MALTE WOYDT

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Postkolonialismus 3

“Die postkoloniale akademische Linke hat verschiedene Theorien und Ideenschulen, von denen einzelne durchaus inspirierend sind und dem Denken einen produktiven, neuen Horizont eröffneten – aber sie hat diese zu manichäischen Wahnideen radikalisiert.

Die Welt wird in Unterdrücker und Unterdrückte geteilt und in diesen simplen Weltbildern hat der als ‘Unterdrückter’ Identifizierte immer Recht. Da Unterdrücker nie die Erfahrungen der Unterdrückten nachvollziehen oder auch nur verstehen können, muss vor allem den Unterdrückten immer Recht gegeben werden.

Von da ist es dann nur mehr ein kleiner Schritt zum letzten Klick: Die Palästinenser sind ‘schwarz’ (also ‘People of Color’, um exakt zu sein), die Juden sind weiß, und in Israel noch dazu Büttel des US-Imperialismus, also Unterdrücker. Auch wenn man nicht alles als richtig empfinden kann, was die Hamas tut, ist es ein authentischer Ausdruck des Widerstands der Unterdrückten gegen das System der Unterdrückung und damit auf höhere Weise ‘richtig’. Israel dagegen ist ein weißes ‘siedler-kolonialistisches’, imperiales Projekt.

Da natürlich auch die Idee des freien Diskurses selbst eine bürgerliche Ideologie ist, die nur erfunden wurde, um die herrschende Macht zu stützen, soll man abweichende Ansichten delegitimieren oder zur Not niederschreien. Denn was ‘sagbar’ und ‘nicht-sagbar’ sein soll, ist einfach selbst ein Machteffekt. Und wenn man dafür sorgt, dass Ansichten, die die Unterdrückung stützen, nicht mehr gesagt werden, dann ist ein kleiner Schritt zur Befreiung schon gemacht. So wie in Deutschland jede Kritik an Israel als ‘antisemitisch‘ bezeichnet und damit als moralisch verdammenswerte Haltung kompromittiert wird, so wird auf der anderen Seite die Verteidigung des Existenzrechts Israels als Ausdruck von ‘Rassismus‘ niedergemacht.

Inmitten dieses Dogmatismus hat man den Eindruck, dass die ganze Welt verrückt geworden ist. Während Deutschland Israel bedingungslos unterstützt, da das als Imperativ der eigenen Schuld und des Ausrottungs-Antisemitismus angesehen wird, sind in den amerikanischen, britischen und anderen Diskursen ebenso die Imperative eigener Geschichtspolitik prägend: Rassismus, der Genozid an den indigenen Bevölkerungen, die Versklavung der Schwarzen, imperiale Ausbeutung. Bruchstücke des Realen werden willkürlich verwendet und in das Schema der eigenen Erinnerungspolitik gepresst, für die in diesem Fall der BegriffIdentitätspolitik‘ wirklich passend ist.

Meistens hat das alles weniger mit realen Palästinensern und realen Israelis zu tun als damit, wer und was man sein will – wie man die Welt und sich selbst in ihr sehen will. Man gibt sich als heldenhafter Kämpfer gegen Antisemitismus oder gegen Rassismus und Kolonialismus, während die äußeren Gegebenheiten der Realität allenfalls zum Bühnenbild für diese Selbstinszenierung werden, zu Requisiten in einem Theaterstück, dem die Realität angepasst werden muss. …”

aus: Robert Misik: Eingeschränkte Sicht, IPG-Journal, 23.2.24, im Internet.

02/24

23/02/2024 (12:13) Schlagworte: DE,Lesebuch ::

Faktenchecks

“Ich mache seit 2015 Faktenchecks, ich möchte, dass wir einen Diskurs führen, der auf Fakten und Wissenschaft beruht. Aber von Jahr zu Jahr sieht es düsterer aus. Wir diskutieren, was wahr ist und was nicht. Nicht nur lähmt das jeglichen demokratischen Meinungsfindungsprozess. Diejenigen, die grundlegende Fakten und wissenschaftliche Ergebnisse kategorisch infrage stellen, versuchen, ihre realitätsferne Weltanschauung mit Gewalt und Druck durchzusetzen. Sie versuchen, uns mundtot zu machen durch Einschüchterungen und Drohungen, aber auch, indem sie ihre Anhängerschaft konstant mit weiteren Lügen indoktrinieren, uns als Feinde zu betrachten.

