MALTE WOYDT

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Populismus 3

“Populismus … kann häufig als demokratisch, gar radikaldemokratisch erscheinen. er kann bisweilen auch positive Effekte für die Demokratie zeitigen. Entscheidend ist jedoch, dass Populismus an sich nicht demokratisch, ja der Tendenz nach zweifelsohne antidemokratisch ist. …

Populisten behaupten ‘Wir sind das Volk!’ Sie meinen jedoch –  und dies ist stets eine moralische, keine empirische Aussage (und dabei gleichzeitig eine politische Kampfansage): ‘Wir – und nur wir – repräsentieren das Volk.’ … Wer sich ihnen entgegenstellt … gehört automatisch nicht zum wahren Volk. …

Mein Vorschlag wäre, erst einmal landläufige, aber letztlich irreführende Kriterien zur Bestimmung von Populismus aus dem Weg zu räumen. …

(1) ‘Anti-Establishment-Attitüde‘ greift zu kurz. Zum Anti-Elitären muss noch das Anti-Pluralistische hinzukommen. …

(2) Wer auf der Grundlage moralischer Absolutheitsansprüche agiert, sich jedoch nicht über das Kollektivsubjekt Volk legitimiert, ist ebenfalls kein Populist – man denke an islamistische Terroristen … [die] das Volk gerade nicht als … ‘moralisch rein’, sondern als seinerseits korrumpiert und erweckungs- oder gar erlösungsbedürftig [sehen]. …

(3) Die Unterscheidung zwischen Populismus und Demokratie [deckt] sich [auch] nicht mit der zwischen Extremismus und einer wie auch immer definierten liberalen Mitte …: Vor allem in Mittel- und Osteuropa haben politische Unternehmer mit relativ moderaten politischen Positionen manchmal gleichzeitig einen Alleinvertretungsanspruch angemeldet und alle politischen Mitbewerber als illegitim abqualifiziert. …

(4) Ja man kann sogar mit liberalen Werten wie Freiheit und Toleranz populistische Politik betreiben – bestes Beispiel ist hier Geert Wilders, der diese Werte [allerdings] allein benutzt, von oben herab zu dekretieren, wer zum wahren niederländischen Volk gehört und wer nicht. …

[5] Vor allem liberale Beobachter machen es sich zu einfach, wenn sie Populismus anhand scheinbar eindeutiger soziologischer Kriterien dingfest machen wollen. …

[6] Und dann stellt sich noch ein weiterer Gedanke fast automatisch ein: Bei populistischen Politikern handele es sich stets um große Vereinfacher, … der Populismus sein einfach, so Ralf Dahrendorf enmal, die Demokratie jedoch komplex. Diese Diagnose ist freilich selbst nicht sonderlich komplex …

Eine besondere Versuchung besteht darin, die politische Herausforderung durch vermeintliche Populisten sofort als eine Art kollektiven Therapiefall zu behandeln. Natürlich müsse man die Ängste ‘der Leute’ ernst nehmen – was sagen, wird dann aber immer nur als Symptom irgendwelcher Sozialpathologien interpretiert, nicht als eventuell doch bedenkenswerte Systemkritik. Wer genau hinhört, hört hier vielleicht noch ein Echo alter, vordemokratischer Vorurteile über die ‘Pöbelherrschaft’ oder emotionalisierte Massen, die zum Selbstdenken grundsätzlich nicht in der Lage sind. Dieser vermeintlich fürsorgliche, de facto aber vor allem herablassende Gestus liberaler Eliten wird echten Populisten in Wahrheit nur weiteren Zulauf verschaffen. …

Wähler[n] populistischer Parteien … muss es … gar nicht sonderlich schlecht gehen, man muss persönlich gar nicht von Angstanfällen geplagt werden – entscheidend ist vielmehr die Einschätzung, mit dem Land als Ganzem gehe es bergab, die Eliten kümmerten sich nicht oder seien inkompetent …: Eliten machten eine ungerechte Politik, die Zukunft der Kinder werde verspielt, internationale Organisationen hätten zu viel Einfluss … ‘Wir wollen unser Land zurück!’ …

Populismus … ist eine ganz bestimmte Politikvorstellung, laut der einem moralisch reinen, homogenen Volk stets unmoralische, korrupte und parasitäre Eliten gegenüberstehen … [die] eigentlich gar nicht zum Volk gehören. … [Beispiel: Wahre Finnen] …

