MALTE WOYDT

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Wahrscheinlichkeit

“Als möglicher Kandidat für den Titel ‘wissenschaftlich revolutionär‘ kommt die Idee der Wahrscheinlichkeit in Frage. Sie durchdringt das moderne Leben so sehr, dass sie gar nicht mehr bemerkt wird und wir uns keine Gesellschaft mehr vorstellen können, die ohne das dazugehörige statistische Denken auskommen könnte. …

Die mathematischen Voraussetzungen für ihre Berechnung gibt es seit dem Ende des 18. Jahrhunderts … Carl Friedrich Gauß … [machte] eine seiner wichtigsten Entdeckungen, nämlich die so genannte ‘Normalverteilung’ …

Mit dieser Glockenkurve … wurde … ein völlig neuer Gedanke kreiert, der die Welt grundlegend veränderte. …

Erste statistische Gesetzmäßigkeiten bei natürlichen Erscheinungen wurden um 1820 festgehalten und bald danach gab es den ersten Kongress für Statistik. Zur gleichen Zeit wandten sich die Physik und die Biologie den Verteilungsgesetzen zu, am Ende des 19. Jahrhunderts trat mit …. Charles S. Peirce der erste Philosoph des Indeterminismus auf, und schließlich kam in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts die Quantenphysik, die im Innersten der atomaren Welt primäre Wahrscheinlichkeiten entdeckte und sonst nichts. …

Als Eckdaten müssen die Jahre 1800 und 1930 genannt werden, und wenn etwas weit über einhundert Jahre in Anspruch nimmt, fällt der Gedanke an eine Revolution schwer. Trotzdem hat sich unser Denken und Argumentieren grundlegend erneuert.”

aus: Ernst Peter Fischer: Die andere Bildung. Was man von den Naturwissenschaften wissen sollte. O.O.: RM Buch und Medien 2002 (2001), S.374-376.

01/21

21/01/2022 (20:52) Schlagworte: DE,Lesebuch ::

Mesokosmos

Für den Zwischenraum zwischen Makrokosmos und Mikrokosmos, in dem sich unser sinnliches Leben abspielt, hat der Wissenschaftsphilosoph Gerhard Vollmer den Ausdruck ‘Mesokosmos’ vorgeschlagen.

“Was räumliche Entfernungen angeht, so reicht der Mesokosmos vielleicht von der Dicke eines Haares bis zu der Strecke, die man in Verlauf eines Tages zurücklegen kann. Werden die Abstände kleiner oder größer, können wir unseren evolutionär erworbenen Fähigkeiten – unserem gesunden Menschenverstand – nicht mehr vertrauen und benötigen die Hilfe von Wissenschaft und Technik …

Was zeitliche Dimensionen angeht, so reicht der Mesokosmos vielleicht von der Dauer eines Herzschlages bis zum Zeitraum, den ein langes Leben dauern kann. … Alles, was kürzer dauert … oder länger … kann der gewöhnliche Verstand nicht fassen. …

Was Geschwindigkeiten angeht, so reicht der Mesokosmos vom Schreiten eines friedlichen Fußgängers bis zum Sprint eines professionellen Sportlers …

Man kann dieses mesokosmische Zwischenspiel mit vielen anderen Größen fortsetzen – mit Beschleunigungen, mit Kräften, mit Energien

Die Evolution hatte wenig Grund, uns auf unanschauliche Gegebenheiten der genannten Art vorzubereiten, und wir mussten eigens die Wissenschaft und ihre Methoden erfinden, um damit umgehen zu können.”

aus: Ernst Peter Fischer: Die andere Bildung. Was man von den Naturwissenschaften wissen sollte. O.O.: RM Buch und Medien 2002 (2001), S.351-352.

01/21

 

21/01/2022 (19:26) Schlagworte: DE,Lesebuch ::

Papiergeld

“Marschalk
Durchlauchtigster, ich dacht’ in meinem Leben
Vom schönsten Glück Verkündung nicht zu geben
Als diese, die mich hoch beglückt,
In deiner Gegenwart entzückt:
Rechnung für Rechnung ist berichtigt,
Die Wucherklauen sind beschwichtigt,
Los bin ich solcher Höllenpein;
Im Himmel kann’s nicht heitrer sein.

