MALTE WOYDT

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11/12/2007 (14:42) Schlagworte: DE,uebermich ::

Jahreszeiten

Die Gesellschaft teilt sich in jahreszeitenlose Menschen und Menschen, die die Jahreszeiten erleben.

Als Student habe ich Sommer erlebt, in denen die Temperatur in der Stadt wochenlang nicht unter 30 Grad sank. Selbst mitten in der Nacht liefen wir in T-Shirt, kurzer Hose und Sandalen herum. Wenn ich dann in einem solchen Sommer in den IC nach Hamburg einstieg, hatte ich das Gefühl, in einen Kühlschrank zu steigen, so stark war der Zug hinuntergekühlt. Um mich herum schien niemand darunter zu leiden, die Menschen waren wärmer angezogen als ich.

Als Stadtführer bin ich es gewohnt, mich im Winter warm anzuziehen, richtig warm, um in drei oder vier Stunden zu Fuß in der Stadt nicht zu frieren. Betrete ich ein Geschäft, beginne ich unmittelbar, gottserbärmlich zu schwitzen. Um mich herum scheint niemand darunter zu leiden, die Menschen sind weniger warm angezogen als ich. Andererseits habe ich oft Kunden, die während der Stadtführung am Bibbern sind, weil sie nicht warm genug angezogen sind. Viele Jugendliche scheinen gar nicht mehr zu wissen, wie man sich warm anzieht.

Genau genommen, sind die Menschen in den Geschäften genauso warm angezogen wie die Menschen im Zug damals: Das sind Leute, die aus ihrer großen, temperaturstabilen Wohnung in die Tiefgarage fahren, dort ihr klimatisiertes Auto besteigen, mit dem sie in die Tiefgarage ihres klimatisierten Büros oder Einkaufszentrums fahren.

Die Großraumwagen im Zug sind auf die Bedürfnisse dieser Menschen temperiert, die Läden auch. Aber nicht auf die meinen. Und ich denke nicht allein zu sein: Jedem, der im Freien arbeitet, dürfte es so ergehen wie mir. Auch jedem, der in kleinen schlechtisolierten Wohnungen wohnt, deren Temperatur mit der Außentemperatur mitgeht.

Haben wir es da nicht mit einem schönen Beispiel für die Klassengesellschaft zu tun? Die jahreszeitenlose Klasse der stabilen Temperatur und die Klasse der schwankenden Temperaturen, der Jahreszeiten? Früher konnte man im Zug die Temperatur Abteil für Abteil individuell einstellen, das war die Zeit, in der Individuen solche Entscheidungen noch zugemutet wurden. Heute gehen die Bahnkonzepteure davon aus, daß alle wichtigen Kunden dieselbe Temperatur haben möchten. Wir anderen wurden vergessen.

Die Welt ist noch viel mehr auf Autofahrer zugeschnitten, als wir gemeinhin denken. Wie soll man Menschen dazu bringen, zu Fuß zu gehen oder Fahrrad zu fahren, die Temperaturschwankungen nicht mehr gewöhnt sind? :-)

Malte Woydt

Abb.: Victoria Bee: Gioia Invernale, ca. 2025.

12/07

08/12/2007 (1:37) Schlagworte: DE,Notizbuch ::

Katholizismus

Die wichtigste Kulturgrenze, die Westeuropa durchschneidet, dürfte die zwischen katholischen und protestantischen Ländern zu sein. Die kulturelle Prägung ist dabei entscheidend, nicht eine offizielle Mitgliedschaft in der einen oder anderen Kirche.

Deutschland hat dabei eine protestantisch dominierte Kultur, dort haben auch die Katholiken protestantische Reflexe: Warum haben deutsche Katholiken so große Probleme mit der Sexualmoral des Papstes? Italiener haben doch auch keine Probleme damit, bei der Ostermesse auf dem Petersplatz dem Papst zuzujubeln und zuhause im Bett dann doch zu machen was sie wollen?

Italiener sind echte Katholiken. Deutsche Katholiken fassen den Katholizismus dagegen protestantisch auf. Es war die Reformation, die zurückwollte zum Wort, zurück zur Bibel. Die Bibel sollte ernstgenommen werden.

Deswegen haben die Protestanten dann ihren Leuten lesen und schreiben beigebracht. Noch vor 60 Jahren hatten die protestantischen Gegenden in Europa (und in Deutschland) einen riesigen Bildungsvorsprung gegenüber den katholischen Gegenden. In katholischen Ländern versuchten die Jesuiten Eliten heranzuziehen, die mit den Eliten der protestantischen Nachbarländer mithalten konnten, aber Breitenbildung war unwichtig.

