MALTE WOYDT

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Vernunftwesen 1

“Es ist dumm, ein Wort der Vernunft zu sprechen, wenn die Stunde der Vernunft nicht da ist. Heute Manifeste zu schreiben, Resolutionen für den Frieden zu fabrizieren, nichts Zweckloseres gibt es, nichts Belangloseres. Und wenn die internationale Sozialdemokratie jetzt phrasenvoll die ‘Schmach des Krieges brandmarkt’, wo die Genossen sich vielleicht schon zum Marschieren rüsten, sollte man die Führer auslachen oder auspeitschen. Denn allein die Pflichtvergessenheit armseliger Mandatsschacherer ist schuld, daß die Völker Europas noch heute (wie vor 50 Jahren) vor der Möglichkeit eines Weltbrandes zu bangen haben. Wäre die bombastisch quasselnde Viermillionenpartei nicht jahrzehntelang nationalistisch gedrillt worden, wir könnten heute jedes Kriegsgeheul heiter hinnehmen.

… Möglich, daß die Gefahr, zu neun Zehntel durch gewissenlose Preßpiraten genährt, noch diesmal vorübergeht. Wenn diese Zeilen im Druck erscheinen (ich schreibe sie den 27. Juli im extrablattlosen Ilsenburg), ist das große Massenmorden vielleicht schon wieder vertagt worden. Wir werden dennoch keinen Anlaß zum Jubel haben: das Bewußtsein bleibt: es kann jede Minute eine neue Gefahr kommen, der Chauvinismus ist die ständige Lebensgefahr der Menschheit. Er, allein er, kann über Nacht aus Millionen Vernunftwesen Besessene machen: dieser Gedanke muß uns wachhalten, auch wenn die Gefahr sich schnarchend stellt.”

aus: Franz Pfemfert: Die Besessenen. (erschienen 1. August 1914). In: Paul Raabe (Hg.): Ich schneide die Zeit aus. Expressionismus und Politik in Franz Pfemferts “Aktion”, München: dtv 1964, S.191.

Abb.: Eigenes Foto, 2024, Science Shop Freiburg, im Internet.

10/13

04/10/2013 (0:35) Schlagworte: DE,Lesebuch ::

Öffentlichkeit

“… Darum: wir sind zu hoffnungshungrig. Wir überschätzen die Agitationswerte des gedruckten Wortes, das nicht Parteiphrase ist. Da hat Heinrich Mann ein radikales, mutiges, funkelndes Manifest ‘Geist und Tat‘ ins Land geschleudert. Wir atmen tief auf: dieses unerhörte Ereignis, ‘der Einbruch der Literatur in die Politik’ muß, hoffen wir, die Geister Deutschlands aufpeitschen. Die Zeitungen werden ihrer Informationspflicht genügen müssen und ihren Lesern diesen Aufsatz übermitteln, werden (einer der Größten unter den lebenden Dichtern hatte gesprochen!) diese Tatsache nicht totschweigen können. Sie konnten es. Heinrich Manns Worte verhallten wirkungslos, da unser Blätterwald nur echot, was der Parteischablone gleicht.

Das ist so trostlos, so unsagbar trostlos; und es ist so niederdrückend erbärmlich. Unsere Presse hat längst aufgehört, eine Macht zu sein. Sie ist eine Gewalt, eine Gewalttätigkeit.

… Unsere Wirkung beschränkt sich auf einen kleinen Kreis; mögen es auch einige Zehntausend sein: die Parteipapiere beherrschen das Land …”

aus: Franz Pfempert: Die Presse. (10.04.1912). In: Paul Raabe (Hg.): Ich schneide die Zeit aus. Expressionismus und Politik in Franz Pfemferts “Aktion”, München: dtv 1964, S.61.

Abb.: Francis Alijs: Camgun #84, 2008, EMST Athen.

09/13

30/09/2013 (8:52) Schlagworte: DE,Lesebuch ::

Entwicklung 1

“Es ist zu fragen: Wir kann ein Mann unseres Verstandes den Entwicklungsschwindel stützen? (Man antwortet sich selbst: aus Güte versickernd in geduldetes Mißverständnis!)

Aber wo ist die berühmte ‘Entwicklung’ und – wo nicht?

