MALTE WOYDT

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Ethnicity

“Ethnicity is one of the most widely cited causes of political action, but one of the most difficult concepts to define precisely. … The compelling force of the concept … derives from the perception that it provides a singularly tight fit between identity and community. … Hence the notion is predicated on two fundamental assumptions. The first is that it is possible to identify clearly those characteristics that distinguish one ethnic group from another. The other is that such features are of primary, or determinant, significance for members of those groups. …

In the West it is viewed primarily as an emotional attachment to a community of origin of, more pragmatically, as a basis for lobbying. From the West, however, ethnicity in less economically advanced, of simply culturally different, settings is perceived more as a primordial sentiment, a quality of being which is overwhelming – that is, over which people have little control. Although the same term is used in both instances, in reality the one is the reverse side of the other. …

The point is to … move away from evolutionary theory, and to accept that the instrumental quality of ethnicity is both historically and culturally bound, whatever the setting. … It is neither as clear-cut nor as casual as it is blithely assumed to be. …

The idea that ethnicity is easily identified is very largely a myth, in part due to the colonial method of classifying ‘natives’. … [in] pre-colonial Africa … ethnicity was an eminently fluid and malleable characteristic. Individual, and even whole groups, could easily change ethnic identities or entertain several, or, alternatively consider themselves part of extended religions and occupational groups … At the same time ethnicity need not automatically be politically consequented. … it is imperative to distinguish between political tribalism … from moral ethnicity, which provides the ethical framework for the life of a particular community.”

aus: Patrick Chabal & Jean-Pascal Daloz: Culture Troubles. Politics and the Interpretation of Meaning. London: Hurst & Co., 2006, S.112-115.

09/09

01/09/2009 (23:43) Schlagworte: EN,Lesebuch ::

Gegenwärtigkeit

“Die Realität ist die sinnlose Übertreibung aller Details, welche die Satire vor fünfzig Jahren hinterlassen hat. … Ein Blick in die neue Welt, … ein Atemzug in dieser gottlosen Luft von Allwissenheit und Allgegenwart zwingt zur vorwurfsvollen Frage: Was hat[te] Nestroy gegen seine Zeitgenossen? Wahrlich, er übereilt sich. Er geht antizipierend seine kleine Umwelt mit einer Schärfe an, die einer späteren Sache würdig wäre. … er erlebt die respektlose Intelligenz nicht, die da weiß, daß die Technik wichtiger sei als die Schönheit, und die nicht weiß, daß die Technik höchstens ein Weg zur Schönheit ist und daß es am Ziel keinen Dank geben darf und daß der Zweck das Mittel ist, das Mittel zu vergessen. … Wo das Talent dem Charakter Schmutzkonkurrenz macht und die Bildung die gute Erziehung vergißt. Wo überall das allgemeine Niveau gehoben wird und niemand draufsteht. Wo alle Individualiät haben, und alle dieselbe, und die Hysterie der Klebstoff ist, der die Gesellschaftsordnung zusammenhält. … Kunst ist, was den Stoff überdauert. Aber die Probe der Kunst wird auch zur Probe der Zeit, und wenn es immer den nachrückenden Zeiten geglückt war, in der Entfernung zum Stoff die Kunst zu ergreifen, diese hier erlebt die Entfernung von der Kunst und behält den Stoff in der Hand. Ihr ist alles vergangen, was nicht telegraphiert wird. Die ihr Bericht erstatten, ersetzen ihr die Phantasie. Denn eine Zeit, die die Sprache nicht hört, kann nur den Wert der Information beurteilen. … Wie sollte sie, deren Gedächtnis nicht weiter reicht als ihre Verdauung, in irgendetwas hinüberlangen können, was nicht unmittelbar aufgeschlossen vor ihr liegt? … Die Organe dieser Zeit widersetzen sich der Bestimmung aller Kunst, in das Verständnis der Nachlebenden einzugehen. Es gibt keine Nachlebenden mehr, es gibt nur noch Lebende, die eine große Genugtuung darüber äußern, daß es sie gibt, daß es eine Gegenwart gibt, die sich ihre Neuigkeiten selber besorgt und keine Geheimnisse vor der Zukunft hat. Morgenblattfroh krähen sie auf dem zivilisierten Misthaufen, den zur Welt zu formen nicht mehr Sache der Kunst ist. Talent haben sie selbst …”

aus: Karl Kraus: Auswahl aus dem Werk. München: Kösel 1957, S.178-180.