Nicht nur, damit unsere Aufklärung wirkungslos verpufft. Ich mache seit Jahren Faktenchecks, liefere Tausende Quellen, Argumente, Einschätzungen von Experten. Nicht nur verhallen sachliche, unaufgeregte Artikel wirkungslos in Social Media, wo sich die Algorithmen nicht dafür interessieren. Die bereits Indoktrinierten lesen maximal die Überschriften und gehen dann ohne jegliche sachliche Auseinandersetzung in den Angriff über. …

Egal, was wir machen: Es scheint nicht zu funktionieren. … Immer mehr Menschen werden immunisiert gegen seriösen Journalismus, gegen Faktenchecks, gegen Argumente. Die AfD gewinnt immer mehr an Zulauf. …

Wir als Medienschaffende können nicht so weitermachen wie bisher. Wir dürfen nicht mehr den Fake News hinterherlaufen, sie nicht mehr wiederholen, selbst wenn wir ihnen widersprechen wollen, wir dürfen nicht mehr die Faschisten in die Talkshows einladen, nur um danach verwundert zu sein, warum die ganze Aufklärung so wenig bringt. Dafür spricht nicht nur unsere Erfahrung, das zeigt auch die Wissenschaft. Eine Wissenschaftlerin, mit der ich sprach, forschte bereits nicht mehr darüber, welche Art der Faktenchecks besser funktionieren – sie forschte, warum kaum jemand die Erkenntnisse umsetzt. …

Ich fordere, dass wir mehr Werbung für die Wahrheit machen – ohne dabei ständig auf die Falschwahrheiten der Demokratiefeinde zu reagieren.”

aus: Thomas: Laschyk: Schluss mit Faktenchecks, taz online, 10.2.24, im Internet.

02/24

10/02/2024 (22:14) Schlagworte: DE,Lesebuch ::

Anti-Depressivum

“‘… im Fernsehen sieht man ja auch nichts anderes mehr. AfD, AfD, AfD! Ich bekomme jeden Tag üble Magenschmerzen.’

‘Selber schuld, Nedim. Mein Fernseher zeigt so was Unappetitliches nicht mehr.’

‘Echt? Dann verrate mir doch mal bitte, welche Programme du einschaltest?’

‘Ich doch nicht. Meine kleine Tochter Hatice schaltet ein. Seitdem ich ihr die Fernbedienung überlassen habe, geht es uns bestens.’

‘Aber was guckt ihr denn so den ganzen Tag?’, wundert er sich.

‘Was Hatice guckt halt. Der kleine Nick, Pepper Wutz, der Zauber-Schrank, meine Freundin Connie. Die Eiskönigin Elsa kann ich dir sehr empfehlen. …’

aus: Osman Engin: Remigrier dich selber, aefde!, taz online, 7.2.24, im Internet.

02/24

07/02/2024 (15:18) Schlagworte: DE,Lesebuch ::

Post-

“Das Besondere an dieser Figur der Verwendung des Präfixes ‘post’ ist nicht, dass eine Gesellschaftsdeutung sich an ei­ner zeitlichen Stelle hinter etwas anderem lokalisiert, sondern dass sie nichts anderes tut. Thomä verdeutlichte dies mit pointierten kontrafaktischen Beispielen: Karl Marx wäre es nicht in den Sinn gekommen, ein ‘post-kapitalistisches Manifest’ zu schreiben, genauso wenig wie Friedrich Schlegel sein Genügen darin fand, „post-klassisch“ zu sein. ‘Post’ ist jenes Zeitalter, das vom Bewusstsein seiner Nachzüglerschaft so sehr ergriffen ist, dass es die Antwort auf die … Frage … schuldig bleibt, was nach ihm selbst … kommen soll. Post-X zu sein heißt, sich in einem historischen Vakuum anzusiedeln. …

Die Post-Diagnosen kennzeichnete ein Amalgam aus der Überheblichkeit, auf Überholtes zurückzublicken, und der Scham, nichts Ebenbürtiges an dessen Stelle setzen zu können.”

aus: Christoph Paret: Himmel, war das eine Menge Post!, Faz Online, 23.1.24, im Internet.

