{"id":88,"date":"2007-10-08T11:08:44","date_gmt":"2007-10-08T09:08:44","guid":{"rendered":"http:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=88"},"modified":"2024-07-14T14:31:46","modified_gmt":"2024-07-14T13:31:46","slug":"gewalt-privatisierte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=88","title":{"rendered":"Gewalt, privatisierte"},"content":{"rendered":"<p><img class=\"size-full wp-image-2397 aligncenter\" src=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/wp-content\/uploads\/2007\/10\/dadang-christanto-violence-iii-1995-ohdmuseum-com.jpg\" alt=\"\" width=\"90%\" srcset=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/wp-content\/uploads\/2007\/10\/dadang-christanto-violence-iii-1995-ohdmuseum-com.jpg 1000w, https:\/\/www.woydt.be\/blog\/wp-content\/uploads\/2007\/10\/dadang-christanto-violence-iii-1995-ohdmuseum-com-300x201.jpg 300w, https:\/\/www.woydt.be\/blog\/wp-content\/uploads\/2007\/10\/dadang-christanto-violence-iii-1995-ohdmuseum-com-768x514.jpg 768w\" sizes=\"(max-width: 1000px) 100vw, 1000px\" \/><\/p>\n<p>&#8220;Seit 1989 hat die Gewalt nicht abgenommen, sondern zugenommen. Dies ist aber au\u00dferhalb dessen geschehen, was als <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=117\">Krieg<\/a> definierbar ist. &#8230; Wenn sechs Banditen ein Hotel \u00fcberfallen, dann ist die bewaffnete Polizei am Zug, und wenn 600 Banditen eine <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=205\">Stadt<\/a> \u00fcberfallen, dann nennen sie es Krieg. Manche <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=81\">Pazifisten<\/a> und die <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=142\">Milit\u00e4rs<\/a> sagen dann: Das ist nichts f\u00fcr uns, denn das ist nicht der Krieg, den wir gelernt haben. &#8230;&#8221;<\/p>\n<p>&#8220;Die Gegenden der Erde, besonders Afrikas, in denen oft nicht mehr klar ist, wer hier gegen wen k\u00e4mpft, nennen die Franzosen &#8216;entit\u00e9s ingouvernables&#8217;.&#8221; &#8211; &#8220;In der &#8216;entit\u00e9 chaotique ingouvernable&#8217; wirbt ein Warlord S\u00f6ldner an, bewaffnet sie, <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=533\">terrorisiert<\/a> mit ihnen die Gegend, aus der die wilde Truppe zu leben sich entschieden hat. &#8230; Der <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=21\">Staat<\/a> ist nicht, wie Hegel meinte, das Endziel, der nat\u00fcrliche Endzustand gesellschaftlicher Organisation. Er kann auch wieder zerbr\u00f6seln.&#8221;<\/p>\n<p>&#8220;Milit\u00e4rische Gewalt wird zu einer k\u00e4ufliche Dienstleistung, \u00e4hnlich wie im Drei\u00dfigj\u00e4hrigen Krieg. Privatisierte Gewalt ist kommerzialisierte Gewalt. &#8230; Im Umgang miteinander sind die S\u00f6ldner der privatisierten Gewalt manchmal geradezu r\u00fccksichtsvoll. Sie <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=25\">lieben<\/a> den Kampf gegeneinander nicht. Dabei springt nichts heraus. Man h\u00e4lt sich lieber an die Zivilbev\u00f6lkerung &#8230; Im Ersten Weltkrieg kam auf zehn gefallene Soldaten ein get\u00f6teter Zivilist. Im <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=26\">Zweiten Weltkrieg<\/a> war es schon ein Zivilist auf zwei Soldaten. Wo die privatisierte Gewalt sich austobt, kommen auf einen get\u00f6teten Soldaten f\u00fcnf ermordete Zivilisten. &#8230;&#8221;<\/p>\n<p>&#8220;Im 16. Jahrhundert haben die Landesf\u00fcrsten &#8230; [ihr] Gewaltmonopol gegen Raubritter und Wegelagerer durchgesetzt. Im 14. Jahrhundert waren es die wenigen St\u00e4dte, die sich durch solide Mauern und wohlbewachte Tore sichern konnten, w\u00e4hrend die 90%, die in D\u00f6rfern lebten, ungesch\u00fctzt willk\u00fcrlicher Gewalt ausgesetzt blieben. Wie wird es im 21. Jahrhundert sein?&#8221;<\/p>\n<p>&#8220;Warum privatisiert sich die Gewalt? Warum wandert sie aus staatlicher Obhut aus? Da gibt es ganz banale Gr\u00fcnde: <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=236\">Moderne<\/a> Waffen sind leicht zu handhaben, k\u00f6nnen von Zehnj\u00e4hrigen getragen und bedient werden. Der <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=545\">illegale<\/a> <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=230\">Waffenmarkt<\/a> wird gut bedient. &#8230; Ein weniger banaler Grund: Der weltweite Trend zur Privatisierung. Wenn man schon einmal dem <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=130\">Markt<\/a> prinzipiell mehr zutraut als politischen Entscheidungen, dann leuchtet nicht mehr ein, warum nicht auch die innere und sogar die \u00e4u\u00dfere Sicherheit besser in