Heermeister
Abschläglich ist der Sold entrichtet,
Das ganze Heer aufs neu’ verpflichtet,
Der Landsknecht fühlt sich frisches Blut,
Und Wirt und Dirnen haben’s gut.

Kanzler
Beglückt genug in meinen alten Tagen. –
So hört und schaut das schicksalschwere Blatt,
Das alles Weh in Wohl verwandelt hat.
‘Zu wissen sei es jedem, der’s begehrt:
Der Zettel hier ist tausend Kronen wert.
Ihm liegt gesichert, als gewisses Pfand,
Unzahl vergrabnen Guts im Kaiserland.
Nun ist gesorgt, damit der reiche Schatz,
Sogleich gehoben, diene zum Ersatz.’

Kaiser
Ich ahne Frevel, ungeheuren Trug!
Wer fälschte hier des Kaisers Namenszug?
Ist solch Verbrechen ungestraft geblieben?

Schatzmeister
Erinnre dich! hast selbst es unterschrieben;
Erst heute nacht. Du standst als großer Pan,
Der Kanzler sprach mit uns zu dir heran:
‘Gewähre dir das hohe Festvergnügen,
Des Volkes Heil, mit wenig Federzügen.’
Du zogst sie rein, dann ward’s in dieser Nacht
Durch Tausendkünstler schnell vertausendfacht.
Damit die Wohltat allen gleich gedeihe,
So stempelten wir gleich die ganze Reihe,
Zehn, Dreißig, Funfzig, Hundert sind parat.
Ihr denkt euch nicht, wie wohl’s dem Volke tat.
Seht eure Stadt, sonst halb im Tod verschimmelt,
Wie alles lebt und lustgenießend wimmelt!
Obschon dein Name längst die Welt beglückt,
Man hat ihn nie so freundlich angeblickt.
Das Alphabet ist nun erst überzählig,
In diesem Zeichen wird nun jeder selig.

Kaiser
Und meinen Leuten gilt’s für gutes Gold?
Dem Heer, dem Hofe gnügt’s zu vollem Sold?
So sehr mich’s wundert, muß ich’s gelten lassen.

Mephistopheles
Ein solch Papier, an Gold und Perlen Statt,
Ist so bequem, man weiß doch, was man hat;
Man braucht nicht erst zu markten, noch zu tauschen,
Kann sich nach Lust in Lieb’ und Wein berauschen.
Will man Metall, ein Wechsler ist bereit,
Und fehlt es da, so gräbt man eine Zeit.
Pokal und Kette wird verauktioniert,
Und das Papier, sogleich amortisiert,
Beschämt den Zweifler, der uns frech verhöhnt.
Man will nichts anders, ist daran gewöhnt.
So bleibt von nun an allen Kaiserlanden
An Kleinod, Gold, Papier genug vorhanden.

…”

aus: Johann Wolfgang von Goethe: Faust II, im Gutenberg-Projekt.

01/22

08/01/2022 (23:12) Schlagworte: DE,Lesebuch ::

Denkpest

“Zehntausende Menschen gehen auf die Straße, vorgeblich gegen Coronamaßnahmen und Impfpflicht. Tatsächlich ist … eine gefährliche Protestbewegung entstanden, ihr kaum verstecktes Ziel ist ein Umsturz. …

Die meiner Einschätzung nach größte Gefahr geht … weniger vom harten Kern aus – sondern von den schätzungsweise mehreren Millionen Sympathisierenden mit … ihrer coronabasierten Akzeptanz von Extremismus und Gewalt. …

Die vielleicht wichtigste Frage ist: Wie konnten sich so viele Menschen radikalisieren …? …

Ich möchte eine These anbieten: Die Extremsituation der Pandemie, schlechte (staatliche, institutionelle) Kommunikation und soziale Medien wie Telegram haben ein neues Massenphänomen hervorgebracht, eine Vorstufe zum umfassenden Verschwörungsglauben: Die Denkpest. …

Denkpest ist, was passiert, wenn ein Mensch sich in den Gedankenirrgärten von Fake News und Verschwörungstheorien verläuft. …

Man muss an keine einzige Verschwörung glauben und kann trotzdem die Denkpest haben. Es reicht aus, wenn man ein derart tiefes Misstrauen entwickelt hat, dass man einfach nichts glaubt. …

Denkpest braucht als Grundlage die Überzeugung, dass mehr oder weniger alle Medien absichtlich oder aus Unwissen falsch berichten. …

Kernbestandteile scheinen einerseits Schwierigkeiten mit der Komplexität und den vielen Grauschattierungen der Welt zu sein – und andererseits die häufige Konfrontation mit widersprüchlichen Informationen. Für einige Menschen ergibt sich daraus ein unangenehmes Dilemma, weil sich für sie kaum gesichert sagen lässt, was sie glauben können und was nicht.

