MALTE WOYDT

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Zeit

Die “Fähigkeit zu generationenübergreifendem Lernen, zur Weitergabe von Erfahrungen der einen Generation an die nächste in der Form von Wissen, ist die Grundlage für die allmähliche Verbesserung und Erweiterung der menschlichen Orientierungsmittel im Laufe der Jahrhunderte. Was man heute als ‘Zeit’ begreift und erlebt, ist eben dies: ein Orientierungsmittel. Als ein solches mußte der Zeitbegriff durch Erfahrung in einem langen, generationenübergreifenden Lernprozeß entwickelt werden. …

In den hochurbanisierten und -industrialisierten Gesellschaften der Gegenwart wird der Zusammenhang zwischen dem Wechsel der Kalendereinheiten und dem Wechsel der Jahreszeiten, ohne ganz verlorenzugehen, indirekter und lockerer, und in manchen Fällen, wie etwa der Beziehung zwischen Monat und Mondbewegung, ist er mehr oder weniger verschwunden. Menschen leben in viel größerem Ausmaß in einer Welt von Symbolen, die sie selbst geschaffen haben. …

Man sollte hinzufügen, daß die Entwicklung in diese Richtung alles andere als irreversibel ist und durchaus nicht geradlinig verläuft; es gibt darin viele Rückschritte, Umwege und Zickzackbewegungen. …

Das Wort ‘Zeit’, so könnte man sagen, ist ein Symbol für eine Beziehung, die eine Menschengruppe, also eine Gruppe von Lebewesen mit der biologisch gegebenen Fähigkeit zur Erinnerung und zur Synthese, zwischen zwei oder mehreren Geschehensabläufen herstellt, von denen sie einen als Bezugsrahmen oder Maßstab für den oder die anderen standardisiert. …”

aus: Norbert Elias: Über die Zeit. Arbeiten zur Wissenssoziologie II. Frankfurt (Main): Suhrkamp 1984, S.1-12.

Abb.: Amin Taasha: Melting Through Time, 2018, indoartnow, im Internet.

09/10/2007 (9:56) Schlagworte: DE,Lesebuch ::

Worte 1

“… Es ist mir völlig die Fähigkeit abhanden gekommen, über irgend etwas zusammenhängend zu denken oder zu sprechen. Zuerst wurde es mir allmählich unmöglich, ein höheres oder allgemeineres Thema zu besprechen und dabei jene Worte in den Mund zu nehmen, deren sich doch alle Menschen ohne Bedenken geläufig zu bedienen pflegen.

Ich empfand ein unerklärliches Unbehagen, die Worte “Geist”, “Seele” oder “Körper” nur auszusprechen. Ich fand es innerlich unmöglich, über die Angelegenheiten des Hofes, die Vorkommnisse im Parlament oder was Sie sonst wollen, ein Urtheil herauszubringen. Und dies nicht etwa aus Rücksichten irgendwelcher Art, denn Sie kennen meinen bis zur Leichtfertigkeit gehenden Freimut: sondern die abstrakten Worte, deren sich doch die Zunge naturgemäß bedienen muß, um irgendwelches Urtheil an den Tag zu geben, zerfielen mir im Munde wie modrige Pilze.

Es begegnete mir, daß ich meiner vierjährigen Tochter Catarina Pompilia eine kindische Lüge, deren sie sich schuldig gemacht hatte, verweisen und sie auf die Notwendigkeit, immer wahr zu sein, hinführen wollte, und dabei die mir im Munde zuströmenden Begriffe plötzlich eine solche schillernde Färbung annahmen und so ineinander überflossen, daß ich, den Satz, so gut es ging, zu Ende haspelnd, so wie wenn mir unwohl geworden wäre und auch tatsächlich bleich im Gesicht und mit einem heftigen Druck auf der Stirn, das Kind allein ließ, die Tür hinter mir zuschlug und mich erst zu Pferde, auf der einsamen Hutweide einen guten Galopp nehmend, wieder einigermaßen herstellte. Allmählich aber breitete sich diese Anfechtung aus wie ein um sich fressender Rost.

