MALTE WOYDT

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Schismen

“Manche ideologischen Konflikte lassen sich darauf zurückführen, daß die Ideologie eine andere kulturelle Färbung annimmt, oft sogar ihren ursprünglichen Sinn verändert, wenn sie ihre geographische Lage ändert. Jeder Kulturkreis verleiht derselben Ideologie eine andere Tönung, fügt etwas hinzu und nimmt etwas anderes weg, die Wanderung der Ideen ist ein aktiver Vorgang und am Ende dieser Wanderung kann uns die Idee in ganz anderer Form begegnen. Jede räumliche Bewegung … birgt die Gefahr eines Schismas in sich. Die potentielle und sogar unausweichliche Gefahr. … Das Zentrum bekämpft die Schismen mit dem Argument, das Schisma schwäche die Ideologie, sei deren Feind. Doch die Geschichte des Christentums und des Islams beweisen das Gegenteil. Das Schisma festigt die Ideologie durch ihre Regionalisierung und Nationalisierung, obwohl es gleichzeitig … das Zentrum schwächt.”

aus: Ryszard Kapuscinski: Aus Mexiko 1972. In: ders.: Lapidarium. Frankfurt/Main: Eichborn 1992, S.10.

Abb.: Iglesia de Santa María Tonantzintla, Puebla, Mexico, im Internet.

08/15

23/08/2015 (11:49) Schlagworte: DE,Lesebuch ::

Reinheit

“Partisanen. Ihre Bewegung ist vor allem eine Bewegung der moralischen Reinigung. Das politische Ziel ist gewissermaßen sekundär und oft gar nicht wirklich bewußt. Viele junge Menschen treten der Partisanenbewegung bei, weil sie nicht die Schuld auf sich laden wollen, von dem System zu profitieren. Sie kämpfen nicht aus der Position von Anwärtern auf die Macht, sondern aus der Position von Aposteln der Gleichheit, verstanden als moralische Kategorie. Sie überlegen sich nicht, ob sie siegen werden, sie wollen nur rein sein.

aus: Ryszard Kapuscinski: Aus Mexiko 1972. In: ders.: Lapidarium. Frankfurt/Main: Eichborn 1992, S.29.

08/15

23/08/2015 (11:41) Schlagworte: DE,Lesebuch ::

Populismus 2

“Eigenschaften des Populismus:

  • ambiguo – zweideutig, sogar mehrdeutig, nicht konkret, undurchsichtig;
  • transaccional – Politik des Feilschens, Aussöhnens von Gegensätzen, Zaudern, Paktieren;
  • sin salida – eine Politik, die zu keinem endgültigen Ergebnis führt, die Strukturen unangetastet läßt;
  • demagogico – Sprache des Volkes, doch Handeln ohne das Volk, Angriff gegen die Oligarchie, doch nur mit Worten, nebelhaft und undeutlich.”

aus: Ryszard Kapuscinski: Aus Mexiko 1972. In: ders.: Lapidarium. Frankfurt/Main: Eichborn 1992, S.23/24.

08/15

23/08/2015 (11:35) Schlagworte: DE,Lesebuch ::

Worte 2

“Das Wort: Der Unterschied zwischen der Bedeutung des Wortes bei ihnen [in Lateinamerika] und bei uns [in Europa]. ‘Und das Wort wurde Fleisch.’ Hier erreicht das Wort nie dieses Stadium, diesen Zustand der Kristallisation. Hier ist das Wort wie ein Korken im Wasser, wie eine Feder in der Luft. Es schwimmt, schwebt, ungreifbar, ist veränderlich wie ein Kaleidoskop, ungreifbar, es taucht auf und verschwindet spurlos, und oft – ohne Eindruck zu hinterlassen. Es hat kein Gewicht, besitzt nicht diese absolute, grobe Aufdringlichkeit, stellt keine Gefahr dar. …”

aus: Ryszard Kapuscinski: Aus Mexiko 1972. In: ders.: Lapidarium. Frankfurt/Main: Eichborn 1992, S.18/19.