Insbesondere in der Vorstellungswelt von Rechtspopulisten gehen die Eliten zudem eine unheilige Allianz mit parasitären Unterschichten ein, die ebenso nicht dem wahren Volk zuzurechnen sind. … In Osteuropa … [werden] die Roma angeblich primär von postkommunistischen, proeuropäischen Eliten unterstützt … [Beispiel: Jobbik] …

Populisten interessieren sich gar nicht für die Partizipation der Bürger an sich … [Beispiel: Blocher] … es [geht] um die symbolische Repräsentation des ‘wahren Volkes’ (das man gar nicht mehr direkt befragen muss) … – mehr Volksgeist als volonté générale. … Ein Populist, der eine Wahl verliert, … trifft eine für die Demokratie fatale Unterscheidung zwischen einem empirischen und einem moralischen Wahlergebnis. … [Beispiel: Orbán] … Der Sieg der ‘Volksverräter’ war eigentlich nur empirisch möglich, und die Empirie rangiert in der Vorstellungswelt der Populisten immer hinter der Moral. … [Beispiel: López Obrador] …

Es mag nun scheinen, als lebten Populisten allesamt in einer Art politischen Fantasiewelt – ein Gedanke, der auch zu der weitverbreiteten Meinung passt, Populisten seien grundsätzlich unfähig zu regieren …, Populisten würden unweigerlich ‘entzaubert’, sobald sie in der Verantwortung stünden … So oder so löse sich das Problem von alleine.

Auch mit dieser Diagnose machen es sich liberale Demokraten zu einfach – und wiegen sich in einer politischen Sicherheit, die es so nicht gibt. Zum einen ist es sehr wohl möglich, an der Macht zu sein und gleichzeitig Eliten zu kritisieren – nämlich die alten … [Beipiele: Chávez, Erdoğan, Kaczyński] … Mehrheiten können sich wie verfolgte Minderheiten verhalten … Die Krise wird zum Dauerzustand stilisiert, Politik findet nur noch im Modus des permanenten Belagerungszustandes statt. … [Beispiele: Chávez, Correa, Morales] … Populisten [wenden] ganz besondere Herrschaftstechniken an: … Vereinnahmung des gesamten Staates; Loyalitätsbeschaffung durch Massenklientelismus; Unterdrückung der Zivilgesellschaft und … der Medien. … Das Spezielle an Populisten ist …, dass alle diese Maßnahmen … ganz offen und im Namen scheinbar demokratischer Ideale umgesetzt werden können. … Sie sind ja ihrem Selbstbild nach die einzigen legitimen Vetreter des Volkes – und warum sollte das Volk seinen Staat nicht in Besitz nehmen … ?

Daraus folgt auch, dass Enthüllungen über Klientelismus und Korruption den Populisten nicht automatisch schaden. Aus Sicht ihrer Unterstützer haben die Populisten ja alles für sie getan. … [Beispiele: Haider, Bossi] …

In populistischen Regimen ist jeder Versuch, den Alleinvertretungsanspruch der Populisten infrage zu stellen, für diese eine enorme Gefahr. Man denke etwa an den ‘Stehenden Mann’ auf dem Taksim-Platz in Istanbul … der … das Demonstrationsverbot [umging], denn er stand ja einfach nur alleine da und sagte nichts (wobei es ihm später viele andere gleichtaten und stundenlang auf dem Platz ausharrten …). … Still zu stehen reichte aus, um den populistischen Alleinvertretungsanspruch zu erschüttern und in einer populistischen Regierung so etwas wie Panik auszulösen. … Wer Populisten effektiv herausfordern will, muss diese moralische Dimension des populistischen Weltbildes verstehen und ernst nehmen. Liberale Demokraten geben sich einer Illusion hin, wenn sie glauben, man müsse nur ganz rational argumentieren …

Populisten … [müssen] … das wahre Volk aus der empirischen Gesamtheit der Bevölkerung … herauspräparieren und dekretieren … ‘Ihr gehört eigentlich gar nicht dazu’. Das darf und muss man kritisieren … Nur welches stichhaltige normative Argument können Demokraten hier eigentlich ins Feld führen … Man sollte rundheraus zugeben, das es eine weithin akzeptierte dezidiert demokratische Theorie zur Bestimmung des Demos (und auch zur territorialen Aufteilung der Erde) derzeit schlicht nicht gibt … Fragen der Zugehörigkeit und nach der Definition des Demos [sind] immer wieder neu auszuhandeln. …

