MALTE WOYDT

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Rechte

“Aus unserer Sicht haben die Rechten ein gewaltiges Identitätsproblem. Sie kreisen unentwegt um die Frage, was und wer sie sind …

Am Anfang des rechten Identitätskomplexes steht fast immer Enttäuschung. … Irgendwer oder irgendwas verweigert mir das Leben und die Anerkennung, die ich verdiene.

Nur, wer kennt das nicht? … Enttäuschungen dieser Art [sind] kein Privileg der Rechten. … Was folgt aus solchen Erfahrungen? … Die Einsicht, dass die Suche nach einem Platz in der Welt immer ein Problem darstellt, und zwar angesichts der Größenverhältnisse eher für mich als für die Welt. … Es heißt …, dass ich Mittel und Wege finden muss, um mir die Welt anzueignen, … mich in den Verhältnissen einzurichten. … Die ‘Welt’ oder die ‘Verhältnisse’ … sind … zuallererst die anderen. Und die sind nun mal anders als man selbst. Genau wie ich wünschen sie sich, in ihrem Sein anerkannt zu werden und ihre Möglichhkeiten entfalten zu können, aber ihr Sein und ihre Möglichkeiten sind eben nicht die gleichen wie meine. …

Die Rechten werden erst dadurch zu Rechten, dass sie sich genau dieser Einsicht verweigern. Die anderen, sagen sie, sind nicht die Welt. Sie sind die Hölle. Die Rechten verhalten sich tatsächlich so, als hätten sie Sartres ‘Geschlossene Gesellschaft’ wie einen Ratgeber gelesen, oder den ‘Don Quichote’ wie einen Heeresbericht. …

Wenn die Verlagerung ihres Identitätsproblems für uns – die anderen – nicht so problematische Konsequenzen hätte, könnte man sich ausschütten vor Lachen oder Tränen des Mitleids vergießen über erwachsene Menschen, die sich statt in der Welt im Widerspruch zu ihr eingerichtet haben. Genau das tun sie aber, und zwar allein dadurch, dass sie sagen: Mein Problem, das seid ihr. … Pubertät sozusagen. als Lebensform. …

Unser Problem mit euch ist … gar kein moralisches. Vielmehr sehen wir mit Staunen, wie ihr euch laufend in euer eigenes Problem hineinmanövrieert … Um das Nein der anderen zu provozieren, macht ihr euch ständig zum Arschloch. Um das Nein der anderen abzuwehren, macht ihr euch ständig zum Opfer.” “Ihr lauft im Hamsterrad.””

aus: Per Leo / Maximilian Steinbeis, Daniel-Pascal Zorn: Mit Rechten reden. Ein Leitfaden. Stuttgart: Klett-Kotta 2017, S.29-109.

05/19

18/05/2019 (1:30) Schlagworte: DE,Lesebuch ::

Minderheiten

“Warum schreibst du
noch immer
Gedichte
obwohl du mit dieser Methode
immer nur
Minderheiten erreichst

fragen mich Freunde
ungeduldig darüber
daß sie mit ihren Methoden
immer nur
Minderheiten erreichen

und ich weiß
keine Antwort
für sie

Erich Fried: Sprachlos. aus: Was soll und kann Literatur verändern? (1983). Hier in: Ders.: Die Muse hat Kanten. Berlin: Wagenbach 1995, S.78.

05/19

11/05/2019 (19:07) Schlagworte: DE,Lesebuch ::

Gewöhnung

“Ich soll nicht morden
ich soll nicht verraten
Das weiß ich
Ich muß noch ein Drittes lernen:
Ich soll mich nicht gewöhnen

Denn wenn ich mich gewöhne
verrate ich
die die sich nicht gewöhnen
denn wenn ich mich gewöhne
morde ich
die die sich nicht gewöhnen
an das Verraten

und an das Morden
und an das Sich-gewöhnen

Wenn ich mich auch nur an den Anfang gewöhne
fange ich an mich an das Ende zu gewöhnen”

aus: Erich Fried: Was soll und kann Literatur verändern? (1983). Hier in: Ders.: Die Muse hat Kanten. Berlin: Wagenbach 1995, S.73.

