{"id":563,"date":"2016-07-31T22:42:42","date_gmt":"2016-07-31T20:42:42","guid":{"rendered":"http:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=563"},"modified":"2023-12-16T17:50:57","modified_gmt":"2023-12-16T16:50:57","slug":"beleidigtsein","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=563","title":{"rendered":"Beleidigtsein"},"content":{"rendered":"<p>&#8220;&#8230; Was wir momentan erleben, ist das Gegenteil lockerer oder sogar <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=353\">humorvoller<\/a> <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=87\">Contenance<\/a> in notwendigen <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=62\">Diskursen<\/a>. Stattdessen kultiviert unsere Gesellschaft ein <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=104\">individuelles<\/a> Recht auf Beleidigtsein: Mit heiligem Eifer sucht man unentwegt nach Gr\u00fcnden, weshalb man sich mal wieder so richtig sch\u00f6n auf den Schlips oder Schmerzempfindlicheres getreten f\u00fchlen k\u00f6nnte. &#8230;<\/p>\n<p>Auf Inhalte, die polemisch, ironisch, zugespitzt, pointiert, sp\u00f6ttisch, <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=1697\">schwarz<\/a>humorig oder provokant sind, die dem Zeitgeist entschieden widersprechen, den Mainstream konterkarieren oder einer vordergr\u00fcndigen <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=461\">Moral<\/a> bewusst nicht gehorchen wollen, gibt es immer h\u00e4ufiger eine einzige reflexhafte Reaktion: heftigste Emp\u00f6rung, drastische Diskriminierungsvorw\u00fcrfe und pauschale Anschuldigungen.<\/p>\n<p>&#8216;Na und?&#8217;, k\u00f6nnte man sagen \u2013 dann sollen diejenigen, die sich permanent <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=159\">angegriffen<\/a> <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=1876\">f\u00fchlen<\/a>, doch einfach dauerbeleidigt sein. Betrifft ja nur sie selbst. Aber das stimmt leider nicht. Denn wer schmollt, zieht sich zur\u00fcck, will nicht mehr <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=220\">zuh\u00f6ren<\/a>, boykottiert bewusst jeden Dialog und verhindert so letztlich die Chance auf eine konstruktive Debatte und die Ann\u00e4herung \u00fcber Argumente.<\/p>\n<p>Die Tendenz zu inflation\u00e4rem Beleidigtsein ist Gift f\u00fcr unsere Diskurskultur. Eine Gesellschaft, die es nicht schafft, in schwierigen Streitfragen miteinander im Gespr\u00e4ch zu bleiben, und die stattdessen mit Anschuldigungen um sich wirft, verh\u00e4rtet sukzessive ihre ideologischen Fronten und erzeugt ein <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=2977\">Klima<\/a> der Feindseligkeit, das Kompromisse irgendwann unm\u00f6glich macht. &#8230;<\/p>\n<p>Das zentrale <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=386\">Problem<\/a> der Beleidigten s\u00e4mtlicher Fraktionen ist l\u00e4ngst, dass immer weniger faktische Kr\u00e4nkung ausreicht, um immer mehr empfundene Kr\u00e4nkung auszul\u00f6sen. &#8230;<\/p>\n<p>Wie konnte es blo\u00df dazu kommen, dass in Diskursen immer seltener mit Argumenten und immer h\u00e4ufiger mit Emotionen gepunktet wird? Und warum f\u00fchren wir keine breite Debatte dar\u00fcber, wohin uns diese <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=448\">Entwicklung<\/a> bereits gebracht hat und noch bringen k\u00f6nnte? &#8230;<\/p>\n<p>Warum mitunter lieber Affekte ins Feld gef\u00fchrt werden, als Inhalte, ist relativ leicht zu <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=514\">beantworten<\/a>: Drangsalierten Emotionen l\u00e4sst sich kaum etwas entgegensetzen. Was soll man schon jemandem antworten, der dar\u00fcber klagt, dass ihm eine <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=139\">Meinungs\u00e4u\u00dferung<\/a>, eine