Solange wir in repräsentativen Demokratien leben, wird es Populismus geben. Repräsentation ist kein an sich demokratisches Prinzip. … Es ist schlicht nicht möglich, die Konfliktlinien innerhalb einer Gesellschaft objektiv richtig abzubilden, aber ein halbwegs intakter politischer Prozess ermöglicht es, gesellschaftlichen Pluralismus in das politische System zu übersetzen. … Auch wenn die Erwartungen, so etwas wie kollektive Autonomie herstellen zu können, immer wieder weitgehend enttäuscht werden, ist unsere repräsentative Demokratie auch nicht nichts. … Vor allem sollte man das Feld nicht Populisten überlassen, die so tun, als könnten sie das ursprüngliche Versprechen der Demokratie auf kollektive Autonomie einlösen. Sie können es nicht.”

aus: Jan-Werner Müller: Was ist Populismus? Frankfurt/Main: Suhrkamp 2016, S.14, 18, 19, 26, 27, 29, 30, 31, 34, 42, 43, 44, 47, 48, 63, 64, 67, 68, 69, 70, 71, 89, 90, 92, 93, 94, 134, 135.

12/16

06/12/2016 (22:10) Schlagworte: DE,Lesebuch ::

Regeln

“In Deutschland stehen Regeln für Gerechtigkeit, Ordnung und Ehrlichkeit. In Frankreich stehen Regeln für Einschränkung und Unfreiheit. Im europäischen Kontext führt dies zu gegenseitigem Argwohn. Paris bittet häufig um Flexibilität (zum Beispiel um das Schuldenlimit zu überschreiten); in Berlin erfährt man das als Opportunismus. Umgekehrt werden die Deutschen, die selbst finden, dass sie die Regeln streng, aber ehrlich anwenden, der Rigidität und des Starrsinns beschuldigt.

Das Gegenstück zu den Regeln sind die Ereignisse. In Frankreich ist ein Ereignis, auch ein dramatisches, ein Zeichen von Leben und Erneuerung. Für einen französischen politischen Führer à la Sarkozy bietet eine Krise die Gelegenheit, zu zeigen, was er kann; die Presse macht daraus einen Moment der Gemeinschaftlichkeit, eine Seite im ‘Roman der Nation‘. In Deutschland hingegen stehen Ereignisse für eine Unterminierung der Ordnung, für Destabilisierung und Gefahr. Eine Krise löst dort leicht Panik aus. … Die deutsche Öffentlichkeit schätzt Regierungschefs, die Schocks absorbieren und, wie Merkel, ‘auf Sicht fahren’.

Die schwierigste Aufgabe, vor der Deutschland in einer Union steht, die auch weiterhin mit großen Herausforderungen zu kämpfen haben wird, ist also die folgende: Das Land, das sich selbst und seine Partner am liebsten mit Regeln fesselt, wird in der Ereignispolitik vorangehen müssen. Während Paris, das stets davon träumte, Europa voranzutreiben, vorerst ausfällt.”

aus: Luuk van Middelaar: Europas neue Kraft. Schneller, deutscher und nicht mehr so kleinlich – wie die Krisen die Europäische Union verändern, ZEIT online, 3.11.16 [im Internet].

Abb.: Yinka Shonibare: Feeling Free Like a Bird, 2023, Detail, im Internet.

11/16

07/11/2016 (1:38) Schlagworte: DE,Lesebuch ::

Offene Gesellschaft

“Der Hauptvorwurf der Feinde der offenen Gesellschaft an die säkularen Verfassungsstaaten und ihr Ideal der Freiheit und Toleranz ist das der Beliebigkeit und Leere.

Für sie sind individuelle Rechte keine Errungenschaften, sondern zerstörerische, gefährliche Risse im Kollektiv, die den Blick freilegen auf eine unübersichtliche Welt, verwirrend und im Wandel, eine Weite, in der jeder allein ist, hoffnungslos und klein, abgeschnitten von Gemeinschaft und Geschichte.

Sie irren sich. Was sie übersehen, ist die Tatsache, dass die Anhänger der offenen Gesellschaft durchaus nicht an nichts glauben. Im Gegenteil. …

Wir glauben an das Leben. Wir glauben an die Vernunft als seine Entsprechung in unserem Denken. Wir glauben, dass wir mit ihr die Kluft zwischen unseren Gehirnen überbrücken können. Und irgendwann dann auch die zwischen unseren Herzen.

Wir wissen, dass ihr das für naiv haltet. Für träumerisch und kindisch und weltfremd. Aber wir beweisen euch das Gegenteil, jeden Tag.

Weil ihr in unserer Gesellschaft die gleichen Rechte habt wie wir.

