MALTE WOYDT

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Paradies

“Das Paradies der Muslime verspricht den Gläubigen, was die Wirklichkeit ihnen verweigert: grüne Auen statt der Sandwüste; schöne Huris statt unerreichbarer Frauen und Homosexualität aus Not; reiche Speisen, die sich in Luft auflösen, statt mit Ruhr oder Cholera zu drohen. Dieses Paradies folgt … einer stringenten Logik.

Das Christentum kennt zwei Paradiese, die seltsam miteinander konkurrieren. Der Garten Eden entspringt einer orientalischen Phantasie. Er ist sinnlich und wird anschaulich beschrieben: üppige Vegetation, Versöhnung mit der Natur, die Menschen sind nackt, sie arbeiten nicht. Dagegen liegt über dem himmlischen Paradies der reinen Lehre ein Bilderverbot, das die Phantasie lähmt und bloß ewige Langeweile verheißt. Die Angst vor der Hölle war in Europa immer stärker als die Lust auf eine solche Belohnung. …

Mich hat früher der Garten Eden skandalisiert. Als Kind schien es mir, als verdiene ein Paradies seinen Namen nicht, auf dem Schilder aufgestellt seien wie … ‘Äpfel essen verboten’. Heute denke ich anders darüber; denn mit dem Verbot war den Bewohnern des Gartens die Freiheit und die Zeit geschenkt – die Zeit vorher und die Zeit danach. Der Apfel war der größte Genuß, den der Garten zu bieten hatte. Er gab die Falltür, den Notausgang frei, versprach den Eros und die Intelligenz. Ohne die verbotene Frucht wäre dieser Ort ein Gefängnis gewesen. Von einem Paradies ist zu fordern, daß man es verlassen kann, wenn man genug davon hat. Das gilt auch für politische Paradiese, wie sie der Kommunismus versprach.”

aus: Hans-Magnus  Enzensberger: Tumult. Berlin: Suhrkamp 2014, S.265/266.

Abb.: Sugio: Threesome, 2018, indoartnow, im Internet.

 

05/21

11/05/2021 (2:01) Schlagworte: DE,Lesebuch ::

Achtundsechziger 2

“Zu meiner Überraschung zeigte sich, daß unser wütendes Land ganz allmählich, fast hinter unserem Rücken, immer bewohnbarer wurde. Niemand schlug mehr die Hacken zusammen, niemand machte einen Diener, Autofahrer fingen an, Fußgänger an der Kreuzung passieren zu lassen, Polizisten warfen ihre Tschakos ab, Busschaffner warteten auf alte Damen, statt ihnen vor der Nase wegzufahren.  Der Kuppelparagraph und der §175 wurden abgeschafft. Gegen den hinhaltenden Widerstand des Obrigkeitsstaates setzten sich lässige Verkehrsformen durch. Es geschahen Zeichen und Wunder in Deutschland. Man konnte den Eindruck haben, als wäre die Republik auf dem Weg zur Zivilisation. …

Die Systemopposition ist … zum bloßen Relais der Modernisierung geworden. Sie hat den Lernprozeß der kapitalistischen Gesellschaft entschiedener vorangetrieben als ihre Verteidiger …”

aus: Hans-Magnus  Enzensberger: Tumult. Berlin: Suhrkamp 2014, S.243 und 269

05/21

11/05/2021 (1:46) Schlagworte: DE,Lesebuch ::

Ausländer

“ausländer – der begriff ist heute etwas verpönt aber ich hab ihn gern.
fragt mich wer ob ich deutsche sei sage ich:
gott nee, ich bin ausländerin.
auf weitere nachfrage dann: afrikanerin.
das gerne weil es leute oft richtig stört (“echt afrika? sieht man gar
nicht so bei dir. dachte
brasilien/kuba/philippinen”). + es stimmt schon nur noch so halb,
auch in äthiopien bleibe ich
ausländerin.

ein freies weites wort.
ich will wohnen wo die ausländer*innen sind, essen mit den
ausländern,
ausländisch lieben, denken + wichtig: trauern – das machen sie hier
einfach nicht.
ich träume also davon dass wenn ich einmal sterbe alle zu
ausländer*innen geworden sind, jede für sich.

in den menschen liegt ein ausland. + wer weiß.
vielleicht grenzen wir mal aneinander”

aus: Elisa Aseva: 4.7.2019, 19:52 Uhr, Randnotizen, 54stories, im Internet

Abb.: Vlassis Caniaris: Hopscotch, 1974, Detailansicht, EMST Athen.

