MALTE WOYDT

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Sperrmüll

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“Sperrmüll ist Müll, der sich dagegen sperrt, in die Tonne geworfen zu werden…

Herr Kringel lebte in einem reichen Land: … In diesem Land gab es einige Leute, die wollten immer noch reicher werden. Dazu mißbrauchten sie die Werbung. Riesen- und Geisterstimmen flüsterten und schrien unaufhörlich aus Zeitschriften, Fernsehen ud von allen Plakatwänden auf die Leute ein: ‘Nur der kann jung, schön und beliebt sein, der immer das Allerneuste hat!’ Längst glaubten es die Leute und kauften und kauften, immer mehr neue Sachen.

Die vielen neuen Sachen brauchten Platz. Doch wohin mit den alten Sachen? … Die Leute warfen alles … einfach über ihren Zaun in den Nachbargarten. Und der, der hinter dem Zaun wohnte, schmiß es wieder über den nächsten Zaun. …

Herr Kringel öffnete eines Morgens die Tür, um die Zeitung zu holen. Da erwartete ihn eine böse Überraschung. Vor seiner Tür hatte sich ein Berg Gerümpel angesammelt. … Herr Kringel sammelte erst einmal alles auf einem Haufen zusammen. Er fand sehr viele brauchbare, schöne, ja fast neue Sachen darunter. … [Er] brachte … es nicht übers Herz, diese tadellosen Dinge einfach wegzuwerfen …

… der Sperrmüll hatte ihn fast aus seinem Haus verdrängt. Bis eines Tages die Kinder kamen. …”

aus: Ali Mitgutsch: Warum macht Herr Kringel nicht mit? Ravensburger 1973

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13/09/2017 (10:56) Schlagworte: DE,Lesebuch ::

Terrorismusbekämpfung

“Es ist schmerzhaft zuzugeben, aber wir Journalisten sind die Boten des Terrors, durch uns werden aus fünf verängstigsten Menschen in einer Kirche Millionen verängstigte, wütende, nach Rache rufende Menschen in der ganzen Welt. … Natürlich kann man jetzt den berühmten Satz zitieren: ‘Don’t shoot the messanger’, was so viel heißt wie: Der Bote kann nichts für die Botschaft, die er überbringt. Nur, in diesem Fall stimmt das nicht. …

Die Terroristen benutzen uns Journalisten. Und wir lassen uns benutzen, wieder und wieder. … [Terrorismus] verbreite sich im Laufe des 19. Jahrhunderts zunächst dort, wo die … Kommunikationstechnologien besonders weit fortgeschritten waren … Politische Morde, wie es sie schon immer gegeben hatte … aber etwas war neu. … Auf einmal hatten kleine terroristische Gruppen, selbst Individuen, ein Mittel gefunden, um mit wenig Aufwand das Weltgeschehen zu beeinflussen. Die Öffentlichkeit: Sie war Waffe geworden. …

Jetzt, nach Barcelona, titelte die Londoner Times wieder: Evil Strikes Again. Das Böse schlägt wieder zu. Nicht ein paar Durchgeknallte, nein, das Böse schlechthin, nicht weniger als das! Jubel bei den Terroristen. Ziel erreicht. Alle haben Angst. … Terroristen nähren sich an der Eskalation. … Die Islamisten wollen die gesamte westliche Welt in eine große Schlacht trieben. Auch jene Terroristen, die … sich im Kinderzimmer … radikalisieren, sehen sich als tapfere Soldaten in einem heroischen Krieg. Es gibt diesen Krieg nicht. Der Kampf gegen den Terrorismus ist in Wahrheit eine Auseinandersetzung mit einigen radikalen Verbrechern. …

Es gibt … nur einen Ausweg: … Wir müssen aufhören, über Terroranschläge zu berichten. Unmittelbare Folgen hätte ein Anschlag dann nur für die Familien der Opfer, die Augenzeugen, das medizinische Personal und einige Therapeuten – so wie bei einem Autounfall.  … Nach einer Massenkarambolage auf der A8 strahlt niemand das Brandenburger Tor an. Die Angst würde eingedämmt. Unsere Gesellschaft wäre gesünder.