Und egal, was ihr tut, oder woran ihr glaubt: Indem wir die offene Gesellschaft verteidigen, kämpfen wir immer auch für euch.”

aus: Heinz Helle: An die Ungläubigen. Zeit-Online 28.9.16 [im Internet]

Abb.: Chittaprosad India Peace, im Internet.

09/16

28/09/2016 (23:54) Schlagworte: DE,Lesebuch ::

Steckdosen

“Jahrelang wurde sie schlichtweg übersehen. In Cafés, Bibliotheken, Rathäusern oder Universitätsfluren waren sie wohl nur deshalb da, damit ab und zu jemand einen Staubsauger betreiben konnte. Heute sind diese Steckdosen so etwas wie öffentliche Brunnen geworden, an denen der Durstige Rast macht. Er setzt sich oft gleich neben die Steckdose auf den Fußboden. Sie ist ja meist nah am Boden angebracht, einen Stuhl gibt es nicht neben dieser Steckdose, weil sie nie für diesen Zweck vorgesehen war, und das Kabel ist gewöhnlich kurz. Man begibt sich also, “steckdosensüchtig” (wie es die Zeitschrift Neon kürzlich nannte), in den Schneidersitz. So kann man das Telefon während des Ladevorgangs auch gleich benutzen, denn alleine lassen will man sein iPhone in der Bibliothek auf keinen Fall. Die kauernde Haltung auf dem Fußboden, sie passt zu der Situation, in der der akkuleere Mensch sich befindet: eben noch in Not, nun gerade gerettet.”

aus: Matthias Stolz: Gib mir Saft! Zeit-Online, 28.9.16 [im Internet]

Abb.: Jon Rafman: Installation, K21 Düsseldorf, 2026.

09/16

28/09/2016 (23:14) Schlagworte: DE,Lesebuch ::

Vernunftwesen 2

“Die menschliche Ohnmacht im Mäßigen und Einschränken der Affekte nenne ich Unfreiheit. Denn der den Affekten unterworfene Mensch steht nicht unter seinen eigenen Gesetzen, sondern unter denen des Schicksals, dessen Macht er dermaßen unterworfen ist, daß er oft gezwungen ist, dem Schlimmeren zu folgen, obgleich er das Bessere sieht. …

Unter gut werde ich … im folgenden das verstehen, wovon wir gewiß wissen, daß es ein Mittel ist, uns dem Muster der menschlichen Natur, das wir uns aufstellen, mehr und mehr zu nähern. Unter schlecht dagegen das, wovon wir gewiß wissen, daß es uns hindert, diesem Muster ähnlich zu sein. Ferner werde ich die Menschen vollkommener oder unvollkommener nennen, sofern sie sich diesem Exemplar mehr oder weniger nähern. …

Die Menschen [lassen sich] mehr von ihrer Meinung als von der wahren Vernunft … bewegen … weshalb die wahre Erkenntnis des Guten und Schlechten in der Seele Aufregungen verursacht und häufig Lüsten aller Art den Platz räumt …

[Was ist es denn,] das uns die Vernunft vorschreibt …?

… Da die Vernunft nichts verlangt, was der Natur widerstrebt, so verlangt sie folglich selbst, daß jeder sich selbst liebe, seinen Nutzen, d.h., was ihm wahrhaft nützlich ist, suche und alles, was den Menschen wahrhaft zu größerer Vollkommenheit führt, begehre; überhaupt, daß jedermann sein Sein, so gut er kann, zu erhalten strebe. …

Wir [können] es niemals dahin bringen …, für die Erhaltung unseres Seins keiner Außendinge zu bedürfen und ohne allen Verkehr mit der Außenwelt zu leben. Ziehen wir überdies unsern Geist in Betracht, so wäre sicherlich unser Verstand weniger vollkommen, wenn der Geist von außen abgesondert wäre und außer sich selbst nichts erkennen würde. – Es gibt also vieles außer uns, was uns nützlich und daher erstrebenswert ist. Unter diesen Dingen wiederum ist das denkbar Vorzüglichste das, was ganz und gar mit unserer Natur übereinstimmt. …

Es ist daher dem Menschen nichts nützlicher als der Mensch. Nichts Vorzüglicheres, sage ich, können sich die Menschen zur Erhaltung ihres Seins wünschen, als daß alle … für sich suchen, was allen gemeinschaftlich nützlich ist.

Hieraus folgt, daß Menschen, die sich von der Vernunft regieren lassen, d.h. Menschen, die nach der Leitung der Vernunft ihren Nutzen suchen, nichts für sich verlangen, was sie nicht auch für andere Menschen begehren, und also, daß sie gerecht, treu und ehrenhaft sind.