08/09

31/08/2009 (23:25) Schlagworte: DE,Lesebuch ::

Versailles

“Das Verlangen der Feinde nach Auslieferung der deutschen Artillerie ist ein Wahnsinn. Logisch wäre nur das Verlangen nach Auslieferung der deutschen Weltanschauung, und dieses ist unerfüllbar.”

aus: Karl Kraus: Auswahl aus dem Werk. München: Kösel 1957, S.228

08/09

31/08/2009 (23:02) Schlagworte: DE,Lesebuch ::

Krieg 3

Krieg ist zuerst die Hoffnung, daß es einem besser gehen wird, hierauf die Erwartung, daß es dem andern schlechter gehen wird, dann die Genugtuung, daß es dem andern auch nicht besser geht, und hiernach die Überraschung, daß es beiden schlechter geht.”

aus: Karl Kraus: Auswahl aus dem Werk. München: Kösel 1957, S.228

Abb.: John Heartfield: Krieg und Leichen, die letzte Hoffnung der Reichen. Arbeiter-Illustrierte-Zeitung 1932, im Internet.

08/09

31/08/2009 (23:01) Schlagworte: DE,Lesebuch ::

Journalist

“Definition

Was ist
der Journalist?
Beim Element:
Ein unser Denken störender,
mit unsern Ohren hörender,
mit unsern Augen guckender,
uns auf die Zunge spuckender,
uns die Kopfhaut juckender,
unsre Kultur verdruckender,
sich unser Blut verschreibender,
doch uns nichts schuldig bleibender,
ja uns die Zeit vertreibender,
uns blendender und betäubender,
und unsre Felle beizender,
und unsre Hölle heizender,
unsre Nase schneuzender,
unsern Ekel reizender,
mit seinen Händen redender,
aber sonst uns ganz vertretender
Agent.”

aus: Karl Kraus: Auswahl aus dem Werk. München: Kösel 1957, S.95

08/09

29/08/2009 (22:46) Schlagworte: DE,Lesebuch ::

Psychoanalyse 1

Psychoanalyse ist jene Geisteskrankheit, für deren Therapie sie sich hält.

Psychoanalyse ist mehr eine Leidenschaft als eine Wissenschaft: weil ihr die ruhige Hand bei der Untersuchung fehlt, ja weil dieser Mangel die einzige Fähigkeit zur Psychoanalyse ausmacht. Der Psychoanalytiker liebt und haßt sein Objekt, neidet ihm Freiheit oder Kraft und führt diese auf seine eigenen Defekte zurück. (…) Psychoanalyse ist ein Racheakt, durch den die Inferiorität sich Haltung, wenn nicht Überlegenheit verschafft und die Disharmonie aufs gleiche zu kommen sucht. Arzt sein ist mehr als Patient sein und darum sucht heute jeder Flachkopf jedes Genie zu behandeln. Die Krankheit ist hier das, was dem Arzte fehlt. Wie er sich immer anstelle, er wird zur Erklärung des Genies nichts weiter vorbringen, als den Beweis, daß er es nicht hat. Da aber das Genie eine Erklärung nicht braucht und eine, die die Mittelmäßigkeit, gegen das Genie verteidigt, vom Übel ist, so bleibt der Psychoanalyse nur eine einzige Rechtfertigung ihres Daseins: sie läßt sich mit genauer Not zur Entlarvung der Psychoanalyse anwenden.

(…) Den Weg zurück ins Kinderland möchte ich nach reiflicher Überlegung doch lieber mit Jean Paul als mit S.Freud machen.”

aus: Karl Kraus: Auswahl aus dem Werk. München: Kösel, 1957, S.48

08/09

29/08/2009 (22:44) Schlagworte: DE,Lesebuch ::