Dieses Gedankenspiel ist wohltuend und quälend zugleich, für mich als Journalisten besonders, denn natürlich widerspricht es meinem Berufsverständnis. … Sofort führt man innere Debatten über die Pressefreiheit. Was man dabei vergisst: Es gibt ein Beispiel dafür, dass wir Journalisten diese Art von Selbstzensur längst praktizieren – nur dass wir sie nicht so nennen. … Je mehr ein Selbstmord thematisiert wird, desto größer die Zahl der Nachahmer. Deswegen haben sich Journalisten in vielen Ländern darauf geeinigt, nur sehr eingeschränkt über Suizide zu berichten. … Nicht-Berichterstattung rettet Leben – beim Suizid reicht uns Journalisten das als Grund zum Schweigen.

Vor vier Wochen erschien im renommierten Journal of Public Economics ein interessanter Artikel. Michael Jetter, ein deutscher Ökonom an der University of Western Australia, berichtet darin von seiner Forschungsarbeit. … Das Ergebnis: Immer wenn über einen Anschlag besonders ausführlich berichtet wurde, kam es in den darauf folgenden sieben Tagen zu weiteren Anschlägen, bei denen im Durchschnitt drei Menschen starben. … Weil wir berichten, sterben Menschen.”

aus: Bastian Berbner: Wir Terrorhelfer. Die Zeit, 24.8.17, S.13-15.

08/17

28/08/2017 (9:22) Schlagworte: DE,Lesebuch ::

Wunder

“… Budenzauber meinte Großvater allerdings nicht, als er sich in seinen Erinnerungen gegen die neue Mode wandte, die Wunder, mit denen Gott seine Propheten versah, mit einer wissenschaftlichen Erklärung, gar einem Beweis zu versehen. Es genüge doch, die Schöpfung zu betrachten, die Einzigartigkeit eines jeden Menschen und Tieres, einer jeden Pflanze, um Wunder genug zu entdecken, die Wunder der Zivilisation, der Sinne, des Genusses, die Wunder der Liebe: ‘Wie kann die Wissenschaft erklären, daß nicht einmal die Handflächen zweier Menschen sich je gleichen? Wie kann sie erklären, was ein einzelner Mensch zu erschaffen und welch überwältigende Gefühle er für einen zweiten Menschen zu hegen vermag?’

aus: Navid Kermani: Ungläubiges Staunen. Über das Christentum. München: Beck Paperback 2017 (geb. 2015), S. 220.

08/17

28/08/2017 (1:06) Schlagworte: DE,Lesebuch ::

Abraham

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“Lange fand ich das Ungeheure, das Abstoßende, das Bedrohliche des Glaubens – des Glaubens an nur einen Gott – im zweiundzwanzigsten Kapitel des ersten Buches Mose zwischen dem zweiten und dem dritten Vers. … Der zweite lautet: ‘Und er sprach: Nimm Isaak, deinen einzigen Sohn, den du liebhast und geh hin in das Land Morija und opfere ihn daselbst zum Brandopfer auf einem Berge, den ich sagen werde.’ Der dritte: ‘Da stand Abraham des Morgens früh auf und gürtete seinen Esel und nahm mit sich zwei Knechte und seinen Sohn Isaak und spaltete Holz zum Brandopfer, machte sich auf und ging hin an den Ort, davon ihm Gott gesagt hatte.’ Und dazwischen: nichts. Kein Zögern, kein Nachfragen, kein Bekümmertsein um den Sohn, kein Mitleid mit seiner Frau, keine Rücksicht überhaupt auf ein irdisches Urteil. Er hätte es ohne Wimpernzucken getan. …