Es wurden mir auch im familiären und hausbackenen Gespräch alle die Urtheile, die leichthin und mit schlafwandelnder Sicherheit abgegeben zu werden pflegen, so bedenklich, daß ich aufhören mußte, an solchen Gesprächen irgend teilzunehmen. Mit einem unerklärlichen Zorn, den ich nur mit Mühe notdürftig verbarg, erfüllte es mich, dergleichen zu hören wie: diese Sache ist für den oder jenen gut oder schlecht ausgegangen; Sheriff N. ist ein böser, Prediger T. ein guter Mensch; Pächter M. ist zu bedauern, seine Söhne sind Verschwender; ein anderer ist zu beneiden, weil seine Töchter haushälterisch sind; eine Familie kommt in die Höhe, eine andere ist am Hinabsinken. Dies alles erschien mir so unbeweisbar, so lügenhaft, so löcherig wie nur möglich. Mein Geist zwang mich, alle Dinge, die in einem solchen Gespräch vorkamen, in einer unheimlichen Nähe zu sehen: so wie ich einmal in einem Vergrößerungsglas ein Stück von der Haut meines kleinen Fingers gesehen hatte, das einem Brachfeld mit Furchen und Höhlen glich, so ging es mir nun mit den Menschen und Handlungen.

Es gelang mir nicht mehr, sie mit dem vereinfachenden Blick der Gewohnheit zu erfassen. Es zerfiel mir alles in Teile, die Teile wieder in Teile und nichts mehr ließ sich mit einem Begriff umspannen. Die einzelnen Worte schwammen um mich; sie gerannen zu Augen die mich anstarrten und in die ich wieder hineinstarren muß: Wirbel sind sie, in die hinabzusehen mich schwindelt, die sich unaufhaltsam drehen und durch die hindurch man ins Leere kommt.

Ich machte einen Versuch, mich aus diesem Zustand in die geistige Welt der Alten hinüberzuretten. Platon vermied ich, denn mir graute vor der Gefährlichkeit seines bildlichen Fluges. Am meisten gedachte ich mich an Seneca und Cicero zu halten. An dieser Harmonie begrenzter und geordneter Begriffe hoffte ich zu gesunden. Aber ich konnte nicht zu ihnen hinüber. Diese Begriffe, ich verstand sie wohl: ich sah ihr wundervolles Verhältnisspiel vor mir aufsteigen wie herrliche Wasserkünste, die mit goldenen Bällen spielen. Ich konnte sie umschweben und sehen wie sie zueinander spielten; aber sie hatten es nur miteinander zu tun und das Tiefste, das persönliche meines Denkens blieb von ihrem Reigen ausgeschlossen.

Es überkam mich unter ihnen das Gefühl furchtbarer Einsamkeit; mir war zumuth wie einem, der in einem Garten mit lauter augenlosen Statuen eingesperrt wäre …”

aus: Hugo von Hofmannsthal: Brief des Lord Chandos (1902), zit. nach https://www.gutenberg.aol.de/hofmanns/prosa/chandos.ph

Abb.: Bandu Darmawan: Pernyataan-Tidak-Tertulis (Unwritten Statement), art-jog-11, 2018, oumagz.com, im Internet.

