MALTE WOYDT

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Wiedergutmachung

“[In Afrika] … haben sich zwei Strategien für den Umgang mit der eigenen Geschichte entwickelt. … Sie scheinen einander gleichzeitig zu ergänzen und zu widersprechen. … Wie um alles in der Welt soll man Wiedergutmachung oder Entschädigung unter einen Hut bringen mit Aussöhnung oder Vergebung für angetanes Unrecht? …

Der eine Vorschlag entspringt einer Geschichte Afrikas, die bereits ein gutes Stück zurück liegt, mit der Zeit an Virulenz verloren hat und durch die globalen Beziehungsgegflechte nur noch verschwommen wahrzunehmen ist: [der der Wiedergutmachung und Entschädigung]. Der andere Vorschlag hingegen – der der Vergebung und Versöhnung – verdankt seine Entstehung einer Heimsuchung, die derart gegenwärtig ist, dass sowohl Opfer als auch Gewalttäter noch am Leben und im Zwang zum Zusammenleben gefangen sind. … Die Opfer sind am Leben und brauchen eine Entschädigung, während ihre Folterer … weiterhin eine privilegierte Existenz fortführen. …

Die Geschichte der Sklaverei [muss] weiterhin das Gedächtnis der Welt beschäftigen … Der Sklavenhandel verursachte in weiten Teilen des Kontinents … einen Bruch der organischen wirtschaftlichen Systeme, [was] … später durch die Auferlegung kolonialer Prioritäten bei der Zulieferung von Rohmaterialien für Europas industrielle Bedürfnisse sowie die Ankunft multinationaler Konglomerate verschlimmert wurde. Diese Verwerfung muss – mindestens zu Teilen – zweifellos für die geradezu unüberwindlichen wirtschaftlichen Probleme dieses Kontinents heutzutage verantwortlich gemacht werden. …

Die politische Instabilität innerhalb der sogenannten Nationen [Afrikas] … [hat darüberhinaus] mit der Künstlichkekt, der schreienden Unlogik ihrer Grenzen zu tun … Deshalb ist es nur angemessen, wenn wir die Aufteilung des Kontinents jenen Untaten hinzufügen, die dem Ruf nach Entschädigung für Afrika zugrunde liegen. … Mein Problem hierbei ist allein die Tatsache, dass die afrikanischen Nationen seit ihre Unabhängigkeit … ja durchaus die Möglichkkeit gehabt hätten, diese besondere Untat … zu sühnen …

Kulturelle und spirituelle Vergewaltigung … haben unauslöschliche Spuren in der kollektiven Psyche und dem Identitätsempfinden der Völker hinterlassen, ein Prozess, der durch die aufeinander folgenden Wellen kolonisierender Horden praktiziert wurde, die die zusammenhängenden Traditionen brutal unterdrückten. … Die kulturelle und spirituelle Verrohung des Kontinents … wurde nicht allein durch die christlich-europäische Achse vorgenommen. Die arabisch-islamische Dimension ging ihr voraus, und die war in all ihren Ausformungen gleichermaßen verheerend. …

Was … ist … dieses Afrika, in dessen Namen Wiedergutmachung gefordert worden ist? … [Vielleicht] können wir uns einer akzeptablen Definition … derart nähern, dass die Opferrasse sich auszeichnet durch die Einzigartigkeit einer besonderen Erfahrung, die sonst niemand teilt. … Haben wir … auf dieser ‘Afrika’ genannten Landmasse auch solche, von denen wir ebenfalls Reparationen verlangen sollten? …

Abiolas Kampagne für die Reparationen wurde … bei einem Treffen der ‘Organisation Afrikanischer Einheit’ in Abuja 1992 aufgegriffen. … Dies wirft nun … einige ethische Fragen auf. Es muss nämlich eine moralische Grundlage für alle Bemühungen um Gerechtigkeit geben …