Was könnte Liebe weniger wollen, als dem eigenen Kind die Kehle durchzuschneiden? Hier ward das Gefühllosste zum Inbegriff des Gottgefälligen erklärt. Erst Caravaggio brachte mich dazu, auch den Abgrund anzunehmen, der sich zwischen dem zweiten und dem dritten Vers auftut. …

Der Engel muß ihm fest in den Unterarm greifen, damit Abraham das Messer nicht … an den Hals des Jungen legt …

Ich behaupte …, daß die Geschichte von der Abschaffung des Menschenopfers erzählt, die für den Glauben an nur einen Gott unabingbar war. Nicht, daß er es getan hätte – daß er es nicht tun durfte, ist ihr Kern. …”

aus: Navid Kermani: Ungläubiges Staunen. Über das Christentum. München: Beck Paperback 2017 (geb. 2015), S. 199-203.

08/17

28/08/2017 (0:32) Schlagworte: DE,Lesebuch ::

Maria

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“Wenn ich recht sehe, stellen sich die Katholiken Maria fast immer jünger vor, als eine Frau sein könnte, deren Sohn vier- oder achtunddreißigjährig starb, die damalige Lebenserwartung einberechnet als reifer Mann. … – Wie soll man Gott einem Kind erklären, einem Mädchen, das seinen getöteten Vater im Arm hält? … Die meisten von uns … haben bereits oder werden einmal ihren toten Vater, ihre tote Mutter im Arm halten. Wenn etwas, dann ist dies der menschlichen Erfahrung eine Regel, daß die Eltern gehen und wir allein auf Erden zurückbleiben, sie kleiner werden, wir größer.”

aus: Navid Kermani: Ungläubiges Staunen. Über das Christentum. München: Beck Paperback 2017 (geb. 2015), S. 54-58.

08/17

27/08/2017 (12:11) Schlagworte: DE,Lesebuch ::

Cultureel Erfgoed

“Door een aantal verklaringen van UNESCO en andere internationale instellingen is er een doctrine ontstaan over het eigenaarschap van vele vormen van cultureel eigendom. Die komt er kort gezegd erop neer dat cultureel … [erfgoed] wordt beschouwd als het eigendom van haar cultuur. …

Het cultureel erfgoed van Noorwegen is niet alleen Noorwegens bijdrage aan de menselijke cultuur … – het is eerder alle kunstvoorwerpen die door Noren zijn gemaakt, waarbij de Noren worden opgevat als een historisch constant volk; en hoewel de rest van ons Noorwegens erfgoed mag bewonderen, blijft het hun toebehoren. …

De Grieken eisen de friezen van het Partenon op, die niet door Griekenland zijn gemaakt – dat was nog geen staat toen ze werden gemaakt – maar door Athene … Een groot deel van wat mensen als ‘cultureel erfgoed’ willen beschermen is gemaakt voordat het moderne systeem van naties ontstond, door leden van samenlevingen die niet meer bestaan. … Er is … geen reden om aan te nemen dat de Nok geen afstammelingen hebben. Maar als de Nokbeschaving aan haar einde kwam en haar volk iets anders werd, waarom zouden die afstammelingen dan een speciaal recht hebben op de voorwerpen die in bossen begraven liggen, sinds lang vergeten? …

Volkeren beleven en waarderen kunst niet, dat doen mannen en vrouwen. Zodra je dat inziet, is er geen reden waarom eens Spaans museum geen Noorse drinkbeter mag bewaren, zolang het die legaal heeft verworven, laten we aannemen op een veiling in Dublin, na de berging van een Vikingwrak voor de kust van Ierland. … Hebben de Spanjaarden niet het recht om Vikingvakmanschap te ervaren? Er is tenslotte al een vreselijke hoeveelheid Vikingwaar in Noorwegen. …

Als de UNESCO evenveel tijd had besteed om het mogelijk te maken dat grote kunst Mali in kan komen als het heeft besteed aan het voorkomen dat grote kunst Mali verlaat, dan zou de interesse die de Malinezen, net als alle mensen, hebben in een kosmopolitische esthetische ervaring beter zijn gediend. …

