MALTE WOYDT

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Einsamkeit

“Wenn man von den Einsamen spricht, setzt man immer zuviel voraus. Man meint, die Leute wüßten, um was es sich handelt. Nein, sie wissen es nicht. Sie haben nie einen Einsamen gesehen, sie haben ihn nur gehaßt, ohne ihn zu kennen. Sie sind seine Nachbarn gewesen, die ihn aufbrauchten, und die Stimmen im Nebenzimmer, die ihn versuchten. Sie haben die Dinge aufgereizt gegen ihn, daß sie lärmten und ihn übertönten. Die Kinder verbanden sich wider ihn, da er zart und ein Kind war, und mit jedem Wachsen wuchs er gegen die Erwachsenen an. Sie spürten ihn auf in seinem Versteck wie ein jagbares Tier, und seine lange Jugend war ohne Schonzeit. Und wenn er sich nicht erschöpfen ließ und davonkam, so schrieen sie über das, was von ihm ausging, und nannten es häßlich und verdächtigten es. Und hörte er nicht darauf, so wurden sie deutlicher und aßen ihm sein Essen weg und atmeten ihm seine Luft aus und spieen in seine Armut, daß sie ihm widerwärtig würde. Sie brachten Verruf über ihn wie über einen Ansteckenden und warfen ihm Steine nach, damit der sich rascher entfernte. Und sie hatten recht in ihrem alten Instinkt: denn er war wirklich ihr Feind.

Aber dann, wenn er nicht aufsah, besannen sie sich. Sie ahnten, daß sie ihm mit alledem seinen Willen taten: daß sie ihn in seinem Alleinsein bestärkten und ihm halfen, sich abzuscheiden von ihnen für immer. Und nun schlugen sie um und wandten das Letzte, an, das Äußerste, den anderen Widerstand: den Ruhm. Und bei diesem Lärmen blickte fast jeder auf und wurde zerstreut.”

Rainer Maria Rilke: Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge. Frankfurt: 1991 (1910), S.170/171. Volltext im Internet: https://www.rilke.de/

Abb.: Joe Webb: Small Steps, im Internet.

04/10/2007 (1:19) Schlagworte: DE,Lesebuch ::

Konservativismus (deutscher)

“Konservative Positionen bleiben im Ganzen zeitgebunden und oft auch sektoral beschränkt. … Der alte deutsche Konservativismus war resignativ und relativ klar definiert. … In Deutschland haben diese Bemühungen insgesamt den Prozeß der gesamtgesellschaftlichen Modernisierung und des Ausbaus des Sozialstaats nicht aufzuhalten vermocht. Aber sie haben dessen Kosten hochgetrieben und insbesondere Privilegien, Nischen und Enklaven geschaffen, dank derer nicht nur große Teile der vormodernen Eliten relativ angenehm überleben konnten, sondern auch die mehr Besitzenden die Ansprüche der weniger Besitzenden durchweg mit überproportionalem Erfolg abwehren konnten. …

Der Sonderweg der Konservativen in Deutschland war … markiert durch deren enge Bindung an großagrarische Interessen, die konfessionelle Spaltung …, das Fehlen eines westlichen Liberal-Konservativismus, die Schwäche reformkonservativer Bestrebungen und die Abwehr des Parlamentarismus. …

Der erfolgreiche Konservativismus [Bismarcks] von oben richtete sich auch gegen die konservativen Parteien und Gruppen. … Seit der Reichsgründung hat sich der historische Ort des deutschen Konservativismus zweimal entscheidend verschoben. … An die Stelle der Geschichte als ideologischer Leitwissenschaft traten Biologie und Sozialdarwinismus.

… Eine zweite grundlegende Neuorientierung konservativen Denkens und konservativer Politik wurde nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs notwendig. … Politischer Konservativismus war seitdem auch hier kompatibel mit Wirtschaftsliberalismus. …

[Heute] finden wir vermehrt konservative Elemente und Versatzstücke in willkürlicher Auswahl und Kombination in Programm und Politik aller Parteien und Interessengruppen und weit darüber hinaus in vielen Äußerungen kollektiven Lebensgefüges, im Kulturbetrieb, in der Mode und in diversen Nostalgiewellen. … Wie in anderen hochentwickelten, hochdifferenzierten und hochorganisierten Gesellschaften stellt auch bei uns heute diese Tendenz zur Einengung der Handlungsspielräume, zur Unbeweglichkeit und zum bloßen Krisenmanagement zugunsten der Systemerhaltung einen beherrschenden Zug der gesamten Politik dar. Struktureller Konservativismus ist weitgehend zu der Basis geworden, von der aus politisches Handeln noch möglich ist. …”

Hans-Jürgen Puhle: Vom Progamm zum Versatzstück. Zehn Thesen zum deutschen Konservatismus. Kursbuch 73, 1983

08/93

02/10/2007 (19:46) Schlagworte: DE,Lesebuch ::
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