MALTE WOYDT

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Fünf vor zwölf

“In den Kolumnen der Szene hält sich hartnäckig die Wendung, es sei ‘5 vor zwölf’. Winfried Kretschmann, ein Grüner von der diesseitigen Sorte, ist der Ansicht, es sei eher erst ’12 vor fünf’. Ich neige zu der Auffassung, daß es ‘5 nach zehn’ ist. Aber vielleicht hat nur Joe die richtige Antwort gegeben, als er auf Sinatras Frage, wie spät es sei, antwortete: ‘Soviel du willst, Frank’.

Evolutionstheorie lehrt: exponentiell wachsende Systeme sind tendenziell instabil. Irgendwann müssen sie selbstregulativ Eigenkontrollen entwickeln, die diesen Wachstumsprozeß stoppen, andernfalls sind sie dem Untergang geweiht. Die Bevölkerung unserer Erde ist solch ein exponentiell wachsendes System. Wir kennen nur das Problem, aber nicht den Zeitpunkt, wann wir es lösen müssen.”

“Ein globales Ökosystem wie die Erde sollte man sich nicht als ein System vorstellen, dessen Subsysteme wie Bevölkerung, Rohstoffe usw. jeweils einen numerisch exakt prognostizierbaren Wert aufweisen, ab dem der Umschlag in die Instabilität beginnt. … [Der Schwellenwert] kann immer erst im nachhinein ermittelt werden.”

Jochen Reiche: Ökologie und Zivilisation. Der Mythos von den natürlichen Kreisläufen” In: “Die Linke neu denken”. Berlin: Wagenbach 1985, S.58/61.

08/10/2007 (10:18) Schlagworte: DE,Lesebuch ::

Friedensbewegung

“Hört ein Bürger unseres Staates das Wort ‘Frieden’, beginnt er zu gähnen. … Die Friedensbewegung wird [hier] präsentiert als ein Ausdruck der Tatsache, daß die Menschen im Westen den Kommunismus sowjetischer Prägung gar nicht mehr erwarten können. …

Die westliche Friedensbewegung hat realen Einfluß auf das Handeln der Parlamente und Regierungen. Und riskiert kein Gefänginis. Hier riskiert man Gefängnis. Und der Einfluß auf die Entscheidungen der Regierung ist – jedenfalls in diesem Punkt – gleich Null. … [Der Osteuropäer] kann es noch nicht einmal erreichen, daß er mit Rücksicht auf die Zähne und Seelen der Kinder von Nord- nach Südböhmen umziehen darf; wie sollte er da so eine Sache beeinflussen können wie Sternenkriege zwischen zwei Supermächten! …

Zu den Gefahren, für die der hiesige Geist eine besonders empfindliche Nase hat, gehört auch … die Gefahr daß die lebendige Idee als Werk und Zeichen sinnvollen Menschseins zur Utopie als technischer Anleitung zur Vergewaltigung des Lebens und Vertiefung seines Schmerzes versteinert. … Wer beunruhigt uns hier mit einer Utopie? Welche nächsten Katastrophen werden uns hier – in bester Absicht – wieder vorbereitet? …

Wir fühlen hier irgendwie stärker …, daß der, der sich zu ernst nimmt, bald lächerlich wird, und wer ständig über sich selbst lachen kann, nicht wirklich lächerlich sein kann. … Das hiesige Mißtrauen gegenüber jedem Empathismus und jedem Engagement, das nicht der Distanz zu sich selber fähig ist, hat wohl auch Einfluß auf jene Zurückhaltung, die ich hier zu analysieren versuche. …

Es gibt selbstverständlich auch weitere Gründe für die Zurückhaltung … Die Tschechoslowaken haben zu gut am eigenen Schicksal erfahren … wohin eine Politik des Appeasement führen kann. … Die Grunderfahrung, daß es nicht möglich ist, schweigend Gewalt zu dulden, in der Hoffnung, daß sie von selbst aufhört, gilt noch immer. …

Für uns ist es einfach schon unverständlich, wie man noch an die Möglichkeit der Abrüstung glauben kann, die den Menschen umgeht oder sogar mit seiner Versklavung erkauft wird.”

aus: Vaclav Havel: Anatomie einer Zurückhaltung. In: Am Anfang war das Wort. Reinbek: Rowohlt 1990 (geschrieben 1985)

Abb.: Boris Seménéniako: The peace in the dead end, Tikkun Magazine, im Internet.