Het probleem zat al in het voorwoord van de Haagse Conventie uit 1954 … ‘… elk volk levert een bijdrage aan de cultuur van de wereld’. Dat klingt alsof elke keer dat iemand een bijdrage levert, zijn of haar ‘volk’ eveneens een bijdrage levert. … Ik weet dat Michelangelo een bijdrage heeft gelevert aan de cultuur van de wereld … maar welk volk heeft die bijdrage precies geleverd? …

Merk op wat er gebeurt zodra we van tastbare kunstvoorwerpen overstappen naar intellectueel eigendom. Niet alleen een bepaald voorwerp, maar elk reproduceerbaar beeld daarvan moet worden beheerd op basis van wiens erfgoed het is. We zien ons in theorie verplicht om ideeën en ervaringen te repatriëren. …

De wetten richten zich maar al te vaak te bekrompen op de belangen van de eigenaars, vaak grote bedrijven, terwijl de belangen van de consumenten – van het publiek, lezers, kijkers en luisteraars – uit het zicht verdwijnen. Uiteindelijk leidt het spreken over cultureel erfgoed tot het omhelzen van een zeer strenge leer over eigendomsrechten, eigendomsfundamentalisme … – Het ideaal is dat van een cultureel landschap dat vanzelfsprekend bestaat uit Disney Inc. en de Coca-Cola Company, maar ook uit Asante Inc., Navajo Inc., Maori Inc., Noorwegen Inc. Alle rechten voorbehouden. …

De bewering van het British Museum dat het een opslaagplaats is voor het erfgoed van niet alleen Engeland maar van de wereld, lijkt me helemaal terecht. Maar een deel van de verplichting zal zijn om die collectie algemener beschikbaar te maken …

Ik wil niet elk voorwerp ‘naar huis’ terugsturen. Veel van de Asantekunst die zich nu in Europa, Amerika en Japan bevindt, ist verkocht of weggegeven door mensen die het recht [ertoe] hadden. … Enkel het feit dat iets wat je bezit belangrijk is voor de afstammelingen van de mensen die het hebben weggegeven geeft ze nog geen eigendomsrecht daarop. (En er is nog veel minder reden om het aan mensen terug te geven die het niet willen hebben, alleen omdat een commissie in Parijs het tot hun erfgoed heeft verklaard.) … De duidelijkste gevallen waarin repatriëring voor de hand ligt gaan om voorwerpen die zijn gestolen van mensen van wie we vaak de namen kennen – mensen van wie de erfgenamen, zoals de koning van Asante, ze terug zouden willen hebben. …

De band die mensen voelen met culturele voorwerpen die symbolisch van hen zijn, omdat ze zijn geproduceerd in een betekeniswereld die hun voorvaderen hebben gecreëerd – de band met kunst via identiteit – is heel sterk. Die moet erkend worden. Maar de kosmopoliet wil ons ook aan andere banden herinneren. … We kunnen op kunst reageren die niet van ons is; sterker, we kunnen alleen volledig op ‘onze’ kunst reageren wanneer we niet stoppen bij het idee dat het van ons is, maar het ook gaan beschouwen als kunst. …”

aus: Kwame Anthony Appiah: Kosmopolitisme. Ethiek in een wereld van vreemden. Amsterdam: Bert Bakker 2007 (engl. Orig.-Ausg. 2006), S. 134-153.

08/17

01/08/2017 (22:14) Schlagworte: DE,Lesebuch ::

Imperium

“Imperien sind mehr als große Staaten; sie bewegen sich in einer ihnen eigenen Welt. Staaten sind in eine Ordung eingebunden, die sie gemeinsam mit anderen Staaten geschaffen haben und über die sie daher nicht allein verfügen. Imperien dagegen verstehen sich als Schöpfer und Garanten einer Ordnung, die letztlich von ihnen abhängt und die sie gegen den Einbruch des Chaos, der für sie eine stete Bedrohung darstellt, verteidigen müssen. …