04/21

11/04/2021 (15:16) Schlagworte: DE,Lesebuch ::

Meinungsmüde

Ich bin meinungsmüde. Jetzt ist es raus. Es gibt keinen Grund, mich dafür zu entschuldigen. Ich bin rechtschaffen meinungsmüde. Wenn die Leute sich schon wegen einer Straßenbahn (ja oder nein?) die Freundschaft kündigen, dann stimmt etwas nicht. Fundamental. …

Müde bin ich der Meinungen anderer Leute, die mir unablässig unter die Nase gehalten werden, auf dass ich sie annehme oder verwerfe. …

Müde bin ich auch der Zumutung, mir fortwährend eigene Meinungen bilden zu müssen. …

Meinungen dulden keine Meinungen mehr neben sich. Zugleich werden unsere Meinungen bei jeder Gelegenheit abgemolken. Essen, Urlaub, Sex, Literatur. Jede Frage ist eine Gretchenfrage. Es ist inzwischen fast unmöglich, zu einem beliebigen Sachverhalt keine Meinung aus dem Ärmel zu schütteln – die dann wiederum einer kritischen Bewertung unterzogen, beurteilt oder verurteilt wird.

Wer einen Grund für gesellschaftliche Spaltungen oder Zersplitterungen sucht, der könnte hier fündig werden. In Gullivers Reisen entzündet sich der Krieg zwischen Liliput und Blefuscu an der Frage, ob das Ei am spitzen oder stumpfen Ende aufzuschlagen sei. Allzu weit sind wir von dieser Satire nicht entfernt.

Heute ist es nicht die Zudringlichkeit der Welt an sich, die uns unter Stress setzt. Es ist der allseitige Zwang, rund um die Uhr, sich eine Meinung zu ihr zu bilden. …

[Die] spielerische Gelassenheit … [ist] verloren gegangen … Heute herrscht von links wie rechts ein übergriffiges Bescheidwissertum, ein resolutes ‘Ich meine, du auch meine – sonst blocke ich dich, entfreunde dich, schneide dir mit einem Küchenmesser die Kehle durch!’

Das ermüdet. …

Wer aber eine Haltung hat, der braucht im Prinzip überhaupt keine Meinungen. Er hat eine Haltung zur Welt, der er nicht fortwährend durch das Freilassen von Kampfhähnen beizukommen versuchen muss. Wer eine Haltung hat, ist durch abweichende Meinungen nicht zu kränken oder zu reizen. Ich meine, du deine.

Es könnte sogar sein, dass eine gut begründete Meinung ihn überzeugt. Was eine echte Haltung ist, das wäre dadurch nicht zu erschüttern.

Und manchmal ist es angebracht, eine Runde zu schlafen. Guten Gewissens. Unserer Gesundheit, aber auch jener der Gesellschaft zuliebe. … Meinungsfreiheit beinhaltet auch die Freiheit, einfach mal keine Meinung zu vertreten oder, umgekehrt, unerhebliche Meinungen … gar nicht erst zur Kenntnis zu nehmen. Hin und wieder haben wir Wichtigeres zu tun.”

aus: Arno Frank: Ich bin so meinungsmüde, taz futurzei, 08.12.20, im Internet.

Abb.: Nazjil Layin: Untitled, 2012, indoartnow, im Internet.

01/21

31/01/2021 (12:59) Schlagworte: DE,Lesebuch ::

Vertrauenswürdigkeit

(Adrian Piper, «The Probable Trust Registry: The Rules of the Game #1–3» (2013). E. Frossard/Adrian Piper Research Archive Foundation Berlin)

Das Werk besteht aus drei schiefer­grauen Wänden, vor denen goldene Rezeptions­theken platziert sind und auf denen jeweils ein Satz in goldenen Lettern steht: «Ich werde immer zu teuer sein, um gekauft zu werden», «Ich werde immer meinen, was ich sage» und «Ich werde immer das tun, was ich sage» («The Probable Trust Registry: The Rules of the Game #1–3», 2013).