Lebten nun die Menschen nach der Leitung der Vernunft, so würde jeder … sein Recht behaupten ohne irgendeinen Schaden eines andern. Weil sie aber den Affekten unterworfen sind …, welche das menschliche Vermögen oder die menschliche Tugend weit überragen …, so werden sie oft nach verschiedenen Richtungen getrieben … und stehen sich einander feindselig gegenüber …, während sie doch zu wechselseitiger Hilfe einander bedürfen. …

Damit also die Menschen in Eintracht leben und hilfreich gegeneinander sein können, ist es notwendig, daß sie ihr natürliches Recht aufgeben und einander Sicherheit gewähren, daß keiner etwas tun werde, was einem andern zum Schaden gereichen kann. …

Ein Affekt [kann] nicht anders eingeschränkt werden … als durch einen anderen stärkeren und dem ersten entgegengesetzten Affekt … Durch dieses Gesetz nun kann ein Verein gegründet werden, indem der Verein sich das Recht aneignet, … über Gut und Schlechtsein Urteil zu fällen. Er muß daher die Macht haben, über die Lebensweise allgemeine Vorschriften zu erteilen und Gesetze zu geben und dieselben zur Geltung zu bringen; nicht durch die Vernunft, welche die Affekte nicht einschränken kann …, sondern durch Drohungen. Ein solcher, auf Gesetze und die Macht, sich zu erhalten, sich gründender Verein heißt Staat, und diejenigen, welche durch dessen Recht geschützt werden, heißen Bürger.”

aus: Baruch Spinoza: Die Ethik. Lateinische Orig.-Ausg. 1677, hier Übersetzung durch J. Stern, Leipzig: Reclam 1887, S. 248, 252, 269, 271-273, 292-293. [Volltext im Internet]

Abb.: Erwin Wurm: Ethik in geometrischer Weise dargestellt, 2003, im Internet.

08/16

28/08/2016 (23:57) Schlagworte: DE,Lesebuch ::

Beleidigtsein

“… Was wir momentan erleben, ist das Gegenteil lockerer oder sogar humorvoller Contenance in notwendigen Diskursen. Stattdessen kultiviert unsere Gesellschaft ein individuelles Recht auf Beleidigtsein: Mit heiligem Eifer sucht man unentwegt nach Gründen, weshalb man sich mal wieder so richtig schön auf den Schlips oder Schmerzempfindlicheres getreten fühlen könnte. …

Auf Inhalte, die polemisch, ironisch, zugespitzt, pointiert, spöttisch, schwarzhumorig oder provokant sind, die dem Zeitgeist entschieden widersprechen, den Mainstream konterkarieren oder einer vordergründigen Moral bewusst nicht gehorchen wollen, gibt es immer häufiger eine einzige reflexhafte Reaktion: heftigste Empörung, drastische Diskriminierungsvorwürfe und pauschale Anschuldigungen.

‘Na und?’, könnte man sagen – dann sollen diejenigen, die sich permanent angegriffen fühlen, doch einfach dauerbeleidigt sein. Betrifft ja nur sie selbst. Aber das stimmt leider nicht. Denn wer schmollt, zieht sich zurück, will nicht mehr zuhören, boykottiert bewusst jeden Dialog und verhindert so letztlich die Chance auf eine konstruktive Debatte und die Annäherung über Argumente.

Die Tendenz zu inflationärem Beleidigtsein ist Gift für unsere Diskurskultur. Eine Gesellschaft, die es nicht schafft, in schwierigen Streitfragen miteinander im Gespräch zu bleiben, und die stattdessen mit Anschuldigungen um sich wirft, verhärtet sukzessive ihre ideologischen Fronten und erzeugt ein Klima der Feindseligkeit, das Kompromisse irgendwann unmöglich macht. …

Das zentrale Problem der Beleidigten sämtlicher Fraktionen ist längst, dass immer weniger faktische Kränkung ausreicht, um immer mehr empfundene Kränkung auszulösen. …

Wie konnte es bloß dazu kommen, dass in Diskursen immer seltener mit Argumenten und immer häufiger mit Emotionen gepunktet wird? Und warum führen wir keine breite Debatte darüber, wohin uns diese Entwicklung bereits gebracht hat und noch bringen könnte? …

Warum mitunter lieber Affekte ins Feld geführt werden, als Inhalte, ist relativ leicht zu beantworten: Drangsalierten Emotionen lässt sich kaum etwas entgegensetzen. Was soll man schon jemandem antworten, der darüber klagt, dass ihm eine Meinungsäußerung, eine Satiresendung, ein Werbespot oder eine Karikatur gravierende seelische Qualen bereitet? …

Der Humanist tendiert hier verständlicherweise zu Bedauern und Mitgefühl. Das zeichnet ihn aus. Einem gepeinigten Individuum muss geholfen werden, erst recht, wenn es einer Minderheit angehört und ohnehin nicht viel zu lachen hat. Doch diese gut gemeinte Haltung lässt einen unauslöschlichen menschlichen Charakterzug außer Acht, der da lautet: genug ist nie genug.