Unser Bild von Imperien ist durch die Vorstellung geprägt, dass die Peripherie von ihnen ausgesaugt und ausgebeutet werde. Sie verarme, und das Zentrum werde immer reicher. Tatsächlich hat es solche Imperien stets gegeben, aber sie waren nur von kurzer Dauer. … Dagegen hatten diejenigen Imperien eine längere Dauer, die in ihre Randbereiche investierten und so dafür sorgten, dass die Peripherie schließlich am Fortbestand des Imperiums ebenso interessiert war wie das Zentrum. …

Imperien kennen keine Nachbarn, die sie als Gleiche – und das heißt: als gleichberechtigt – anerkennen; bei Staaten hingegen ist das die Regel. … Staaten gibt es stets im Plural, Imperien meist im Singular. …

Während Staaten nicht zuletzt infolge der direkten Konkurrenz mit den Nachbarstaaten ihre Bevölkerung gleichermaßen integrieren – und das heißt vor allem: ihnen gleiche Rechte gewähren, ob sie nun im Kerngebiet des Staates oder in den Grenzregionen lebt -, ist dies bei Imperien nicht der Fall: Fast immer gibt es hier ein vom Zentrum zur Peripherie fortlaufendes Integrationsgefälle, dem zumeist eine abnehmende Rechtsbindung und geringer werdende Möglichkeiten korrespondieren, die Politik des Zentrums mitzubestimmen. …

Die Übergänge zwischen hegemonialer Vorherrschaft und imperialer Herrschaft [sind] fließend … . Dennoch ist es sinnvoll, beide voneinander zu unterscheiden. Hegemonie ist danach Vorherrschaft innerhalb einer Gruppe formal gleichberechtigter politischer Akteure; Imperialität hingegen löst diese – zumindest formale – Glechheit auf und reduziert die Unterlegenen auf den Status von Klientelstaaten oder Satelliten. …

Die meisten Imperien verdanken ihre Existenz einem Gemisch von Zufällen und Einzelentscheidungen, die oftmals auch noch von Personen getroffen wurden, welche dafür politisch gar nicht legitimiert wurden … Es gibt zweifellos eine imperiale Dynamik, die aus dem Zentrum zur Peripherie drängt und den eigenen Machtbereich immer weiter expandiert; daneben ist jedoch ein von der Peripherie ausgehender Sog zu bemerken, der ebenfalls zur Ausdehnung des Herrschaftsbereiches führt. …

[Um ein Gebilde Imperium nennen zu können muss es] mindestens einen Zyklus des Aufstiegs und Niedergangs durchschritten und einen neuen angefangen haben … . Das Kriterium des längeren Bestehens eines Imperiums wird damit an der institutionellen Reform– und Regenerationsfähigkeit festgemacht, durch die es sich gegenüber den charismatischen Qualitäten seines Gründers (oder der Gründergeneration) verselbstständigt. … Deutschland und Frankreich [sind demnach] … Beispiele für failed empires …

Die Kontrolle des Handels kann ebenso eine Quelle imperialer Macht sein wie die Beherrschung von Gebieten und Räumen. …

Aufschlussreicher als der multiethnische beziehungsweise multinationale Charakter von Imperien ist der Umstand, dass es für die Zentralmacht innerhalb der von ihr beherrschten imperialen ‘Welt’ offenbar einen Zwang zur politischen und militärischen Intervention gibt. … Nur innerhalb einer ‘Welt’-Ordnung, die vom Staatenmodell geprägt ist, besteht eine … Neutralitätsoption. Ein Imperium dagegen, das bei Konflikten innerhalb seiner ‘Welt’ oder an deren Peripherie fortgesetzt neutral bleibt, verliert zwangsläufig seinen imperialen Status. …

[Wer] nach der Logik des Imperiums und den aus ihr erwachsenden Handlungsimperativen fragt, [misst] den Einflüssen und Entscheidungen von Personen eine geringere Bedeutung zu. …

Die Logik des Imperiums weiß moralische Glaubwürdigkeit sehr wohl als Machtfaktor einzusetzen, aber sie würde sich nie selber an ihr messen lassen. …”

aus: Herfried Münkler: Imperien. Die Logik der Weltherrschaft – vom Alten Rom bis zu den Vereinigten Staaten. Berlin: Rowohlt 2005, S.8-34.