Das Thema der arabischen Teilnahme am Sklavenhandel wurde schließlich doch noch angesprochen. Als Mitglied des ‘Internationalen Komitees für Wiedergutmachung’ saß dort ein tunesicher Diplomat. … Er antwortete … mit dem Vorschlag, dass, ‘da wir doch alle Opfer kolonialer Unterdrückung sind’, in Solidarität gegen den gemeinsamen Unterdrücker zusammenarbeiten und … jenen Teil der uns aufspaltenden Geschichte einfach tilgen sollten. … – ‘Wir sind alle Afrikaner’ … ist ganz einfach ein Plädoyer für Ausnahmeregelungen …

Pflegt ein Marrokkaner oder Algerier, ob nun in der ersten oder der zehnten Generation in den Vereinigten Staaten lebend auf die Frage ‘Wer bist du?’ zu antworten African-American? … Was ist afrikanisch an irgendeinem der Teile diese Kontinents, der auf arrogante Weise jeden Religionswechsel als einen Abfall vom ‘wahren Glauben’ ansieht, der gar mit der Todesstrafe zu sühnen ist? Was ist afrikanisch an religiöser Intoleranz und todbringendem Fanatismus? …

Beide Religionen fielen auf dem afrikanischen Kontinent ein und vernichteten … Religionen, die älter und in vielerlei Hinsicht humaner als die tatsächlichen Leitsätze der einfallenden Religionen waren. … George Hardy … resümiert …: ‘Der Islam begann das Werk der Zerstörung. Doch Europa leistete bessere Arbeit.’ … Nichts, was die islamischen Invasoren vorfanden, war ihnen heilig. …

Das Afrika, für das hier Wiedergutmachung gefordert wird, ist jenes Afrika, das unter der göttlichen Autorität der Götter des Islam und des Christentums, ihrer irdischen Vertreter und ihrer kommerziellen Sturmtruppen versklavt wurde. …

[Einige] afro-amerikanische Wissenschaftler …. [wollen] uns glauben machen …, dass die Lebensumstände der Sklaven unter den arabische Sklavenbesitzern wesentlich humaner gewesen wären als unter den europäisch-amerikanischen. … Vermutlich würde … [das] aber nur diejenigen einbeziehen, die die Trans-Sahara-Route überlebt haben … Mir will es als anmaßend erscheinen, dem Praktiker eines entmenschlichenden Handels durch das Abwägen unterschiedlicher Grade der Misshandlung irgendeine Form der Absolution zu erteilen. …

[Wir sollten weiterhin] unsere Aufmerksamkeit auf den Häufungseffekt des gegenwärtigen sozialen Missmanagements auf dem Kontinent … lenken: wahrhaft ein Katalog der Desaster, die ihren Ursprung der verbrecherischen Art von Menschen verdanken und so jener Position Überzeugungskraft verleihen, nach der die Bewegung zur Wiedergutmachung unhaltbar ist – weil sie auf dem Kontinent Afrika selbst – unverdient geworden ist! … Wir können es uns … nicht leisten, die tagtägliche Wirklichkeit der brutalen Konflikte auf unserem Kontinent zu ignorieren – von denen einige … rassistisch bestimmt sind, wie der zwischen Senegal und Mauretanien zu Beginn der neunziger Jahre und noch mehr so der dauerde Konflikt im Sudan. … Die überlieferte Kultur des Sudan ist heute so gefährdet wie nie zuvor! … Im Sudan wird … noch immer andauernd eine Kultur vergewaltigt, so als ob Afrika sich zu den Schlachtfeldern des 13. und 14. Jahrhunderts zurückentwickelt hätte. Die Erinnerung an die Beziehungen der Sklaverei und das Erbe dieser Beziehungen bilden den Kern einer Anzahl heutiger Konflikte, und bis zur entgültigen Durchsetzung der Wahrheit … bleibt die Aussicht auf Versöhnung eine Schimäre. …