09/92

08/10/2007 (10:17) Schlagworte: DE,Lesebuch ::

Freundlichkeit

(EN)

“Dabei wissen wir doch:
Auch der Haß gegen die Niedrigkeit
Verzerrt die Züge.
Auch der Zorn über das Unrecht
Macht die Stimme heiser. Ach, wir
Die wir den Boden bereiten wollten für Freundlichkeit
Konnten selber nicht freundlich sein.”

aus: Bertolt Brecht: An die Nachgeborenen. Vollständig im Internet unter vielen Adressen, beispielsweise in Berkeley.

Abb.: Sophie Täuber-Arp: Dada-Kopf, 1920, im Internet.

08/10/2007 (10:16) Schlagworte: DE,Lesebuch ::

Emanzipation 1

“Wie es so oft geschieht, wurde die Schlacht eher zufällig gewonnen – ohne gezielten Kampf oder ein Programm. Keine der alten Apostel der Frauenrechtsbewegung hätte einen so verschlafen-benommenen Siegeszug ihrer Ideale erträumt. Der große Zauberer, der diesen Wechsel vollbrachte, war die Inflation. …

Der Krieg zerstörte die konventionelle Sexualmoral … als die Männer aus dem Krieg zurückkehrten; in Berlin und später in allen großen Städten kam … [die Liquidation] in der Form von Kostümbällen an, in denen all das Begehren einer lange unterdrückten Vitalität mit orgiastischer Vehemenz ausbrach. In jenem Winter wurde die alte Moral von Konfettischlangen unter Begleitung von Geigen und Klarinetten erdrosselt. Die neuen Prinzipien waren einfach genug: wir wollen leben, und das Leben ist kurz …

Dann kamen die drei Jahre der Inflation, … sie enteignete die Schicht, die seit einem Jahrhundert der Träger der deutschen Zivilisation gewesen war und ihre ethischen Normen zu Gesetzen kristallisiert hatte. Vermögen zerbrachen zwischen Morgen und Abend. … Dann marschierte eine neue, erbärmliche Armee von Parvenüs auf diesem Ruin wie in eine eroberte Stadt und zog die Frauen aus den eroberten Häusern wie Marketenderinnen mit sich. Es gab einen nie dagewesenen Ausverkauf der gesammelten Moralvorstellungen eines Jahrhunderts. Gute, stabil verheiratete Frauen, die die Last tragen mußten, ihre Familie am Leben zu halten, verkauften sich für bare Münze, und ihre Ehemänner schauten weg, sofern sie nicht selbst das Management dieses Geschäftes übernahmen. Wohlbehütete Mädchen, in deren Gegenwart niemals ein unziemliches Wort gesprochen worden war, verkauften sich; ihre Eltern schwiegen, sofern sie nicht zu Kupplern wurden. …

Heute hat sich der neue Status etabliert. Frauen sind ein inniger Bestandteil des industriellen Lebens und selbst jene, die es nicht nötig hätten, suchen sich einen Beruf. Das gute, nichtstuende Heimchen, das herumgeführt wurde von der heiligen Allianz der Tanten und Verwandten und auf einen Ehemann nach Wahl ihrer Eltern warten mußte, ist gänzlich verschwunden. Die Zahl der Ehefrauen, die so von ihren Ehemännern abhängig sind, daß sie deren üble Launen aushalten müssen, ist deutlich zurückgegangen. Einen außerordentlich großen Zuwachs gab es bei der Zahl der freien Verbindungen, die ohne große äußerliche Schwierigkeiten gelöst werden können. Der Trend zu erotischer Selbstbestimmung hat bei den Frauen den Sieg davongetragen…”

Carl von Ossietzky, Die Revolte der deutschen Frauen, ursprünglich auf englisch erschienen in The Nation, 7.1.1928. Hier übersetzt durch Dirk Grathoff, in: Carl von Ossietzky Lesebuch, Reinbek: Rowohlt, 1994, S.174/175.

Abb.: Frans Masereel: Die Stadt. 1925.

10/02

08/10/2007 (10:16) Schlagworte: DE,Lesebuch ::

FNL

*Nicht in meinen verwegensten Träumen habe ich daran geglaubt, daß diese Grenze, diese Mauer in Berlin in den nächsten 80 Jahren einmal fallen würden. Und nun stellt sich heraus, daß die Kosten für diese Grenze genauso immens waren, wie wir uns das ausgerechnet hatten. …

Zugegeben, es sah nicht danach aus, als ob wir uns darüber Gedanken gemacht hätten, wo Vorpommern eigentlich liegt, oder wer die Leute sind, die im Spreewald mit den langen Kähnen herumfahren. Das ganze Land war uns abhanden gekommen. Was wir am 17. Juni gefeiert haben? Was war das bloß? Himmelfahrt?

