{"id":63,"date":"2007-10-07T22:54:48","date_gmt":"2007-10-07T20:54:48","guid":{"rendered":"http:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=63"},"modified":"2024-07-14T14:58:34","modified_gmt":"2024-07-14T13:58:34","slug":"dritte-welt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=63","title":{"rendered":"Dritte Welt"},"content":{"rendered":"<p><img class=\"size-full wp-image-4145 aligncenter\" src=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/wp-content\/uploads\/2007\/10\/396967018_268192416201913_3135843652188956380_n.jpg\" alt=\"\" width=\"70%\" srcset=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/wp-content\/uploads\/2007\/10\/396967018_268192416201913_3135843652188956380_n.jpg 1080w, https:\/\/www.woydt.be\/blog\/wp-content\/uploads\/2007\/10\/396967018_268192416201913_3135843652188956380_n-300x225.jpg 300w, https:\/\/www.woydt.be\/blog\/wp-content\/uploads\/2007\/10\/396967018_268192416201913_3135843652188956380_n-1024x767.jpg 1024w, https:\/\/www.woydt.be\/blog\/wp-content\/uploads\/2007\/10\/396967018_268192416201913_3135843652188956380_n-768x575.jpg 768w\" sizes=\"(max-width: 1080px) 100vw, 1080px\" \/><\/p>\n<p>&#8220;Da ich in den meisten Relationen \u00fcber \u00c4gypten die kl\u00e4glichsten Jeremiaden \u00fcber das Elend dieser ungl\u00fccklichen Klasse <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=127\">gelesen<\/a> hatte, so war ich nicht wenig verwundert, meistens kr\u00e4ftige, gesund aussehende und lustige <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=141\">Menschen<\/a> zu finden, die singend und lachend ihre <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=234\">Arbeit<\/a> verrichteten, von den Aufsehern h\u00f6chst nachsichtig behandelt wurden und selbst das Bakschis (Trinkgeld), um das sie uns ansprachen, nur im Scherz zu verlangen schienen. Ihr Ansehen war allerdings zerlumpt, aber wo sieht man es im Orient wie auch in Griechenland anders? Das <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=2977\">Klima<\/a> verlangt so wenig, und Ordnung und Reinlichkeit geh\u00f6rt noch nicht zu den Tugenden dieser L\u00e4nder. Ich habe sp\u00e4ter diesem Gegenstand fortw\u00e4hrende Aufmerksamkeit geschenkt und die feste \u00dcberzeugung gewonnen, da\u00df die hiesigen Fellahs im Vergleich mit manchen andern ihrer <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=374\">Kameraden<\/a> in <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=71\">Europa<\/a>, zum Beispiel den irl\u00e4ndischen Bauern, welche doch <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=22\">Untertanen<\/a> des <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=44\">erleuchtetsten<\/a> <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=174\">Gouvernements<\/a> in der zivilisierten Welt sind, oder den armen Webern im Vogtlande, von denen ich erst heute, im Jahre 1843, in den <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=232\">Zeitungen<\/a> las, da\u00df sie ihren t\u00e4glichen Verdienst h\u00f6chstens auf zwei Gr\u00f6schel bringen k\u00f6nnten, und wenn ihre einzige Nahrung, die Kartoffeln, fehlschlugen, dem Hungertode nahe k\u00e4men \u2013 da\u00df, sage ich, diese Fellahs sich, obgleich mancher H\u00e4rte und Willk\u00fcr ausgesetzt, die ich nicht ableugnen will, doch immer noch in einer Lage befinden, welche viele unsrer Proletarier oft <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=152\">beneiden<\/a> k\u00f6nnten.<\/p>\n<p>Die H\u00e4user der Fellahs sind meistens kleine H\u00fctten von an der Sonne ged\u00f6rrten Lehmsteinen oder auch nur von getrocknetem Lehm aufgef\u00fchrt, ohne eine andere \u00d6ffnung als die T\u00fcre. Aber diese Wohnungen sind meistens dicht und warm im Winter, immer vor leichtem Regen und Unwetter, was ohnedem so selten hier eintritt, gesch\u00fctzt, schattengebend im Sommer und ger\u00e4umig genug f\u00fcr die geringen Bed\u00fcrfnisse dieser Leute, w\u00e4hrend in Griechenland selbst die Wohlhabenderen unter den Landleuten selten ein Dach <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=65\">besitzen<\/a>, das nicht Schnee und Regen durchlie\u00dfe, und erinnert man sich vollends der von erstickendem Rauch angef\u00fcllten Schweinest\u00e4lle, in denen die armen Irl\u00e4nder hungern und die in jenem verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig so kalten Klima fast gar keinen Schutz gew\u00e4hren, so richtet sich das <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=360\">Mitleid<\/a> nach einer ganz andern Seite.