In den protestantischen Ländern begann man derweil gesellschaftliche Probleme mit geschriebenen Regeln zu lösen, wo die Leute doch sowieso schon lesen konnten… Es ist eine zutiefst protestantische Idee, die Menschen Regeln internalisieren zu lassen: Protestanten haben Rechte und Pflichten. Und weil sie denken, Rechte zu haben, hauen sie in einer Behörde auch mal auf den Tisch, um dieselben durchzusetzen.

Katholiken dagegen gehen davon aus, daß Regeln sowieso nicht bis zu Ende durchdacht sind – warum sollte man sich dann daran halten? In katholischen Kulturen sind Regeln relativ, es sein denn, sie werden mit Zwang durchgesetzt, dann ist es aber auch egal, ob der Zwang Ausdruck von Willkür oder einer Regel ist. Katholiken haben Interessen und Zwänge. Ein Katholik haut nicht auf den Tisch, um ein “Recht” zu erlangen (unter dem er sich auch gar nichts vorstellen könnte), er versucht angesichts eines Hindernisses dann halt auf einem anderen Wege seine Interessen durchzusetzen, die Extrawurst als Prinzip.

Malte Woydt

Abb.: Tahiche Diaz: Ensuennno Paseante, 2015, im Internet.

11/07

27/11/2007 (15:05) Schlagworte: DE,Notizbuch ::

Utilitarismus

Das Menschenbild der neoklassischen Ökonomie, der rationale Nutzenmaximierer, ist ebenso eine Fiktion wie das ältere bildungsbürgerliche Idealbild einer ausschließlich von aufgeklärter Vernunft und dem Interesse am Wahren, Schönen und Guten geleiteten Existenz. … Dennoch wird das utilitaristische Handlungsmodell heute von vielen Menschen als realistisch angesehen, was bezüglich der Macht der Ideologien in unserem ‘postideologischen’ Zeitalter eine Menge aussagt. …

Wir würden uns selber maßlos überfordern, wenn wir in jeder Lage, die von uns ein Handeln erfordert, das Für und Wider aller sich bietenden Alternativen immer wieder neu abwägen müßten, um zu einer Entscheidung zu gelangen. Um den Alltag überhaupt einigermaßen bestehen zu können, müssen wir unser Handeln routinisieren, … müssen so handeln, wie es unserer Gewohnheit oder der Tradition entspricht.

Und noch etwas kommt hinzu: Nur wenn wir in der Regeln nach dem Maßstab des Üblichen handeln, wind wir auch für die anderen berechenbar, und nur weil wir berechenbar sind, weil wir in aller Regel so handeln, wie es die anderen von uns aufgrund vorgängiger Erfahrung erwarten, sind Zivilität und ein friedliches Zusammenleben unter Menschen überhaupt möglich. …

[In einer] Gesellschaft, in der die Beziehungen der Menschen untereinander vor allem von immer wieder neu anzustellenden utilitaristischen Kalkülen bestimmt werden … kann es kein die Menschen verbindendes Gemeinschaftsgefühl geben, ist die Vorstellung von einer die Individuen umgreifenden Schicksalsgemeinschaft schlicht abwegig. …

[Und] wo die Fähigkeit zur kritischen Selbstbefragung abstirbt, weil uns das Gefühl geschichtlicher Kontinuität oder ganz einfach die Zeit zum nachdenklichen Innehalten abhanden kommt, kann es letztlich auch so etwas wie Verantwortung für die eigenen Taten nicht mehr geben, Steuerung erfolgt dann allenfalls durch die Adhoc-Reaktionen der anderen oder durch die Informationen, die ‘der Markt’ den Marktteilnehmern vermittelt. Man kommt an, hat Erfolg, setzt sich durch – oder eben nicht. Die Frage nach Sinn oder Unsinn, Recht oder Unrecht des eigenen Handelns löst sich auf in die seiner Funktionalität.”

aus: Johano Strasser: Leben oder Überleben. Wider die Zurichtung des Menschen zu einem Element des Marktes. Zürich/München: Pendo 2001, S.260-265.

