; TV girl, 2011, indieguerillas, <a href=\"https:\/\/indieguerillas.com\/work\/tv-eye\/\">im Internet<\/a>.<\/p><\/blockquote>\n<p style=\"text-align: right;\">11\/15<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8220;In westlichen Gesellschaften &#8230; wurden seit Ende des 19. 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