Von Wiedergutmachung zu reden … heißt sich der Frage stellen: ‘In wessen Namen?. … noch nie hat Straflosigkeit derart frei geherrscht wie in den Jahren der Raserei von Sanni Abachas Diktatur, jenes … Herren über jene Nation, die die Kampagne zur Wiedergutmachung für die Zeit der Sklaverei vorschlug, und die eine so rühmliche Rolle bei der Beendigung der südafrikanischen Sklaverei der Apartheid spielte! …

Ich habe einmal vorgeschlagen, die versklavenden Nationen sollten einfach die Schulden Afrikas erlassen, uns wir würden im Gegenzug die nicht in Zahlen zu bemessende Ungerechtigkeit erlassen, die dieser Welt durch dir heutigen Nutznießer des Sklavenhandels angetan wurde. … Die offensichtliche Antwort hierauf ist die: Es waren ja nicht die Regierungen, die versklavt wurden, sondern vielmehr die Völker, und gegen die Völker wird (und dies sowohl von ihren früheen wie auch ihren heutigen Herrschern) viel mehr gesündigt als dass die Volker selbst sündigten. … [Der Erlaß nationaler Schulden] bietet [aber] die Chance eines Neubeginns, setzt zugleich jenen immer wieder von den Regierungen angeführten Entschuldigungen ein Ende, wonach die Schulden für die Vernachlässigung der Wirtschaft oder den Kollaps der Entwicklung verantwortlich sind. …

In diesen bitteren Zeiten sollte Wiedergutmachung ebenso wie Mildtätigkeit zu Hause beginnen, und der Reichtum der Mobutus, der Babangidas, der Abachas, aber auch der de Beers, der Shell-Surrogat-Incs etc. des Kontinents sollte als Anzahlung verwendet werden, als Beweis einer internen moralischen Reinigung, die alle Forderungen nach weltweiter Entschädigung über jeden Zweifel erhaben machen würde. …

Bei einem entschlossenen Eintreten zum Schutz ihrer eigenen Leute wäre der Sklavenhandel schon an seinem Ursprung aufgehalten worden … Komplizentum … trübt, was eigentlich eine klare Unterscheidung zwischen Opfer und Täter sein sollte. …

Gerechtigkeit muss für alle gelten – oder überhaupt nicht.”

aus: Wole Soyinka: Wiedergutmachung, Wahrheit und Versöhnung. In: ders.: Die Last des Erinnerns. o.O.: Patmos 2001 (engl.Orig,. 1999), S.39-97.

07/19

05/07/2019 (17:34) Schlagworte: DE,Lesebuch ::

Mémoire

“Dans un de ses derniers ouvrages, le philosophe Régis Debray a eu cette phrase : « Les gens du “street art” font de la rue une galerie, Ernest en fait une œuvre d’art. » J’en suis touché, mais, moi qui doute toujours, je suis aussi un peu insatisfait. Il y a là pour certains un effet de mode. On entend parfois parler de « la plus grande galerie du monde ». Alors que moi, j’aborde d’abord la rue d’un point de vue plastique, avec la couleur des murs, leur texture, et ce qui ne se voit pas ou plus, c’est-à-dire la mémoire des lieux. Il s’agit alors d’élaborer des images en faisant remonter à la surface des souvenirs enfouis, pour mieux comprendre le présent. …

La rue est un des éléments de ma palette. Sachant que toujours mes interventions viennent à réinscrire l’histoire humaine sur place. Les gens passent tous les jours dans une rue, même chargée d’histoire, mais pour eux, forcément, elle se banalise. Et d’un coup, l’apparition de l’image la fait découvrir à nouveau. En fait, cette redécouverte, cet appel à l’intelligence collective, c’est le rôle de la poésie et de l’art. …”

aus: Ernest Pignon-Ernest: “Mes interventions visent à faire ressurgir l’histoire d’un lieu”, Interview mit Gérald Rossi, L’Humanité, 29.05.2019, im Internet, und hier gemirrorred

“Que l’émotion que l’on ressent soit inséparable de l‘histoire des lieux… Je suis très inquiet par cette amnésie généralisée de l’ensemble de la société.”