Satiresendung, ein Werbespot oder eine Karikatur gravierende <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=415\">seelische<\/a> Qualen bereitet? &#8230;<\/p>\n<p>Der <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=100\">Humanist<\/a> tendiert hier verst\u00e4ndlicherweise zu Bedauern und Mitgef\u00fchl. Das zeichnet ihn aus. Einem gepeinigten <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=410\">Individuum<\/a> muss geholfen werden, erst recht, wenn es einer Minderheit angeh\u00f6rt und ohnehin nicht viel zu <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=407\">lachen<\/a> hat. Doch diese gut gemeinte Haltung l\u00e4sst einen unausl\u00f6schlichen <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=141\">menschlichen<\/a> Charakterzug au\u00dfer Acht, der da lautet: genug ist nie genug.<\/p>\n<p>Gibt man dem Wunsch nach, durch rigidere Sprachregelungen, Zensur und \u00f6ffentliche \u00c4chtung m\u00f6glichst viele &#8216;verletzende&#8217; Inhalte aus der Welt zu verbannen, wird man erleben, dass es pl\u00f6tzlich immer mehr &#8216;verletzende&#8217; Inhalte gibt.<\/p>\n<p>S\u00e4mtliche Randgruppen melden dann noch mehr Anspr\u00fcche an, neue Randgruppen erfinden sich. Jeder will mal. Schon bald f\u00fchlen sich s\u00e4mtliche M\u00fctter durch das Wort &#8216;Vaterland&#8217; diskriminiert \u2013 und s\u00e4mtliche V\u00e4ter durch das Wort &#8216;Muttersprache&#8217;. Die <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=51\">Bundesrepublik<\/a> wird zur Mimosen-Zuchtstation. Und das <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=679\">politisch-korrekte<\/a> Element noch bestimmender, als es ohnehin schon ist. Die Ma\u00dfst\u00e4be daf\u00fcr, wer wirklich beleidigt wurde, wer sich glaubhaft beleidigt f\u00fchlen darf, verschwimmen endg\u00fcltig. &#8230;<\/p>\n<p>Besch\u00e4ftigt man sich mit Paragraf 185 des Strafgesetzbuches, <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=1762\">lernt<\/a> man, dass &#8230; hinter einer justiziablen Beleidigung &#8230; der Wille des T\u00e4ters erkennbar sein [muss], beleidigen zu wollen. &#8230;<\/p>\n<p>Wenn wir unsere <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=457\">liberale<\/a> Normalit\u00e4t und unsere nahezu uneingeschr\u00e4nkte <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=119\">Kunst<\/a>freiheit langfristig erhalten wollen, m\u00fcssen wir endlich zu der Einsicht kommen, dass sich hinter \u00fcberbordenden Shitstorms und permanent &#8216;verletzten Gef\u00fchlen&#8217; keine menschlichen Trag\u00f6dien verbergen, die es zu bedauern gilt. &#8230;<\/p>\n<p>Wer pers\u00f6nlich angegriffen und beleidigt wird, dem bietet der <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=172\">Rechtsstaat<\/a> juristische Handhabe. <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=527\">Ideologien<\/a>, <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=1692\">Weltanschauungen<\/a> und politische <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=399\">\u00dcberzeugungen<\/a> aber sind keine Individuen. Sie sind geistige Angebote, die man bef\u00fcrworten oder ablehnen kann. Und zwar genauso harsch und \u00e4tzend wie man es m\u00f6chte. &#8230;&#8221;<\/p>\n<blockquote><p>aus: Simon Urban: Debattenkultur: Ein Volk der Beleidigten. Zeit-Online, 31. Juli 2016, <a href=\"https:\/\/www.zeit.de\/kultur\/2016-07\/deutschland-beleidigtsein-debattenkultur-empfindlichkeit-polemik\/komplettansicht\">im Internet<\/a><\/p><\/blockquote>\n<p style=\"text-align: right;\">07\/16<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8220;&#8230; Was wir momentan erleben, ist das Gegenteil lockerer oder sogar humorvoller Contenance in notwendigen Diskursen. 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