… schließlich bietet sich ein vermeintlicher Ausweg, der sogar noch simpler ist als die einfachen Erklärungen der Verschwörungstheorien: keine Erklärung, sondern einfach ein Abwehrgefühl. In Diskussionen … habe ich Begründungen gehört wie: ‘Ich kann nicht genau sagen, warum der Impfstoff schädlich ist, aber ich habe kein gutes Gefühl‘. Hier zeigt sich vielleicht besonders deutlich der Unterschied zwischen Verschwörungstheorien – die immer Muster oder Erklärungen anbieten – und ihrem Nährboden, der Denkpest. …

Das Generalmisstrauen … ist dann … das Einfallstor für viele weitere Radikalisierungsprozesse wie der Aufbau von Feindbildern, die Manifestation der Opferhaltung oder die prinzipielle Unterstellung der Bösartigkeit, wo eigentlich Fehler oder Unfähigkeit als Erklärung ausreichen. …

Direkt aus den alten, sowjetischen Manipulationshandbüchern des KGB stammt … die Strategie, so viele unterschiedliche, sich widersprechende Informationen zu veröffentlichen, dass das Publikum überfordert ist und nichts mehr glaubt. …”

aus: Sascha Lobo: Radikalisierung der Impfgegner: Die Denkpest geht um, Spiegel online, 5.1.22, im Internet.

01/22

06/01/2022 (2:41) Schlagworte: DE,Lesebuch ::

Menschenrechte

“Die Idee, dass jede Person auf der Welt … einige Grundrechte hat, die andere achten sollten, hat etwas höchst Reizvolles an sich. … 7

Die Berufung auf Menschenrechte kommt tendenziell meist von Menschen, denen es darum geht, die Welt zu verändern, statt sie zu interpretieren10

Menschenrechte können als in erster Linie moralische Ansprüche verstanden werden. … 14

Aus Menschenrechten ergeben sich Gründe zum Handeln für Akteure, die in der Lage sind, bei der Förderung oder dem Schutz der zugrunde liegenden Freiheiten Hilfe zu leisten. … Die Anerkennung der Menschenrechte verlangt nicht, dass sich jeder überall erhebt, um jedwede Verletzung jedwedes Menschenrechts, wo auch immer sie auftreten mag, zu verhindern. … [Es geht darum], dass jeder ernsthafte Überlegungen anstellen muss, der in der Lage ist, der Person, deren Menschenrecht bedroht ist, angemessen Hilfe zu leisten. … 14, 48/49

Mittel und Wege

[1] “Anerkennungsweg” …, Ansprüche … werden anerkannt, jedoch nicht notwendig im positiven Recht verankert … Die 1948 durch die Vereinten Nationen getragene Allgemeine Erklärung der Menschenrechte, die vielleicht der wichtigste Schritt zur Förderung weltweiter Aktivitäten in Bezug auf die Menschenrechte im vergangenen Jahrhundert darstellt, fällt uneingeschränkt in diese Kategorie … 53

[2] Ein zweiter Schritt … setzt auf Aktivismus. … Rechte, die im Rahmen dieses Wegs … geltend gemacht werden … werden nicht … dadurch obsolet, dass sie keinen gesetzlichen Rückhalt haben. Und selbst wenn bestimmte Menschenrechte einen gesetzlichen Status besitzen, kann eine gute Durchsetzung der einschlägigen Gesetzgebung ebenfalls ein öffentliches Engagement bzw. öffentlichen Aktivismus erfordern. … 53/54

[3] Der dritte Ansatz ist natürlich die ‘Gesetzgebung‘. … Viele geltende Gesetze wurden durch Einzelstaaten oder Staatenverbünde erlassen. … 54/55