Abb.: Diana Weymar, stitching created of a quote originally spoken by Donald Trump, 2018/19, part of The Pricks Project, im Internet.

08/15

23/08/2015 (11:30) Schlagworte: DE,Lesebuch ::

Soziale Medien 2

[EN]

“Sechs Jahre sind eine lange Zeit im Gefängnis, aber online ist es eine ganze Ära. Das Schreiben im Internet hatte sich nicht verändert, aber das Lesen – oder zumindest das Gelesenwerden – umso dramatischer. …

Im Jahr 2008, als ich verhaftet wurde, waren Blogs pures Gold und Blogger waren Rockstars. … Man las meine Beträge aufmerksam und die Leser hinterließen viele relevante Kommentare. Selbst diejenigen, die überhaupt nicht meiner Meinung waren, besuchten meine Seite. Andere Blogs verlinkten auf meine Beiträge, um zu diskutieren, was ich schrieb. Ich fühlte mich wie ein König. …

Der Hyperlink war eine Möglichkeit, jegliche Zentralisierung – die Verbindungen, Linien, und Hierarchien – hinter sich zu lassen, und sie durch etwas Dezentrales zu ersetzen:  ein System aus Knoten und Netzwerken. Blogs gaben diesem Geist der Dezentralisierung eine Form: Sie waren Fenster zu unbekannten Leben, Brücken, die diese unterschiedlichsten Leben miteinander verbanden und sie dabei veränderten. …

Seit ich aus dem Gefängnis entlassen wurde, ist mir aufgefallen, wie sehr der Hyperlink entwertet wurde, und nun nahezu überflüssig ist.

Jetzt behandelt fast jedes soziale Netzwerk einen Link so wie jedes andere Objekt  – wie ein Foto oder ein Stück Text  – und nicht als eine Bereicherung. Du wirst aufgefordert, einen einzigen Hyperlink zu teilen und ihn dem quasi-demokratischen Prozess von Likes, Plus und Herzen auszusetzen: Einem Text verschiedene Links hinzuzufügen ist in der Regel nicht erlaubt. Hyperlinks werden objektiviert, isoliert, ihrer Macht beraubt.

Gleichzeitig behandeln diese sozialen Netzwerke diejenigen Texte und Bilder, die direkt in ihnen geteilt werden, mit viel mehr Respekt, als alles, was außerhalb auf anderen Websites liegt. Ein befreundeter Fotograf erklärte mir das anhand seiner Bilder: Alles, was er direkt auf Facebook hochlädt, bekommt viele Likes und taucht somit häufiger in den Newsfeeds anderer Leute auf. Wenn er einen Link postet – zu seinem mittlerweile verstaubten Blog beispielsweise – sind diese Links viel weniger sichtbar und erhalten daher viel weniger Likes. …

Apps wie Instagram sind blind oder beinahe blind. Ihr Blick richtet sich nur nach innen, unwillig, ihre unermessliche Macht an andere zu verteilen, die so einen leisen Tod sterben. Die Konsequenz ist, dass Websites außerhalb sozialer Medien sterben. …

Immer weniger Nutzer besuchen ausgewählte Websites direkt. Stattdessen werden sie von einem endlosen Informationsfluss gefüttert, der für sie aus komplexen  – und geheimen  – Algorithmen zusammengestellt wurde. Dank des Datenstroms brauchst du nicht mehr so viele Websites zu öffnen. Du benötigst nicht mehr so viele Tabs im Browserfenster. Du brauchst eigentlich nicht mal einen Browser. Du öffnest Twitter oder Facebook auf deinem Smartphone und tauchst tief ein. Der sprichwörtliche Berg ist zu Dir gekommen. Algorithmen haben schon alles für dich ausgewählt. …

Ohne Zweifel gibt es heute weit weniger Vielfalt an Themen und Meinungen im Netz als früher. Neue, andersartige und streitbare Ideen werden in den heutigen sozialen Netzwerken unterdrückt, weil deren Platzierungslogik das Beliebte und Gewohnte belohnt … Aber Vielfalt wird auch auf anderen Wegen und für ganz andere Zwecke reduziert.