<\/p>\n<p>Die Fellahs sind <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=43\">arm<\/a>; aber in den geringsten D\u00f6rfern \u00c4gyptens, wo ich hinkam, fand ich fast immer Brot, Milch, Butter, K\u00e4se, Eier, Gem\u00fcse in F\u00fclle, auch Gefl\u00fcgel, in den gr\u00f6\u00dferen selbst Schlachtfleisch, was man uns gern f\u00fcr einen sehr billigen Preis zum Verkauf anbot, sobald nur kein Gouvernementsbeamter dabei war, deren Raubsucht allerdings zu den Kalamit\u00e4ten \u00c4gyptens geh\u00f6rt \u2013 w\u00e4hrend in Griechenland h\u00e4ufig Zwiebeln und ein fast ungenie\u00dfbares Maisbrot das einzige sind, was man sich verschaffen kann, auch die Leute selbst dort in der Regel von gleicher Kost leben m\u00fcssen wie in Irland von Kartoffeln und Whiskey. Endlich h\u00f6rte ich noch nie, da\u00df ein Fellah verhungert sei, was zur Schande der Menschheit bei den irl\u00e4ndischen Bauern notorisch schon \u00f6fters vorgekommen ist und vielleicht heute noch m\u00f6glich sein mag.<\/p>\n<p>Die Fellahs sind ferner h\u00f6chst elend gekleidet, aber auch hier ist der Vergleich zu ihrem Vorteil, denn erstens bed\u00fcrfen sie bei dem milden Klima fast gar keiner Kleidung; zweitens habe ich bis jetzt noch nicht gesehen, da\u00df die hiesigen Weiber, gleich den irl\u00e4ndischen <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=78\">Frauen<\/a> und M\u00e4dchen der gemeinen Klasse, nicht einmal Lumpen genug besa\u00dfen, um ihre Bl\u00f6\u00dfe soweit zu bedecken, als es die Schamhaftigkeit gebietet. Im Gegenteil erblickt man die Weiber der Fellahs, wenn auch oft in zerrissenen Gew\u00e4ndern, doch immer wie die \u00fcbrigen Morgenl\u00e4nderinnen bis an den Mund verh\u00fcllt, wozu sie meisten 5-6 Goldst\u00fccke, in einer Reihe vorn vom Antlitz bis auf die Brust herab aufgen\u00e4ht, tragen, was ebenfalls mit der bodenlosen Armut nicht recht \u00fcbereinstimmen will, von der unsre philantropischen Reisenden uns ein so abschreckendes Bild entwerfen, weil sie wohl den Strohhalm im <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=303\">fremden<\/a> Auge, aber den Balken im eigenen nicht sehen. Ich glaube, da\u00df <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=455\">mitten<\/a> in Paris und London teilweise gr\u00e4\u00dflicheres Elend nachzuweisen ist, als in ganz \u00c4gypten gefunden werden kann. &#8230; Wer aber frisch aus Europa hier debarkiert und zum erstenmal das gemeine Volk in Schmutz und Lumpen geh\u00fcllt sieht, was im Orient gang und g\u00e4be, in Europa aber nur die Livree des h\u00f6chsten Elends ist, dessen Einbildungskraft wird zu leicht ergriffen, und er sieht von nun an mit gef\u00e4rbter Brille, im Fall er nicht gar absichtlich falsch sehen will.&#8221;<\/p>\n<blockquote><p>Hermann F\u00fcrst von P\u00fcckler-Muskau Aus Mehemed Alis Reich \u00c4gypten und der Sudan um 1840. Geklaut beim Gutenberg-Projekt: <a href=\"https:\/\/www.gutenberg2000.de\/pueckler\/mehemed\/mehe105.php\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">https:\/\/www.gutenberg2000.de\/pueckler\/mehemed\/mehe105.php<\/a><\/p>\n<p>Abb.: Banksy.<\/p><\/blockquote>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8220;Da ich in den meisten Relationen \u00fcber \u00c4gypten die kl\u00e4glichsten Jeremiaden \u00fcber das Elend dieser ungl\u00fccklichen Klasse gelesen hatte, so war ich nicht wenig verwundert, meistens kr\u00e4ftige, gesund aussehende und lustige Menschen zu finden, die singend und lachend ihre Arbeit verrichteten, von den Aufsehern h\u00f6chst nachsichtig behandelt wurden und selbst das Bakschis (Trinkgeld), um das [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[6,3],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/63"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=63"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/63\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":5221,"href":"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/63\/revisions\/5221"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=63"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=63"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=63"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}