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26/07/2017 (23:45) Schlagworte: DE,Lesebuch ::

Lebensart

“Ich lebe hier wie – wie – ich weiß selbst nicht
recht wie. Doch so ongefähr
So wie ein Vogel, der auf einem Ast
Im schönsten Wald sich, Freiheit atmend, wiegt,
Der ungestört die sanfte Lust genießt,
Mit seinen Fittichen von Baum zu Baum,
Von Busch zu Busch sich singend hinzuschwingen.”

aus: Johann Wolfgang Goethe: aus einem Briefe an Johann Jacob Riese, Leipzig, den 21. Oktober 1765. In: Goethes Werke in zehn Bänden, Zürich/Stuttgart: Artemis 1962, S. 196.

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25/07/2017 (22:20) Schlagworte: DE,Lesebuch ::

Igbo-Frauen

“In Anbetracht ihrer multiplen sozialen Rollen haben Igbo-Frauen nicht nur eine einzige geschlechtliche Identität. …

Die erste wesentliche Grundlage von Identität [ist] die Verwandtschaftslinie (lineage), in der die Machtverhältnisse diffus sind. Die grundlegende soziale Differenzierung entfaltet sich entlang folgender Kategorien: umuada (die Töchter innerhalb einer Verwandtschaftslinie), okpala (die Söhne innerhalb einer Verwandtschaftslinie) und inyemedi (die in die Verwandtschaftslinie einheiratenden Ehefrauen). Das Ordungsprinzip innerhalb jeder dieser … Kategorien ist die Seniorität. …

Innerhalb dieses Systems nehmen die umuada (Frauen, Töchter) und die okpala (Männer, Söhne) dieselbe dominante Rolle eines ‘Ehemannes’ gegenüber denjenigen Frauen ein, die nicht aus derselben Verwandtschaftslinie kommen. …

Anders als in westlichen Eheverhältnissen, in der verheiratete Töchter alle Mitspracherechte in ihrer Geburtsfamilie verlieren, haben umuada in ihren Geburtsfamilien weiterhin eine gewichtige Stimme. Sie übernehmen soziale Funktionen innerhalb der Rechtsprechung und der Friedensstiftung und führen regelmäßig Reinigungsrituale sowie Begräbnisrituale  für verstorbene Mitglieder ihrer Familie aus. …

Da sie auch nach ihrem Umzug in die Familie ihres Mannes weiterhin einen dominanten Einfluss in ihrer eigenen Verwandtschaftslinie behalten, entwickeln umunwanyi (Frauen) mindestens zwei verschiedene soziale Identitäten, zwischen denen sie permanent hin- und herwechseln. …

Mutterschaft und Seniorität … [lassen] die Position der nwwye (Ehefrau)  erheblich an Bedeutung gewinnen … Des weiteren entzieht sich in einem historischen Kontext, in dem Frauen andere Frauen als Ehefrauen heiraten konnten und dies auch taten, die Frage nach dem ‘Ehemann-Sein’ oder dem ‘Ehefrau-Sein’ simplen physiologischen Interpretationen der westlichen Kultur. (Di, der Begriff, welcher als ‘Ehemann’ übersetzt wird, bezieht sich lediglich auf die Mitglieder einer Familie, in die die Frau einheiratet.)