Schriftstellerdasein

“Vorbereitet auf alles was man gegen den Werther vorbringen würde, fand ich so viele Widerreden keineswegs verdrießlich; aber daran hatte ich nicht gedacht, daß mir durch teilnehmende wohlwollende Seelen eine unleidliche Qual bereitet sei; denn anstatt daß mir jemand über mein Büchlein, wie es lag, etwas Verbindliches gesagt hätte, so wollten sie sämtlich ein für allemal wissen, was denn eigentlich an der Sache wahr sei; worüber ich denn sehr ärgerlich wurde, und mich meistens höchst unartig dagegen äußerte. Denn diese Frage zu beantworten, hätte ich mein Werkchen, an dem ich so lange gesonnen, um so manchen Elementen eine poetische Einheit zu geben, wieder zerrupfen und die Form zerstören müssen, wodurch ja die wahrhaften Bestandteile selbst wo nicht vernichtet, wenigstens zerstreut und verzettelt worden wären. …

Dergleichen peinliche Forschungen hoffte ich in einiger Zeit loszuwerden; allein sie begleiteten mich durchs ganze Leben. Ich suchte mich davor auf Reisen durchs Inkognito zu retten, aber auch dieses Hülfsmittel wurde mir unversehends vereitelt, und so war der Verfasser jenes Werkchens, wenn er ja etwas Unrechtes und Schädliches getan, dafür genugsam, ja übermäßig durch solche unausweichliche Zudringlichkeiten bestraft.

Auf diese Weise bedrängt, ward er nur allzusehr gewahr, daß Autoren und Publikum durch eine ungeheure Kluft getrennt sind, wovon sie, zum ihrem Glück, beiderseits keinen Begriff haben. Wie vergeblich daher alle Vorreden seien, hatte er schon längst eingesehen: denn je mehr man seine Absicht klar zu machen gedenkt, zu desto mehr Verwirrung gibt man Anlaß. … Mit einer verwandten Eigenheit der Leser, die uns besonders bei denen, welche ihr Urteil drucken lassen, ganz komisch auffällt, ward ich gleichfalls früh bekannt. Sie leben nämlich in dem Wahn, man werde, indem man etwas leistet, ihr Schuldner, und bleibe jederzeit noch weit zurück hinter dem was sie eigentlich wollten und wünschten, ob sie gleich kurz vorher, ehe sie unsere Arbeit gesehn, noch gar keinen Begriff hatten, daß so etwas vorhanden oder nur möglich sein könnte.

Alles dieses beiseite gesetzt, so war nun das größte Glück oder Unglück, daß jedermann von diesem seltsamen jungen Autor, der so unvermutet und so kühn hervorgetreten, Kenntnis gewinnen wollte. Man verlangte ihn zu sehen, zu sprechen, auch in der Ferne etwas von ihm zu vernehmen, und so hatte er einen höchst bedeutenden, bald erfreulichen, bald unerquicklichen, immer aber zerstreuenden Zudrang zu erfahren. Denn es lagen angefangene Arbeiten genug vor ihm, ja es wäre für einige Jahre hinreichend zu tun gewesen, wenn er mit hergebrachter Liebe sich daran hätte halten können; aber es war aus der Stille, der Dämmerung, der Dunkelheit, welche ganz allein die reinen Produktionen begünstigen kann, in den Lärmen des Tageslichts hervorgezogen …”

Johann Wolfgang von Goethe: Dichtung und Wahrheit, Goethes Werke in zehn Bänden, achter Band, Zürich: Artemis, 1962, S. 646-649.

07/09

02/08/2009 (14:39) Schlagworte: DE,Lesebuch ::

Bravheit

“Noch eine allgemeine Bemerkung steht hier an der rechten Stelle, daß nämlich bei dem Emporwachsen der Kinder aus den gesitteten Ständen ein sehr großer Widerspruch zum Vorschein kommt, ich meine den, daß sie von Eltern und Lehrern angemahnt und angeleitet werden, sich mäßig, verständig, ja vernünftig zu betragen, niemandem aus Mutwillen oder Übermut ein Leids zuzufügen und alle gehässigen Regungen, die sich an ihnen entwickeln möchten, zu unterdrücken; daß nun aber im Gegenteil, während die jungen Geschöpfe mit einer solchen Übung beschäftigt sind, die von andern das zu leiden haben, was an ihnen gescholten wird und höchlich verpönt ist. Dadurch kommen die armen Wesen zwischen dem Naturzustande und dem der Zivilisation gar erbärmlich in die Klemme und werden, je nachdem die Charakter sind, entweder tückisch, oder gewaltsam aufbrausend, wenn sie eine Zeitlang an sich gehalten haben.