Zitat aus: Olivia Gesbert: Ernest Pignon-Ernest, ecce l’artiste !, France Culture, 31.5.19, im Internet

06/19

02/06/2019 (0:57) Schlagworte: FR,Lesebuch ::

Grüne

“Die letzten vier Jahrhunderte waren – in Europa – von dem Versuch geprägt, die Geschichte zu planen und die Natur in den Griff zu bekommen. Heute ziehen viele einen Strich, bilden eine Zwischensumme und zweifeln an der Durchführbarkeit ihrer Projekte; immer mehr fürchten sogar, daß der Mensch sich in krampfhafter Selbstüberforderung rettungslos verbiege .. Das nenne ich die drei Zweifel am Ende der “Neuzeit”. …

In Berlin erhielt, so die Fakten, eine ‘Alternative Liste für Demokratie und Umweltschutz’ 47543 Stimmen = 3,7%. …

Die ‘Alternativen’ graben den den moskautreuen Kommunisten das Wasser ab; viele politisch nichtgebundene Bürger, die den großen Parteiapparaten  (und der FDP) nicht oder nicht mehr vertrauen, lassen sich auch durch offenkundigen K-Einfluß (hier: die KPD) nicht von einer Wahl solcher Gruppen abschrecken; und die ‘Alternativen’ schwächen weit stärker das Wählerpotential von SPD (eingeschränkt: auch FDP) als das der CDU. …

“Es wächst der Eindruck”, formuliert H.-E. Richter, “daß die großen Parteien sich immer mehr aneinander angleichen, nur noch Parolen, aber keine Ideen mehr hervorbringen. … Weiterhin scheinen die Parteien … mit einer attraktiven Selbstdarstellung, immer weniger indessen damit beschäftigt zu sein, was die Bürger wünschen und denken.” … Ich sage ohne Umschweife, daß ich diese Analyse von Richter für richtig halte. …

Bei den knappen Mehrheitsverhältnissen zwischen Konservativen und Sozialliberalen ist es für die Linke auf die Dauer eine tödliche Gefahr, wenn zwischen drei und fünf Prozent ihres Potentials auf Dauer ausfielen, wenn z.B.. 20 oder 30% einer ganzen Generation sich daran gewöhnen, ‘alternativ’ oder gar nicht zu wählen. …

Wenn jene 50 oder 60% der hier symbolisch diskutierten 50000 Berliner Alternativ-Wähler, die nicht von vorneherein fundamentaloppositionell eingestellt sind, zurückgewonnen werden sollten (ich rede als Sozialdemokrat), dann muß die Sozialdemokratie erkennen lassen, daß sie die ‘drei Zweifel am Ende der Neuzeit’ jedenfalls verstanden hat.”

aus: Peter Glotz: Staat und alternative Bewegungen. In: Jürgen Habermas: Stichworte zur “Geistigen Situation der Zeit“. Bd 2, Frankfurt(Main: Suhrkamp 1979, S.476-482

05/19

29/05/2019 (16:38) Schlagworte: DE,Lesebuch ::

Historischer Materialismus

“… was jeder Passant längst verstanden hat: daß es keinen Weltgeist gibt; daß wir die Gesetze der Geschichte nicht kennen; daß auch der Klassenkampf ein ‘naturwüchsiger’ Prozeß ist, den keine Avantgarde bewußt planen und leiten kann; daß die natürliche Evolution kein Subjekt kennt und daß sie deshalb unvorhersehbar ist; daß wir mithin, wenn wir politisch handeln, nie das erreichen, was wir uns vorgesetzt haben, sondern etwas ganz anderes, das wir uns nicht einmal vorzustellen vermögen; und daß die Krise aller positiven Utopien eben hierin ihren Grund hat. Die Projekte des 19. Jahrhunderts sind von der Geschichte des 20. samt und sonders falsifiziert worden.”

aus: Hans Magnus Enzensberger: Zwei Randbemerkungen zum Weltuntergang. In: ders.: Politische Brosamen. Frankfurt(Main): Suhrkamp 1985 (ursprünglich in Kursbuch 52, 1978), S.234/235.