Die Besucher können an diesen drei Rezeptionen einen Vertrag unterschreiben, in dem sie sich verpflichten, sich an eines, zwei oder alle drei dieser Versprechen zu halten. Nach dem Ende der Ausstellung erhält jeder Unterzeichnende eine Liste aller anderen Unter­zeichner, allerdings ohne Kontakt­informationen, die nur mit Einverständnis der anderen Partei heraus­gegeben werden.

aus: Adrian Piper, zitiert durch Jörg Heiser: Eine hässliche Geschichte aus dem liberalen Amerika, Republik (Zürich) 15.02.2020, im Internet

01/21

28/01/2021 (15:17) Schlagworte: DE,Lesebuch ::

Aufrichtigkeit 1

“Ich habe unzählige Kollegen und ehemalige Freunde beschämt, in Verlegenheit gebracht oder vor den Kopf gestossen, […] weil ich voraussetzte, dass ich ihrem Wort – wie einst dem meiner Eltern – trauen konnte. Ich brauchte Jahrzehnte, bis ich kapierte, was das Problem war: Da ich in einem Umfeld aufgewachsen war, in dem die Menschen meinten, was sie sagten, fehlte mir die Fähigkeit, zwischen aufrichtigen Äusserungen und lediglich höflichen oder diplomatischen Floskeln zu unterscheiden.”

aus: Adrian Piper, zitiert durch Jörg Heiser: Eine hässliche Geschichte aus dem liberalen Amerika, Republik (Zürich) 15.02.2020, im Internet

01/21

28/01/2021 (14:58) Schlagworte: DE,Lesebuch ::

Verschwörungstheorien

“… Wenig überraschend gibt es daher sogar eine Verschwörungstheorie über den Ursprung des Wortes ‘Verschwörungstheorie’. Der Begriff stammt ursprünglich aus dem 19. Jahrhundert. In seiner modernen Bedeutung wird er erstmals kurz nach dem Zweiten Weltkrieg von Karl Popper in ‘Die offene Gesellschaft und ihre Feinde’ verwendet. Die Verschwörungstheoretiker*innen aber behaupten, dass der Begriff in den Sechzigerjahren von der CIA erfunden wurde, um Kritiker an der offiziellen Version des Kennedy-Attentats mundtot zu machen. …

Vor allem aber erfasst ‘Verschwörungstheorie’ am besten, wie diese Gedankengebäude funktionieren. Verschwörungstheorien haben mit Alltags- oder wissenschaftlichen Theorien auf einer formalen Ebene viel gemeinsam, wie der Philosoph Karl Hepfer in seinem lesenswerten Buch zum Thema zeigt. Wie andere Theorien auch versuchen Verschwörungstheorien, auf der Grundlage miteinander verknüpfter Annahmen (die Analytische Philosophie spricht hier von ‘Sätzen’) Erkenntnisse über die Welt zu gewinnen. Verschwörungstheorien nehmen an, dass nichts durch Zufall geschieht, nichts ist, wie es scheint, und alles miteinander verbunden ist. Dass Erkenntnisse, die auf Grundlage dieser Annahmen generiert werden, in der Regel falsch sind (es gibt halt den Zufall!) ändert nichts am Theoriestatus.

Immer wieder wird behauptet, dass Verschwörungstheorien anders als wissenschaftliche Theorien nicht falsifiziert werden können. Auch das stimmt nicht. Im Internet gibt es mittlerweile viele sehr gute Debunking-Seiten, die verschwörungstheoretische Behauptungen widerlegen. Das Problem ist nur, dass überzeugte Verschwörungstheoretiker*innen die Falsifikation nicht akzeptieren. Aber selbst das gibt es auch in der Wissenschaft und im Alltag. Ein marxistisch argumentierender Wirtschaftswissenschaftler wird zum Beispiel niemals akzeptieren, dass eine neoliberale Kollegin ihn und seine Prämissen widerlegt hat. Er wird darauf bestehen, dass sie von falschen Voraussetzungen ausgeht und verkennt, wie die Dinge wirklich sind. …

Der Begriff ‘Verschwörungstheorie’ erfasst das Phänomen, um das es geht, also sehr gut – und deutlich besser als alle vorgeschlagenen Alternativen, die zum Oberbegriff nicht taugen …

