MALTE WOYDT

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Leser

“Das Unglück, obenhin, unverständig, ohne Geschmack, ohne Gefühl, mit Vorurteilen oder gar mit Schalksaugen und bösem Willen gelesen zu werden – oder, wie die meisten Leser, die nur zum Zeitvertreib in ein Buch gucken – oder zur Unzeit, wenn der Leser übel geschlafen, übel verdaut oder unglücklich gespielt oder sonst Mangel an Lebensgeistern hat – oder gelesen zu werden, wenn gerade dieses Buch, diese Art von Lektüre unter allen möglichen sich am wenigsten für ihn schickt und seine Sinnesart, Stimmung, Laune, mit des Autors seiner den vollkommensten Kontrast macht – das Unglück, so gelesen zu werden, ist, nach der Meinung des besagten Autors, keines von den geringsten, welchen ein Schriftsteller … sich und die armen ausgesetzten Kinder seines Geistes täglich und unvermeidlich bloßgestellt sehen muß. Unter hundert Lesern kann man sicher rechnen, von achtzig so gelesen zu werden. …

Was Wunder also, wenn den besten Werken in ihrer Art, und in einer sehr guten Art, oft so übel mitgespielt wird? Was Wunder, wenn die Leute in einem Buche finden, was gar nicht drin ist; oder Ärgernis an Dingen nehmen, die, gleich einem gesunden Getränke in einem verdorbenen Gefäße, bloß dadurch ärgerlich werden, weil sie in dem schiefen Kopf oder der verdorbenen Einbildung des Lesers dazu gemacht werden?  Was Wunder, wenn der Geist eines Werkes  den meisten so lange und fast immer unsichtbar bleibt? Was Wunder, wenn dem Verfasser oft Absichten, Grundsätze, Gesinnungen angedichtet werden, die er nicht hat, die er, vermöge seines Charakters, seiner ganzen Art zu existieren, gar nicht einmal haben kann? Die Art, wie die meisten lesen, ist der Schlüssel zu allen diesen Ereignissen, die in der literarischen Welt so gewöhnlich sind. Wer darauf achtzugeben Lust oder innern Beruf hat, erlebt die erstaunlichsten Dinge in dieser Art.”

aus: Christoph Martin Wieland: Wie man liest. Hier zitiert in: Wort und Sinn, Schulbuch. Paderborn: Schönigh, S.124.

03/15

24/03/2015 (0:34) Schlagworte: DE,Lesebuch ::

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