Frauen können Ehefrauen und Ehemänner gleichzeitig sein. Einige können in der Tat selbst eine Ehefrau oder Ehefrauen heiraten (ohne dass sexuelle Beziehungen involviert sind), selbst wenn sie bereits mit einem Mann verheiratet sind. …

Die Gesellschaft des westlichen Igbolandes ist leistungsorientiert … Konsequenterweise kann eine soziale Klassifizierung, die Frauen Männern unterordnet – oder auch umgekehrt – nicht funktionieren. … Auch von Frauen wird erwartet, dass sie erfolgreich sind. …

[Erst] die großen sozialen Umwälzungen während der Kolonialherrschaft … [schufen]  einige jener Traditionen …, die Männer privilegieren und die heutzutage als ‘traditionell’ oder ‘indigen’ gelten. …

[Es wird noch komplizierter…]

Es gab früher (und in manchen Gemeinschaften gibt es wohl auch heute noch) eine weit verbreitete und bedeutsame soziale Praxis, die als idigbe, idegbe oder mgha bekannt ist. Diese Institution ermöglicht es einer Tochter – ihre Ehe aufrechterhaltend oder diese auflösend -, in ihr Geburtshaus zurückzukehren, wo sie mit einem Liebhaber Kinder haben kann, die in ihre eigene Verwandschaftslinie integriert werden.

Es gibt zwei unterschiedliche Lesarten, wie idigbe oder mgha verstanden werden können. Die erste … beschreibt eine Situation, in der eine Frau ein Verhältnis mit einem Liebhaber eingeht, welches auf beiderseitigem Einverständnis beruht, sie behält ihre ursprüngliche Identität als Tochter und wird niemals dessen Ehefrau. Da kein Brautschatz gezahlt wurde, behält … [sie] das alleinige Sorgerecht für die Kinder …

Die zweite … [bezeichnet] eine Tochter, die formell die Kultstätte ihrer Ahnen betreut. Dies geschieht in dem seltenen Fall, in dem es keinen männlichen Nachfolger gibt …”

aus: Nkiru Nzegwu: Feminismus und Farika: Auswirkung und Grenzen einer Metaphysik der Gescchlechterverhältnisse. In: Franziska Dübgen / Stefan Skupien: Afrikanische politische Philosophie. Berlin: Suhrkamp 2015, S.206-215.

07/17

 

18/07/2017 (12:31) Schlagworte: DE,Lesebuch ::

Stämme

“Die (koloniale) Regel war, dass jede und jeder Einheimische einem ‘Stamm’ angehören und jeder dieser Stämme einen absoluten Herrscher haben müsse. Er oder sie konnte kein freies Individuum sein und musste sich den Bräuchen seines sogenannten ‘Stammes’ unterwerfen. Die Volkgruppen hatten dabei keine Gesetze, nur Bräuche, und diese Bräuche wurden durch die Kolonialverwaltung durchgesetzt, die sie den ‘Einheimischen’ zuschrieb. Man sieht also, dass das, was wir manchmal unsere Tradition nennen, bereits eine manipulierte Tradition ist. …

In der letzten Zeit wurde die Vorstellung von ‘allogenen’ und ‘autochtonen’ Völkern wiederbelebt und ist seitdem in den politischen Sprachgebrauch Kameruns eingegangen. Eine ‘autochtone’ Person ist  jemand, der den Raum bewohnt, indem der Kolonialherr ihn bzw. seine Vorfahren antraf, entsprechend seinen sogenannten ‘Stamm’ lokalisierte und den Ort dieser Gruppe als ihr einziges legitimes Territorium zuwies. … [Heute muss] eine ‘allogene’ Person … seinen Platz als Bürgermeister zugunsten einer ‘autochtonen’ Person räumen. Das alles sind die verwirrenden Konsequenzen einer Fehlkonzeption von Identität, die eigentlich ein Produkt der Kolonisation ist …”

aus: Fabien Eboussi Boulaga: Wenn wir den Begriff “Entwicklung” akzeptieren, sind wir verloren. Von der Notwendigkeit einer gegenseitigen “Dekolonisierung” unseres Denkens. In: Franziska Dübgen / Stefan Skupien: Afrikanische politische Philosophie. Berlin: Suhrkamp 2015, S.119/120.

07/17

17/07/2017 (10:43) Schlagworte: DE,Lesebuch ::
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