Entwicklung – Jargon des 19. Jahrhunderts; gleich = Steigerung von Fähigkeiten aus einer Summierung von Mengen. (Qualitäten aus Quantitäten. Die Nuance als Stufe.) Wirkt re vera nur bei dem, was man, physikalisch gesprochen, ‘Masse’ nennt. Also in der Zivilisation. Alles Technische steht unter der Entwicklung; die beliebten Fabrikschornsteine, in den netten Beleuchtungen populärer Maler die Eisenbahnen (‘das gewaltige Schienennetz’), die Telephone, die Rekorde der Titanics, die Drahtlosikeiten, Seifen, Setzmaschinen, Kunstweine, die Gummiartikel, Photographien, Polizeiverwaltungen, die Kanonen, Luftschiffe, Konservenfabriken, Füllfederhalter. Mittagsblätter, die Anweisungen zu hypnotisieren, die gut imitierten Teppiche, Akkumulatoren, Gartentische, Gipsabdrücke, Rotationsdruck, Volksheere, Harrod, Duval, Aschinger und Sir Thomas Lipton – alle können sich entwickeln. Oder ist das ein ungenaues Wort? Etwa so: alle können sich verfeinern und vermannigfältigen; fortschreiten – Atome umlagern unter Druck und Widerdruck. Nur kann sich nicht entwickeln, was die Entwicklung macht; der – entschuldigen Sie – Geist. …

Zwischen der Idee, nun, des Luftschiffes und der Idee des Aeroplans gibt es weder eine Entwicklung noch einen Fortschritt. Sie sind ganz unabhängig voneinander. Ideen sind immer da, und immer neu. Und jede Idee ist eine Kathastrophe, wie jeder neue Mensch, den man kennen lernt.”

aus: Ludwig Rubiner: Der Dichter greift in die Politik II. (05.06.1912). In: Paul Raabe (Hg.): Ich schneide die Zeit aus. Expressionismus und Politik in Franz Pfemferts “Aktion”, München: dtv 1964, S.70/71.

09/13

29/09/2013 (1:44) Schlagworte: DE,Lesebuch ::

Fortschritt 3

“Die Geschichte ist lächerlich. Wer in Deutschland die Öffentlichkeit besteigt, wird ‘fortschrittlich‘. Er fühlt nicht mehr die Verpflichtung zu helfen, sondern hat die Unverschämtheit erziehen zu wollen. Hier sagt, in der Öffentlichkeit politischer Läufte, kein Mensch mehr, wie er sich Dinge denkt, sondern wie er … wünscht … daß man verstehen soll … wohin eine Vorbereitung zielt … die bewirkt … daß man einmal verstehen wird … was er jetzt verschwiegen hat. Fortschritt.”

aus: Ludwig Rubiner: Der Dichter greift in die Politik (22.05.1912). In: Paul Raabe (Hg.): Ich schneide die Zeit aus. Expressionismus und Politik in Franz Pfemferts “Aktion”, München: dtv 1964, S. 69.

09/13

29/09/2013 (1:11) Schlagworte: DE,Lesebuch ::

