MALTE WOYDT

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Kinder

“Deutschland hat eine der niedrigsten Geburtenraten Europas. … Deutschland schlägt mit 1,1 Kindern [pro Frau] den Rekord. Die Geburtenrate ist in Frankreich mit 1,9 Kindern auch niedrig, wenn man sie mit der vom Beginn des 20. Jahrhunderts vergleicht. Aber sie ist eine der höchsten in den westlichen Ländern. …

Vergleichende Studien zeigen, dass ‘Kinder zu haben’ in Frankreich gegenüber Deutschland stärker als ein Wert an sich angesehen wird. … Genauso bestätigen die befragten Franzosen viel stärker die Idee, dass ‘es die Aufgabe von Eltern ist, alles für ihre Kinder zu tun’, wohingegen die befragten Deutschen (zumindest bei denen, die nach dem Krieg geboren wurden) sich zurückhaltender äußern. …

Oft werden sowohl die niedrigen Geburtenraten als auch die geringe Proportion berufstätiger Frauen mit dem Fehlen von Betreuungsstrukturen für Kleinkinder erklärt. …

Aber die Weigerung der deutschen Gesellschaft, sich mit Betreuungsstrukturen für kleine Kinder auszustatten, hat tiefere Gründe. …

Das familiäre und erzieherische Projekt wird so ernst genommen, dass man davor zurückschreckt. Es ist, als wären die Bedürfnisse der Kinder und die der Erwachsenen notwendigerweise widersprüchlich und jegliche Bemühung, sie unter einen Hut zu bringen, zum Schaden der Kinder. Das ist der Grund, warum man lieber auf Kinder verzichtet, wenn man nicht bereit ist, den Preis zu zahlen, und den gesellschaftlichen Druck, eine potentielle Rabenmutter zu sein, nicht aushält. …

Deutsche Männer und Frauen assoziieren etwas ganz anderes mit der Formulierung ‘alles für sein Kind tun’. Dieses ‘alles’ bedeutet für sie so viel mehr, als es sich die Franzosen vorstellen können! …

Eine Freundin sagte mit deutlich, sie habe sich am Anfang zwei Kinder gewünscht, es aber dann bei einem bewenden lasssen: Den Gedanken, alles ein zweites Mal aufgeben zu müssen, ertrug sie nicht. Die Ankunft eines Kindes ist im Leben der Eltern demnach eine kleine Katastrophe. …

Im Gegensatz dazu möchte man fast sagen, dass die Franzosen ein leichtes Spiel haben, mehr Kinder in die Welt zu setzen und bei Umfragen zu antworten, ‘Kinder zu haben sei super’ … Einerseits erleichtern kollektive Einrichtungen das Leben. Andererseits sagt keiner, eine frühe Sozialisierung schade dem Kind. In Frankreich stellen Kinder die Erwachsenenwelt weniger auf den Kopf. Kinder zu haben bedeutet weniger Verzicht – weder auf ein Gehalt, noch auf Kontakte, soziale Anerkennung und berufliches Fortkommen. Dies dürfte erklären, warum die franzoösische Gesellschaft gegenüber dem Projekt Familie etwas bewahrt hat, was aus deutscher Sicht ganz nach fideler Unbekümmertheit aussieht.”

Béatrice Durant: Die Legende vom typisch Deutschen. Eine Kultur im Spiegel der Franzosen. Leipzig: Militzke 2004, S.97-103

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08/10/2007 (11:23) Schlagworte: DE,Lesebuch ::

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