Gewalt ist eher mit Gewalt zu vertreiben; aber ein gut gesinntes, zur Liebe und Teilnahme geneigtes Kind weiß dem Hohn und dem bösen Willen wenig entgegenzusetzen. …”

aus: Johann Wolfgang von Goethe: Dichtung und Wahrheit, Goethes Werke in zehn Bänden, achter Band, Zürich: Artemis 1962, S.78/79.

07/09

01/08/2009 (23:28) Schlagworte: DE,Lesebuch ::

Öffentlicher Raum

“Die ‘Privatisierung öffentlicher Räume’ wird schon seit einigen Jahren als deutlichstes Krisenphänomen genannt. Aber was ist damit gemeint? Bei genauerem Hinschauen zeigt sich, dass das ein äußerst schillernder Begriff ist. …

Gibt es eine Flächenbilanz, die die These von der Zunahme privater Raum-Produktion in den Städten belegt? … ist Stadtentwicklung nicht immer (schon) Aufgabe privater Akteure? …

Die Arbeitersiedlungen etwa: Erbaut von Unternehmern und bis ins Detail des alltäglichen Verhaltens ihrer Bewohner von eben diesem Unternehmen kontrolliert. … Im Ruhrgebiet ist von ‘verbotenen Städten’ die Rede. Damit werden die riesigen Werksgelände des Montankomplees angesprochen, die durch Mauern und Werksschutz von der Außenwelt abgeschirmt waren, Areale mit Straßen, Plätzen, Schienen und zahlreichen Gebäudekomplexen, deren Größe die alten historischen Kerne der Städte, an die sie sich anlehnten, oft um ein Mehrfaches übertrafen. …

Viele scheinen beim Stichwort ‘Privatisierung’ davon auszugehen, dass ehemals öffentlich nutzbare Räume privat angeeignet und reguliert würden. Eine solche Usurpation dürfte jedoch eine seltene Ausnahme sein … Die Regel ist vielmehr, dass von privaten Akteuren auf privatem Grund zusätzliche Räume produziert werden. …

Wer von ‘Privatisierung’ spricht, kann also keine mengenmäßige Reduktion nutzbarer Räume meinen. Vielmehr gibt es gute Gründe zu der Annahme, dass seit den 80er-Jahren eher eine deutliche flächenmäßige Ausweitung öffentlicher Räume in den Städten zu verzeichnen ist:

  • Die Innenentwicklung führt dazu, dass viele vormals abgeschottete Bereiche (Bahn-, Hafen-, Kasernen-, Industriegelände) wieder zugänglich wurden: Auch hier entstanden Parks, Plätze, Straßen.
  • Verkehrsberuhigung, Wohnstraßen, Erweiterungen von Fußgängerzonen etc. führten … seit den 70er-Jahren zu einem Rückgewinn öffentlichg nutzbarer (nicht nur dem Verkehr zugewiesener) Räume. …”

aus: Klaus Selle: Öffentliche Räume in der europäischen Stadt – Verfall und Ende oder Wandel und Belebung? Reden und Gegenreden. In: Walter Siebel: Die europäische Stadt, Frankfurt: Suhrkamp 2004, S.135-140

Abb.: Simon Weckert: Google Maps Hacks, 2020, im Internet.

06/09

01/08/2009 (12:35) Schlagworte: DE,Lesebuch ::

Stadt 1

Europäische Stadtgeschichte ist Emanzipationsgeschichte. … Emanzipation des Wirtschaftsbürgers, des Bourgeois, aus den geschlossenen Kreisläufen des ganzen Hauses zur offenen Organisation der Ökonomie als Marktwirtschaft, und des politischen Bürgers, des Citoyen, aus feudalistischen Herrschaftsverhältnissen zur Selbstverwaltung einer Stadtgemeinde freier Bürger. …

… die Europäische Stadt [ist] Ort einer besonderen, eben urbanen Lebensweise, die den Stadtbewohner vom Landbewohner unterscheidet. … [Sie ist gekennzeichnet durch die] Polarität von Öffentlichkeit und Privatheit … [Die Grundregel der öffentlichen Sphäre ist], Distanz zu wahren. Demgegenüber ist die Wohnung… der Ort des Privaten, wo sich die Individuen mit all ihren Eigenschaften und Rollen vertraut sind. Ihre Grundregel ist Unmittelbarkeit. …