Witwe

“Merkwürdig, daß der Witwenstand, ganz abgesehen von dem persönlichen Verlust und dem persönlichen Alleinbleiben als eine Art von Demütigung fast überall empfunden wird. Familienstand: ledig, verheiratet, geschieden, verwitwet, nicht Zutreffendes zu durchstreichen, ich kenne keine Frau, die das Wwe. als Ehrentitel empfände. Es scheint schon dem Überleben etwas Anrüchiges anzuhaften, etwas von üblem Lebenswillen und Lebenstrotz, zugleich auch etwas Verächtliches – sie hat ihren Mann verloren, wir haben unsere Männer noch, fahren zusammen ins Grüne, gehen zusammen durch die Straßen, das kommt doch nicht von ungefähr. Tatsächlich haftet jeder Witwe etwas von einer Gattenmörderin an. Weswegen sie denn auch, immer vorausgesetzt, daß sie keine eigene Arbeit, keinen eigenen Freundeskreis hat, gestraft wird mit Vernachlässigung, gnadenhaften Einladungen, aber es gibt, dank der höheren Lebenserwartung der Frauen, so viele Witwen, so viele Bruchstücke, mit denen man sich sein Wohnzimmer nicht voll setzen mag. Sie sind zudem selten ganz normal, vielmehr sonderbar, sprechen ununterbrochen von ihrem Verewigten, oder überhaupt nicht, sehen sich aber auch dann mit Gieraugen um, sagt doch etwas, sprecht über ihn, er kann doch für euch nicht ganz tot sein, wie oft hat er hier gesessen oder gestanden, die Hände in den Taschen, an eure Bücherwand gelehnt. Warum tut ihr so, als ob es ihn nie gegeben hätte, warum erkundigt Ihr euch nicht, wie ich alleine zurecht komme, ich komme niemals zurecht. Witwen und Verheiratete, das geht nicht zusammen, schon weil Witwen so etwas sind wie ein ewiges Memento mori, weil man ihnen allerhand böse Wünsche zutraut, sei nur nicht so stolz auf den Herren Gatten, eines Tages bleibst du auch allein. Die Witwen zuhause zu besuchen, ist auch lästig, ist unter Umständen das Zimmer des Mannes seit seinem Tod unverändert geblieben, kein Gegenstand verrückt, die angebissene Semmel, verstaubt nun, auf einem Tellerchen, Abdruck seiner Zähne, daneben der letzte ihm auf den Schreibtisch gestellte Blumenstrauß, Verdorrtes in grüngelbem, schleimigen Wasser, im Sofakissen eine kleine Kuhle, sein letzter Mittagsschlaf, pomadenglänzend, und die Schubladen noch alle voll mit seinem Kram. Oder auch ganz anders, die Schubladen leer, die Schränke leer, alles schon in der ersten Woche verschenkt oder verkauft, Großreinemachen, neue Tapeten, neue Möbelbezüge, was etwa noch gefunden wird, eine Brille, ein altes Taschenmesser, kommt in den Mülleimer, alle Gegenstände haben den Geruch des Todes angenommen, der muß aus dem Haus. Verrücktheiten so oder so, Unsicherheiten der Witwenschaft, in der man wie auf Eis geht und dazu noch im Nebel, in dem sich nichts mehr überblicken läßt und nichts von sich selber versteht. So daß den Witwen, selbst den vielfachen Müttern und Großmüttern nichts übrig bleibt als ein Schattendasein, so resolut sie sich auch gebärden mögen, so sehr manche von ihnen nach einigen Jahren das Selbstbestimmenkönnen genießen. Wunde schatten, tatkräftige Schatten, irrsinnige, irr-sinnende auf jeden Fall.”

aus: Marie-Louise Kaschnitz: Tage, Tage, Jahre. Aufzeichnungen. Frankfurt/Main: Insel 1968, S.58/59

Abb.: Gabriele Stötzer: Fleischsäule Europa, 1991, im Internet.

07/13

02/07/2013 (23:25) Schlagworte: DE,Lesebuch ::

Alter

“… An Gefühl für das Hexen- und Feenhafte ihres Zustandes fehlt es vor allem den alten Frauen nicht. Sie sehen sich in der Zukunft zwergenklein, leicht, zauberkräftig, mit einer Flüsterstimme, die über andere Gutes und Böses heraufbeschwören kann, aber ihre Weisheiten sind nur eine Mischung von Tiefsinn und Unsinn, die sie immer gern von sich gegeben hätten, aber erst jetzt von sich geben dürfen – für alle Demütigungen des Alters eine ausreichende Kompensation.”

aus: Marie-Louise Kaschnitz: Tage, Tage, Jahre. Aufzeichnungen. Frankfurt/Main: Insel 1968, S.36

Abb.: Joe David: Rainbow Memorial Drum, 1977. (Bei den kanadischen Westküstenindianern erschuf der Rabe die Welt und der Regenbogen steht für den Übergang vom Leben zum Tod).

07/13

02/07/2013 (23:05) Schlagworte: DE,Lesebuch ::

Paria

“Die Leute haben recht, wenn sie mich hassen, ich glaube nicht an den Endsieg, wünsche ihn nicht einmal, die Luftangriffe sind mir unangenehm, aber sie scheinen mir notwendig, weil sie unter Umständen den Krieg verkürzen. Die Leute, die in der Schlange sehen mir an, daß ich nicht an den Führer glaube, auch daß ich nicht schwer arbeiten kann, schon das lange Stehen macht mich krank. Sie sehen mir auch an, daß ich keine Beziehungen habe, nichts zum Tausch anbieten kann, was noch verachtenswürdiger als eine schlechte Gesinnung ist. Ich kann mich nicht vordrängen, nicht schimpfen, wenn andere sich vordrängen, dadurch mache ich mich am meisten verhaßt. Wie man da steht und weiter geht, einen halben Schritt in der Minute, und in den Trümmern blühen die Buschwindröschen, und man hat das Gefühl, daß man von all diesen zornigen, enttäuschten, feindseligen Menschen auch erschlagen werden könnte.”