11/07

12/11/2007 (1:17) Schlagworte: DE,Lesebuch ::

Freiheit 1

“Aus allen traditionellen Orientierungen und Regelungen freigesetzten Menschen sind in der Regel alles andere als frei im Sinne aktiver Selbstbestimmung. Zumeist sind sie vielmehr schutzlos den vielfältigen Zwängen ihrer Umgebung ausgeliefert, ein Spielball anonymer ökonomischer Kräfte und eben darum nicht in der Lage, ihr Leben nach eigenen, individuellen Vorstellungen zu gestalten. …

… Gerade ‘eine enttraditionalisierte und individualisierte Kultur [braucht] systematisch Grundsicherungen …’ … Eine Politik, die vor allem auf Deregulierung und Abbau sozialer Sicherungsleistungen setzt, [ist], auch wenn sie noch sehr das Pathos der Freiheit bemüht, im Kern freiheits- und individualisierungsfeindlich.”

aus: Johano Strasser: Leben oder Überleben. Wider die Zurichtung des Menschen zu einem Element des Marktes. Zürich/München: Pendo 2001, S.196/197, paraphrasiert hier Ulrich Beck / Johannes Willms: Freiheit oder Kapitalismus, Frankfurt/Main 2000.

Abb.: Marc Chagall: La promenade, 1917, Schloss Michailowski, Sankt Petersburg, im Internet.

11/07

12/11/2007 (0:34) Schlagworte: DE,Lesebuch ::

Arbeit

“Nach Auskunft der Bibel ist die Arbeit Strafe für den Sündenfall … Das Bemerkenswerte an diesem Mythos, in dem sich die traumatische Erfahrung der neolithischen Revolution, des Übergangs von der Gesellschaft der Jäger und Sammler zu der der Ackerbauern und Viehzüchter spiegelt, ist, daß darin die Arbeit als Fluch und Arbeitslosigkeit als paradiesischer Zustand dargestellt wird.

Heute ist es gerade umgekehrt: Arbeit haben gilt als Segen, Arbeitslosigkeit dagegen als Fluch. … Arbeit ist so sehr der Inbegriff menschlicher Aktivität geworden, daß wir heute sogar von Trauer- und Liebesarbeit sprechen, womit wir der Trauer und der Liebe erst ihre wahre Würde zu geben meinen. …

Erst das aufkommende Bürgertum bewertete die Arbeit im Ganzen positiv. Nun hieß es: Arbeit adelt, und Müßiggang ist aller Laster Anfang.”

Aus: Johano Strasser: Leben oder Überleben. Wider die Zurichtung des Menschen zu einem Element des Marktes., Zürich/München: Pendo 2001, S.170-172.

Abb.: Alkuin-Bibel, ca. 840, Staatsbibliothek Bamberg Msc.Bibl.1, folio 7v, im Internet.

10/07

14/10/2007 (20:41) Schlagworte: DE,Lesebuch ::

Fortschritt 1

“[Nach der auch heute noch weit verbreiteten klassischen Vorstellung bedeutet] Fortschritt … mehr Wohlstand und mehr Freiheit für jeden. Darüber legt sich zunehmend eine andere: Wir müssen mit dem Fortschritt mithalten, weil alle anderen es auch tun und es gefährlich wäre, zurückzufallen. Die Bedeutungsverschiebung ist schleichend erfolgt, aber sie ist gravierend: Fortschritt ist nicht mehr eindeutig positiv, nicht mehr das große Füllhorn, eher so etwas wie ein Zug mit unbekanntem, möglicherweise unerwünschtem Ziel, den wir nicht anhalten und von dem wir erst recht nicht abspringen können, weil wir sonst unser Leben riskieren würden. …

Das die meisten Unternehmer und Politiker heute einerseits den alten naiven Fortschrittsglauben predigen und gleichzeitig … von Arbeitnehmern, Rentnern, Sozialhilfeempfängern verlangen, sie sollten den Gürtel enger schnallen und sich darauf einstellen, daß die fetten Jahre vorbei seien, belegt die Ambivalenz der Rede vom Fortschritt. …

Für die Technokraten in den Konzernzentralen und Ministerien ist Fortschritt ein Prozeß, der sich an abstrakten Parametern wie Wirtschaftswachstum, Aktienindex, Exportrate, Innovationsgeschwindigkeit etc. bemißt, die allesamt mit der sozialen Wirklichkeit der großen Mehrheit kaum etwas zu tun haben. …

Was dabei herauskommt, ist ein höchst seltsamer Fortschrittsglaube, der uns bei aller zur Schau getragenen Euphorie doch nicht mehr versprechen kann, als daß die Einkommen der Mehrheit sinken, die Freiheitsräume enger werden und die Anforderungen an jeden einzelnen weiter steigen.”

aus: Johano Strasser: Leben oder Überleben. Wider die Zurichtung des Menschen zu einem Element des Marktes. Zürich/München: Pendo 2001, S.57-59.