Manche davon sind visueller Art. Es stimmt schon, dass alle meine Statusmeldungen auf Facebook und Twitter beinahe wie ein Blog aussehen … Aber ich habe sehr wenig Kontrolle darüber, wie es aussieht; ich kann fast nichts personalisieren. …

Diese Informationszentralisierung ist auch deshalb beunruhigend, weil Dinge leichter verschwinden. … Was … passiert, wenn mein Konto auf Facebook oder Twitter aus irgendeinem Grund geschlossen wird? …

Vielleicht ist es [auch] der Text an sich, der verschwindet. Immerhin haben die ersten Nutzer des Internets einen Großteil ihrer Zeit mit dem Lesen von Webmagazinen verbracht. Dann kamen Blogs, dann Facebook, dann Twitter. Jetzt sind es Facebook-Videos, Instagram und SnapChat, die unsere Aufmerksamkeit beanspruchen. In sozialen Netzwerken findet sich immer weniger Text zum Lesen, dafür umso mehr Videos und Bilder. Beobachten wir den Niedergang des Lesens zugunsten des Sehens und Hörens im Netz? …

Das Netz wurde nicht als Form des Fernsehens konzipiert. Aber ob wir es mögen oder nicht, es ähnelt ihm immer mehr: linear, passiv, programmatisch durchgeplant und selbstbezogen. … Früher war das Internet mächtig und ernsthaft genug, um mich ins Gefängnis zu bringen. Heute ist es nur wenig mehr als Unterhaltung. …”

aus: Hossein Derakhshan: Das Internet, das wir bewahren müssen. ZEIT Online,
Abb.: Pawel Kuczynski: Blinkers, pictorem, im Internet.

07/15

23/07/2015 (1:04) Schlagworte: DE,Lesebuch ::

Puppen

“… Wie bei gewissen Studenten, hat man sich nicht auch vor den dicken unveränderlichen Kinderpuppen tausendmal gefragt, was später aus ihnen wurde? … undurchdringlich und in dem Zustand von vorweggenommener Dickigkeit unfähig, auch nur einen Tropfen Wasser an irgendeiner Stelle einzunehmen; ohne eigenes Urteil … nur im Augenaufschlag einen Moment wach, dann sofort mit den unverhältnismäßigen berührbaren Augen offen hinschlafend … wie ein Hund zum Mitwisser gemacht, zum Mitschuldigen, aber nicht wie er empfänglich und vergeßlich, sondern eine Last in beidem; eingeweiht in die ersten namenlosen Erfahrungen ihrer Eigentümer, in ihren frühesten unheimlichen Einsamkeiten herumliegend … – mitgezogen in die Gitterbetten, verschleppt in die schweren Falten der Krankheiten, in den Träumen vorkommend, verwickelt in die Verhängnisse der Fiebernächte: so waren jene Puppen. Denn sie selber bemühten sich nie in alledem; lagen dann vielmehr da am Rande des Kinderschlafs, erfüllt höchstens von dem rudimentären Gedanken des Hinunterfallens, sich träumen lassend; wie sie’s gewohnt waren, am Tag mit fremden Kräften unermüdlich gelebt zu sein. … Wir mußten solche Dinge haben, die sich alles gefallen ließen. … Der Puppe gegenüber waren wir gezwungen, uns zu behaupten, denn wenn wir uns an sie aufgaben, so war überhaupt niemand mehr da. Sie erwiderte nichts, so kamen wir in die Lage, für sie Leistungen zu übernehmen, unser allmählich breiteres Wesen zu spalten in Teil und Gegenteil, uns gewissermaßen durch sie die Welt, die unabgegrenzt in uns überging, vom Leibe zu halten. Wie in einem Probierglas mischten wir in ihr, was uns unkenntlich widerfuhr und sahen es dort sich färben und aufkochen. Das heißt auch das erfanden wir wieder, sie war so bodenlos ohne Phantasie, daß unsere Einbildung in ihr unerschöpflich wurde. Stundenlang, ganze Wochen mochte es uns befriedigen, an diesem stillhaltenden Mannequin die erste flaumige Seide unseres Herzens in Falten zu legen, aber ich kann mir nicht anders vorstellen, als daß es gewisse zu lange Nachmittage gab, in denen unsere doppelten Einfälle ermüdeten und wir ihr plötzlich gegenüber saßen und etwas von ihr erwarteten. … wenn jenes beschäftigungslose Geschöpf fortfuhr, sich schwer und dumm zu spreizen, wie eine bäuerische Danae nichts anders kennend als den unaufhörlichen Goldregen unserer Erfindung: ich wollte, ich könnte mich entsinnen, ob wir dann aufbegehrten, auffuhren und dem Ungeheuer zu verstehen gaben daß unsere Geduld zu Ende wäre? Ob wir dann nicht zitternd vor Wut, vor ihr standen und wissen wollten, Posten für Posten, wofür sie unsere Wärme eigentlich gebrauche, was aus diesem ganzen Vermögen geworden sei? … Sind wir nicht wunderliche Geschöpfe, daß wir uns gehen und anleiten lassen, unsere erste Neigung dort anzulegen, wo sie aussichtslos bleibt? … Ob nicht in dem und jenem seine Puppe heillos weiterwirkt, so daß er hinter vagen Befriedigungen her ist, einfach aus Widerspruch gegen das Unbefriedigtsein, mit dem sie sein Gemüt verdorben hat? …”