aus: Marie Luise Kaschnitz: Orte. Suhrkamp 1977, S.53

06/13

25/06/2013 (23:58) Schlagworte: DE,Lesebuch ::

Ausdauer

“‘Ich kann nichts Großes arbeiten. Das ist vorbei: nur die Jugend plant so verwegen. Jetzt habe ich keine Ausdauer mehr. Ich bin – warum es verbergen? – ein Mensch der kurzen Augenblicke geworden, ich kann nicht durchhalten. Früher hatte ich mehr Kraft, jetzt ist sie weg. Ich kann nur reden: da trägt michs manchmal, da reißt mich etwas über mich fort. Aber stillsitzend arbeiten, immer allein, immer allein, das gelingt mir nicht mehr.'”

aus: Stefan Zweig: Verwirrung der Gefühle. In: Ders.: Verwirrung der Gefühle, drei Novellen, Leipzig: Insel 1927, S.208.

Abb.: Sister Corita: Rest, 1971, im Internet.

05/13

25/05/2013 (15:36) Schlagworte: DE,Lesebuch ::

Selbstbeherrschung

“… Ich sah unter Barock nach und fand Paul Fleming:


Was dich betrübt und labt, halt alles für erkoren,
Nimm dein Verhängnis an, laß alles unbereut

.
Und eh du förder gehst, so geh in dich zurücke.
Wer sein selbst Meister ist und sich beherrschen kann,
Dem ist die weite Welt und alles untertan.

Typisch deutsch, sagte Francesco. Erst wollt ihr euch selbst, dann gleich die ganze Welt beherrschen, und Karl … sagte, ‘untertan’ sei dasjenige deutsche Wort, das er am meisten hasse … Auf englisch, sagte er, könnte man das gar nicht sagen: ‘untertan’. Wir lasen in der Übersetzung nach, da stand: The man who is master of himself and can control himself has the whole world and what is in it at his feet.

Na bitte, sagte Francesco. Das ist der entscheidende Unterschied: Ob du die Welt beherrschen willst oder ob sie dir zu Füßen liegt. Ja aber, sagte ich, sich selbst beherrschen sei doch nicht tadelnswert! Eben doch! schrie Francesco. Eure Selbstunterdrückung bringt ja das ganze Unglück hervor! Und dein Verhängnis annehmen – das fehlte noch!”

aus: Christa Wolf: Die Stadt der Engel oder The Overcoat of Dr. Freud, Berlin: Suhrkamp 2010, S.156/157.

Abb.: Syagini Ratna Wulan: Catharsis, 2015, indoartnow, im Internet.

05/13

14/05/2013 (23:16) Schlagworte: DE,Lesebuch ::

Stasi 1

“… Aber was war das schleichende Gift, das du aus diesen Akten einatmetest und das dich so lähmte? Damals konntest du es nicht benennen. jetzt weiß ich: Es war die brutale Banalisierung eures Lebens auf diesen hunderten von Seiten. Die Gewöhnlichkeit, mit der diese Leute euer Leben ihrer Sichtweise anpaßten. Selbst wenn die Tatsachen gestimmt hätten, über die die Observanten berichteten und die die Führungsoffiziere von Zeit zu Zeit zusammenfaßten – was keineswegs immer der Fall war, sie mußten ja den Interessen und Erwartungen der Auftraggeber angepaßt werden -, selbst dann stimmte nach meinem Empfinden nichts. Wenn ich irgend etwas gelernt habe bei der Lektüre dieser Berichte, dann, was Sprache mit der Wirklichkeit anstellen kann. Es war die Sprache der Geheimdienste, der sich das wirkliche Leben entzog. Ein Insektensammler, der seine Objekte aufspießen will, muß sie vorher töten. Der Tunnelblick des Spitzels manipuliert sein Objekt unvermeidlicherweise, und mit seiner erbärmlichen Sprache besudelt er es. Ja, sagte ich zu Francesco, das war es, was ich damals empfand: Ich fühlte mich besudelt. …

So wäre es dir lieber gewesen, sagte Francesco, ihr hättet intelligente, womöglich feinfühlige Informanten auf eurer Spur gehabt?”

aus: Christa Wolf: Die Stadt der Engel oder The Overcoat of Dr. Freud, Berlin: Suhrkamp 2010, S.183/184.

Abb: Yannis Gaitis: Men in hats, im Internet.

05/13

14/05/2013 (23:03) Schlagworte: DE,Lesebuch ::
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