Abb.: Nurrachmat Widyasena “ito”: You Promised Me Flying Cars Instead I Got Hashtags, 2018, indoartnow, im Internet.

10/07

13/10/2007 (22:03) Schlagworte: DE,Lesebuch ::

Zeitungen

Zeitungen sind verführerische Zeitverschwendung. Zum ersten Mal bin ich diesem Gedanken bei Freunden begegnet. Karl las nur die ZEIT, Tageszeitungen lenkten zu sehr ab. Bei meinem letzten Besuch in der Familie vor Jahren war die ZEIT gegen ein Bielefelder Lokalblättchen ausgetauscht worden. Aber es ist bestimmt eine gute Idee, zu versuchen, mehr Bücher als Zeitungen zu lesen.

Was hilft einem Zeitungswissen? Man findet fast keinen Artikel, der korrekt berichtet. Die Journalisten hätten bei ihren niedrigen Löhnen schon nicht genug Zeit, alle Seiten zu beleuchten, wenn sie es denn überhaupt wollten. Was bringt es einem darüberhinaus, täglich politische Entwicklungen mitzuverfolgen, wenn man mit etwas zeitlichem Abstand die ganze Geschichte in einem Absatz zusammenfassen könnte?

Trotzdem kaufe ich in den letzten Monaten regelmäßig meine Tageszeitung. Riesenstapel zeugen von der Idee, sicher noch etwas ausschneiden zu wollen :-) Ich mach’ das auch ständig, ebenso wie ich ständig am Zeitungen wegwerfen bin. Trotzdem werden die Stapel meistens höher. Und in der Zeit, die ich über Tageszeitungen zubringe, hätte ich wichtige Bücher lesen sollen, oder?

Malte Woydt

Abb.: Gusmen Heriadi: News #6, 2012, indoartnow, im Internet.

11/02

09/10/2007 (10:04) Schlagworte: DE,Notizbuch ::

Waffenexporte

(FR)

… und jetzt jammern sie wieder, die Egoisten die vom Tod leben. Es gab einmal eine Zeit, da waren alle schockiert über einen gewissen Herrn Dutroux. Aber jener Herr hat noch nicht einmal zehn kleine Kinder getötet. Lächerlich. Seine Freunde von der FN (Fabrique National) sind da effizienter – sie leben vom Tod tausender Kinder, in Nepal und anderswo. Bleibt Euch treu, liebe Freunde! Entweder Ihr exportiert fröhlich Waffen in die großen Konfliktherde dieser Welt und Ihr setzt Dutroux auf freien Fuß oder Ihr hört mit dem einen auf und macht dem anderen den Prozeß. Mir sind Eure Arbeitsplätze in Herstal stinkegal, wie mir auch die Arbeitsplätze von Herrn Nihoul oder Frau Martin stinkegal sind. Zuerst das Leben, danach die Beschäftigung.

Malte Woydt, aus Anlaß der Diskussion über den Export von 5500 Maschinengewehren der FN nach Nepal.

08/02

09/10/2007 (10:04) Schlagworte: DE,Notizbuch ::

Tabu

“Tabu” nennen wir, was sich nach allgemeiner Ansicht in jahrelanger Erprobung bewährt hat, was Ausdruck reinster Vernunft ist, aber unseren eigenen egoistischen Interessen zuwiderläuft, die ihrerseits allgemeiner Vernunft Hohn sprechen.

Alle Welt sähe, daß unsere Forderungen dem Allgemeininteresse diametral entgegenstehen, daß sie völlig absurd sind. Wenn, ja wenn wir es nicht geschafft hätten, der Sache den Begriff “Tabu” aufzukleben. Mit dem Begriff “Tabu” mystifizieren wir die Sache, denn, was ein richtiges Tabu ist, kann ja nicht sein, was es scheint. Bei “Tabus” muß man die verborgene Wahrheit anderswo suchen als wo sie zu Tage liegt. Das kleine Wort “Tabu” zwingt uns zum Einreißen vernünftiger Einrichtungen, auch dann, wenn wir die versteckte Wahrheit hinter dem Schein gar nicht gefunden haben (weil sie nicht existiert). Niemand verstünde, warum die Sache irrational und unvernünftig sein soll – das braucht auch niemand mehr, die Etikettierung als “Tabu” reicht aus als Grund an sich…

Malte Woydt

Abb.: Julius Klinger: TABU (Tabu Antinicotin Cigarettenhülsen Cigarettenpapier, cigarette papers and filters company), 1919, Wikimedia, im Internet.

02/05

09/10/2007 (10:02) Schlagworte: DE,Notizbuch ::
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