aus: Rainer Maria Rilke: Einiges über Puppen. In: ders.: Ausgewählte Werke, 2.Bd. Leipzig: Insel 1938, S.265-270.

03/15

31/03/2015 (1:06) Schlagworte: DE,Lesebuch ::

Kindheitserinnerungen

“Ich ging in der Stadt umher und konstatierte, daß sie sich verändert hatte. Es war mir angenehm, aus dem Hotel hinauszutreten, in dem ich abgestiegen war, und zu sehen, daß es nun eine Stadt für Erwachsene war, die sich für einen zusammennahm, fast wie für einen Fremden. Ein bißchen klein war alles geworden, und ich promenierte die Langelinie hinaus bis an den Leuchtturm und wieder zurück. Wenn ich in die Gegend der Amaliengade kam, so konnte es freilich geschehen, daß von irgendwo etwas ausging, was man jahrelang anerkannt hatte und was seine Macht noch einmal versuchte. Es gab da gewisse Eckfenster oder Torbogen oder Laternen, die viel von einem wußten und damit drohten. Ich sah ihnen ins Gesicht und ließ sie fühlen, daß ich im Hotel ‘Phônix’ wohnte und jeden Augenblick wieder reisen konnte. Aber mein Gewissen war nicht ruhig dabei. Der Verdacht stieg in mir auf, daß noch keiner dieser Einflüsse und Zusammenhänge wirklich bewältigt worden war. Man hatte sie eines Tages heimlich verlassen, unfertig wie sie waren. Auch die Kindheit würde also gewissermaßen noch zu leisten sein, wenn man sie nicht für immer verloren geben wollte. Und während ich begriff, wie ich sie verlor, empfand ich zugleich, daß ich nie etwas anderes haben würde, mich darauf zu berufen.”

aus: Rainer Maria Rilke: Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge. Suhrkamp 1991, S.148.

Abb.: Chiharu Shiota: A Room of Memory, 2009, Museum of Contemporary Art Kanazawa Japan, im Internet.

03/15

29/03/2015 (15:17) Schlagworte: DE,Lesebuch ::

Geschenke

“Talent war eigentlich nur nötig, wenn sich einer Mühe gegeben hatte, und brachte, wichtig und gutmütig, eine Freude, und man sah schon von weitem, daß es eine Freude für einen ganz anderen war, eine vollkommen fremde Freude; man wußte nicht einmal jemanden, dem sie gepaßt hätte: so fremd war sie.”

aus: Rainer Maria Rilke: Die Aufzeichungen des Malte Laurids Brigge. Suhrkamp 1991, S.136.