Ich wende mich nun der Kritik zu, die speziell gegen die Ausweitung der Idee der Menschenrechte auf wirtschaftliche und soziale Rechte wie etwa das Recht darauf, keinen Hunger zu leiden, das Recht auf grundlegende Bildung oder ärztliche Versorgung gerichtet worden ist. … Aus dem Verständnis heraus, dass einige Rechte … unter den gegenwärtigen Umständen … nicht vollständig umsetzbar sind, lässt sich keineswegs die Schlussfolgerung ziehen, dass sie aus diesem Grund überhaupt keine Rechte sind. Vielmehr deutet dieses Verständnis darauf hin, dass es notwendig ist, auf die Veränderung der derzeitigen Umstände hinzuarbeiten. … 57, 61

[Universalität]

Im Gegensatz zu kulturellen Stereotypen zeigen sich in der Geschichte verschiedener Länder auf der Welt im Lauf der Zeit ebenso wie zwischen den verschiedenen Traditionen innerhalb desselben Landes erhebliche Unterschiede. In vielen Ländern hat das Eintreten für eine freie, öffentliche Diskussion, die unterschiedliche Standpunkte toleriert und fördert, eine lange Tradition. … 67/68

In dritten Jahrhundert v.Chr. … [versuchte der Herrscher] Aśoka … [in Indien] Regeln für öffentliche Diskussionen in einem Kodex festzulegen. … Er forderte zum Beispiel ‘Zurückhaltung in der Rede, sodass es keine Lobpreisungen der eigenen Sekte oder Verunglimpfungen anderer Sekten bei unpassenden Gelegenheiten geben sollte, und die Rede sollte selbst bei angemessenen Anlässen gemäßigt sein’ … 68

Im … Japan des siebten Jahrhunderts fertigte der buddhistische Prinz Shōtoku als Regent der Kaiserin Suiko im Jahr 604 n.Chr. die sogenannte Verfassung in 17 Artikeln an …: ‘Entscheidungen über wichtige Angelegenheiten sollten nicht von einer Person allein getroffen werden: Sie sollen mit vielen diskutiert werden.’ … 69

Einige hundert Jahre später, als in Agra der Mogulherrscher von Indien, Akbar, über die Pflicht der Regierung, das Recht auf Religionsfreiheit aller Bürger zu schützen, diskutierte und dies gesetzlich verankerte, herrschte in Europa noch die Inquisition … 69

Was für ‘fremdeKritiken gehalten wird, entspricht häufig internen Kritiken, die von Gruppen kommen, die nicht der Mehrheitsgruppe der Gesellschaft angehören. … 70

[Wir] müssen … unterscheiden zwischen (1) den Werten, die in einer Gesellschaft dominieren (unabhängig davon, wie repressiv die Gesellschaft ist), und (2) den Werten, von denen man erwarten könnte, dass sie eine breitere Anhängerschaft und Unterstützung gewinnen, sobald eine offene Diskussion erlaubt wird, sobald Informationen über andere Gesellschaften freier verfügbar werden und sobald Abweichungen von den etablierten Ansichten ohne jede Unterdrückung und angstfrei geäußert und verteidigt werden können. … 71

Ich möchte … betonen, dass das Verständnis und die Umsetzbarkeit der Menschenrechte … eng mit der Reichweite der vernünftigen Diskussion zwischen Personen und über Grenzen hinweg verknüpft sind. … 75

Die Tatsache, dass sich autoritäre Systeme normalerweise sehr vor … einer uneingeschränkten öffentlichen Diskussion fürchten … liefert … Belege dafür, dass der Einfluss des öffentlichen Diskurses tatsächlich sehr groß sein kann. …” 76

aus: Amartya Sen: Elemente einer Theorie der Menschenrechte. Ditzingen: Reclam 2010 (engl. Originalausgabe 2004), Seitenzahlen oben angegeben …

01/22

02/01/2022 (20:15) Schlagworte: DE,Lesebuch ::

Gefühle

“Stellen Sie sich vor, Sie hören, wie eine hochseriöse Journalistin in einem hochseriösen Programm eines hochseriösen Radiosenders zu einer hochseriösen Sendezeit einem hochseriösen Politiker … [fragt]: ‘Was macht das mit Ihnen?’ …

