MALTE WOYDT

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Narzißmus und Eitelkeit

“Die Konzentration auf … das Vorurteil vom lügenden Politiker lenkt uns ab vom schlimmsten Laster der Politik. … 1996 nannte ich dieses Laster die Eitelkeit. Jetzt, einige Jahre danach, würde ich von Narzißmus sprechen. …

Die Eitelkeit des Politikers – sie ist mir bisher fast ausschließlich bei Männern begegnet – … bezieht sich auf … das Gewicht innerhalb der Gruppe, die manche die ‘politische Klasse’ nennen. … Der eitle Politiker ist davon überzeugt, daß ihm, zumindest in der Sparte der Politik, in der er sich hochgearbeitet hat, niemand das Wasser reichen kann. … Der Eitle giert nach Anerkennung, Zustimmung, Bewunderung. Wer sie ihm versagt, ist entweder dumm oder böse. Er muß es büßen. …

Was ich seit 1996 dazulernen mußte, bezieht sich auf das Verhältnis von Narzißmus und Eitelkeit. Es gibt zwar keine Eitelkeit ohne einen gewissen Narzißmus, aber offenbar doch einen massiven Narzißmus ohne aufdringliche Eitelkeit. …

Geckenhafte Eitelkeit war nicht Kohls Sache, und das war das Sympathische an ihm … Kohl ließ die Leute Witze erzählen und festigte seine Macht. Der eitle Politiker bereitet seine Auftritte sorgfältig vor. Hinterher kann er fragen: ‘Wie war ich?’ – [Kohl] wollte gar nicht strahlen. … Er war Kohl, der beste, der richtige Kanzler. Das war genug. … Oskar Lafontanie ließ sich zwar schwer beraten, fast nie von seiner Meinung abbringen. Aber er nahm es auch denen nicht übel, die es versuchten.

Beide, Lafontaine und Kohl, sind dennoch an einem Verhalten gescheitert, das von maßloser Selbstüberschätzung und wohl auch Selbstverliebtheit geprägt war. … Lieber trennte sich Kohl von denen, mit denen er über Jahrzehnte zusammengewirkt hatte, als daß er etwas tat, was der Person Kohl zuwider war. … [Lafontaine interessierte sich nicht für die Arbeit der Programmkommission, der er vorsaß., Lafontaine wollte kein Programm, er war das Programm.] … Hier ist offenbar das Verhältnis zwischen dem Ego und dem Rest der Welt gestört. …

Es gibt offenbar einen Narzißmus jenseits der Eitelkeit, einen Narzißmus, welcher der gemeinen Eitelkeit nicht mehr bedarf. Vielleicht ist Eitelkeit der Narzißmus der Unsicheren. … Der – zumindest nach außen – uneitle Narziß ist von sich selbst so überzeugt, daß er Bewunderung zwar genießt, gelegentlich auch erheischt, aber nicht unbedingt braucht. … Der starke, scheinbar uneitle Narziß ist [übrigens] nur teamfähig, wenn er die Nummer eins ist …”

Ehrhard Eppler: Privatisierung der politischen Moral? Frankfurt(Main): Suhrkamp, S.44-53.

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08/10/2007 (20:49) Schlagworte: DE,Lesebuch ::

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