Privathand aufgehoben w\u00e4ren. Unsere Konzerne sch\u00fctzen sich seit langem selbst. Man nennt das Werkschutz. Wir haben in Deutschland schon mehr Angestellte privater Sicherheitsagenturen, als wir Polizisten haben. &#8230;<\/p>\n<p>Da\u00df die Privatisierung der Gewalt noch l\u00e4ngst nicht so zum Thema geworden ist, wie sie es verdient h\u00e4tte, hat wohl damit zu tun, da\u00df dagegen links wir rechts Hemmungen wirksam sind. Auf der <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=20\">Linken<\/a> ist noch die Erinnerung wach an Che Guevara und den Vietcong, an die idealistischen <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=237\">Freiheits<\/a>k\u00e4mpfer, die sich gegen staatlichen Terror auflehnten. Auch Pazifisten wagen sich nicht an das Thema. Pazifismus ist das unbedingte <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=153\">Nein<\/a> zum Krieg. Was wird aus dem Pazifismus, wenn ihm der Krieg abhanden kommt? Auf der Rechten mag man nicht zugeben, da\u00df die Privatisierung der Gewalt etwas zu tun hat mit der Welle der Privatisierungen, die der <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=30\">Neoliberalismus<\/a> in Gang gesetzt hat, da\u00df die Entstaatlichung der Gewalt die \u00e4u\u00dferste <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=372\">Konsequenz<\/a> einer Ideologie ist, die Ent-Staatlichung zum Programm gemacht hat. &#8230;<\/p>\n<p>[Man] kann nicht jede Gewaltt\u00e4tigkeit als Krieg bezeichnen. Ein Krieg verlangt zum Beispiel, da\u00df es eine Instanz gibt, die ihn beginnen und beenden kann. Eine solche Instanz gibt es heute in den seltensten F\u00e4llen. &#8230; Gegen\u00fcber privatisierter Gewalt ist das Milit\u00e4r bislang so hilflos wie die Pazifisten. &#8230; Den &#8216;Krieg&#8217;, der hier zu f\u00fchren w\u00e4re, haben die Milit\u00e4rs nicht <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=1762\">gelernt<\/a>. Nichts ist ihnen mehr zuwider als die Bek\u00e4mpfung von Banden, die \u00fcberall und nirgens zu lokalisieren, deren Ziele <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=36\">unklar<\/a>, deren Methoden unberechenbar sind. &#8230; [Und] was tut der Pazifist, wenn eine Gewalt sich ausbreitet, f\u00fcr deren Z\u00e4hmung eigentlich gar nicht das Milit\u00e4r, sondern die Polizei zust\u00e4ndig ist? Welcher Pazifist fordert die Abschaffung der Polizei?&#8221;<\/p>\n<p>&#8220;Berichte aus Bosnien und dem Kosovo zeigen, da\u00df inzwischen der Respekt der Pazifisten vor den Soldaten w\u00e4chst und da\u00df die Soldaten froh sind, wenn da ein paar Pazifisten versuchen, den <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=475\">Ha\u00df<\/a> abzubauen. &#8230; Die Soldaten k\u00f6nnen allenfalls das massenhafte Morden beenden. Die Pazifisten k\u00f6nnen erst arbeiten, wo die Soldaten eben dies getan haben.&#8221;<\/p>\n<blockquote><p>aus: Erhard Eppler: Komplettes St\u00fcckwerk. <a href=\"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/?p=310\">Erfahrungen<\/a> aus f\u00fcnfzig Jahren Politik. \u00dcberarbeitete und aktualisierte Taschenbuchausgabe, Frankfurt(Main): Suhrkamp 2001, S.303-315 und: Erhard Eppler: Privatisierung der politischen Moral? Frankfurt(Main): Suhrkamp 2000, S.87-94. Neu zusammengesetzt&#8230;<\/p>\n<p>Abb.: Dadang Christanto: Violence III, 1995, ohdmuseum, <a href=\"http:\/\/ohdmuseum.com\/collections?artist=Dadang%20Christanto\">im Internet<\/a>.<\/p><\/blockquote>\n<p style=\"text-align: right;\">01\/03<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8220;Seit 1989 hat die Gewalt nicht abgenommen, sondern zugenommen. Dies ist aber au\u00dferhalb dessen geschehen, was als Krieg definierbar ist. &#8230; Wenn sechs Banditen ein Hotel \u00fcberfallen, dann ist die bewaffnete Polizei am Zug, und wenn 600 Banditen eine Stadt \u00fcberfallen, dann nennen sie es Krieg. Manche Pazifisten und die Milit\u00e4rs sagen dann: Das ist [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[6,3],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/88"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=88"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/88\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":5151,"href":"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/88\/revisions\/5151"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=88"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=88"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.woydt.be\/blog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=88"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}