 

09/10/2007 (9:56) Schlagworte: DE,Lesebuch ::

Widerstand

“‘Wer hält stand?’ fragte einer, der für seinen Widerstand zu Tode kam. Nicht die ‘Vernünftigen‘, die in ‘bester Absicht und naiver Verkennung der Wirklichkeit das aus den Fugen geratene Gebälk mit etwas Vernunft wieder zusammenbiegen zu können meinen’. Am Ende ‘treten sie resigniert zur Seite oder verfallen haltlos dem Stärkeren’. Auch die Reinheit eines ethischen Prinzips hilft nicht; wer sie vertritt, ‘geht dem Klügeren in die Falle’. Der ‘Mann des Gewissens‘, der sich einsam wehrt, schafft nichts angesichts ‘der Übermacht der Entscheidung fordernden Zwangslagen’. Das Ausmass der Konflikte, in denen er zu wählen hat, zerreisst ihn’. Wer den scheinbar sicheren Weg der Pflicht wählt, ‘wird schließlich auch noch dem Teufel gegenüber seine Pflicht erfüllen müssen’. ‘Wer es aber unternimmt, in eigener Freiheit in der Welt seinen Mann zu stehen, … wird in das Schlimme willigen, um das Schlimmere zu verhüten’, das doch das Bessere sein könnte. Auch die ‘Freistatt einer privaten Tugendhaftigkeit’ führt nicht weiter. ‘Bei allem, was er tut, wird ihn das, was er unterlässt, nicht zur Ruhe kommen lassen.’

‘Wer hält stand? Allein der, dem nicht seine Vernunft, sein Prinzip, sein Gewissen, seine Freiheit, seine Tugend der letzte Massstab ist, sondern der dies alles zu opfern bereit ist, wenn er im Glauben und in alleiniger Bindung an Gott zu gehorsamer und verantwortlicher Tat gerufen ist, der Verantwortliche, dessen Leben nichts sein will als eine Antwort auf Gottes Frage und Ruf.'”

aus: Dietrich Bonhöffer, zitiert bei Ralf Dahrendorf: Versuchungen der Unfreiheit. Die Intellektuellen in Zeiten der Prüfung. München: Beck 2006, S.127/128.

11/06

09/10/2007 (9:55) Schlagworte: DE,Lesebuch ::

Wessis

“War es in den 50er- und 60er-Jahren die entwurzelte nationale Rechte, die sich verzweifelt dagegen wehrte, nach dem politischen und militärischen Zusammenbruch auch die moralische Niederlage zu akzeptieren, wozu dann auch der Kampf gegen die ‘6-Millionen-Lüge’ gehörte, so ist es heute die obdachlose Linke, der im wahrsten Sinne des Wortes das Haus über dem Kopf zusammengekracht ist, und die nun in den Trümmern nach irgendwelchen vorzeigbaren und wiederverwendbaren Bruchstücken ihrer verlorenen Identität sucht. …

Warum tun sich Teile der linken Intelligenz in der Bundesrepublik so schwer mit dem Abschied von der DDR? …

Für Westler war die DDR eine Art Abenteuerspielplatz. … Man konnte den thrill genießen, weil man ihm nicht wirklich ausgesetzt war. …

Die deutschen Intellektuellen haben schon immer unter einem Mangel an Anerkennung gelitten. … Ganz anders dagegen die Lage der Intellektuellen, vor allem der Schriftsteller, in der alten DDR. Egal ob sie verfolgt oder gefördert, verboten oder veröffentlicht wurden, sie wurden in jedem Fall ernst genommen. … Kein Wunder, daß die West-Poeten neidisch zu den Kollegen im Osten rüberschauten und auf Abhilfe sannen, um den Standortnachteil auszugleichen. Ganz in die DDR zu ziehen, wäre nicht kommod gewesen, statt dessen wurden … joint venture Projekte mit dem Schriftstellerverband der DDR organisiert. … So wurde die deutsch-deutsche Annäherung zum bevorzugten hang out vieler Wichtigtuer, die sich nun optimal selbst verwirklichen konnten. …”

aus: Henryk M. Broder: Mit dem Hintern hier, mit dem Herzen dort oder Was war an der DDR so sexy?, SWF 2, 28.3.92, 20:30 Uhr.