05/19

11/05/2019 (18:42) Schlagworte: DE,Lesebuch ::

Eia popeia

“In Landsknechts- und Matrosenliedern kommen aufgelesene fremde Sprachfetzen der weit herumgereisten Leute als scheinbare Nonsenseinlagen vor, die aber oft übersetzbar sind. Ähnlich verhält es sich mit den Worten ‘eia popeia’ oder ‘Heidi popeidi’ in Kinderliedern, und mit der Bezeichnung ‘In die Heia gehen’ für ‘Schlafengehen’. Als das weströmische Reich zusammengebrochen war, holten sich Fürsten und Herzöge Kinderfrauen aus dem einzigen noch übrigen alten Kulturzentrum, aus Konstantinopel. Und die sangen den Kindern griechische Schlaflieder. ‘Eide popeion’ (in griechischen Dialekten, die den Spirtus asper nicht als ‘h’ aussprachen) oder ‘heidi popeion’ heißt ‘Schlaf Püppchen’, und wenn es mehrere Püppchen waren, dann hieß es ‘popeia’. Und immer mehr Frauen sangen ihren Kindern die Lieder vor, die zuerst einem Königs- oder Fürstenkind vorgesungen wurden.”

aus: Erich Fried: Nonsensdichtung und Montage. (1980). Hier in: Ders.: Die Muse hat Kanten. Berlin: Wagenbach 1995, S. 54/55.

05/19

11/05/2019 (17:54) Schlagworte: DE,Lesebuch ::

Freiheit 3

“‘Die Welt war seit den Römern leer, nur das Andenken an sie ist heute die Prophezeiung der Freiheit‘, rief Saint-Just aus und schon vor ihm hatte Thomas Paine prophezeit: ‘Amerika wird in vergrößertem Maßstab sein, was Athen in Miniatur war’. …

Ohne das klassische Vorbild dafür, was Politik sein und was die Beteiligung an den öffentlichen Angelegenheiten für das Glück der Menschen bedeuten konnte, hätte keiner der Männer der Revolutionen den Mut zu dem gehabt, was als beispielloses Vorgehen erschien. …

Zweifellos ist es offenkundig und von großer Tragweite, dass diese Leidenschaft für die Freiheit um ihrer selbst willen bei Müßiggängern erwachte und von diesen genährt wurde, von hommes de lettres, die keinen Herrn hatten und nicht immer eifrig dabei waren, ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Mit anderen Worten: Sie genossen die Privilegien athenischer und römischer Bürger, ohne sich an den öffentlichen Angelegenheiten zu beteiligen, mit denen die Freien in der Antike so sehr befasst waren. Unnötig zu erwähnen, dass man dort, wo Menschen in wirklich elenden Verhältnissen leben, diese Leidenschaft für die Freiheit nicht kennt. …

Die Amerikanische Revolution … verdankte ihren Erfolg zu einem Gutteil dem Fehlen verzweifelter Armut unter den Freien und der Unsichtbarkeit der Sklaven. …

[In Frankreich schien] mit amerikanischen Augen betrachtet … eine republikanische Regierung … ‘so unnatürlich, irrational und undurchführbar wie in der königlichen Menagerie in Versailles unter Elefanten, Löwen, Tigern, Panthern, Wölfen und Bären’ (John Adams). Der Grund warum der Versuch dazu trotzdem unternommen wurde, ist der, dass diejenigen, die ihn unternahmen, les hommes de lettres, sich nicht groß von ihren amerikanischen Kollegen unterschieden, erst im Verlauf der Französischen Revolution merkten sie, dass sie unter vollkommen anderen Umständen agierten. …

