MALTE WOYDT

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Amerikanische Revolution

“… Die erstaunliche Tatsache, daß die Unabhängigkeitserklärung sofort ein wahres Fieber von Verfassungserlassen in den dreizehn Kolonien hervorrief, zeigt schlagartig, wie sehr sich bereits vor Ausbruch der Revolution in der Neuen Welt ein völlig neuer Begriff von Macht und Autorität und völlig neue Vorstellung von Politik überhaupt durchgesetzt hatten. … Die den Europäern so vertraut klingende Sprache darf nicht darüber hinwegtäuschen, daß die Stadt– und Dorfgemeinden amerikanischer Art in Europa schlechthin unbekannt waren. …

Der Machtbegriff, den die Revolution nahezu automatisch zutage förderte, weil auf ihm alle kolonialen Organe der amerikanischen Selbstverwaltung beruhten … geht zurück auf den Mayflower Pakt, der bekanntlich noch auf dem Schiff entworfen und bei der Landung unterzeichnet wurde. … Sie, so wie sie da auf dem Schiffe waren, ein zusammengewürfelter Haufen, verfügten über die Macht, sich zusammenzutun und einen ‘civil Body Politick’ zu etablieren, der von nichts zusammengehalten war als dem Vertrauen auf die Kraft gegenseitiger Versprechen, die sie sich abgaben ‘in Gegenwart aller und unter den Augen Gottes‘; das sollte genug sein, sie zu ermächtigen, alle notwendigen Gesetze und Regierungsorgane ‘zu verordnen, zu konstituieren und zu entwerfen’. …

Die Männer der Revolution … verstanden sich auf ein Handwerk, das in der gesamten übrigen Welt eigentlich unbekannt war und noch ist. … Ihre Begriffssprache [aber] unterschied sich kaum von der ihrer englischen oder französischen Kollegen, und selbst wenn es zwischen ihnen und den Europäern zum Streit kam, gelang es ihnen nicht, die wesentlichen Unterschiede in einer anderen Sprache zu artikulieren. …
Die amerikanischen Revolutionäre konnten es an revolutionärem Geist mit jedem ihrer europäischen Kollegen aufnehmen, aber sie wurden Gründer; sie wurden nicht der Spielball von Ereignissen und Umständen, von blindwütenden Kräften

In den Vereinigten Staaten selbst … weiß man kaum noch, daß die Vereinigten Staaten einer Revolution ihre Entstehung verdanken und daß die Republik keiner ‘historischen Notwendigkeit’ und keiner organischen Entwicklung ihre Existenz verdankt, sondern einzig einem voll bewußten und wohl überlegten Akt – der Gründung der Freiheit. Aus diesem Gedächtnisschwund erklärt sich dann auch weitgehend die hier so verbreitete Revolutionsangst. … Seit dem Zweiten Weltkrieg hat sich die Außenpolitik der Vereinigten Staaten von keinem Motiv mehr beeinflussen lassen als von dieser Revolutionsangst, deren einziges Ergebnis die vielfachen und verzweifelten Versuche sind, überall den Status quo zu stabilisieren, was im Grunde kaum je etwas anderes heißen konnte, als die Macht und das Prestige Amerikas zugunsten überalterter und korrupter Regierungen, Gegenstand des Hasses und der Verachtung ihrer eigenen Bürger, in die Waagschale zu werfen.”

aus: Hannah Arendt: Über die Revolution. München: Piper 1963, S.215-279

03/10

22/03/2010 (11:53) Schlagworte: DE,Lesebuch ::

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