Henryk M. Broder hat eine eigene Homepage mit vielen beißenden Artikeln: www.henryk-broder.de

03/92

09/10/2007 (9:55) Schlagworte: DE,Lesebuch ::

Werbung

(FR)

“Ein Werbefritze ist ein Mistkerl der Scheiße an die Armen verkauft in dem er sie für dumm verkauft und nennt das kreativ sein.”

aus: Jan Bucquoy: Camping Cosmos, zitiert bei Claude Semal: Pour en finir avec. Bruxelles: Luc Pire 1997, S.51, (meine Übersetzung).

05/06

09/10/2007 (9:54) Schlagworte: DE,Lesebuch ::

Publicitaires

(DE)

“Un publicitaire, c’est un salaud qui vend de la merde aux pauvres en les prenant pour des cons et qui appelle ça être créatif.”

aus: Jan Bucquoy: Camping Cosmos, zitiert bei Claude Semal: Pour en finir avec. Bruxelles: Luc Pire 1997, S.51.

05/06

09/10/2007 (9:53) Schlagworte: FR,Lesebuch ::

Wahrheit 1

“Wer die Suche nach Wahrheit zu seiner Lebensaufgabe machen will, geht nicht in die Politik, sondern in die Wissenschaft. Je länger jemand in der Wissenschaft geforscht, nach Wahrheit gesucht hat, desto weniger ist er für die Politik brauchbar. … in der Politik [geht] es nicht um die Wahrheit …, sondern um die richtige Entscheidung. … Ob der Tunnel gebaut werden soll, ist eine Frage der Wertung. … Der Tunnel ist nicht wahr oder unwahr, sondern richtig oder falsch. …”

“Politik ist für Wahrheit nicht zuständig. Was wahr ist, läßt sich nicht beschließen, und schon gar nicht von Politikern … Beschließen läßt sich, was geschehen soll.”

“Das Kennzeichen politischen Redens ist nicht die Lüge, sondern das von Interessen und vom Willen gesteuerte Teilbild der Wirklichkeit. Man könnte es auch Teilwahrheit nennen. …

Wo Interessen im Spiel sind, ist das Gegeneinander unterschiedlicher, von Interessen geleiteter Bilder der Wirklichkeit üblich. … So arbeitet die Demokratie. Sie handelt mit Teilwahrheiten. Und sie darf dies tun, solange die Beteiligten es wissen.

Daß diese Form der Diskussion trotzdem auf Argwohn und den Vorwurf der Lüge stößt, hat mehr als einen Grund. Sicher spielt da die Sehnsucht nach Harmonie mit, nach dem einen, verläßlichen Bild der Wirklichkeit, der verordneten Wahrheit, wie sie Diktaturen anzubieten haben. … Aber es läßt sich nicht bestreiten, daß … jede Teilwahrheit immer in Gefahr ist, zur Lüge zu werden. Das beginnt schon da, wo sie mit einem Pathos der Wahrheit vorgetragen wird, das ihr nicht zukommt. …

Politiker haben das Recht und die Pflicht, ihre Entscheidungen und die Wertungen, die dazu geführt haben, mit ihrem Bild der Wirklichkeit zu begründen. Sie haben auch das Recht, den anderen Aspekt stillschweigend ihren Gegnern zu überlassen. … Aber wenn sie meinen, sie könnten mit entgegengesetzten Wertungen spielen, nach Bedarf immer wieder eine neue Version aus der Schublade ziehen, einmal das Pro, ein andermal das Kontra, dann ist der Vorwurf der Lüge unvermeidlich, auch wenn er im strengen Sinn des Wortes nicht zutrifft. …”

aus: Erhard Eppler: Privatisierung der politischen Moral? Frankfurt(Main): Suhrkamp 2000, S.33-42, etwas umsortiert.

Abb.: Obey Giant: Defend Truth, 2023, im Internet.

