{"id":548,"date":"2016-04-25T01:54:10","date_gmt":"2016-04-24T23:54:10","guid":{"rendered":"http:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=548"},"modified":"2024-04-03T22:20:14","modified_gmt":"2024-04-03T21:20:14","slug":"alzheimer","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=548","title":{"rendered":"Alzheimer"},"content":{"rendered":"<p><img class=\"size-full wp-image-4767 aligncenter\" src=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/wp-content\/uploads\/2016\/04\/Morbo-di-Alzheimer-il-declino-cognitivo-negli-autoritratti-di-W.-Utermolhen.jpeg.webp\" alt=\"\" width=\"90%\" srcset=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/wp-content\/uploads\/2016\/04\/Morbo-di-Alzheimer-il-declino-cognitivo-negli-autoritratti-di-W.-Utermolhen.jpeg.webp 1600w, https:\/\/www.woydt.be\/blog\/wp-content\/uploads\/2016\/04\/Morbo-di-Alzheimer-il-declino-cognitivo-negli-autoritratti-di-W.-Utermolhen.jpeg-300x169.webp 300w, https:\/\/www.woydt.be\/blog\/wp-content\/uploads\/2016\/04\/Morbo-di-Alzheimer-il-declino-cognitivo-negli-autoritratti-di-W.-Utermolhen.jpeg-1024x577.webp 1024w, https:\/\/www.woydt.be\/blog\/wp-content\/uploads\/2016\/04\/Morbo-di-Alzheimer-il-declino-cognitivo-negli-autoritratti-di-W.-Utermolhen.jpeg-768x432.webp 768w, https:\/\/www.woydt.be\/blog\/wp-content\/uploads\/2016\/04\/Morbo-di-Alzheimer-il-declino-cognitivo-negli-autoritratti-di-W.-Utermolhen.jpeg-1536x865.webp 1536w\" sizes=\"(max-width: 1600px) 100vw, 1600px\" \/><\/p>\n<p>&#8220;&#8230; Erst k\u00fcrzlich hatte er festgestellt, dass der Akt des Sichhinsetzens im Kern ein Kontrollverlust war, ein blinder <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=501\">freier<\/a> Fall nach hinten. Sein fabelhafter blauer <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=144\">Sessel<\/a> in St. Jude war wie ein Baseballhandschuh, der jeden auf ihn zufliegenden K\u00f6rper, gleich, aus welchem Winkel und mit welcher Wucht er kam, sanft aufzufangen wusste, der Sessel hatte starke, hilfsbereite B\u00e4renarme, auf die Alfred z\u00e4hlen konnte, wenn er sich, v\u00f6llig blind, r\u00fcckw\u00e4rts fallen lie\u00df. &#8230;<\/p>\n<p>&#8230; Aber Denise ging schon aus der K\u00fcche und brachte den Teller Alfred, f\u00fcr den das Problem des Daseins dieses war: dass die Welt, wie ein aus dem Boden emportreibender Weizens\u00e4mling, sich auf der <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=218\">zeitlichen<\/a> Achse vorw\u00e4rts bewegte, indem sie ihrem \u00e4u\u00dferen Rand Zelle f\u00fcr Zelle hinzuf\u00fcgte, also einen Moment auf den anderen schichtete, und dass es, selbst wenn man die Welt in ihrem frischesten, j\u00fcngsten Moment begriff, keinerlei Garantie daf\u00fcr gab, dass man sie auch einen Moment sp\u00e4ter noch begreifen konnte. Als er gerade verstanden hatte, dass seine Tochter Denise ihm im Wohnzimmer seines Sohnes Chip einen Teller Snacks reichte, reifte bereits der n\u00e4chste Augenblick im Ablauf der Zeit zu einer urt\u00fcmlichen, noch unbegriffenen Existenz heran, in der Alfred zum Beispiel die M\u00f6glichkeit, dass seine Frau Enid ihm im Salon eines Bordells einen Teller F\u00e4kalien reichte, nicht vollkommen ausschlie\u00dfen konnte, und kaum hatte er sich der Gegenwart von Denise, den Snacks und Chips Wohnzimmer vergewissert, da hatte der \u00e4u\u00dfere Rand der Zeit bereits eine weitere Schicht Zellen hinzugewonnen, sodass er abermals mit einer andersartigen, noch unbegriffenen Welt konfrontiert war, weshalb er es, anstatt seine Kr\u00e4fte bei diesem Wettlauf zu verausgaben, zusehends vorzog, seine Zeit unter Tage zuzubringen, zwischen den unver\u00e4nderlichen historischen Wurzeln der Dinge.<\/p>\n<p>&#8216;Etwas zur St\u00e4rkung, solange ich das Mittagessen vorbereite&#8217;, sagte Denise.<\/p>\n<p>Dankbar blickte Alfred auf die Snacks, die sich ihm zu ungef\u00e4hr neunzig Prozent stabil als etwas Essbares pr\u00e4sentierten und nur sporadisch in Gegenst\u00e4nde von \u00e4hnlicher Gr\u00f6\u00dfe und Form hin\u00fcberflimmerten. &#8230;<\/p>\n<p>&#8230; Wie eine Ehefrau, die gestorben, oder ein Haus, das abgebrannt war, genauso lebhaft hatte er die Klarheit, die man zum <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=502\">Denken<\/a>, und die Kraft, die man zum <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=95\">Handeln<\/a> brauchte, noch in Erinnerung. Durch ein Fenster zur n\u00e4chsten Welt konnte er sie sehen, diese <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=36\">Klarheit<\/a>, konnte sie sehen, diese Kraft, nur knapp au\u00dferhalb seiner Reichweite, gleich hinter den Thermopanescheiben. &#8230;&#8221;<\/p>\n<blockquote><p>aus: Jonathan Franzen: Die Korrekturen. Reinbek: Rowohlt Taschenbuch 2003, 92-96, 769.<\/p>\n<p>Abb.: William Utermohlen: Self portraits, 1967, 1996, 1997, 1998, 1999, 2000, <a href=\"https:\/\/www.thetinkan.co.uk\/blog\/artist-with-alzheimers-drew-self-portraits-for-5-years\">im Internet<\/a>.<\/p><\/blockquote>\n<p style=\"text-align: right;\">04\/16<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8220;&#8230; Erst k\u00fcrzlich hatte er festgestellt, dass der Akt des Sichhinsetzens im Kern ein Kontrollverlust war, ein blinder freier Fall nach hinten. 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