Eine der wichtigen Konsequenzen der Revolution in Frankreich war es, dass sie zum ersten Mal in der Geschichte le peuple auf die Straßen brachte. …  Und wenn Saint-Just unter dem Eindruck dessen, was er mit eigenen Augen sah, ausrief: ‘Les malheureux sont la puissance de la terre’, so meinte er den großen ‘torrent révolutionnaire’ (Desmoulins), von dessen gewaltigen Wgen die Handelnden getragen und mitgerissen wurden. … Was geschah … erteilte den Menschen eine Lektion, die weder in Hoffnung noch in Angst je vergessen wurde. Diese Lehre, die ebenso schlicht wie neu und unerwartet war, hat Saint-Just so formuliert: ‘Wenn man eine Republik gründen will, muss man zunächst das Volk aus seiner elenden Lage befreien, die es verdirbt. Ohne Stolz gibt es keine politischen Tugenden, und wer unglücklich ist, kann keinen Stolz haben.’

Dieser neue Freiheitsbegriff, der auf der Befreiung von Armut beruhte, veränderte sowohl Richtung als auch Ziel der Revolution. …

Die Französische Revolution mündete in eine Katastrophe und wurde zu einem Wendepunkt der Weltgeschichte; die Amerikanische Revolution war ein triumphaler Erfolg und blieb eine lokale Angelegenheit, was zum Teil damit zu tun hatte, dass die soziale Lage auf der Welt insgesamt eher der in Frankreich ähnelte …”

aus: Hannah Arendt: Die Freiheit, frei zu sein. München: dtv 2018 (Vorrtrag gehalten 1967): S. 20-32, hier etwas umgestellt.

05/19

11/05/2019 (14:05) Schlagworte: DE,Lesebuch ::

Mekka

“De Masjid al-Haram, de grote moskee waar de Kaäba staat, wordt vandaag omsingeld door toonbeelden van de consumptiemaatschappij. Allerhande erfgoed wordt er al vele decennia lang verwoest om gigantische hotels, shoppingcentra en paleizen te bouwen. …

De Saoudische overheden en geleerden dragen aan dat moslims zich rechtstreeks tot God moeten richten. Men hoort volgens hen niet in mausolea te bidden om er de hulp van heiligen af te smeken. … [Dit] houdt [wel] geen enkele rekening met de wijze waarop moslims in de hele islamitische wereld reeds eeuwenlang hun devotie uiten. Het bezoeken van heiligengraven stond (en staat) centraal in de traditionele, volkse islam. … Dergelijke eeuwenoude … traditionele rituelen worden dogmatisch verbannen. Men verbergt zich daarbij achter de veronderstelde zuverheid van religie, maar het uiteindelijke resultaat laat zien waar de werkelijke aanbidding zit. …

Vandaag … ziet [men] achter de zwarte Kaäba een 600 meter hoge toren uitsteken. Het is de Abraj al Baittoren, die restaurants, balzalen, koninklijke vertrekken, gebedsruimtes en een shoppingcenter van vijf verdiepen bevat. Om het gebouw te plaatsen maakte men een achttiende-eeuwse Ottomaanse citadel met de grond gelijk. …

Het huis van Abu Bakr, de dichtste meetgezel van de Profeet … is nu een Hiltonhotel. … Het huis van Khadija, de eerste vrouw van de Profeet [werd] een publiek toiletblok. Ook moskeeën die initieel gebouwd werden door Fatima, de dochter van de Profeet, werden verwoest. Haar graf zelf was zelfs al in de jaren twintig door de jonge wahabitische staat weggevaagd. …”

aus: Jonas Slaats: Fast Food Fatwa’s. Over Islam, moderniteit en gewereld. Antwerpen: Davidsfonds 2019, S.194/195.