01/03

09/10/2007 (9:52) Schlagworte: DE,Lesebuch ::

Völkerrecht

“… Regimewechsel aus Nachbarländern heraus sind inzwischen afrikanische Normalität. Aus Tansania heraus operierte schon in den 70er-Jahren die Befreiungsbewegung Mosambiks, aus Mosambik heraus die Simbabwes. Der heutige Herrscher des Tschad startete seine gewaltsame Machtergreifung im Sudan, der neue Putschist in der Zentralafrikanischen Republik im Tschad. Aus Ruanda und Uganda heraus wurde Zaires Diktator Mobutu gestürzt, in der heutigen Demokratischen Republik Kongo tummeln sich fremde Armeen. In Liberia, Sierra Leone, Guinea, Elfenbeinküste und Burkina Faso bestimmt eine Wechselwirkung von grenzüberschreitenden Rebellionen und Militärinterventionen die Politik.

All das geschieht jenseits des Völkerrechts oder überhaupt irgendeiner Form von Legalität. Und es ist den Völkerrechtswächtern der Welt größtenteils egal. Die UNO gibt manchmal Mandate, wenn ein Eingreifer sich Friedenstruppe nennt, meistens aber nicht. Genozid an hunderttausenden in Ruanda oder ein blutiger Staatszerfall im Kongo stören die internationale Diplomatie weniger als die Möglichkeit, dass die US-Armee Saddam Hussein entmachtet.

… Aus afrikanischer Sicht ist der Streit, wie viele UN-Resolutionen für einen Krieg gegen den Irak nötig sind, ähnlich absurd wie der mittelalterliche Theologendisput, wie viele Engel auf eine Nadelspitze passen. In Afrikas Konfliktgebieten sind sämtliche Grundsätze des Völkerrechts, des regulären Umgangs zwischen souveränen Staaten, schon lange über den Haufen geschmissen worden. Aber erst eine US-Militäraktion gegen den Irak bereitet den Diplomaten in New York schlaflose Nächte und treibt die Schüler Deutschlands auf die Straße.

Institutionen und Rechtssysteme, die für sich selbst Universalität beanspruchen, können nicht glaubwürdig bleiben, wenn sie Vorgänge in einem Teil der Welt komplett aus ihrer Selbstreflexion ausblenden. Die Universalisten, die vom Weltrechtsprinzip träumen, sollten zumindest die Welt in ihrer Gesamtheit ernst nehmen. Oder sie müssen die Konsequenz ziehen und anerkennen, dass die angeblich universalen Grundsätze des Völkerrechts nie universal gewesen sind. Dann aber ist die Frage, was an einem per Krieg herbeigeführten Regimewechsel im Irak falsch ist, nicht mehr unter Hinweis auf abstrakte Rechtsgrundsätze zu beantworten. Es muss stattdessen eine Güterabwägung erfolgen: Wem nützen der Krieg und der Regimewechsel, und wem nützt seine Verhinderung?

Hier kann die Welt von Afrika lernen. Es sind die Diktatoren Afrikas, die bis heute verzweifelt am Prinzip der Nichteinmischung, der Unverletzlichkeit der Grenzen festhalten, während Demokraten von jeher das Recht auf Einmischung fordern. Ohne dieses wären die Entkolonisierung und die Idee einer panafrikanischen Bewegung zur Befreiung des Kontinents undenkbar gewesen. Die UNO griff in Afrika nie ein, um Kolonialregime zu stürzen oder Kolonialkriege wie in Algerien zu beenden, sondern erst gegen Afrikas einflussreichsten Entkolonisierer Patrice Lumumba im Kongo.

Die heute oft zu hörende Aussage, es gebe keinen gerechten Krieg, ist eine Verhöhnung der Opfer des 20. Jahrhunderts, die auf Kriege angewiesen waren, um Unrecht ein Ende zu setzen – in Nazideutschland und den von ihm besetzten Ländern, in allen Kolonialgebieten der Welt, in den Reichen Idi Amins, Pol Pots und eben Saddam Husseins.”

aus: Dominic Johnson: Das Völkerrecht gilt nicht. In: Taz. 25.3.2003, im Internet.