05/19

29/05/2019 (16:10) Schlagworte: DE,Lesebuch ::

Blasphemie

“‘Du sollst keine andere Jeans haben neben mir’ … – Nicht der Werbeslogan, der das erste Gebot benutzt, ist Blasphemie, sondern alle Reklame. Jeder Versuch, meine Lebensinteressen zu richten auf Haarspray, Katzenfutter und Ibizareisen, ist eine Attacke auf den, nach dessen Bild ich geschaffen bin.

Consumismo‘ bedeutet: meine Augen werden unaufhörlich beleidigt, meine Ohren verstopft, meine Hände ihrer Kreativität beraubt. … Wenn alles sich im Haben ausdrückt und mißt, bleibt keine Zeit, keine Kraft, keine Sprache für das Miteinandersein. …

Nicht mehr die Ware, sondern das Verkaufsgeschehen selber steht im Mittelpunkt der Werbung, es wird lustvoll besetzt. Immer unverständlicher wird dabei jenes Hauptmoment, mit dessen Hilfe die religiöse Tradition das Glück zu beschreiben versuchte, als Erfahrung von Gnade. ..

Gnade ist ein Konzept, das die Tiefe unseres möglichen Glücks beschreibt. … Wenn ich eingewilligt habe in das große Ja und eingeübt werde in den Kampf gegen den Zynismus, dann mache ich eine Erfahrung, die allem wirklichen Glück zugrunde liegt … Ich bemerke, daß es nicht meine Leistung war, die mich in diesen Zustand gebracht hat … Jedes wirkliche Ja ist antwortend, ist responsiv, und dieser responsive Charakter gehört zur Erfahrung von Glück überhaupt. Glück ist … Integration in das Spiel von Nehmen und Geben und nicht bloßes Nehmen, Bekommen, Sich-Aneignen oder reines Handeln, Machen oder Geben. Es ist Gnade, und je mehr Gnade in einem Glück erfahren wird, desto tiefer ist es. …”

aus: Dorothee Sölle: “Du sollst keine andere Jeans haben neben mir”. In: Jürgen Habermas: Stichworte zur “Geistigen Situation der Zeit“. 2. Bd., Frankfurt (Main): Suhrkamp 1979, S.549-552.

05/19

28/05/2019 (22:23) Schlagworte: DE,Lesebuch ::

Rechte

“Aus unserer Sicht haben die Rechten ein gewaltiges Identitätsproblem. Sie kreisen unentwegt um die Frage, was und wer sie sind …

Am Anfang des rechten Identitätskomplexes steht fast immer Enttäuschung. … Irgendwer oder irgendwas verweigert mir das Leben und die Anerkennung, die ich verdiene.

Nur, wer kennt das nicht? … Enttäuschungen dieser Art [sind] kein Privileg der Rechten. … Was folgt aus solchen Erfahrungen? … Die Einsicht, dass die Suche nach einem Platz in der Welt immer ein Problem darstellt, und zwar angesichts der Größenverhältnisse eher für mich als für die Welt. … Es heißt …, dass ich Mittel und Wege finden muss, um mir die Welt anzueignen, … mich in den Verhältnissen einzurichten. … Die ‘Welt’ oder die ‘Verhältnisse’ … sind … zuallererst die anderen. Und die sind nun mal anders als man selbst. Genau wie ich wünschen sie sich, in ihrem Sein anerkannt zu werden und ihre Möglichhkeiten entfalten zu können, aber ihr Sein und ihre Möglichkeiten sind eben nicht die gleichen wie meine. …

Die Rechten werden erst dadurch zu Rechten, dass sie sich genau dieser Einsicht verweigern. Die anderen, sagen sie, sind nicht die Welt. Sie sind die Hölle. Die Rechten verhalten sich tatsächlich so, als hätten sie Sartres ‘Geschlossene Gesellschaft’ wie einen Ratgeber gelesen, oder den ‘Don Quichote’ wie einen Heeresbericht. …

