MALTE WOYDT

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Freiheit 3

“‘Die Welt war seit den Römern leer, nur das Andenken an sie ist heute die Prophezeiung der Freiheit‘, rief Saint-Just aus und schon vor ihm hatte Thomas Paine prophezeit: ‘Amerika wird in vergrößertem Maßstab sein, was Athen in Miniatur war’. …

Ohne das klassische Vorbild dafür, was Politik sein und was die Beteiligung an den öffentlichen Angelegenheiten für das Glück der Menschen bedeuten konnte, hätte keiner der Männer der Revolutionen den Mut zu dem gehabt, was als beispielloses Vorgehen erschien. …

Zweifellos ist es offenkundig und von großer Tragweite, dass diese Leidenschaft für die Freiheit um ihrer selbst willen bei Müßiggängern erwachte und von diesen genährt wurde, von hommes de lettres, die keinen Herrn hatten und nicht immer eifrig dabei waren, ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Mit anderen Worten: Sie genossen die Privilegien athenischer und römischer Bürger, ohne sich an den öffentlichen Angelegenheiten zu beteiligen, mit denen die Freien in der Antike so sehr befasst waren. Unnötig zu erwähnen, dass man dort, wo Menschen in wirklich elenden Verhältnissen leben, diese Leidenschaft für die Freiheit nicht kennt. …

Die Amerikanische Revolution … verdankte ihren Erfolg zu einem Gutteil dem Fehlen verzweifelter Armut unter den Freien und der Unsichtbarkeit der Sklaven. …

[In Frankreich schien] mit amerikanischen Augen betrachtet … eine republikanische Regierung … ‘so unnatürlich, irrational und undurchführbar wie in der königlichen Menagerie in Versailles unter Elefanten, Löwen, Tigern, Panthern, Wölfen und Bären’ (John Adams). Der Grund warum der Versuch dazu trotzdem unternommen wurde, ist der, dass diejenigen, die ihn unternahmen, les hommes de lettres, sich nicht groß von ihren amerikanischen Kollegen unterschieden, erst im Verlauf der Französischen Revolution merkten sie, dass sie unter vollkommen anderen Umständen agierten. …

Eine der wichtigen Konsequenzen der Revolution in Frankreich war es, dass sie zum ersten Mal in der Geschichte le peuple auf die Straßen brachte. …  Und wenn Saint-Just unter dem Eindruck dessen, was er mit eigenen Augen sah, ausrief: ‘Les malheureux sont la puissance de la terre’, so meinte er den großen ‘torrent révolutionnaire’ (Desmoulins), von dessen gewaltigen Wgen die Handelnden getragen und mitgerissen wurden. … Was geschah … erteilte den Menschen eine Lektion, die weder in Hoffnung noch in Angst je vergessen wurde. Diese Lehre, die ebenso schlicht wie neu und unerwartet war, hat Saint-Just so formuliert: ‘Wenn man eine Republik gründen will, muss man zunächst das Volk aus seiner elenden Lage befreien, die es verdirbt. Ohne Stolz gibt es keine politischen Tugenden, und wer unglücklich ist, kann keinen Stolz haben.’

Dieser neue Freiheitsbegriff, der auf der Befreiung von Armut beruhte, veränderte sowohl Richtung als auch Ziel der Revolution. …

Die Französische Revolution mündete in eine Katastrophe und wurde zu einem Wendepunkt der Weltgeschichte; die Amerikanische Revolution war ein triumphaler Erfolg und blieb eine lokale Angelegenheit, was zum Teil damit zu tun hatte, dass die soziale Lage auf der Welt insgesamt eher der in Frankreich ähnelte …”

aus: Hannah Arendt: Die Freiheit, frei zu sein. München: dtv 2018 (Vortrag gehalten 1967): S. 20-32, hier etwas umgestellt.

Abb.: Mirko Ilic: Statue of Liberty kissing Justice ; ), digital art 2004, im Internet.

05/19

11/05/2019 (14:05) Schlagworte: DE,Lesebuch ::

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