05/19

Foto: https://www.getsready.com/wp-content/uploads/2017/05/Abraj-Al-Bait-makkah.jpg
11/05/2019 (11:54) Schlagworte: Lesebuch,NL ::

Fundamentalisme 2

“Kerkvaders zoals Origines in de derde eeuw en Augustinus in de vijfde eeuw gaven al aan dat Genesis zonder problemen allegorisch gelezen kon worden. … Het is dus helemaal geen ‘moderne’ manier van omgaan met heilige teksten …, zoals vaak wordt gedacht. Wat daarentegen wel een modern fenomeen is, zijn christelijke groepen die uiterst krampachtig willen vasthouden aan een letterlijke interpretatie van Bijbelteksten. Deze ontstonden vooral aan het einde van de negentiende eeuw. Een grote groep Amerikaanse christenen had toen hat gevoel dat hun religieuze kijk op de wereld onder druk stond en wenste deze koste wat kost te beschermen. …

Zo werd tussen 1910 en 1915 The Fundamentals gepubliceerd, een serie van negentig essays die als doel hadden om de fundamenten van het protestantse geloof op te lijsten. Deze essays vormden een soort richtlijn voor een brede beweging van christenen die hun gelovigheid weer expliciet opeisten. In overeenstemming met de titel van de essays werden ze de ‘fundamentalisten‘ genoemd. …

En aangezien een van de fundamenten volgens de auteurs van de essays erin bestond de Bijbel letterlijk te nemen, groeiden de fundamentalisten uit tot de belangrijste pleitbezorgers van het hedendaagse creationisme. …

Ook in de islamitische wereld [was het] heel normaal om allerhande teksten symbolisch, metaforisch en allegorisch te lezen. … Een werk als … The Atlas of Creation van Haran Yabya ligt bijgevolg helemaal niet in de lijn van klassieke theologische traktaten. Het bouwt niet verder op de visies van oude islamitische geleerden, maar haalt zijn informatie en argumenten grotendeels van Amerikaanse christelijke instellingen zoals The Institute for Creation Research … uit Texas dat zich vooral tot doel stelt het Bijbels creationisme te promoten. …”

aus: Jonas Slaats: Fast Food Fatwa’s. Over Islam, moderniteit en gewereld. Antwerpen: Davidsfonds 2019, S.104/105.

05/19

11/05/2019 (10:54) Schlagworte: Lesebuch,NL ::

Zusters

“Zusters stonden bij  mij synoniem voor … vrouwen met te veel tijd. Tijd de ze vooral gebruikten om anderen te veroordelen. Vrouwen ook met weinig ambities en energie. … Het liefst zogen ze levenslustige mensen leeg. … De rijkdom van de zusters bestond uit grote dosissen haat. Met weinig stof konden ze een heel verhaal breien dat ze met veel plezier deelden. … Maar bij de tweede versie van hetzelfde verhaal lagen de verhalen al 180 graden anders. De verhalen wierpen veelal een donkere blik op hun eigen bestaan. …

Zusters, ik zie hen als mensen die stellig geloven dat zij de enigen op aarde zijn die het goed doen. … Racisme, merkte ik op, daar heeft het blanke ras geen patent op. …

De zusters leefden in een fantasiewereld van imaginaire mannelijke helden …

Naarmate we ouder werden, spraken de susters en schooldirectrices ons meer aan over de manier waarop we ons geloof een invulling gaven. Ze trachtten hun snit-en-naaldexpertise met ons te delen. Met knopen die ze maakten in de maatschappij, met scharen om de maatschappij op te delen. … Ze tekenden ook patronen waarin we moesten passen. … Daarop volgden zoetsappige apartheidspraat en vernietigende oordelen. … Maar met al hun beperkende regeltjes reden ze vooral zichzelf even vast, want dat bijvoorbeeld  een jeansbroek haram is daar moesten ze na enige tijd toch van afstappen …”

aus: Jamila Channouf: Sandwichkinderen. Berchem: EPO 2018, S. 34-36.