Die Größe ihrer Bevölkerung, die Dichte ihrer Bauweise und die Mischung der sozialen Gruppen und der städtischen Funktionen, das unüberschaubare und enge Mit- und Nebeneinander von Arm und Reich, Jung und Alt, Zugezogenen und Eingesessenen, von Arbeiten, Wohnen, Vergnügen und Verkehr macht die europäische Stadt zum Ort der Kommunikation, der Arbeitsteilung, der Erfahrung von Differenz, der produktiven Auseinandersetzung mit dem Fremden und damit zum innovativen Ort im Gegensatz zur ‘Idiotie des Landlebens‘ (Marx). …

Voraussetzung für das Funktionieren kommunaler Selbstverwaltung ist die Stadt als Einheit des Alltags ihrer Bürger. Heute aber organisieren mehr und mehr Bürger ihren Alltag automobil über verschiedene Gemeinden hinweg. Man wohnt in A, arbeitet in B, kauft ein in C und fährt durch D mit dem Auto. Also sehen sich die Gemeinden Kunden gegenüber, die sehr spezifische Leistungen verlangen: von A ungestörtes Wohnen, von B einen expandierenden Arbeitsmarkt, von C genügend Parkhäuser in der Fußgängerzone und von D Schnellstraßen. …

Die Gesellschaft, die die Gestalt der traditionellen europäischen Stadt hervorgebracht hat, existiert nicht mehr. Deshalb verschwindet diese Gestalt auch im Siedlungsbrei der großen Agglomerationen. Sie wieder herstellen zu wollen, wäre der aussichtslose Versuch, die Hülle der Gesellschaft des neunzehnten Jahrhunderts ohne diese Gesellschaft bauen zu wollen. …

In dem Maße, wie die Stadt nicht mehr politisch, ökonomisch und sozial besonderer Ort ist, lößt sich auch ihre Gestalt auf. … An die Stelle der zentralen Kernstadt und eines abhängigen Suburbia tritt mehr und mehr ein regional und dezentral organisiertes, netzartiges Geflecht eigenständiger Gemeinden. …

… der Ruf nach Kreativität, den so viele Stadtplaner anheben, wenn ihnen die Rettung der europäischen Stadt am Herzen liegt, [hat] etwas vom Pfeifen im Wald. Mit einfallsreichen Plänen und verführerischen Visionen lassen sich strukturelle Entwicklungen nicht umkehren. Das gelingt nur, wenn Gegensteuerung auf Gegenkräfte setzen kann. Welche könnten das sein …? …

… die Triebkräfte der Suburbanisierung [scheinen] schwächer zu werden. Suburbanisierung ist ein Familienmodell. Sie wird wesentlich getragen von der Nachfrage junger Familien nach mehr Wohnfläche im Eigentum. Der Anteil der Zweigenerationenhaushalte an allen Haushalten geht aber zurück. … Die Lebensweisen verändern sich. Die Zahl der neuen Haushaltstypen, der Singles, der unverheiratet zusammenlebenden Paare, der Wohngemeinschaften und Alleinerziehenden wächst. Sie sind weniger am Eigenheim im Grünen interessiert. … An die Stelle des traditionellen Haushalts als Reproduktionsbasis und back-stage treten die Stadt als Versorgungsapparatur sowie das Angebot billiger und williger Haushaltsbediensteter aus den innerstädtischen Migrantenquartieren. Das Nebeneinander aufgewerteter und heruntergekommener Wohngebiete innerhalb der Stadt kann also durchaus auch funktional sein …

Indem … [historische Bausubstanz] an die abgelebten Möglichkeiten städtischen Lebens erinnert, hält sie das Wissen wach, dass auch die gegenwärtige städtische Realität nur eine von vielen Möglichkeiten städtischen Lebens darstellt. Historisch überkommene Gebäude halten Distanz zu ihren aktuellen Nutzern und Nutzungen. Damit schaffen sie Möglichkeitsräume, Spannungen zwischen verschiedenen möglichen Deutungen …”

aus: Walter Siebel: Einleitung. In ders.: Die europäische Stadt, Frankfurt (Main): Suhrkamp, 2004, S. 13, 14, 16, 23, 35, 40, 41, 44 , 45, 50

Abb.: Safwan Bashir: ohne Titel, im Internet.

06/09

01/08/2009 (11:36) Schlagworte: DE,Lesebuch ::
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