MALTE WOYDT

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LOGIE

Ideologiekrieg

“Dem Land ging es noch nie so gut … Dies müssten eigentlich die klassischen Rahmenbedingungen für ein mit sich selbst zufriedenes Land sein, das den Wahlkampfslogan der CDU aus den achtziger Jahren wieder hervorkramen könnte: “Weiter so, Deutschland!”

Doch das Gegenteil ist der Fall. Die Gesellschaft ist zerrissen, die Milieus sind polarisiert. Dies besonnene Land der Mitte ist dabei, ein gespaltenes zu werden.

Was ist passiert?

Es sind keine Klassengegensätze, die da zum Ausbruch kommen. Es sind auch keine im eigentlichen Sinne politischen oder ökonomischen Streitfragen, die zu einer derartigen Verbiesterung der Gemüter geführt haben. Die Zeiten, als man sich über die Kopfpauschale, über Steuersenkungen oder das richtige Renteneintrittsalter stritt, gehören einer vergangenen Epoche an. … Was heute das Blut regelmäßig zur Wallung bringt, sind samt und sonders Fragen der Weltanschauung, der diskursiven Symbolpolitik, des ideologischen Lifestyles. …

Auf der einen Seite stehen jene, die die überkommenen Geschlechterrollen als heteronormativ infrage stellen, eurozentrische Sichtweisen kritisieren, ethnisch-kulturelle Diversität predigen und mit Blick auf Tierrechte den Speziesismus geißeln. … Thomas Edlinger hat … diese Haltung mit ihrem unerbittlichen Deutungsanspruch “Hyperkritik” genannt, weil vor ihr gewissermaßen keine überkommene Lebensform mehr sicher ist. Auf der anderen Seite stehen – meistens ziemlich sprachlos, das mag auch ein Teil des Konflikts sein – jene, die sich von den neuen Redeformen gegängelt fühlen, die darin ein großes Umerziehungsprogramm wittern und mittlerweile mit wachsendem Selbstbewusstsein jeden Moraldiskurs zurückweisen, weil die Moral für sie nur ein Machtmittel ihres politischen Gegners ist, seine Ziele durchzusetzen. Ihr größter Erfolg, auch dies bezeichnenderweise ein diskursiver, war die Brandmarkung des Wortes “Gutmensch”. …

Zwischen diesen beiden Polen, der linken Hyperkritik und dem rechten Ressentiment, hat sich jene bürgerliche Mitte schweigsam verkrümelt, die es nicht für die Aufgabe des Staates hält, die Auflösung überkommener Normativitäten gesetzgeberisch zu begleiten, sondern einen liberalen Ordnungsrahmen garantieren möchte, in dem plurale Lebensformen ohne normativen Druck in Zivilisiertheit miteinander auskommen können. …

Auf gespenstische Art verwandelt sich Deutschland so von einem Land der Mitte in eine polarisierte Gesellschaft. Mit welcher Entgeisterung haben wir auf die USA geschaut, die einem nur noch entgegentraten wie zwei Länder, die nichts miteinander zu tun haben: Tea Party plus religiöser Fundamentalismus auf der einen Seite, akademische Hyperkritik auf der anderen. Jetzt hat dieser Trend Deutschland erreicht. …

In der Flüchtlingskrise des vergangenen Sommers spitzte es sich dann zu. … Die neue Flüchtlingspolitik [wurde] von einer Rhetorik der Alternativlosigkeit [begleitet]: dass sich Grenzen ohnehin nicht sichern ließen, dass sie moralisch fragwürdig seien. Im Gegenzug wurde ethnisch-kulturelle Diversität zur neuen Norm erhoben, die per se wünschenswert sei und keiner demokratischen Billigung bedürfe. Wer weiterhin der Meinung war, dass Staaten ihre Außengrenzen sichern können sollten und ein Gemeinwesen souverän darüber bestimmen können muss, in welchem Maße sich seine Demografie verändert, der war politisch heimatlos, wenn er nicht in den Reihen von Pegida mitmarschieren wollte. …

Manchmal hat man tatsächlich das Gefühl, dass die kulturalistische Linke mit ihrer verbal-intellektuellen Überlegenheit alle, die ihr nicht folgen wollen, in eine Ecke der Hilflosigkeit getrieben hat, in der sie sich nicht anders zu helfen wissen, als in die unterste Schublade zu greifen.”

“Zwischen der Hypermoral von links und der blanken Gewalt von rechts, die wie zu Weimarer Zeiten Bürgerwehren mobilisiert, muss es wieder eine Mitte affektbeherrschter Zivilisiertheit geben.”

aus: Ijoma Mangold: Der Verlust der Mitte, Zeit Online, 4.2.16 (im Internet)

02/16

08/02/2016 (0:27) Schlagworte: DE,Lesebuch ::

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