Wenn die Verlagerung ihres Identitätsproblems für uns – die anderen – nicht so problematische Konsequenzen hätte, könnte man sich ausschütten vor Lachen oder Tränen des Mitleids vergießen über erwachsene Menschen, die sich statt in der Welt im Widerspruch zu ihr eingerichtet haben. Genau das tun sie aber, und zwar allein dadurch, dass sie sagen: Mein Problem, das seid ihr. … Pubertät sozusagen. als Lebensform. …

Unser Problem mit euch ist … gar kein moralisches. Vielmehr sehen wir mit Staunen, wie ihr euch laufend in euer eigenes Problem hineinmanövrieert … Um das Nein der anderen zu provozieren, macht ihr euch ständig zum Arschloch. Um das Nein der anderen abzuwehren, macht ihr euch ständig zum Opfer.” “Ihr lauft im Hamsterrad.””

aus: Per Leo / Maximilian Steinbeis, Daniel-Pascal Zorn: Mit Rechten reden. Ein Leitfaden. Stuttgart: Klett-Kotta 2017, S.29-109.

05/19

18/05/2019 (1:30) Schlagworte: DE,Lesebuch ::

Minderheiten

“Warum schreibst du
noch immer
Gedichte
obwohl du mit dieser Methode
immer nur
Minderheiten erreichst

fragen mich Freunde
ungeduldig darüber
daß sie mit ihren Methoden
immer nur
Minderheiten erreichen

und ich weiß
keine Antwort
für sie

Erich Fried: Sprachlos. aus: Was soll und kann Literatur verändern? (1983). Hier in: Ders.: Die Muse hat Kanten. Berlin: Wagenbach 1995, S.78.

05/19

11/05/2019 (19:07) Schlagworte: DE,Lesebuch ::

Gewöhnung

“Ich soll nicht morden
ich soll nicht verraten
Das weiß ich
Ich muß noch ein Drittes lernen:
Ich soll mich nicht gewöhnen

Denn wenn ich mich gewöhne
verrate ich
die die sich nicht gewöhnen
denn wenn ich mich gewöhne
morde ich
die die sich nicht gewöhnen
an das Verraten

und an das Morden
und an das Sich-gewöhnen

Wenn ich mich auch nur an den Anfang gewöhne
fange ich an mich an das Ende zu gewöhnen”

aus: Erich Fried: Was soll und kann Literatur verändern? (1983). Hier in: Ders.: Die Muse hat Kanten. Berlin: Wagenbach 1995, S.73.

05/19

11/05/2019 (18:42) Schlagworte: DE,Lesebuch ::

Eia popeia

“In Landsknechts- und Matrosenliedern kommen aufgelesene fremde Sprachfetzen der weit herumgereisten Leute als scheinbare Nonsenseinlagen vor, die aber oft übersetzbar sind. Ähnlich verhält es sich mit den Worten ‘eia popeia’ oder ‘Heidi popeidi’ in Kinderliedern, und mit der Bezeichnung ‘In die Heia gehen’ für ‘Schlafengehen’. Als das weströmische Reich zusammengebrochen war, holten sich Fürsten und Herzöge Kinderfrauen aus dem einzigen noch übrigen alten Kulturzentrum, aus Konstantinopel. Und die sangen den Kindern griechische Schlaflieder. ‘Eide popeion’ (in griechischen Dialekten, die den Spirtus asper nicht als ‘h’ aussprachen) oder ‘heidi popeion’ heißt ‘Schlaf Püppchen’, und wenn es mehrere Püppchen waren, dann hieß es ‘popeia’. Und immer mehr Frauen sangen ihren Kindern die Lieder vor, die zuerst einem Königs- oder Fürstenkind vorgesungen wurden.”

aus: Erich Fried: Nonsensdichtung und Montage. (1980). Hier in: Ders.: Die Muse hat Kanten. Berlin: Wagenbach 1995, S. 54/55.

