{"id":531,"date":"2016-02-23T12:52:53","date_gmt":"2016-02-23T10:52:53","guid":{"rendered":"http:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=531"},"modified":"2023-08-29T14:56:17","modified_gmt":"2023-08-29T12:56:17","slug":"ich","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=531","title":{"rendered":"Ich 1"},"content":{"rendered":"<p>&#8220;&#8230; Doch <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=1918\">ich<\/a> hatte vergessen, mich auf das Wichtigste vorzubereiten: auf die Studenten. Ich glaubte, sie seien so \u00e4hnlich wie &#8216;wir&#8217;. &#8230; Ich merkte: Es gab nicht einmal eine brauchbare Hypothese zu den Zweit- und Drittsemestern, die da im Fr\u00fchjahr 2000 vor mir sa\u00dfen. Nirgends stand geschrieben, dass sie sich weniger um die Bel\u00fcftung des politischen Prozesses als um den Fl\u00fcssigkeitshaushalt ihres K\u00f6rpers sorgen w\u00fcrden. &#8230;<\/p>\n<p>Politisches nehmen die <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=442\">jungen<\/a> Erwachsenen, die einen erweiterten Politikbegriff einklagen, nur dann wahr, wenn es an ihr <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=1876\">Gef\u00fchl<\/a> appelliert und nicht an ihre <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=403\">Pflicht<\/a>. &#8230; Vielleicht fing alles damit an, dass im Wetterbericht &#8230; die Meteo-Moderatoren begannen, von gef\u00fchlter Temperatur zu faseln. Die n\u00e4chste Stufe ist das gef\u00fchlte Wahlergebnis. &#8230;<\/p>\n<p>Diese <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=433\">Alters<\/a>gruppe will nicht die <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=34\">Macht<\/a> verstehen, sie will sie auch nicht unbedingt erobern, sie will sich verstanden f\u00fchlen. Nur das Pers\u00f6nliche ist politisch. &#8230;<\/p>\n<p>Was l\u00e4sst die Studenten so schonend mit ihren Rederessourcen umgehen? Sicherlich ihr Sinn f\u00fcr Effizienz, aber auch ihre Verletzlichkeit. &#8230; Als ich auf der Meinungsseite der ZEIT im Mai 2012 \u00fcber meine Erfahrungen nach gut zehn Jahren an der Uni geschrieben habe &#8230; reagierten auffallend viele studentische <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=483\">Leser<\/a> nicht argumentativ, sondern schrieben in Mails und Kommentaren &#8216;Der Text hat mich <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=563\">verletzt<\/a>&#8216;. Das Lob f\u00fcr den Artikel fiel \u00e4hnlich gef\u00fchlsbeladen aus. &#8230;<\/p>\n<p>Das &#8216;Ich&#8217; war fr\u00fcher in <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=232\">Zeitungsartikeln<\/a> tabu &#8230; Heute gilt das Ich mit Recht als Voraussetzung daf\u00fcr, dass ein Artikel \u00fcberhaupt wahrgenommen wird. &#8230; Das Ich betont die Einzigartigkeit und macht doch alle gleich. Jeder ist mit Jedem auf Augenh\u00f6he. &#8230; Dass schon vor unserer <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=218\">Zeit<\/a> kluge <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=141\">Menschen<\/a> diesen Planeten bev\u00f6lkert haben, dass <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=198\">Studieren<\/a> einen davon entlastet, alles aus dem eigenen Selbst zu sch\u00f6pfen, wirkt wie eine unbrauchbare Botschaft von gestern. Originaltexte stehen im Verdacht, Originalit\u00e4tsbremsen f\u00fcr die Genies von heute zu sein. &#8230; Das Standardwerk zur Regierungslehre, das noch nicht <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=482\">geschrieben<\/a> ist, m\u00fcsste hei\u00dfen: &#8216;Ich. Und das Regierungssystem der <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=51\">Bundesrepublik<\/a>&#8216;. &#8230;<\/p>\n<p>Die Erwartungen der Studenten sind einerseits pragmatisch-bescheiden, andererseits unerf\u00fcllbar gro\u00df. Erwartet wird nicht weniger als Anleitung zum sinnvollen Sein. &#8230; Sinn und <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=516\">Nutzen<\/a> sind deckungsgleich geworden, und gerade deshalb klafft eine <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=515\">Bildungsl\u00fccke<\/a>. Studenten erwarten, dass <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=1685\">Wissen<\/a> sofort verwertbar ist. &#8230;<\/p>\n<p>Ich hatte die Studenten zu Akteuren erkl\u00e4rt, obwohl sie sich als <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=159\">Opfer<\/a> empfinden. Als unsere Opfer. Sie <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=95\">tun<\/a> <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=331\">brav<\/a> das, was wir Dozenten von ihnen erwarten und m\u00fcssen sich nun auch noch in einem bildungsb\u00fcrgerlichen Blatt f\u00fcr ihre Anpassungsleistung kritisieren lassen. &#8230;<\/p>\n<p>Das Gros der Studenten arbeitet Referate und Hausarbeiten ab wie einen Bestellauftrag des Dozenten. Verve gilt als Relikt unbelehrbarer Revolte-<a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=392\">Romantiker<\/a>. Doch <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=18\">wissenschaftliche<\/a> <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=124\">Leidenschaft<\/a> meint nichts anderes als das <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=390\">Ringen<\/a> um einen eigenen Standpunkt, eine <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=399\">\u00dcberzeugung<\/a>. Das Ziel ist <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=104\">Individualit\u00e4t<\/a> und nicht Ich-H\u00e4tschelei. &#8230;<\/p>\n<p>Als <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=565\">B\u00fcrger<\/a> kommen sich junge <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=509\">Erwachsene<\/a> oft ohnm\u00e4chtig vor, als <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=800\">Konsumenten<\/a> f\u00fchlen sie sich m\u00e4chtig. &#8230; Junge Erwachsene vertrauen Waren mehr als <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=102\">Ideen<\/a>. &#8230; &#8216;Wohlstand f\u00fcr alle&#8217; war Ludwig Erhards Slogan, &#8216;Wohlbefinden f\u00fcr dich&#8217; m\u00fcsste der aktuelle lauten.&#8221;<\/p>\n<blockquote><p>aus: Christiane Florin: Warum unsere Studenten so angepasst sind. Reinbek: Rowohlt 2014, S. 14-75<\/p><\/blockquote>\n<p style=\"text-align: right;\">02\/16<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8220;&#8230; Doch ich hatte vergessen, mich auf das Wichtigste vorzubereiten: auf die Studenten. Ich glaubte, sie seien so \u00e4hnlich wie &#8216;wir&#8217;. &#8230; Ich merkte: Es gab nicht einmal eine brauchbare Hypothese zu den Zweit- und Drittsemestern, die da im Fr\u00fchjahr 2000 vor mir sa\u00dfen. 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