Gibt man dem Wunsch nach, durch rigidere Sprachregelungen, Zensur und öffentliche Ächtung möglichst viele ‘verletzende’ Inhalte aus der Welt zu verbannen, wird man erleben, dass es plötzlich immer mehr ‘verletzende’ Inhalte gibt.

Sämtliche Randgruppen melden dann noch mehr Ansprüche an, neue Randgruppen erfinden sich. Jeder will mal. Schon bald fühlen sich sämtliche Mütter durch das Wort ‘Vaterland’ diskriminiert – und sämtliche Väter durch das Wort ‘Muttersprache’. Die Bundesrepublik wird zur Mimosen-Zuchtstation. Und das politisch-korrekte Element noch bestimmender, als es ohnehin schon ist. Die Maßstäbe dafür, wer wirklich beleidigt wurde, wer sich glaubhaft beleidigt fühlen darf, verschwimmen endgültig. …

Beschäftigt man sich mit Paragraf 185 des Strafgesetzbuches, lernt man, dass … hinter einer justiziablen Beleidigung … der Wille des Täters erkennbar sein [muss], beleidigen zu wollen. …

Wenn wir unsere liberale Normalität und unsere nahezu uneingeschränkte Kunstfreiheit langfristig erhalten wollen, müssen wir endlich zu der Einsicht kommen, dass sich hinter überbordenden Shitstorms und permanent ‘verletzten Gefühlen’ keine menschlichen Tragödien verbergen, die es zu bedauern gilt. …

Wer persönlich angegriffen und beleidigt wird, dem bietet der Rechtsstaat juristische Handhabe. Ideologien, Weltanschauungen und politische Überzeugungen aber sind keine Individuen. Sie sind geistige Angebote, die man befürworten oder ablehnen kann. Und zwar genauso harsch und ätzend wie man es möchte. …”

aus: Simon Urban: Debattenkultur: Ein Volk der Beleidigten. Zeit-Online, 31. Juli 2016, im Internet

07/16

31/07/2016 (22:42) Schlagworte: DE,Lesebuch ::

Wellness

[EN]

“Der … [Gesellschaftsvertrag] bricht langsam in sich zusammen und so entsteht dieser moderne Wahn nach sauberem Essen, gesundem Leben, persönlicher Produktivität und der ‘radikalen Selbstliebe’ … Je angsteinflößender die wirtschaftliche Zukunft wirkt, desto öfter geht es in der öffentlichen Debatte um individuelle Erfüllung, als wäre das ein verzweifelter Versuch, uns einzureden, dass wir noch Kontrolle über unser Leben hätten. …

Kann all dieses positive Denken also schaden? Carl Cederström und André Spicer, Autoren des Buchs The Wellness Syndrom, sind davon überzeugt. Sie argumentieren, dass versessene Rituale zur Selbstsorge auf Kosten des gemeinschaftlichen Engagements gehen. So wird jedes soziale Problem zu einer persönlichen Frage. ‘Wellness’, sagen sie, ‘wurde zur Ideologie.’ …

Dank Camerons Änderungen im Sozialhilfesystem wurde Arbeitslosigkeit zur psychischen Krankheit. Wir befinden uns in der längsten und schlimmsten Rezession der Geschichte – dennoch sollten … Arbeitslose ihren ‘psychischen Widerstand‘ behandeln, indem sie Kurse besuchen, die ihnen helfen, ihrer Verelendung positiver gegenüber zu stehen. …

Die Wohlfühl-Ideologie ist ein Symptom einer breiteren politischen Krankheit. … Wir sollen glauben, dass [allein] Arbeit [an uns selbst] unser Leben verbessern kann. …

Die Wellness-Ideologie … überzeugt … uns davon, dass es kein wirtschaftliches Problem ist, wenn wir krank, traurig und erschöpft sind. …  Die Gesellschaft ist nicht verrückt oder kaputt: Du bist es. … [Diese Ideologie] hindert … uns daran, eine breitere, kollektive Reaktion auf Armut, Ungerechtigkeit und die kriselnde Arbeitswelt zu finden. …