Der Begriff ‘Verschwörungstheorie’ hat also zwei große Vorteile. Erstens eignet er sich als Oberbegriff, weil er alle konspirationistischen Phänomene erfasst – 280 Seiten lange Verschwörungserzählungen ebenso wie in 280 Zeichen artikulierte Verschwörungsgerüchte und jahrhundertealte Verschwörungsmythen ebenso wie ganz neue Verdächtigungen. Zweitens betont er trotz aller Stigmatisierung, die auch ihm inhärent ist, dass es Verschwörungstheoretiker*innen wie Nichtverschwörungstheoretiker*innen darum geht, die Welt zu verstehen. Während immer nur ‘die Anderen’ Ideologien haben und Erzählungen glauben, erkennt ‘Verschwörungstheorie’ an, dass wir alle Theorien über die Welt entwickeln. Dass die Theorien der einen die Welt treffend erklären, die der anderen nicht, bleibt davon unberührt.”

aus: Michael Butter: Verschwörungstheorien: Nennt sie beim Namen!, Zeit Online, 28.12.20, im Internet

Abb.: Erik Pauhrizi: Conspiracy Theories, 2014, indoartnow, im Internet.

12/20

28/12/2020 (19:56) Schlagworte: DE,Lesebuch ::

Stadt 3

“… für ein städtisches Publikum, das heißt für Menschen, die auch Ironie verstehen. Das kennt ja jeder Autor, der auch in der Provinz reist, und in den großen Städten reist, oder auch in Ostdeutschland reist oder auch in Westdeutschland reist – man kann das Publikum danach unterscheiden, ob es sich getraut zu lachen oder nicht.”

In großen Städten ist der Lachmut größer?

“Ja, die Bereitschaft, Ironie zu verstehen oder heitere Impulse zu übersetzen, ist sehr viel deutlicher, während man in anderen Gegenden mehr Einschüchterung durch Bildung beobachtet, und solche Menschen halten sich mit Äußerungen, aber auch mit Zustimmungsäußerungen lieber zurück.”

aus: Abrechnung mit den »Querdenkern«, Peter Sloterdijk bei Spitzentitel, Interview mit Volker Weidermann, Spiegel Online, 26.11.20, im Internet

11/20

27/11/2020 (11:56) Schlagworte: DE,Lesebuch ::

Linkspopulismus

“Eine naheliegende Antwort auf den globalen Aufstieg des Rechts– schien der Linkspopulismus zu sein. Die Erfolge von Trump, Le Pen und AfD waren ja nur möglich wegen der Anpassung von Clinton, Schröder und der französischen Sozialisten an den Neoliberalismus. Die früheren Arbeiterparteien haben sich im digitalen Kapitalismus gespalten – in Bildungsaufsteiger, die zur liberalen, urbanen Elite zählen, und eine Klientel, die sich sozial oder kulturell abgehängt fühlt.

Der Linkspopulismus verknüpft robuste soziale Umverteilung mit Elitenskepsis und einer mehr oder wenig starken Dosis Nationalismus. So soll die Wut der Abgehängten in die richtigen Bahnen gelenkt werden. Der Faschismus, schrieb Walter Benjamin, hat den Massen ‘zu ihrem Ausdruck, aber beileibe nicht zu ihrem Recht‘ verholfen. Der Linkspopulismus soll dem Groll der Abgehängten auf die Eliten zum Ausdruck – und den Bürgern zu ihren sozialen Rechten verhelfen.

Das klingt gut, es hat aber nicht funktioniert. Bernie Sanders und Jeremy Corbyn sind gescheitert. … Sanders Ausstrahlung war zu sehr auf das Milieu junger AkademikerInnen beschränkt, Corbyn unfähig, eine Antwort auf das Brexit-Dilemma zu geben. …

Der Linkspopulismus ist für hochindividualisierte Gesellschaften offenbar unterkomplex und unbrauchbar, ausreichend große Bündnisse zwischen den Milieus zu schmieden. Die Fixierung auf die Abgehängten ist zu eng. … Zudem bildet nicht die Unterschicht, sondern die bedrohte Mittelschicht die Fußtruppe des Rechtspopulismus …”

aus: Stefan Reinecke: USA nach den Wahlen: Trump geht, die Wut bleibt, taz online 10.11.20, im Internet.