Abb.: Elisabetta Benassi: Ships and still more ships, 2017, im Internet. Thematisiert die Gründung von Liberia.

03/03

09/10/2007 (9:52) Schlagworte: DE,Lesebuch ::

Verteidigungsbereitschaft

“Laßt üs abermal betta
Für üsra Stadt und Flecka,
Für üsre Küh und Geißa,
Für üsre Wittwa und Waisa,
Für üsre Roß und Rinder,
Für üsre Weib und Kinder,
Für üsre Henna und Hahna,
Für üsre Kessel und Pfanna,
Für üsre Gäns und Enta,
Für üsre Oberst und Regenta,
An insonderheit für üsre liebi Schwitz;
Wenn der blutig Krieg wett ko,
Wett alls nä, so wetten wir üs treuli wehra
Und ihn niena dura loh,
Au den Find gar z’Tod schloh
Und dann singa:
‘Eia Viktoria! der Find ischt ko, hett alles gno,
Hett Fenster igschlaga, hetts Blie drus graba,
Hett Kugla drus goßa und d’Baura erschossa;
Eia Viktoria! nu ischt’s us, geht wiedri na Hus.'”

Schweizerisch Kriegsgebet, aus: Des Knaben Wunderhorn, altdeutsche Lieder, gesammelt von L. Achim von Arnim und Clemens Bretano, 3.Teil, München: dtv, 1963, S.92.

09/10/2007 (9:51) Schlagworte: CH,DE,Lesebuch ::

Vergeltung

“Vergessen wir für einen Moment die nicht-deutschen Kriegsopfer, die Polen, Juden, Russen, Zigeuner usw. Dies waren ‘Untermenschen’, deren Schicksal den deutschen Kleinbürger nicht um den ruhigen Schlaf bringen muß. Aber er könnte sich wenigstens darüber aufregen, was die Nazis ihm und seinem Nächsten angetan haben. In den Jahren 1937 bis 1944 wurden vom Volksgerichtshof über fünftausend Todesurteile verhängt. Welche ‘Verbrechen’ zur Anklage, Urteil und Justizmord führten, ist inzwischen bekannt. Die zahlreichen Sondergerichte, die bereits 1933 eingerichtet worden waren, und die aufgrund der Reichtagsbrandverordnung und des Heimtückegesetzes urteilten, verhängten ebenfalls einige tausend Todesurteile. … Zwanzig- bis dreißigtausend Deutsche sind … dem legalen Terror … zum Opfer gefallen, die in den KZs ermordeten Politischen und Homosexuellen und die Euthanasie-Opfer nicht mitgezählt. …

Was ich nicht verstehe: zigtausend Ermordete haben Väter, Mütter, Söhne, Töchter, Frauen und Männer gehabt, die unmöglich auf Seiten des mordenden Regimes gestanden haben können. Einige zehntausend Menschen müssen ein ehrenwertes Motiv gehabt haben, es dem Richter oder dem Staatsanwalt oder dem Blockwart, der ein Denunziant gewesen war, für den Tod des Nächsten heimzuzahlen. Und die Schuldigen waren ja nicht vom Erdboden verschwunden. … Sie haben sich nicht verstecken müssen, so sicher waren sie, daß ihnen niemand etwas antun würde. Warum? Diese Frage ist bis heute in Deutschland nicht beantwortet worden.”

aus: Henryk M. Broder: Das richtige Stück für das falsche Publikum. In: Joshua Sobol: Ghetto. Schauspiel in drei Akten. Hg. von Harro Schweizer. Berlin:Quadriga-Verlag Severin 1984: 224-226.

Henryk M. Broder hat eine eigene Homepage mit vielen beißenden Artikeln: www.henryk-broder.de

Abb.: Emil Wachter: Kapitel 1 und 11 des Hebräerbriefes, Fenster der Konviktskirche, Freiburg/Breisgau, 1974/75, Detail.

09/10/2007 (9:51) Schlagworte: DE,Lesebuch ::
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