Politiker … werden für das Preisgeben innerer Zustände weder gewählt noch bezahlt. Sondern dafür, dass sie ihren Job machen. Werden sie als Menschen mit Gefühlsleben befragt, nimmt man sie aus ihrer Verantwortung. Nicht, was etwas mit ihnen macht, sondern was sie selbst machen, ist das, was wir von ihnen wissen wollen sollten. …

Auch an verwandten Trendfragen des Journalismus wie ‘Dürfen wir noch Discount-Ware kaufen?’ oder ‘Müssen wir jetzt alle Flugscham haben?’ lässt sich der gesellschaftliche oder teilgesellschaftliche Trend erkennen, der sich in der ‘Was macht das mit?’-Frage spiegelt: eine zunehmend seelsorgerisch ausgerichtete Betrachtung von Gesellschaft. Die Rede von ‘toxischen Beziehungen’, die Anzahl an neuen Sachbüchern, in denen es um Sinn, Selbstsorge und Seelenheil geht, geben davon Kunde.

Wenn nun seriöse Journalisten die ‘Was macht das mit?-‘Frage stellen, können sie keine seriösen Antworten erwarten.

Es könnte natürlich sein, dass die Frage eine Verzweiflungstat ist, weil Politiker mittlerweile so durchgecoacht sind, dass sie auf so gut wie alle Fragen mit ‘Ach wissen Sie …’ antworten und dann irgendwas erzählen, was keine Antwort auf die Frage ist. …

Es könnte aber auch sein, dass man die Inszenierung der Politik verinnerlicht hat und glaubt, die politischen Probleme (wer bezahlt für was wie viel?) kämen über uns wie die Apokalypse, das Pfingstwunder oder Feenstaub. Und Menschen, die dafür gewählt und bezahlt werden, Politisches zu erkennen, zu entscheiden, zu kontrollieren und zu lösen, würden von ihrem Berufsfeld auch bloß angeweht …”

aus: Doris Akrap: Gefühle statt Handlungen: Wir stellen die falschen Fragen, taz online, 2.1.22, im Internet

01/22

02/01/2022 (18:16) Schlagworte: DE,Lesebuch ::

Lernen

“‘Das beste Mittel gegen Traurigkeit ist’, entgegnete Merlin und paffte heftig vor sich hin, ‘etwas zu lernen. Das ist das einzige, was einen nie im Stich läßt. Du kannst alt werden und zittrig und klapprig, du kannst nächtens wach liegen und dem Durcheinander deiner Adern, dem wirren Gewühl deiner Gedanken lauschen, du kannst dich nach deiner großen Liebe verzehren, du kannst zusehn müssen, wie die Welt um dich her von bösartigen Irren verheert und verwüstet wird, oder wissen, daß kleine Geister deine Ehre in den Schmutz treten. Da gibt’s nur eines: lernen. Lernen, weshalb die Welt wackelt und was sie wackeln macht. Das ist das einzig Unerschöpfliche, Unveräußerliche. Nie kann’s dich quälen, niemals dir Angst einjagen oder Mißtrauen einflößen, und niemals wirst du’s bereuen. Lernen mußt du, nichts anderes. Überleg doch mal, was es alles zu lernen gibt – reine Wissenschaft, die einzig vorhandene Reinheit. Astronomie kannst du in einer Lebensspanne lernen, Naturgeschichte in dreien, Literatur in sechsen. Und dann, wenn du Milliarden Leben mit Biologie und Medizin zugebracht hast, mit Theo-Kritik und Geographie und Geschichte und Wirtschaftswissenschaft – nun, dann kannst du anfangen zu lernen, wie man aus dem richtigen Holz ein Wagenrad macht, oder fünfzig Jahre lang lernen, wie man lernt, seinen Gegner beim Fechten zu besiegen. Danach kannst du wieder mit der Mathematik anfangen, bis es Zeit ist, pflügen zu lernen.”

aus: T.H.White: Der König auf Camelot, Stuttgart: Klett-Cotta 1981 (diese Fassung auf englisch ursprünglich 1958), S.180.