Aber das macht doch nichts. In jener Nacht, als der Widerstandskämpfer Schabowski aufgrund eines Mißverständnissens den Belagerungszustnd für beendet erklärte …, in jener Nacht ist uns blitzartig wieder eingefallen, daß es diese Leute da drüben wirklich gibt. Gerade noch rechtzeitig. …

… Kolumbus hat auch nicht recht gehabt. Wenn der damals gewußt hätte, was wir heute über ihn wissen! Gold bekam er von den wilden Völkern, und was ließ er ihnen dafür da? Die Grippe. Dafür nahm er die Syphilis mit. So schlimm wird es für die Fünf Neuen Länder ja nicht werden.
Aber entdeckt haben wir sie, soviel steht fest.”

aus: Dieter Hildebrandt: Denkzettel. Frankfurt(Main)/Wien: Büchergilde Gutenberg o.J., (Orig.Ausg. 1992), S.46 u. 79.

Abb.: Minh Đức Phạm: Präsente. Für die Ewigkeit!, Detail, 2024. Museum unter Tage, Bochum.

11/06

08/10/2007 (10:15) Schlagworte: DE,Lesebuch ::

Flaneur

“Den Typus des Flaneurs schuf Paris. Daß es nicht Rom war, ist das sonderbare. Und der Grund? … Paris haben nicht die Fremden sondern sie selber, die Pariser zum gelobten Land des Flaneurs, zu der ‘Landschaft aus lauter Leben gebaut’, wie Hofmannsthal sie einmal nannte, gemacht. … [Die Stadt] eröffnet sich … [dem Flaneur] als Landschaft, sie umschließt ihn als Stube. …

[Die] Kategorie des illustrativen Sehens [ist] grundlegend für den Flaneur. Er schreibt … seine Träumerei als Text zu den Bildern. … 1839 war es elegant, beim Promenieren eine Schildkröte mit sich zu führen. Das gibt einen Begriff vom Tempo des Flanierens in den Passagen. …

‘Ging … [E.T.A. Hofmann] im Sommer spazieren, was bei schönem Wetter täglich gegen Abend geschah, so … fand sich nicht leicht ein Weinhaus, ein Conditorladen, wo er nicht eingesprochen, um zu sehen, ob und welche Menschen da seyen.’ …

Der flânerie liegt neben anderem die Vorstellung zu Grunde, daß der Ertrag des Müßigganges wertvoller … sei als der der Arbeit. Der flâneur macht bekanntlich ‘Studien‘. Der Larousse du XIX siècle läßt sich darüber folgendermaßen aus: ‘Son oeil ouvert, son oreille tendue, cherchent tout autre chose que ce que la foule vient voir. …’ …

Bahnhöfe, Ausstellungshallen, Warenhäuser … Von diesen … fühlt sich der Flaneur angezogen. In ihnen ist das Auftreten großer Massen auf dem Schauplatz der Geschichte schon vorgesehen. Sie bilden den exzentrischen Rahmen, in dem die letzten Privatiers sich so gern zur Schau stellen.”

aus: Walter Benjamin: Das Passagenwerk, Herausgeben von Rolf Tiedemann, 1.Bd., Frankfurt(Main): Suhrkamp 1983, S.525-569

Bild: Tina Saum von der Flanerie folgt Esmeralda, der Schildkröte, Stuttgarter Nachrichten, 10.6.14, im Internet

?

08/10/2007 (10:15) Schlagworte: DE,Lesebuch ::

Flämischer Nationalismus

[NL]

“Ich habe probiert, meine Gedanken zu ordnen. Ich weiß, daß das nicht immer meine Stärke ist.”

aus: Luc Van den Branden: Ongewone tijden. Lanoo 1996. zit. in: Benno Barnard: Door God bij Europa verwerkt. Amsterdam/Antwerpen: Atlas, 1996, S.202.

Abb.: Originalquelle nicht gefunden.

