MALTE WOYDT

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Sonntagmorgen

“Manfred stellte den kleinen Tisch beiseite.”

Lars Griebel, in: Anthologie ohne Titel. Treffen Junger Autoren 1987, S.65.

Abb.: Lala Bohang: How to Wake Up and Get Out of Bed #1-#3, 2017, indoartnow, im Internet.

08/10/2007 (22:04) Schlagworte: DE,Lesebuch ::

Sightseeing

“Que vous est-il advenu? demandait-on au voyageur ancien; qu’avez-vous vu? est la question posée au ‘retouriste‘ : un rapport visuel remplace le contact romanesque avec le monde. Le règne du pittoresque entraîne nécessairement le déclin de la narration. …

On a célébré comme un progrès le passage du country seeing au life seeing, le remplacement du regard purement esthétique par une curiosité ethnique pour les êtres, leur mode de vie et leurs coutumes. C’était rester à l’intérieur de l’empire visuel …

Et d’ailleurs, le vacancier photographe voit-il vraiment quelque chose? Il retrouve, grandeur nature, l’image qui l’a fait partir … et, en même temps, il se projette dans le moment du retour, et prend des clichés pour pouvoir ensuite témoigner de son voyage. Coincée entre revoir et prévoir, une visite touristique n’a jamais lieu au présent. …

Pourquoi tant d’expéditions à vélo, tant de randonnées pédestres, à cheval ou en dromadaire? Parce que, dans le voyageur, la part du spectateur, autrefois royale, ne cesse de diminuer. Il n’y a pas d’aventure visuelle. C’est notre seule sagesse. Celle des enfants que même le paysage le plus majestueux n’a pas le pouvoir de tenir en repos.”

aus: Bruckner, Pascal / Finkielkraut, Alain: Au coin de la rue, l’aventure. Paris: Seuil 1979, S.50-54.

Abb.: Ali Martaza: Dollar Darvishes Dancing in Desperation, im Internet.

10/04

08/10/2007 (22:03) Schlagworte: FR,Lesebuch ::

Selbstüberforderung

“Gespräch mit dem Staatsanwalt, meinem Freund, über Stiller: – ‘Die weitaus meisten Menschenleben werden durch Selbstüberforderung vernichtet’, sagt er und erklärt es sich etwa folgendermaßen: ‘Unser Bewußtsein hat sich im Laufe einiger Jahrhunderte sehr verändert, unser Gefühlsleben sehr viel weniger. … Die meisten von uns haben so ein Paket mit fleischfarbenem Stoff, nämlich Gefühle, die sie von ihrem intellektuellen Niveau aus nicht wahrhaben wollen.

Es gibt zwei Auswege, die zu nichts führen; wir töten unsere primitiven und also unwürdigen Gefühle ab, soweit möglich, auf die Gefahr hin, daß dadurch das Gefühlsleben überhaupt abgetötet wird, oder wir geben unseren unwürdigen Gefühlen einfach einen anderen Namen. Wir lügen sie um, wir etikettieren sie nach dem Wunsch unseres Bewußtseins. Je wendiger unser Bewußtsein, je belesener, um so zahlreicher und um so nobler unsere Hintertürchen, um so geistvoller die Selbstbelügung!

Man kann sich ein Leben lang damit unterhalten, und zwar vortrefflich, nur kommt man damit nicht zum Leben, sondern unweigerlich in die Selbstentfremdung. Beispielsweise können wir uns den Mangel an Mut, einmal in die Knie zu gehen, unschwer als gute Haltung auslegen, die Angst vor Selbstverwirklichung unschwer als Selbstlosigkeit und so fort. Die meisten von uns wissen nur allzu gut, was sie in dieser oder jener Situation empfinden dürften, oder haben selbst bei gutem Willen bereits die allergrößte Mühe, herauszufinden, welcher Art ihre tatsächlich vorhandenen Gefühle sind. Das ist ein übler Zustand. Sarkasmus allem Gefühl gegenüber ist das klassische Symptom dafür …

Zur Selbstüberforderung gehört unweigerlich eine falsche Art von schlechtem Gewissen. Einer nimmt es sich übel, kein Genie zu sein, ein anderer nimmt es sich übel, trotz guter Erziehung kein Heiliger zu sein, und Stiller nahm es sich übel, kein Spanienkämpfer zu sein. …