Alles, was du brauchst, um dein Leben zu ändern, sind ein paar Mantras und ein Terminkalender. Ähnlich beruhigend war einmal der Gedanke: Die Entbehrungen dieser Existenz werden eines Tages im Himmel belohnt.  Es gibt einen Grund, warum die Wohlfühlpraktiken so gut strukturiert sind wie Kulte (tu dies und du wirst gerettet; tu dies und du bist sicher): Sie sind ein Glaubensritual. …

Nachdem die Wohlfühl-Sprache vor allem von der politischen Rechten bedient wird, ist es nicht verwunderlich, dass [bei] fortschrittliche[n], liberale[n] und linke[n] Gruppen … positives Denken [vollkommen aus der Mode geriet] …

Die ängstliche Jugend scheint [heute] die Wahl zu haben zwischen verzweifeltem Narzissmus und niederschmetterndem Elend. Was ist besser? …

Das Problem mit der Selbstliebe, wie wir sie gerade verstehen, ist, dass wir Liebe an sich zu einfach definieren, mit Herzchen und Blumen, Fantasie[,] … rituellem Konsum [und herzloser Leidenschaft]. Die Moderne macht uns zu betrübten, ein bisschen gruseligen [Selfie-nehmenden] Teenagern, die sich selbst sagen, wie besonders und perfekt sie sind. Das ist … [aber gar keine echte] Selbstliebe …

Die härtere, langweiligere Art der Selbstsorge besteht aus täglichen, unmöglichen Mühen, aufzustehen und durch das Leben zu kommen, in einer Welt, die dich lieber niedergebückt und angepasst sieht. … Echte Liebe… ist kein Gefühl, sondern … eine Handlung. Es geht darum, was du für andere tust – über Tage, Wochen und Jahre. Es ist die Art der Liebe, die wir uns am wenigsten zugestehen, gerade in der politischen Linken.

Die meisten Linken könnten viel von der Queer-Community lernen, [für die schon lange] … für sich selbst und für ihre Freunde [zu sorgen nicht ein Nebenaspekt des Kampfes ist, sondern in vielerlei Hinsicht der Kampf selber]. … Die Wohlfühl-Ideologie mag ausbeuterisch sein, und die Tendenz der Linken, Verzweiflung zum Fetisch zu erklären, ist verständlich, aber sie ist nicht akzeptabel. Wenn wir unsere Energie daran verschwenden, uns selbst zu hassen, wird sich nichts ändern. Wenn Hoffnung zu schwierig zu handhaben ist, dann können wir uns wenigstens um uns selbst kümmern. An meinen dunkelsten Tagen erinnere ich mich an die Worte der Poetin und Aktivistin Audre Lorde, die viel über das Überleben in einer unmenschlichen Welt wusste, und die schrieb: ‘Selbstsorge ist kein überflüssiger Luxus, es ist Selbsterhaltung, und die ist ein Mittel politischer Kriegsführung.'”

aus: Laurie Penny: Die Wohlfühl-Lüge, ZEIT-Online, 19.7.16 [im Internet], habe mir erlaubt die ZEIT-Übersetzung anhand des englischen Originals ein wenig zu verbessern :-)

Abb.: Renzo Martens: Enjoy poverty, 2009, im Internet.

07/16

20/07/2016 (1:22) Schlagworte: DE,Lesebuch ::

Kosmopolitismus

“Die junge, intellektuelle Linke hat den Bezug zu der Unterklasse im eigenen Land fast gänzlich verloren. Da gibt es vonseiten der Gebildeten weder eine Sensibilität noch eine Aufmerksamkeit und schon gar keine Verbindungen mehr. Die Linke hat sich eben kosmopolitisiert und … ihren politischen Schwerpunkt auf eine kulturelle Ebene verlagert, und eben auf dieser Ebene unterscheiden sich die Milieus der hoch und weniger Gebildeten deutlich voneinander. Dieser Verlust der Kommunikation zwischen den Klassen, wenn ich diesen Begriff einmal verwenden darf, ist massiv und ein Problem für die soziale Gerechtigkeit.