12/02

08/10/2007 (10:13) Schlagworte: DE,Lesebuch ::

Faulheit

“‘Bei Gott, Gevatter, jetzt erst werde ich eines Irrtums völlig los, in dem ich die lange Zeit hier lebte, seit ich Euch kenne, denn bisher hielt ich Euch immer in allen Euren Handlungen für verständig und besonnen. Aber jetzt sehe ich, daß Ihr so fern davon seid wie der Himmel von der Erde. Wie ist es möglich, daß Dinge von so geringer Bedeutung, und denen so leicht abzuhelfen ist, die Macht haben, einen so reifen Geist zu beirren und zu verwirren wie den Eurigen, der so dazu angetan ist, weit größere Schwierigkeiten zu bewältigen und aus dem Wege zu räumen? In Wahrheit, das kommt nicht vom Mangel an Geschick, sondern aus Überfluß an Trägheit und aus Denkfaulheit.'”

Miguel de Cervantes Saavedra: Der sinnreiche Junker Don Quijote von der Mancha. (Übersetzung von Braunfels 1848) München 1966: S.9.

Abb.: Picasso: Don Quichote, Les Lettres Françaises, 1.8.1955.

08/93

08/10/2007 (10:09) Schlagworte: DE,Lesebuch ::

Europa

“Europa ist kein geographischer, sondern ein imaginärer Raum. Auf die Frage, was die Identität Europas ausmacht, antwortet zum Beispiel Milan Kundera: die Weisheit des Romans. ‘Mir gefällt der Gedanke, daß die Kunst des Romans als Echo auf Gottes Lachen zur Welt kam. … Ein wunderbares jüdisches Sprichwort sagt: Der Mensch denkt, Gott lacht. Inspiriert von dieser Sentenz, stelle ich mir gern François Rabelais vor, wie er eines Tages Gottes Lachen hörte und so die Idee des ersten großen europäischen Romans geboren wurde.’ Europa heißt für Kundera: Die Welt als Ambiguität entdecken, sehen, leben. Weisheit des Romans meint die Weisheit der Ungewißheit, die Weisheit der Ironie.”

aus: Ulrich Beck: Was ist Globalisierung? Frankfurt(Main): Suhrkamp 1997, S.259.

Abb.: Panos Kokkinias: Arkadia, im Internet.

08/10/2007 (10:08) Schlagworte: DE,Lesebuch ::

Esoteriker 1

“… Ihre Mitteilung, daß auf der Volkshochschule deutlich die Zeitflucht der Massen bemerkbar ist, die sich in der Abkehr von allen gesellschaftlichen Disziplinen äußert, hat mich nicht überrascht. Man kann diese Erscheinung nicht mit dem Hinweis auf deutsche Charaktereigenschaften abtun. Ob diese Erscheinung nicht auch in die Reihe der Verfallssymbole unserer Gesellschaft gehört? Man will den Alltag, der aktive Anteilnahme und gründliche Kenntnis gesellschaftlicher Fragen fordert, entfliehen. Nicht ohne Befürchtungen betrachte ich das Aufkommen der mannigfachen Bünde, besonders der preudoreligiösen Bünde, die ich für Zentren künstlicher Betäubung halte. Die Unfähigkeit zu glauben greift nach einem Opiat. Diese Menschen brauchen Rausch, denn nur im Rausch vermögen sie zu glauben, daß sie glauben. (Auch in extremen politischen Parteien findet man sie.) zahlreich auftretende esoterische Bünde und Parteien sind kein Zeichen wachsender Volkskraft.

Propheten und Prediger ziehen in Massen durchs Land. Jemand schickte mir ein Pack Flugblätter. Einer, Leonard Stark, schreibt: Ich bin die Natur. Ich bin die Tat. Ein anderer, Karl Thaldorf, schreibt: Ich bin das neue Evangelium. Ein Dritter: Ich bin das große Ich. Ich bin die Liebe. Ich rede am 21. Dezember im Felsenkeller. Häusser: Ich prophezeie den Untergang. Ich bin der Führer. Ich und der Vater sind eins. Ich bin der Retter Deutschlands.

Manische Individuen oder Auguren oder simple Betrüger? Eins stimmt mich bedenklich: Die Menge der Anhänger. Nur wo seelische Zersetzung, Haltlosigkeit, Wurzellosigkeit, Glaube an Untergang herrschen, können solche Menschen Einfluß im Volk gewinnen.”

aus: Ernst Toller, Brief aus dem Gefängis an Gustav Meyer, 7.2.1921. Hier aus: Ernst Toller: Gesammelte Werke, Bd.5, Hanser-Verlag 1978, S.60/61. .

Abb.: Karl Xaver Goetz: Münchner Theater, 1923, im Internet.

06/06

08/10/2007 (10:08) Schlagworte: DE,Lesebuch ::
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