Es ist merkwürdig, was sich uns, sobald wir in der Selbstüberforderung uns damit in der Selbstentfremdung sind, nicht alles als Gewissen anbietet. Die innere Stimme eines Pseudo-Ich, das nicht duldet, daß ich es endlich aufgebe, daß ich mich selbst erkenne, und es mit allen Listen der Eitelkeit, nötigenfalls meine tödliche Selbstüberforderung zu fesseln. Wir sehen wohl unsere Niederlagen, aber begreifen sie nicht als Signale, als Konsequenzen eines verkehrten Strebens, eines Strebens weg von unserem Selbst. Merkwürdigerweise ist ja die Richtung unsere Eitelkeit nicht, wie es zu sein scheint, eine Richtung auf unser Selbst hin, sondern weg von unserem Selbst.’ …

‘Ich sehe Stiller nicht als Sonderfall’, sagt mein Staatsanwalt, ‘… Viele erkennen sich selbst, nur wenige kommen dazu, sich auch selbst anzunehmen. Wieviel Selbsterkenntnis erschöpft sich darin, den anderen mit einer noch etwas präziseren und genaueren Beschreibung unserer Schwächen zuvorzukommen, also in Koketterie! Aber auch die echte Selbsterkenntnis, die eher stumm bleibt und sich wesentlich nur im Verhalten unerläßlicher und mühsamer, aber keinesfalls nur im Verhalten ausdrückt, genügt noch nicht, sie ist ein erster, zwar unerläßlicher und mühsamer, aber keinesfalls hinreichender Schritt. Selbsterkenntnis als lebenslängliche Melancholie, als geistreicher Umgang mit unseren früheren Resignationen ist sehr häufig, und Menschen dieser Art sind für uns zuweilen die nettesten Tischgenossen; aber was ist es für sie? Sie sind aus einer falschen Rolle ausgetreten, und das ist schon etwas, gewiß, aber es führt sie noch nicht ins Leben zurück …

Daß die Selbstannahme mit dem Alter von selber komme ist nicht wahr. Dem Älteren erscheinen die früheren Ziele zwar fragwürdiger, das Lächeln über unseren jugendlichen Ehrgeiz wird leichter, billiger, schmerzloser; doch ist damit noch keinerlei Selbstannahme geleistet. In gewisser Hinsicht wird es mit dem Alter sogar schwieriger. Immer mehr Leute, zu denen wir mit Bewunderung emporschauen, sind jünger als wir, unsere Frist wird kürzer und kürzer, eine Resignation immer leichter in Anbetracht einer doch ehrenvollen Karriere, noch leichter für jene, die überhaupt keine Karriere machten und sich mit der Arglist ihrer Umwelt trösten, sich abfinden können als verkannte Genies … Es braucht die höchste Lebenskraft, um sich selbst anzunehmen …

In der Forderung, man solle seinen Nächsten lieben wie sich selbst, ist es als Selbstverständlichkeit enthalten, daß einer sich selbst liebe, sich selbst annimmt, so wie er erschaffen worden ist. Allein auch mit der Selbstannahme ist es noch nicht getan! Solange ich die Umwelt überzeugen will, daß ich niemand anders als ich selbst bin, habe ich notwendigerweise Angst vor Mißdeutung, bleibe ihr Gefangener kraft dieser Angst … Ohne die Gewißheit von einer absoluten Instanz außerhalb menschlicher Deutung, ohne die Gewißheit, daß es eine absolute Realität gibt, kann ich mir freilich nicht denken’, sagt mein Staatsanwalt, ‘daß wir je dahin gelangen können, frei zu sein.”

aus: Max Frisch: Stiller, Taschenbuchausgabe, Frankfurt 1972: 321-323.

Abb.: Maria Indriasari: Terpuruk (Down), 2012, indoartnow, im Internet.

12/91

08/10/2007 (22:02) Schlagworte: DE,Lesebuch ::

SED

“Die ostdeutschen Linken halten an der Illusion fest, ihre ehemaligen Nazis seien alle gen Westdeutschland abgewandert. Dabei reinigte die SED nach dem 17. Juni 1953 ihre Leitungsgremien von Fraktionisten und Sozialdemokraten, frischte sie mit NSdAP-Leuten auf. Im Februar 1954 hatten 13 Prozent der SED-Leitungskader eine braune Vergangenheit, 32,9 Prozent der SED-Mitglieder entstammten der nazistischen Partei oder einer ihrer Gliederungen. Diese Leute waren machtwillig, gehorsam und erpreßbar. Besonders Junge zog es zur SED: 38,9 Prozent der Kandidaten dienten zuvor in HJ oder BDM. Diese Kaderreserve hat sich um die Stabilisierung des DDR-Machtapparates sehr verdient gemacht.”

aus: Irene Böhme: Aus der Traum. Fünf Jahre deutsche Einheit. In: Kursbuch 121, September 1995, S.170.