12/21

18/12/2021 (1:35) Schlagworte: DE,Lesebuch ::

Zivilgesellschaft

“Die übergroße Mehrzahl der Deutschen kann mit dem Wort ‘Zivilgesellschaft’ gar nichts anfangen. Und selbst das ist noch eine Verharmlosung, denn die Deutschen assoziieren damit entweder einen erweiterten Zivildienst oder – noch schöner – einen Ausbau von Zivilstreifen, Zivilgesellschaft = Polizei ohne Uniform!

Warum sich Schröder ausgerechnet in das häßliche Entlein ‘Zivilgesellschaft’ verliebt hat, bleibt ein Rätsel. …

Aufgefordert, das eingedeutschte Fremdwort ‘Zivilgesellschaft’ zu übertragen, schlage ich vor: Zivilgesellschaft heißt zivilcouragierte Gesellschaft. …

Eine Politik der Zivilgesellschaft legt sich mit der tief verwurzelten Staatsgläubigkeit der Deutschen an. … Es wird ausdrücklich Abschied genommen von staatszentrierten Politik-Visionen. … Doch verordnete Zivilcourage – das hat etwas Paradoxes, sehr Deutsches. …

Tatsächlich gibt es eine neoliberale Variante der Zivilgesellschaft, und diese ist die größte denkbare Rationalisierungsmaßnahme im öffentlichen Dienst und in der privaten Wirtschaft. Denn hier sind ‘Selbstverantwortung‘ und ‘Zivilgesellschaft’ nur beschönigende Wörter für eine Politik, die Kosten und Probleme auf den so genannten selbstverantwortlichen Bürger abwälzt. … Individuen werden so zu Müllschluckern aller sozialen und ökonomischen Folgeprobleme privater Gewinnmaximierung und des Staatsabbaus gemacht. …

Gegen diesen neoliberalen Mißbrauch der Zivilgesellschaft wäre es sinnvoll, das Prinzip der Kostenneutralität so zu wenden: Was durch staatliche Reformen eingespart wird, wird in den Ausbau der Zivilgesellschaft reinvestiert. …

Die drei großen ‘Nicht’ der Zivilgesellschaft – Nicht-Klassengesellschaft, Nicht-Ethnische Gesellschaft, Nicht-Arbeitsgesellschaft – machen deutlich, wie weit zivilgesellschaftliche Reformen letztendlich reichen. Solidarität läßt sich durch die Beschwörung des Klassenschicksals … nicht stiften … Es bleibt nur der zivilgesellschaftliche Weg. Das heißt die Mobilisierung des Einzelnen innerhalb geteilter, sozialer Netzwerke.”

aus: Ulrich Beck: Mehr Zivilcourage bitte. In: ders. u.a.: Abschied vom Egokult.Kremmwisch: Koningsfurt 2001, S.40-46.

12/21

16/12/2021 (2:21) Schlagworte: DE,Lesebuch ::

Widerstandsrausch

“Ein Mann ermordet seine Familie. Er erschießt seine drei Kinder, zehn, acht und vier Jahre alt. Und seine Frau. Schließlich tötet er sich selbst. Der Abschiedsbrief des Mannes deutet darauf hin, dass er das Impfzertifikat seiner Frau gefälscht hatte. Weil die Tat aufflog, hatte das Paar offenbar Angst vor Verhaftung und fürchtete, man könnte ihnen die Kinder wegnehmen …

Sechs Tote in wenigen Wochen [sind] ein eindeutiges Zeichen … Auf die Frage, wie diese Taten zusammenhängen mit der Radikalisierung von ‘Querdenkern‘ und Konsorten, lautet eine wahrscheinliche Antwort: Telegram. Sowohl der Tankstellenmörder wie auch der Mann, der seine Familie tötete, hatten Telegram-Accounts. …

Telegram ist strukturell besonders gut geeignet für Radikalisierungen aller Art. … Telegram verbindet die Intimität und Sofortheit von Messengern mit der Viralität und dem News-Gefühl von Social Networks. …