03/19

10/05/2019 (17:00) Schlagworte: Lesebuch,NL ::

Weißsein

“Wie soll ich white privilege definieren? Es ist so schwierig, eine Leerstelle zu beschreiben, etwas, das abwesend ist. Und white privilege ist die Abwesenheit der negativen Folgen von Rassismus. …

White privilege ist die Tatsache, dass deine Hautfarbe, wenn du weiß bist, den Verlauf deines Lebens mit großer Sicherheit positiv beeinflussen wird. Und du wirst es wahrscheinlich nicht einmal bemerken. …

Das Konzept von white privilege zwingt Weiße, die nicht aktiv rassistisch sind, sich mit ihrer eigenen Komplizenschaft bei der Aufrechterhaltung seiner Existenz zu konfrontieren. White privilege ist stumpfsinnige, zermürbende Selbstgefälligkeit. Sie steht für eine Welt, in der drastische Ungleichheit aufgrund der Hautfarbe die Norm ist, die mit einem Schulterzucken abgetan wird. …

White privilege manifestiert sich in allen und niemandem. Jeder ist Komplize, aber keiner will die Verantwortung übernehmen. Es infrage zu stellen kann reale soziale Folgen haben. Weil es eine vielköpfige Hydra ist, muss man vorsichtig sein, welchen Weißen man vertraut, wenn es zu einer Diskussion über Hautfarbe und Rassismus kommt. …

Man weiß nie, wann sich ein Gespräch über Rassismus und Hautfarbe in eine Diskussion verwandelt, bei der man um die eigene körperliche Unversehrtheit und soziale Position fürchten muss.

White privilege ist eine manipulative, luftundurchlässige Decke der Macht, die wie Schnee alles bedeckt, was wir kennen. Es ist brutal und erdrückend und nötigt dazu, aus Angst, geliebte Menschen, den Job oder die Wohnung zu verlieren, nichts zu sagen. Es jagt dir Angst ein, bis du verstummst …

White privilege ist die perverse Situation, dass du dich mit offen rassistischen, rechten Extremisten wohler fühlst, weil du dann wenigstens weißt, woran du bist; die Grenzen sind klar.

Heimtücke ist viel schwieriger. Du lernst, mit ihr zu rechnen, aber du lernst nie, dich damit abzufinden. Du lernst, vorsichtig zu streiten, weil dich die Leute sonst für grundlos zornig halten. Für eine Unruhestifterin, die ernst zu nehmen sich nicht lohnt, eine zornige schwarze Frau, besessen vom Thema Hautfarbe.”

aus: Reni Eddo-Lodge: Ausgeschlossen vom Menschsein, ZEIT Online, 27.1.19, im Internet.

01/19

27/01/2019 (20:34) Schlagworte: DE,Lesebuch ::

Privatisiert

“Das Private ist politisch. Das ist heute kein Slogan mehr, sondern eine Tautologie. Es müsste vielmehr heißen: Das Politische ist privatisiert. Zwar wird immer noch demonstriert oder im Gespräch mit der Nachbarin über „die da oben“ geschimpft. Aber die Menschen sind gefangen in der Vorstellung, auf sich allein gestellt zu sein. … allen ist gemeinsam, dass sie sich zwar über Bezahlung, prekäre Bedingungen oder Stress im Job beschweren, das alles aber gleichzeitig irgendwie hinzunehmen scheinen. Die Verzweiflung wird oft zynisch weggelächelt oder man gibt sich selbst die Schuld. Selten wird die persönliche Misere als Indikator für den Zustand der Gesellschaft verstanden.

Dabei hatte doch der anfangs zitierte 68er-Aphorismus dazu beitragen wollen, die Probleme des Individuums mit der Gesellschaft zu verschalten. Die größte Errungenschaft dieser Bewegung war es, die Gesellschaft als Kategorie ins Bewusstsein zu holen und den verrückten, abweichenden, sexuell befreiten Menschen nicht als Solitär, sondern als ein mit anderen verbundenes Wesen zu verstehen.