05/05

08/10/2007 (22:02) Schlagworte: DE,Lesebuch ::

Schwarzweiss

“In jeder politischen Debatte zwischen Opposition und Regierung wird so getan, als wäre der politische Gegner moralisch schlechter durch das, was er als Vergangenheit zu bewältigen hat. Immer stellt sich jemand mit dem Duktus der Gewissheit hin: Ich bin mir völlig gewiss, dass wir die richtige Position haben. Das ist die reinste Verlängerung des K-Gruppen-Dogmas in der Politik. Angela Merkel stellt sich hin und bekennt: Wenn die Wahrheit eine Variable ist, dann sollten wir sie einsetzen. Diese Verabschiedung von der Wahrhaftigkeit der politischen Rede ist heute sehr viel größer als damals.”

aus: Klaus Hülbrock im taz-Interview “Ich bleibe ein Indianer” mit Annette Rogalla, siehe im Internet

Abb.: Mbangu-Maske, Pende-Volk, Kongo, Sammlung KMCA Tervuren.

08/10/2007 (22:01) Schlagworte: DE,Lesebuch ::

Schuld 1

“Lange trug ich die Schuld, daß ich nicht zu denen gehörte, die die Nummer der Entwertung ins Fleisch eingebrannt bekommen hatten, daß ich entwichen und zum Zuschauer verurteilt worden war. Ich war aufgewachsen, um vernichtet zu werden, doch ich war der Vernichtung entgangen. Ich war geflohen und hatte mich verkrochen. Ich hätte umkommen müssen, ich hätte mich opfern müssen, und wenn ich nicht gefangen und ermordet, oder auf einem Schlachtfeld erschossen worden war, so mußte ich zumindest meine Schuld tragen, das war das letzte, was von mir verlangt wurde.”

aus: Peter Weiss: Fluchtpunkt. In: Werke in sechs Bänden, Bd.2, S.247.

08/10/2007 (21:57) Schlagworte: DE,Lesebuch ::

Scham, Schuld und Schande

“Das Gefühl der ‘Schuld’ entsteht, wenn Menschen sich den Vorstoß gegen von ihnen selbst gesetzte oder akzeptierte moralische Normen zurechnen oder zurechnen müssen. Damit … [erhält] das Gefühl der Schuld … seinen Sinn nur durch die Unterstellung [eigenverantwortlichen Handelns]. …

Ob Menschen Schuld empfinden oder nicht, hängt demnach von ihnen selbst und ihrem moralischen Wissen ab und tritt unabhängig davon ein, ob die Zuwiderhandlung gegen eine akzeptierte Norm überhaupt bekannt und öffentlich geworden ist.

Anders die Schande. Sie ist die subjektiv empfundene, öffentlich wahrgenommene, eine Verurteilung beinhaltende Reaktion auf das zurechenbare Verletzen einer akzeptierten Norm. Dabei kann sich die Schande, die jemand verursacht oder anders über eine Gruppe von Menschen gebracht hat, so daß diese Schande empfinden, sowohl auf Schuld als auch auf Scham beziehen.

Scham als das Empfinden eines grundsätzlichen Zerbrechens für wichtig gehaltener Normen ist keineswegs an die Erfahrung selbst zu verantwortender Schuld gebunden. Der Scham ist vielmehr eigentümlich, daß sie einerseits auch dann empfunden werden kann, wenn gar keine intersubjektiv akzeptierten, wesentlichen moralischen Normen verletzt worden sind, sie andererseits aber auch dann auftritt, wenn derartige Normen zwar verletzt worden sind, aber nicht von uns selbst. … Scham vermögen und müssen wir … [auch] dann empfinden, wenn … andere, dritte und vierte Personen, denen wir uns in irgendeiner Weise zugehörig fühlen, als basal angesehene Normen verletzt haben.”

aus: Micha Brumlik: Bildung zum Glück. Versuch einer Theorie der Tugenden. Berlin/Wien: Philpo 2002, S.75/76.

Abb.: Alfred Leslie: I have the other idea about guilt, 1967, im Internet.