Wir sehen das übrigens nicht nur im Diskurs. Auch in den Lebensstilen und Werthaltungen sind die Differenzen  zwischen “oben” und “unten” sowie den urbanen und ländlichen Milieus unübersehbar. … Menschen suchen ihre Partner in der eigenen Schicht und im gleichen Bildungsstand. Dies verschärft die soziale Spaltung und Segregation unserer Gesellschaften noch weiter. Im Schatten der wachsenden kulturellen Sensibilität der Linken ist also eine neue Klassengesellschaft entstanden. Und diese Klassengesellschaft ist bislang zumindest nicht Thema des jungen intellektuellen Diskurses.”

aus: Wolfgang Merkel: “Junge Linke haben Bezug zur Unterschicht verloren”, Interview durch Robert Pausch, Zeit online 22.6.16, im Internet.

06/16

23/06/2016 (17:42) Schlagworte: DE,Lesebuch ::

Alzheimer

“… Erst kürzlich hatte er festgestellt, dass der Akt des Sichhinsetzens im Kern ein Kontrollverlust war, ein blinder freier Fall nach hinten. Sein fabelhafter blauer Sessel in St. Jude war wie ein Baseballhandschuh, der jeden auf ihn zufliegenden Körper, gleich, aus welchem Winkel und mit welcher Wucht er kam, sanft aufzufangen wusste, der Sessel hatte starke, hilfsbereite Bärenarme, auf die Alfred zählen konnte, wenn er sich, völlig blind, rückwärts fallen ließ. …

… Aber Denise ging schon aus der Küche und brachte den Teller Alfred, für den das Problem des Daseins dieses war: dass die Welt, wie ein aus dem Boden emportreibender Weizensämling, sich auf der zeitlichen Achse vorwärts bewegte, indem sie ihrem äußeren Rand Zelle für Zelle hinzufügte, also einen Moment auf den anderen schichtete, und dass es, selbst wenn man die Welt in ihrem frischesten, jüngsten Moment begriff, keinerlei Garantie dafür gab, dass man sie auch einen Moment später noch begreifen konnte. Als er gerade verstanden hatte, dass seine Tochter Denise ihm im Wohnzimmer seines Sohnes Chip einen Teller Snacks reichte, reifte bereits der nächste Augenblick im Ablauf der Zeit zu einer urtümlichen, noch unbegriffenen Existenz heran, in der Alfred zum Beispiel die Möglichkeit, dass seine Frau Enid ihm im Salon eines Bordells einen Teller Fäkalien reichte, nicht vollkommen ausschließen konnte, und kaum hatte er sich der Gegenwart von Denise, den Snacks und Chips Wohnzimmer vergewissert, da hatte der äußere Rand der Zeit bereits eine weitere Schicht Zellen hinzugewonnen, sodass er abermals mit einer andersartigen, noch unbegriffenen Welt konfrontiert war, weshalb er es, anstatt seine Kräfte bei diesem Wettlauf zu verausgaben, zusehends vorzog, seine Zeit unter Tage zuzubringen, zwischen den unveränderlichen historischen Wurzeln der Dinge.

‘Etwas zur Stärkung, solange ich das Mittagessen vorbereite’, sagte Denise.

Dankbar blickte Alfred auf die Snacks, die sich ihm zu ungefähr neunzig Prozent stabil als etwas Essbares präsentierten und nur sporadisch in Gegenstände von ähnlicher Größe und Form hinüberflimmerten. …

… Wie eine Ehefrau, die gestorben, oder ein Haus, das abgebrannt war, genauso lebhaft hatte er die Klarheit, die man zum Denken, und die Kraft, die man zum Handeln brauchte, noch in Erinnerung. Durch ein Fenster zur nächsten Welt konnte er sie sehen, diese Klarheit, konnte sie sehen, diese Kraft, nur knapp außerhalb seiner Reichweite, gleich hinter den Thermopanescheiben. …”

aus: Jonathan Franzen: Die Korrekturen. Reinbek: Rowohlt Taschenbuch 2003, 92-96, 769.

Abb.: William Utermohlen: Self portraits, 1967, 1996, 1997, 1998, 1999, 2000, im Internet.

04/16

25/04/2016 (1:54) Schlagworte: DE,Lesebuch ::

illegal 1

“‘Ja’, sagte der Beamte, nachdem Serafin seine Bitte vorgetragen hatte. ‘Vielleicht kann ich euch helfen. Zeigt mir einmal eure Ausweise.’

‘Aber das ist es doch gerade!’ schrie Serafin. ‘Ich habe sie doch verloren!’

‘Tja, ohne Ausweise kann ich auch nichts für euch tun‘, meinte der Beamte kopfschüttelnd.”

aus: Philippe Fix: Serafin lesen verboten. Zürich: Diogenes 1974, S. 8, 9, 28. [auch im Internet]

ca. 76

08/04/2016 (1:41) Schlagworte: DE,Lesebuch ::
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