05/19

11/05/2019 (17:54) Schlagworte: DE,Lesebuch ::

Freiheit 3

“‘Die Welt war seit den Römern leer, nur das Andenken an sie ist heute die Prophezeiung der Freiheit‘, rief Saint-Just aus und schon vor ihm hatte Thomas Paine prophezeit: ‘Amerika wird in vergrößertem Maßstab sein, was Athen in Miniatur war’. …

Ohne das klassische Vorbild dafür, was Politik sein und was die Beteiligung an den öffentlichen Angelegenheiten für das Glück der Menschen bedeuten konnte, hätte keiner der Männer der Revolutionen den Mut zu dem gehabt, was als beispielloses Vorgehen erschien. …

Zweifellos ist es offenkundig und von großer Tragweite, dass diese Leidenschaft für die Freiheit um ihrer selbst willen bei Müßiggängern erwachte und von diesen genährt wurde, von hommes de lettres, die keinen Herrn hatten und nicht immer eifrig dabei waren, ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Mit anderen Worten: Sie genossen die Privilegien athenischer und römischer Bürger, ohne sich an den öffentlichen Angelegenheiten zu beteiligen, mit denen die Freien in der Antike so sehr befasst waren. Unnötig zu erwähnen, dass man dort, wo Menschen in wirklich elenden Verhältnissen leben, diese Leidenschaft für die Freiheit nicht kennt. …

Die Amerikanische Revolution … verdankte ihren Erfolg zu einem Gutteil dem Fehlen verzweifelter Armut unter den Freien und der Unsichtbarkeit der Sklaven. …

[In Frankreich schien] mit amerikanischen Augen betrachtet … eine republikanische Regierung … ‘so unnatürlich, irrational und undurchführbar wie in der königlichen Menagerie in Versailles unter Elefanten, Löwen, Tigern, Panthern, Wölfen und Bären’ (John Adams). Der Grund warum der Versuch dazu trotzdem unternommen wurde, ist der, dass diejenigen, die ihn unternahmen, les hommes de lettres, sich nicht groß von ihren amerikanischen Kollegen unterschieden, erst im Verlauf der Französischen Revolution merkten sie, dass sie unter vollkommen anderen Umständen agierten. …

Eine der wichtigen Konsequenzen der Revolution in Frankreich war es, dass sie zum ersten Mal in der Geschichte le peuple auf die Straßen brachte. …  Und wenn Saint-Just unter dem Eindruck dessen, was er mit eigenen Augen sah, ausrief: ‘Les malheureux sont la puissance de la terre’, so meinte er den großen ‘torrent révolutionnaire’ (Desmoulins), von dessen gewaltigen Wgen die Handelnden getragen und mitgerissen wurden. … Was geschah … erteilte den Menschen eine Lektion, die weder in Hoffnung noch in Angst je vergessen wurde. Diese Lehre, die ebenso schlicht wie neu und unerwartet war, hat Saint-Just so formuliert: ‘Wenn man eine Republik gründen will, muss man zunächst das Volk aus seiner elenden Lage befreien, die es verdirbt. Ohne Stolz gibt es keine politischen Tugenden, und wer unglücklich ist, kann keinen Stolz haben.’

Dieser neue Freiheitsbegriff, der auf der Befreiung von Armut beruhte, veränderte sowohl Richtung als auch Ziel der Revolution. …

Die Französische Revolution mündete in eine Katastrophe und wurde zu einem Wendepunkt der Weltgeschichte; die Amerikanische Revolution war ein triumphaler Erfolg und blieb eine lokale Angelegenheit, was zum Teil damit zu tun hatte, dass die soziale Lage auf der Welt insgesamt eher der in Frankreich ähnelte …”

aus: Hannah Arendt: Die Freiheit, frei zu sein. München: dtv 2018 (Vorrtrag gehalten 1967): S. 20-32, hier etwas umgestellt.

05/19

11/05/2019 (14:05) Schlagworte: DE,Lesebuch ::
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