02/06

08/10/2007 (21:56) Schlagworte: DE,Lesebuch ::

Schaffen

“Das objektive Gedankengut, das sich in einem Buch befindet, ist das, was ein Buch wertvoll macht. Es ist nicht, wie oft geglaubt wird, der Ausdruck der subjektiven Gedanken, der Vorgänge im Kopf des Autors. Viel besser könnte man es als das objektive Ergebnis der subjektiven Gedankenarbeit bezeichnen, einer Gedankenarbeit, die oft darin besteht, daß das Niedergeschriebene immer wieder verworfen und verbessert wird. In diesem Fall kann man eine Art von Rückkoppelung feststellen zwischen den subjektiven Denkvorgängen, der Denkarbeit auf der einen Seite und den objektiven, den niedergeschriebenen Gedanken auf der anderen Seite. Der Autor schafft das Werk, aber er lernt von seinem Werk, vom objektiven Resultat seiner Arbeit und insbesondere von seinen fehlgeschlagenen Versuchen.

Natürlich gibt es Autoren, die ganz anders arbeiten, aber man kann bei vielen Autoren sehen, daß die Kopfarbeit am besten kritisiert und verbessert werden kann, wenn man versucht, seine Gedanken zum Zwecke der Veröffentlichung niederzuschreiben.

Aber von der oberflächlichen und irreführenden Theorie, daß ein gesprochener oder geschriebener Satz der Ausdruck eines subjektiven Gedanken ist, ist ein unheilvoller Einfluß ausgegangen. Ausdruck heißt auf lateinisch ‘expressio’, und diese unheilvolle Theorie hat zum Expressionismus geführt. Das ist die noch heute fast allgemein als selbstverständlich angenommene Theorie, daß ein Kunstwerk der Ausdruck der Persönlichkeit des Künstlers ist. Fast jeder Künstler glaubt daran, und das hat die Kunst vernichtet.

In Wahrheit ist der große Künstler ein Lerner, der seinen Geist offenhält, um nicht nur von anderen Werken zu lernen, sondern auch von seinem eigenen Werk, und insbesondere von den Fehlern, die er, wie jedermann, gemacht hat, und auch von dem Werk, an dem er gerade arbeitet. Das gilt vor allem auch für den Autor eines Buches, oder eines Musikwerkes. So wächst er über sich selbst hinaus. Es ist zu wenig bekannt, daß Haydn, als er in der Aula der alten Wiener Universität die Erstaufführung seiner Schöpfung hörte, in Tränen ausbrach und sagte: ‘Das habe ich nicht geschrieben.'”

aus: Raymund R. Popper: Bücher und Gedanken: Das erste Buch Europas. In: ders.: Auf der Suche nach einer besseren Welt. 5.Aufl., München: Piper 1990, S.122.

08/10/2007 (21:56) Schlagworte: DE,Lesebuch ::

Revolution 1

“Sie frißt ihre Kinder
sie trinkt das Blut ihrer Toten
sie predigt den Tauben
sie kennt keine höheren Werte

Sie vergißt ihren Weg
sie wankt von Verrat zu Verrat
von Fehler zu Fehler
sie schläft in den Niederlagen

Daß sie unnötig ist
lernt jedes Kind in der Schule
daß das Volk sie nicht will
hat das Volk sich endlich gemerkt

Daß sie nicht siegen kann
ist zehnmal genau bewiesen
Die es bewiesen haben
schlafen nicht gut

Die an sie glauben
sind manchmal müde von Zweifeln
Einige die sie hassen
wissen sie kommt”

aus: Erich Fried: Sie. In: ders.: Die Beine der größeren Lügen / Unter Nebenfeinden / Gegengift. Drei gedichtsammlungen. Berlin: Wagenbach 1976 (1970), S.60.

Abb.: George Cruikshank: The Radicals Arms, wikimedia.

08/10/2007 (21:55) Schlagworte: DE,Lesebuch ::

Repräsentative Demokratie

(NL)

“Es ist nicht mehr korrekt, bei uns von ‘repräsentativer’ Demokratie zu sprechen. In unserem politischen System liegt viel Macht bei den Medien. Das von den Medien geschaffene Bild von Menschen, Gruppen und Organisationen legitimiert Politik. …

Heute kann das Volk, mit seinen Gefühlen, Interessen, Meinungen und Willen durch die Medien repräsentiert werden. So verliert das Parlament seine Legitimität als Volksvertretung. …

Bezeichnend für das veränderte Verhältnis zwischen Journalisten und Politikern ist, daß letztere ihre Informationen heute genausoviel oder sogar mehr bei ersteren holen als umgekehrt. In Konfrontation mit dem repräsentierten Volk erscheint der Volksvertreter als Usurpator.”

aus: Marc Elchardus: De dramademocratie. Tielt: Lannoo 2002, S.70-71, meine Übersetzung.

08/03

08/10/2007 (21:55) Schlagworte: DE,Lesebuch ::
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