MALTE WOYDT

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Entkolonisierung 2

“Der Kapitalismus sah in seiner Blütezeit in den Kolonien eine Quelle von Rohstoffen, die nach ihrer Verarbeitung auf den europäischen Markt geworfen werden konnten. Nach einer Phase der Akkumulation des Kapitals kommt er heute dazu, seine Auffassung von der Rentabilität eines Geschäfts zu modifizieren. Die Kolonien sind ein Markt geworden. Die Kolonialbevölkerung ist eine kaufende Kundschaft. Wenn jetzt aber die Garnison ewig verstärkt werden muss, wenn der Handel nachlässt, das heißt, wenn die Fertigwaren nicht mehr exportiert werden können, so beweist das, dass die militärische Lösung keine Lösung mehr ist. Eine blinde Herrschaft nach Sklavenhaltergeschmack ist für das „Mutterland“ wirtschaftlich nicht rentabel. …

Die Wahrheit ist, daß heute kein kolonialistisches Land in der Lage ist, die einzige Kampfform zu wählen, die eine Erfolgschance hätte: die fortgesetzte Stationierung einer starken Besatzungsmacht. …

Der Kapitalismus sieht also ein, daß seine militärische Strategie ausgespielt hat, wenn sich die nationalen Befreiungskriege ausbreiten. Deshalb müssen im Rahmen der friedlichen Koexistenz alle Kolonien verschwinden. …

Eine ernsthafte Bilanz der Anbaumöglichkeiten und der Bodenschätze war nie gezogen worden. Aus diesen Gründen sieht sich die junge, unabhängige Nation gezwungen, die vom Kolonialregime errichteten Handelsbeziehungen aufrechtzuerhalten. …

Die westlichen Finanzgruppen … wollen keinerlei Risiko eingehen. Daher fordern sie eine politische Stabilität und ein ruhiges soziales Klima, Bedingungen, wie sie angesichts des Elends der Bevölkerung, unmittelbar nachdem die Unabhängigkeit erreicht ist, unmöglich zu erfüllen sind. … Die Privatgesellschaften setzen ihre eigne Regierung unter Druck damit sie in eben diesen Ländern militärische Stützpunkte errichtet, die den Auftrag haben, ihre Interessen zu schützen. Schließlich verlangen diese Gesellschaften von ihrer Regierung Bürgschaften für alle Investitionen, die sie in unterentwickelten Ländern vornehmen wollen. …

Die nationale Bourgeoisie gefällt sich ohne Komplexe  und voller Würde in der Rolle eines Geschäftsvertreters der westlichen Bourgeoisie. Diese lukrative Rolle, diese Kleinverdiender-Funktion, diese Enge der Gesichtspunkte, dieses Fehlen eines größeren Ehrgeizes zeigen die Unfähigkeit der nationalen Bougeoisie, die historische Rolle einer Bourgeoisie zu erfüllen. Der dynamische Aspekt – Pioniere, Erfinder, Weltentdecker – … fehlt hier in kläglicher Weise. … Bei ihrer Dekadenz wird die nationale Bourgeoisie von den westlichen Bourgeoisien beträchtlich unterstützt, die jetzt als Touristen auftreten, verliebt in Exotismus, Jagd und Casinos. … Die nationale Bourgeoisie … macht ihr Land zu einem Bordell Europas. …

Es gibt keine Modernisierung der Landwirtschaft, keinen Entwicklungsplan, keine Initiativen, denn schon Initiativen, die ein Minimum an Risiko einschließen, würden in diesen Kreisen eine Panik hervorrufen. … Die eingesteckten Profite, die im Vergleich zum Nationaleinkommen enorm sind, werden nicht wieder investiert. … Dagegen werden bedeutende Summen für Luxusgüter ausgegeben. …

Während die nationale Bourgeoisie in einen Wettstreit mit den Europäern tritt, beginnen die Handwerker und die kleinen Berufe einen Kampf gegen die nicht nationalen Afrikaner. An der Elfenbeinküste sind es die regelrecht rassistischen antidahomeischen und antivoltaischen Aufstände. …

Vom Nationalismus sind wir zum Ultra-Nationalismus, zum Chauvinismus, zum Rassismus übergegangen. … Die nationale Bourgeoisie … hat das kolonialistische Denken bis in seine verfaultesten Wurzeln hinein angenommen; … Durch ihre Trägheit und Nachäfferei begünstigt sie die Einpflanzung und Verstärkung des Rassismus, der die koloniale Ära kennzeichnete. …”

aus: Frantz Fanon: Die Verdammten dieser Erde. Reinbek: Rororo 1969 (frz. Orig.-Ausg.1961, dt. Orig.-Ausg. 1966), S. 50, 57, 61, 78, 81, 118, 119, 120, 125

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28/01/2017 (13:24) Schlagworte: DE,Lesebuch ::

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