Abb.: Austellungsansicht, Bundskunsthalle: Postmoderne, 2023/2024, im Internet.

01/24

31/01/2024 (17:48) Schlagworte: DE,Lesebuch ::

Pflegenotstand

“Hätten die Pflegekräfte Traktoren, würden sie wahrscheinlich schon längst das Doppelte verdienen.”

aus: Silke Mertens: Einen Traktor müsste man haben, Taz online, 29.1.24, im Internet.

01/24

29/01/2024 (19:51) Schlagworte: DE,Lesebuch ::

Bio-Label

“Warum eigentlich steht auf der Paprika und der Wurst im Ökoladen das Bio-Siegel? Warum kleben nicht stattdessen auf den Tomaten und Schinken aus der ‘konventionellen’ Landwirtschaft Etiketten, auf denen ‘mit Pestiziden’ oder ‘aus Quälhaltung’ steht?

Warum definieren wir nicht als normal, was wir wollen? Und labeln alles andere mit Warnhinweisen? …

Statt ‘klimaneutrale’ Zugtickets bei der Bahn wie bisher müssten sie ‘klimaruinierende’ Kreuzfahrten buchen. Wer hätte in der Speisekammer gern Thunfischdosen mit der Aufschrift ‘delfintötend’ …?

Und wer könnte es sich leisten, statt ‘zertifzierten Grünstrom’ lieber ‘Braunkohlestrom unklarer Herkunft’ aus der Steckdose zu ziehen …?”

aus: Bernhard Pötter: Bio, weil wir faul sind! Taz Online, 25.1.24, im Internet.

01/24

25/01/2024 (21:22) Schlagworte: DE,Lesebuch ::

Frieden

“wenn man sich satt gehasst hat … wächst ein Keim der Zuversicht.”

aus: Mely Kiyak: Wo Bekenntnisse herrschen, liegt ein Mangel an Sprache vor, Kiyaks Theaterkolumne, ohne Datum, im Internet.

01/24

07/01/2024 (2:22) Schlagworte: DE,Lesebuch ::

Migranten

“Und überhaupt, warum seid ihr hier, Flüchtlinge, die ihr neuerdings Migranten heißt? Migranten. Als hättet ihr vor der Flucht schnell noch den Festnetzanschluss gekündigt und eine Abschiedsparty geschmissen. Migranten deshalb, weil das die Rechtsextremen erfolgreich in den deutschen Thesaurus gedrückt haben. Damit es nicht nach Krieg und Bomben klingt, sondern nach Verreisen, nach Urlaub, nach aufblasbaren pinken Gummiflamingos und nach selbstgewählter Entscheidung. …”

aus: Mely Kiyak: Vorhang auf, Vorhang auf! Zeit Online, 22.3.22, im Internet.

01/24

 

07/01/2024 (2:04) Schlagworte: DE,Lesebuch ::

Rechte 2

“Wenn man derart nach rechts tendiert, dass man die Erde, die ja eine Scheibe ist, um 90 Grad neigen müsste, damit die nach rechts Gekippten wieder aufrechte Nazis sind, wird man mit dem Leben und der darin verborgenen Schönheit immer fremdeln.”

aus: Mely Kiyak: Vorhang auf, Vorhang auf! Zeit Online, 22.3.22, im Internet.

01/24

 

07/01/2024 (1:59) Schlagworte: DE,Lesebuch ::

Armut 2

“Das Gegenteil von Armut ist nicht Reichtum sondern Gerechtigkeit.”

aus: Bryan Stevenson, zitiert bei: Mely Kiyak: Vorhang auf, Vorhang auf! Zeit Online, 22.3.22, im Internet.

01/24

07/01/2024 (1:56) Schlagworte: DE,Lesebuch ::
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