MALTE WOYDT

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Ablasshandel

“Das gute Gewissen ist … käuflich geworden. Mit Produkten aus einem Bio-Supermarkt oder Eine-Welt-Laden kann man … eine Portion davon erwerben. … Je größer die Preisdifferenz zu Produkten ohne Gewissensfaktor ist, desto größer ist das Potential dafür, zum guten Menschen zu werden. … Für … [die Ärmeren] bleibt das gute Gewissen ein knappes Gut, womit sie einmal mehr in ein gesellschaftliches Abseits zu geraten drohen, während andere immer mehr Gewissenswohlstand anhäufen können. Letztere sind also in einer ähnlichen Position wie im Mittelalter die Käufer von Ablassbriefen. … Man … will sich als guten Menschen erfahren und … ein wenig Seelenheil für sich verbuchen …

… warum ist das gute Gewissen überhaupt ein so begehrtes Gut und konnte zu einem zentralen Gegenstand der Werbung werden? Das setzt voraus, dass heutzutage viele Menschen … von schlechtem Gewissen geplagt sind. … Sie treibt das Gefühl um, so viel Komfort, Freiheit und Abwechslung … könnten nicht wirklich verdient sein. …

Studien belegen, dass Menschen, sobald sie Bio-Produkte oder Artikel, auf denen Moral-Vokabeln zu lesen sind, auch nur sehen, rigider und intoleranter in ihren Urteilen werden. Offenbar fühlen sie sich dann zu mehr Härte, aber ebenso zu größerer sozialer Gleichgültigkeit berechtigt, verheißt ihnen ihr Produktumfeld doch, selbst auf der richtigen Seite zu stehen. Entsprechend trifft man bei Gewissenskonsumenten immer wieder auf Spitzen und abschätzige Bemerkungen gegenüber den Menschen aus einfacheren Milieus. Deren Lebenstil wird mit Viel-Fernsehen, Computerspielen und Dickwerden assoziiert und … diskreditiert. …

Solange … [die gewissensstolzen Konsumbürger] zur Verschärfung sozialer Differenzen beitragen, … produzieren … [sie] mit ihrer Fixierung auf das gute Gewissen … Gegenbewegungen. … Konsumproletarier werden … die um sich greifenden Rauchverbote genauso als gegen sich gerichtet interpretieren wie Überlegungen, die Höhe der Krankenkassenbeiträge von Ernährungsgewohnheiten abhängig zu machen. Und sie werden sich für die Marken interessieren, die von Gewissensbürgern zu Symbolen des Bösen gebrandmarkt wurden. …

Doch auch bei den Gewissenskonsumenten selbst sind Rebound-Effekte wahrscheinlich. Gerade weil es so leicht ist, viel gutes Gewissen zu erwerben, kann der Eindruck entstehen, zwischendurch sei ein wenig Sünde erlaubt. … Auf diese Weise etabliert sich bei Konsumenten ein Schuld-Sühne-System, bei dem schlechtes Konsumverhalten durch gutes heilbar erscheint, eine verantwortungsvolle Kaufentscheidung aber auch als Lizenz für eine leichtfertige fungiert oder sogar Lust darauf macht.”

aus: Wolfgang Ullrich: Alles nur Konsum. Kritik der warenästhetischen Erziehung. Berlin: Wagenbach 2013, S.127-157.

09/15

14/09/2015 (1:30) Schlagworte: DE,Lesebuch ::

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