03/15

29/03/2015 (15:06) Schlagworte: DE,Lesebuch ::

Leser

“Das Unglück, obenhin, unverständig, ohne Geschmack, ohne Gefühl, mit Vorurteilen oder gar mit Schalksaugen und bösem Willen gelesen zu werden – oder, wie die meisten Leser, die nur zum Zeitvertreib in ein Buch gucken – oder zur Unzeit, wenn der Leser übel geschlafen, übel verdaut oder unglücklich gespielt oder sonst Mangel an Lebensgeistern hat – oder gelesen zu werden, wenn gerade dieses Buch, diese Art von Lektüre unter allen möglichen sich am wenigsten für ihn schickt und seine Sinnesart, Stimmung, Laune, mit des Autors seiner den vollkommensten Kontrast macht – das Unglück, so gelesen zu werden, ist, nach der Meinung des besagten Autors, keines von den geringsten, welchen ein Schriftsteller … sich und die armen ausgesetzten Kinder seines Geistes täglich und unvermeidlich bloßgestellt sehen muß. Unter hundert Lesern kann man sicher rechnen, von achtzig so gelesen zu werden. …

Was Wunder also, wenn den besten Werken in ihrer Art, und in einer sehr guten Art, oft so übel mitgespielt wird? Was Wunder, wenn die Leute in einem Buche finden, was gar nicht drin ist; oder Ärgernis an Dingen nehmen, die, gleich einem gesunden Getränke in einem verdorbenen Gefäße, bloß dadurch ärgerlich werden, weil sie in dem schiefen Kopf oder der verdorbenen Einbildung des Lesers dazu gemacht werden?  Was Wunder, wenn der Geist eines Werkes den meisten so lange und fast immer unsichtbar bleibt? Was Wunder, wenn dem Verfasser oft Absichten, Grundsätze, Gesinnungen angedichtet werden, die er nicht hat, die er, vermöge seines Charakters, seiner ganzen Art zu existieren, gar nicht einmal haben kann? Die Art, wie die meisten lesen, ist der Schlüssel zu allen diesen Ereignissen, die in der literarischen Welt so gewöhnlich sind. Wer darauf achtzugeben Lust oder innern Beruf hat, erlebt die erstaunlichsten Dinge in dieser Art.”

aus: Christoph Martin Wieland: Wie man liest. Hier zitiert in: Wort und Sinn, Schulbuch. Paderborn: Schönigh, S.124.

Abb.: Klaus Staeck: Kunstkritiker beim ersten Documenta-Rundgang, 1977, Edition Staeck, im Internet.

03/15

24/03/2015 (0:34) Schlagworte: DE,Lesebuch ::

Schreiben

“Unser ganzes Bildungssystem lebt letztlich davon, Gelegenheiten zu schaffen … alle die etwas lernen sollen, mit Selbstgeschriebenem zu konfrontieren, weil sie nur so auf die Ordnung stoßen, die in ihrem Kopf herrscht – wobei diese Ordnung nur ein Effekt des Schreibens ist und nicht das Schreiben ein Effekt der Ordnung …

Was wir derzeit an Bildungsreform an Schulen und Universitäten machen, ist eine groß angelegte Vermeidungsstrategie des Schreibens. Weder in den Schulen noch in den Hochschulen bleibt Zeit zum Schreiben – mit der idiotischen Begründung, dass man dann mehr Zeit fürs Lernen hätte. Das Bücher … Kulturspeicher  sind, ist ja nur die halbe Wahrheit. Man denkt dabei nur an die Rezeption – dabei ist die Produktion der Ort, an dem die Ordnung entsteht, die da gespeichert wird. Die Linearität der Kommunikation diszipliniert unser Bewusstsein, weil nicht alles sofort, nicht alles gleichzeitig geschehen kann – und vor allem nicht alles, was möglich gewesen wäre. Schreiben bringt Ordnung in die Welt – dabei dachten wir, im Geschriebenen werde ihre Ordnung nur gespeichert.”

aus: Armin Nassehi: Die Macht der Unterscheidung. Kursbuch 173 (März 2013), S. 10/11.

01/15

03/02/2015 (21:39) Schlagworte: DE,Lesebuch ::
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