Dieser Gedanke aber scheint immer weniger anschlussfähig. … Wir leben in einer Welt, für die der Satz Margaret Thatchers immer noch gilt: ‘Es gibt keine Gesellschaft, nur Individuen.’

Die deutsche Gesellschaft hat sich spätestens seit der Agenda 2010 mit ihren Kernzielen Senkung der Lohnnebenkosten, Flexibilisierung der Arbeit, massive Kürzung staatlicher Leistungen in ein Regime der individuellen Autonomie, persönlichen Leistungsbereitschaft und Eigenverantwortung entwickelt. Wir sind immer mehr auf uns selbst zurückgeworfen. …

War die Hinwendung zum Eigenen mal ein Versprechen auf Selbstbefreiung, ist es heute geradezu ein Muss, sich selbst zu sein. Die Sozialen Medien machen uns zu hypernervösen Kuratoren der eigenen Identität …

Jener Individualismus ist mehr als ein Kollateralschaden aus den Konflikten der wilden Siebziger, er ist auch die perfekte Voraussetzung für eine Umwelt, die davon profitiert, dass Menschen sich als Einzelkämpfer verstehen. Das spiegelt sich wiederum in einer Wettbewerbskultur, die einen neurotischen Individualismus produziert …, ein ständiges Konkurrenzgefühl.

Das Politische wird damit weniger zur Frage des Ichs, das sich zum Wir öffnet, sondern eine des Ichs, das sich um sich selbst dreht. So könnte in der Privatisierung des Politischen auch eine der Ursachen dafür liegen, dass sich große Teile der Bevölkerung nicht mehr ‘angesprochen’ fühlen oder sie aus Frust antiliberale rechtspopulistische Parteien wählen. …

Gewiefte Demagogen haben dieses Wir-Vakuum erkannt und arbeiten emsig daran, die individuell erfahrene Ohnmacht in kollektive, fremdenfeindliche Machtfantasien zu bündeln. Dass dies in einer Zeit passiert, in der Öffentlichkeit als Raum, der verhindert, dass Menschen „gleichsam über- und ineinanderfallen“, wie die Philosophin Hannah Arendt schrieb, einer zunehmenden Erosion öffentlicher Institutionen zum Opfer fällt, scheint nicht zu verwundern. Denn die Öffentlichkeit kommt heute eher zu uns als wir zu ihr. Wir sitzen zwar alleine am Schreibtisch, sind aber zugleich „connectet“.

Jenes vernetzte Einsiedlertum zeigt sich auch in einem auseinanderdriftenden Alltagswissen. Stehen in Zeitungen als Organ politischer Willensbildung noch relativ ähnliche Inhalte über den Ist-Zustand der Welt, sehen die Timelines … alle unterschiedlich aus. Auf kuriose Weise hat sich das bei den Demos der Gelbwesten in Paris gezeigt. Dort haben sich Millionen Menschen aus ihrer Vereinzelung bewegt, doch eint sie oft nicht mehr als das Symbol, das sie tragen. … Aufrufe auf Facebook haben sie mobilisiert, doch ihre Begründungen sind sehr unterschiedlich, weil die Filterblasen allen die passenden Erklärungen liefern.

Und jetzt? Um das Politische wieder zu sozialisieren, wäre viel gewonnen, wenn die neoliberale Fiktion überwunden werden würde, nach der wir auf uns alleine gestellt sind. Menschen sind keine atomisierten, sondern molekulare, also miteinander verbundene Wesen. …

Großes Potenzial birgt neben der Klassen- auch die Mietfrage, die in Großstädten zur existenziellen Bedrohung wird. … Hier könnte das alte, eigentlich nichtliberale Phänomen der Solidarität helfen. … Ohne Ich gibt es keine Gemeinschaft, aber ohne Wir keine Gesellschaft.”

aus: Philipp Rhensius: Das Politische ist privatisiert. taz online, 6.1.19, im Internet.

01/19

09/01/2019 (2:29) Schlagworte: DE,Lesebuch ::
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