11/20

10/11/2020 (10:58) Schlagworte: DE,Lesebuch ::

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“Es endete mit einem Coupversuch. … Donald Trump tat, was er Biden vorwirft: Er versuchte, die Wahl zu ‘stehlen’. Es ist ihm nicht gelungen. Die Wahlhelfer machten stoisch weiter …

Die Tage seit der Wahl am Dienstag waren wie eine Miniaturausgabe der vergangenen vier Jahre… : Geprägt von Lügen, Rechenschaftsverweigerung, Realitätsleugnung, Proto-Autoritarismus und Herrscherkult, Komplizenschaft. … Donald Trump ist ein Populist mit autoritären Zügen. Er glaubt an die Herrschaft der Masse durch seine Person. …

Natürlich, Trump schickt nicht das Militär auf die Straße, er lässt seine Gegner nicht von Geheimdiensten ermorden. Aber er verfolgte doch klar das Ziel einer illegitimen Machtergreifung. Die Verfassung kennt dafür keinen Abwehrmechanismus.

Drei Gründe, warum Trumps Coupversuch gescheitert ist

[1] Der erste ist Trumps Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom. Trumps Agieren ist stets auf den Moment gerichtet. … auch er selbst ist ein Gefangener des Jetzt. Trumps Populismus ist eine Momentokratie. Er beherrschte jeweils nur den Augenblick. Er entschied stets ad-hoc. …

Trump konnte drei Richterstellen am Supreme Court neu besetzen … – und wählte Richter vom äußersten rechten Rand des Spektrums, in der Hoffnung, dass sie seine Politik unterstützen würden. Doch das Oberste Gericht folgte ihm nicht und bestätigte etwa für North Carolina die Legitimität spät ankommender Briefwahlstimmen. … Das mag am Ethos und an der Präzedenztreue der Richterinnen und Richter liegen.

Es mag aber auch daran liegen, dass Trump zwar die Regeln der Richterbesetzung für seine Pläne ausnutzte, die Regeln selbst aber intakt ließ. Das unterscheidet Amerika von Polen, wo die Justiz mittlerweile im Wesentlichen der Exekutive unterstellt ist …

Auch die Medien hat Trump, anders als in Ungarn, nicht „umgebaut“. Das Medien-Universum von Rupert Murdoch, zum dem Fox gehört, folgte ihm freiwillig, … Der plötzliche Strategiewandel von Murdoch-Marken in den vergangenen Tagen zeigt: Es geht auch rückwärts, wenn die Bedürfnisse des Marktes sich ändern. …

[2] Der zweite Grund für das Scheitern des Trump-Coups ist sein Narzissmus.
Donald Trump verfolgt kein langfristiges ideologisches Ziel. Er will keinen Staatsumbau, er will an der Macht bleiben. Nicht, für eine Idee von irgendetwas, sondern nur für sich selbst. Trump ist zuerst Narzisst und dann Populist.

Er liebte den autoritären Gestus, er liebte es, Menschen zu ängstigen und zu bedrohen. Er versuchte, eine Art Herrscherkult aufzubauen. … Vom russischen Präsidenten fühlte er sich angezogen, ebenso wie von Xi Jinping. Aber nicht, weil er ihre Vorstellung teilte, sondern weil er sie um ihren Auftritt beneidete. Trump mochte den autoritären Stil, aber das blieb oberflächlich. Ihm fehlte die Konsequenz zu Schlimmerem.

[3] Drittens ist Trump an der aufrechten Haltung, der demokratischen Gesinnung und der Vernunft der Amerikaner gescheitert, die ihn nicht gewählt haben. Er ist gescheitert an der Ruhe und Professionalität der Wahlbehörden in den Bundesstaaten, dem Engagement der viele Helfer. Und schließlich auch an seiner Partei. … Trumps Partei ist voller Opportunisten – Putschisten sind sie nicht.

Donald Trump konnte den Weg vom Populisten zum proto-autoritären Herrscher nicht zu Ende gehen. Weil er nicht wirklich wollte, und weil er nicht konnte. Aber vor allem, weil die Amerikaner sich ihm in den Weg gestellt haben.”

aus: Anna Sauerbrey: Warum Trumps Coupversuch gescheitert ist, Tagesspiegel Online, 08.11.2020, im Internet. Foto: Guardian, im Internet.

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08/11/2020 (2:09) Schlagworte: DE,Lesebuch ::
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