Als Ausgangspunkt der massenhaften Radikalisierung dienen Kanäle und Gruppen bei Telegram, die … nicht nur mit einem Klick abonnierbar [sind], sondern … vor allem auch untereinander leicht verlinkt werden [können]. Dadurch können neue Gruppen und Kanäle in wenigen Stunden Hunderttausende Abonnenten anlocken. … Gleichzeitig kann man anhand der Verlinkungen leicht von Gruppe zu Gruppe springen, jeder Klick führt dann tiefer in die Vernetzung der Communities untereinander hinein – der Beginn des sogenannten Rabbit-Hole-Effekts, mit dem man sich im weit verzweigten Höhlenbau der sozialen Medien verlieren kann. …

Telegram ist das Darknet des kleinen Mannes. … Zuerst fällt die große und noch zunehmende Nähe zu Rechtsextremen auf. … Die Rechtsoffenheit basiert bei den eher bürgerlichesoterischen Teilen der Bewegung auf einer so schlichten wie gefährlichen Sichtweise: Die ‘Coronadiktatur’ sei derart bedrohlich, dass man sich ohne Scheu mit allen verbünden müsse, die dagegen kämpfen. Rechtsextreme nutzen diese spektakuläre Naivität aus und haben so die ursprünglich vielschichtige Bewegung mit einer radikal rechten Schlagseite versehen. …

Weil das Teilen so einfach ist, ergibt sich in vielen Kanälen und Gruppen ein regelrechter Hagelsturm an Verschwörungsinhalten, die zu einem Amalgam der ständig drohenden, kaum mehr überschaubaren Weltuntergänge werden, wie so oft mit antisemitischer Grundierung … Die anhaltenden Maximalbedrohungen von allen Seiten lösen eine Dauererregung aus, die zur Sucht werden kann, aber vor allem die Funktion hat, sich als Opfer zu fühlen. Die Opferpose ermöglicht Radikalisierten, Gewalt anzuwenden, die sie als Widerstand und Notwehr begreifen. …

Bereits ein halbes Dutzend Abonnements und Gruppenmitgliedschaften in einschlägigen Zirkeln reichen bei Telegram völlig aus, um sich in einen dauerhaften Alarm- und Angstzustand hineinzusteigern. Es ist gut erforscht, was dann geschieht – Notsituationen lassen ein evolutionäres Programm im Körper ablaufen, in dem Rationalität und Empathie keine große Rolle mehr spielen und stattdessen uralte Überlebensmechanismen aktiviert werden: Flucht- und Kampfreflexe, die Reduktion von Hemmungen und moralischen Erwägungen, die Neigung zum Freund-Feind-Schema und Schwarz-WeißDenken. Das Ergebnis ist erschütternd: So lässt sich leicht eine selbstverstärkende Radikalisierung gegen die eingebildete Generalbedrohung durch ungefähr alle anderen erzeugen – ich nenne dieses Phänomen Widerstandsrausch, der Telegram-Amokwahn des Social-Media-Zeitalters. Er wird wohl noch viele weitere Opfer kosten.”

aus: Sascha Lobo: Im Widerstandsrausch, Spiegel-Online, 8.12.21, im Internet

12/21

10/12/2021 (13:44) Schlagworte: DE,Lesebuch ::

Selbstverantwortung

“Viele Ostdeutsche und Osteuropäer erlebten die 1990er Jahre als immer heftigere Zumutung: … Das Elitenprojekt Sozialabbau, Beschneidung der Daseinsvorsorge, komplementiert mit militanter Forderung von Selbstverantwortung schallt nun aus dem Wald zurück als komplette Unfähigkeit, einen Gemeinschaftsbegriff zu denken. Der Wald bedeckt auch Teile der Mitte der ostdeutschen Gesellschaft.

Von hier halten Menschen einer Mehrheit ihre Hartleibigkeit entgegen, die sie sich im Wettbewerb aller gegen alle angelegt haben. … Sich nicht impfen zu lassen, spiegelt die Selbstbezogenheit, die eine neoliberale Wirtschaftsordnung in die Gesellschaft getragen hat. … Plötzlich können sich Menschen wichtig fühlen, indem sie sich stolz als Störung verstehen. Das Grinsen, mit dem viele auf den Antivax-Demonstrationen auftreten, ist ein Echo auf das Feixen der Kubickis.”

aus: Lennart Laberenz: Der Stolz der Störer, taz online, 8.12.21, im Internet

12/21

08/12/2021 (23:20) Schlagworte: DE,Lesebuch ::
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